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„In Deutschland kann man nahezu alles erreichen“

Armel Ulrich Kemloh Wagoum arbeitet am Jülicher Supercomputing Centre (JSC)

Seine Forschung rettet Leben: Ulrich Kemloh aus Kamerun untersucht die komplexen Menschenströme auf Großveranstaltungen. Die deutsche Sprache zu lernen schien ihm ein geringer Preis dafür, hier nahezu kostenlos eine Spitzenausbildung zu erhalten.

„Es ist gut zu wissen, dass die eigene Forschung Leben rettet“, sagt Ulrich Kemloh. Eigentlich heißt der Kameruner Armel Ulrich Kemloh Wagoum. In Deutschland führt aber führt er einfachheitshalber eine Kurzversion seines Namens. Beruflich schreckt er vor Komplexität aber keineswegs zurück: Er arbeitet an Computersimulationen, mit denen die Bewegungen großer Menschengruppen vorhergesagt werden. „Motiviert durch immer mehr Besucher auf Großveranstaltungen und die zunehmende Komplexität von Flughäfen, Bahnhöfen oder Stadien wollen wir die komplexe Dynamik der Fußgängerströme verstehen und die Sicherheit der Menschen erhöhen“, sagt Kemloh, der in der Abteilung Zivile Sicherheit und Verkehr des Jülich Supercomputing Centre arbeitet.

Um ihre Modelle zu testen, haben er und seine Kollegen im vergangenen Jahr 2000 Menschen in einer Messehalle in Düsseldorf versammelt (Lesen Sie dazu auch HELMHOLTZ extrem Das größte Fußgänger-Experiment der Welt). Dort schleusten die Wissenschaftler die Probanden um Hindernisse herum und in klaustrophobisch enge Räume und beobachten nach welchen Mustern sie sich bewegen. Von Kameras beobachtet, ermöglichten QR-Codes auf den Hüten der Probanden die Aufzeichnung individueller Bewegungsprofile. Die Ergebnisse der Studie fließen in eine Software ein, die weltweit kostenlos und frei zur Verfügung steht und bei Großveranstaltungen oder Rettungseinsätzen mehr Sicherheit bringen soll, auch damit sich Katastrophen wie 2010 bei der Loveparade in Duisburg nicht wiederholen.

Kemlohs Heimat ist die Stadt Mbouda in Kamerun. Von dort zog es ihn zum Studium des Informatikingenieurwesens nach Hamburg. Zuerst musste er aber einen fünfmonatigen Deutschkurs machen, um ein Visum zu bekommen. „Deutsch zu lernen war der einzige große Preis für eine erstklassige Ausbildung hier. Die Gelegenheit habe ich mir nicht entgehen lassen“, erinnert sich Kemloh.

„Und zum Glück sehen mathematische Formeln in verschiedenen Sprachen fast gleich aus. So hat es mit den Vorlesungen gleich gut geklappt.“ Kemloh fand schnell Anschluss zu deutschen Kommilitonen und bekam nützliche Tipps von anderen Studierenden aus Afrika. „Das International Office hat mich an der Uni immer gut beraten. Da ich finanziell unabhängig war und mein Studium gut voran ging, gab es auch nie ein Problem mit der Aufenthaltserlaubnis. Leider kenne ich aber auch ganz andere Geschichten aus der Ausländerbehörde.“ Promoviert hat Kemloh am Forschungszentrum Jülich und an der Bergischen Universität Wuppertal. Die Doktorarbeit wurde vom Forschungszentrum mit dem Preis für Exzellente Wissenschaft ausgezeichnet.

Die Arbeit und das Leben in Deutschland gefallen ihm heute gut. „Für mich bedeutete die Reise nach Deutschland einen neuen Anfang, und ein solcher Anfang ist immer schwierig. Ich wurde aber auch von einigen Professoren sehr gut unterstützt, die mich etwa für Stipendien vorgeschlagen haben.“ In der Kleinstadt Jülich fühlt sich Kemloh wohl – und zu Fachtagungen oder Konferenzen reist er oft und gern in die europäischen Nachbarländer. Auch gastronomisch hat er Freude an Deutschland: „Ich finde es auch richtig interessant, dass ich immer ein lokales Bier trinken kann, egal in welchem Dorf oder in welcher Kneipe ich mich gerade befinde.“ In seiner Freizeit bemüht er sich mit seinem Verein „Koegni eHealth“ um die Ausstattung von Krankenhäusern in Kamerun mit einer elektronischen Patientenakte.

Auf die Frage nach dem wichtigsten Eindruck von Deutschland antwortet Ulrich Kemloh sehr klar: „Was ich hier bewundere, ist die Tatsache, dass man mit Mühe und Arbeit in der Tat nahezu alles erreichen kann, was man will, ganz unabhängig vom Hintergrund. Man mag sich darüber streiten, aber dies ist meine Sichtweise.“

Serie: Ausländische Wissenschaftler bei Helmholtz

Internationales am Forschungszentrum Jülich

Das Forschungszentrum Jülich arbeitet national und international mit zahlreichen Partnern aus Wissenschaft und Industrie zusammen – zum gemeinsamen Nutzen.

Europäische Forschungsinfrastrukturen
Auf europäischer Ebene verfolgt Jülich im Verbund PRACE (Partnership for Advanced Computing in Europe) das Ziel, Europa als weltweit führenden Standort für High-Performance-Computing zu etablieren.
Gemeinsam mit dem GSI Helmholtz-Zentrum für Schwerionenforschung GmbH in Darmstadt arbeitet Jülich an der Konstruktion des neuen internationalen Beschleunigerzentrums FAIR, der Facility for Antiproton and Ion Research. FAIR soll Forschern aus aller Welt neue Einblicke in den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums ermöglichen.
Die Untersuchung klimarelevanter Prozesse in der Atmosphäre ist Gegenstand der Forschungsinfrastruktur IAGOS (In-service Aircraft for a Global Observing System). Unter Federführung des Forschungszentrums bündelt das Projekt die Expertise von Partnern aus Forschung, Wettervorhersage, Luftfahrtindustrie und Luftfahrtgesellschaften, um ein weltweit einzigartiges Instrument zur globalen Erdbeobachtung aufzubauen.
Im von der EU geförderten Human Brain Project erforschen Wissenschaftler das menschliche Gehirn, um es in seiner Komplexität besser zu verstehen und seine Funktionalität auf dem Computer nachzubilden. Dies ist nicht nur für das Verständnis und Therapiemöglichkeiten von Hirnerkrankungen relevant; die neuen Erkenntnisse könnten auch neue Impulse für die Informationstechnologie geben.

Weitere Informationen

Weltweite Kooperationen
Das französische Commissariat à l'Énergie Atomique et aux Énergies Alternatives und das Forschungszentrum Jülich verbindet eine langjährige Partnerschaft. Heutige Schwerpunkte der Kooperation liegen in den Bereichen Strukturbiologie, Nuklearer Sicherheitsforschung sowie Neurowissenschaften und Erneuerbare Energien.
Am zurzeit weltweit führenden Zentrum für die Forschung mit Neutronen, dem Institut Laue-Langevin (ILL) mit dem flussstärksten Reaktor und der breitesten Instrumentierung betreiben Jülicher Wissenschaftler drei Instrumente.
Am Oak Ridge National Laboratory (ORNL) in den USA ist das Forschungszentrum Jülich mit einer Außenstelle vertreten und betreibt dort ein Neutronenspektrometer an der Spallations-Neutronenquelle.
Weitere wichtige Kooperationen unterhält das Forschungszentrum mit China, wo es unter anderem mit der Chinese Academy of Sciences (CAS) zusammenarbeitet sowie mit der Universität Peking und der Fudan Universität in Shanghai.
Mit dem Moscow Institute of Physics and Technology (MIPT) in Russland kooperiert Jülich in den Forschungsbereichen Lebenswissenschaften, Weiche Materie, Festkörperforschung, Kernphysik und Umweltforschung. Energie und Klima sind Forschungsschwerpunkte der Kooperation zwischen dem Forschungszentrum und dem Moscow State Engineering Physics Institute (MEPhl).
In Indien hat das Forschungszentrum Jülich eigene Repräsentanzen in Mumbai und in Neu-Delhi. Sie ermöglicht vor Ort den Aufbau langfristiger Kooperationen mit Partnern in Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft.
In Brasilien führte die enge Zusammenarbeit mit EMBRAPA – der Organisation, die die brasilianische Agrarforschung koordiniert – zur Gründung eines EMBRAPA-Labors, Labex, in Jülich.

01.04.2015 , Michael Büker
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