Helmholtz-Handschrift

Die Gesetze der Natur aufdecken

Im Jahr 2017 überließ die Helmholtz-Erbengemeinschaft der Helmholtz-Gemeinschaft eine Originalhandschrift von Hermann von Helmholtz. Bild: Reinhardt & Sommer / Helmholtz-Gemeinschaft

Der Naturforscher und Universalgelehrte Hermann von Helmholtz führte ein wissenschaftlich ungeheuer produktives Leben. Er stand für eine Wissenschaft, die Brücken schlug zwischen Medizin, Physik und Chemie. Seine Forschungsarbeiten waren teils bahnbrechend und verknüpften schon im 19. Jahrhundert Theorie, Experiment und praktische Anwendung. Viele seiner universitären Vorlesungen hielt er ohne ausformuliertes Manuskript. Allerdings zog er während seines Vortrags immer mal wieder ein Notizbuch aus der Tasche, um eine wissenschaftliche Tatsache oder einen Namen nachzuschlagen. Im Jahr 2017 erhielt die Helmholtz-Gemeinschaft ein besonderes Geschenk - eine Originalhandschrift des Forschers. Es stammt aus dem Besitz der Helmholtz-Erbengemeinschaft und ist wohl eines dieser besonderen Notizbücher. Sein Titel "Allgemeine Resultate der Naturwissenschaften. Biologischer Theil". Eine erste wissenschaftliche Einschätzung vom Geschichtsprofessor und Helmholtz-Experten David Cahan.

Dieses Notizbuch, heute Eigentum der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e.V. in Berlin, gehört zu einer Sammlung von insgesamt rund zwei Dutzend Notizbüchern. Sie bilden einen kleinen Teil des gesamten literarischen Nachlasses von Hermann von Helmholtz, der heute überwiegend im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften lagert. Neben vielen weiteren Beständen beherbergt das Archiv der Akademie Helmholtz‘ unveröffentlichte Vorlesungen, aber auch Notizen zu Epistemologie, Wissenschaftsgeschichte, einzelnen Wissenschaftlern sowie zu Ergebnissen und Wesen wissenschaftlicher Forschung (s. Helmholtz Nachlass, HN, 702-721). Das neu entdeckte Notizbuch in der Helmholtz-Gemeinschaft gehört damit historisch zu der Gruppe von Notizbüchern, die heute in der Akademie aufbewahrt werden.

Hermann von Helmholtz (1821-1894) führte ein ereignisreiches und produktives Leben, das sich unter anderem durch die hohe Qualität seiner wissenschaftlichen Arbeit auszeichnete, aber ebenso durch die Vielfalt der Themen, mit denen er sich befasste. Obwohl Helmholtz in erster Linie Physiologe und Physiker war, leistete er auch in anderen Bereichen Bedeutendes, darunter in der Augenheilkunde, Psychologie, Mathematik, Atmosphärenphysik, in der theoretischen Chemie, chemischen Thermodynamik, Metrologie und den wissenschaftlichen Grundlagen der Musik. Darüber hinaus hielt er ab 1853 gelegentlich populärwissenschaftliche und philosophische Vorträge über Wesen, Zielsetzungen und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens und setzte sich engagiert dafür ein, die Naturwissenschaften in der Öffentlichkeit populär zu machen. Für diese und andere Beiträge zur deutschen Kultur wurde er 1883 von Preußen in den Adelsstand erhoben.

In den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts bot Helmholtz an den Universitäten in Heidelberg und Berlin Vorlesungen an, die – ebenso wie dieses Notizbuch – den Titel "Allgemeine Resultate der Naturwissenschaften" trugen. Das hier beschriebene Notizbuch mit dem Untertitel "Biologischer Theil" ist das Gegenstück zu einem anderen, mit "Physikalischer Theil" überschriebenen Notizbuch (s. HN 720). Helmholtz hielt seine (universitären) Vorlesungen gewöhnlich ohne ausformuliertes Manuskript. Allerdings zog er während seines Vortrags immer wieder eines seiner Notizbücher aus der Tasche, wenn er sich bei einer wissenschaftlichen Tatsache, einem Namen oder ähnlichen Fragen nicht ganz sicher war. Dass dieses Notizbuch an etlichen Stellen Leerseiten enthält, legt nahe, dass Helmholtz diese Seiten möglicherweise bewusst frei ließ, um sich im Rahmen seiner wissenschaftlichen Vorträge über die Jahre hinweg ergänzende Notizen zu bestimmten Themen machen zu können.

Das vorliegende Notizbuch ist, wie sein Pendant HN 720, den allgemeinen Ergebnissen der Naturwissenschaften gewidmet. Wie ein roter Faden ziehen sich der Energieerhaltungssatz und die sich daraus ergebenden Konsequenzen als Leitthema durch beide Bücher, mit dem Helmholtz beinah alles in der Wissenschaft darstellt und mit dem großen Ganzen verbindet, darunter physikalische, astronomische, geologische, klimatische und meteorologische Phänomene, die Evolution von Pflanzen und Tieren (einschließlich des Menschen) sowie allgemeine kosmologische Fragen. Im vorliegenden Notizbuch notierte er darüber hinaus detaillierte Forschungsergebnisse aus den Bereichen Biochemie, Histologie, vergleichende Anatomie und Physiologie, aus Paläontologie, Anthropologie, Geologie und Biogeografie – und hoffte, damit evolutionäre Entwicklungen besser erklären zu können. Tatsächlich enthält dieses Notizbuch auch wohldosierte Bezugnahmen auf Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Selektion als sein (zweites) Leitthema. Die Tatsache, dass er zwar offenbar die zweite Ausgabe von Darwins "Die Entstehung der Arten" (1860), nicht jedoch Darwins "Die Abstammung des Menschen" (1871) zitiert, dass er die Entdeckung des Elements Indium (1863) nachträglich hinzufügt, dass er William Thomsons (Lord Kelvins) Arbeiten zur Abkühlung der Erde (die zum Großteil in die Mitte der 1860er-Jahre fielen) erwähnt, dass er Louis Pasteur zum Problem der spontanen Entstehung von Leben (ebenfalls überwiegend aus der Mitte der 1860er-Jahre) zitiert, dass er Peter Pringsheims botanische Arbeiten (von 1869), jedoch nichts aus der Zeit nach 1869 erwähnt – all dies deutet darauf hin, dass Helmholtz diese Notizen wohl über einen Zeitraum von mehreren Jahren zwischen 1862 und 1869 zusammenstellte und sie (zunächst?) für seine Heidelberger Vorlesungen zu den "Allgemeinen Resultaten der Naturwissenschaften" verwendete.

Daneben zitiert Helmholtz übrigens auch zwei Zeilen aus Friedrich Schillers "Der Spaziergang" (1795), möglicherweise sein Lieblingsgedicht (s. PDF S. 7): "Sucht das vertraute Gesetz in des Zufalls grausenden Wundern,/Sucht den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht." Für Helmholtz mussten die Naturwissenschaften stets von der Grundlage empirischer Erscheinungen ausgehen, doch gleichzeitig bestand ihr letztgültiges Ziel darin, die Gesetze der Natur aufzudecken.

David Cahan ist Charles-Bessey-Professor für Geschichte an der University of Nebraska-Lincoln und Autor des Buches Helmholtz: A Life in Science (Chicago and London: University of Chicago Press, erschienen im September 2018).

25.06.2018 , David Cahan
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