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Langzeit-Gesundheitsstudie

Deutschland im Querschnitt

Es ist eine spektakuläre Studie, die im kommenden Jahr starten soll: Mit 200.000 Probanden planen Forscher die bislang größte deutsche Langzeit-Gesundheitsuntersuchung. Die Wissenschaftler Karl-Heinz Jöckel und Karin Halina Greiser im Gespräch über Blutproben, Datenschutz – und die Hoffnung auf neue Therapien

Eine so aufwendige Studie ist in Deutschland ohne Beispiel. Warum sind Sie erst jetzt darauf gekommen?

Karl-Heinz Jöckel: Naja, wir arbeiten ja schon sehr lange an dem Konzept der Nationalen Kohorte. Eine erste Arbeitsgruppe dazu wurde bereits 2009 eingerichtet, mit dem Auftrag, Planungen und Vorstudien durchzuführen. Auch ein Studienprotokoll mussten wir entwickeln, das den Ansprüchen der aktuellen medizinischen und epidemiologischen Forschung genügt. Wir haben Ethik-, Datenschutz- und IT-Konzepte erstellt, die von unabhängigen Prüfern begutachtet worden sind. Das hat jede Menge Zeit gekostet. Aber es hat sich gelohnt: Jetzt können wir es kaum erwarten, mit dem ersten Probanden zusammenzuarbeiten.

Welche Erkrankungen nehmen Sie bei Ihrer Studie unter die Lupe?

Karin Halina Greiser: Im Vordergrund stehen chronische Krankheiten mit hoher gesellschaftlicher Relevanz, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Lungenerkrankungen, Demenz und Depressionen. Es geht aber auch um Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems sowie um Nieren- oder Magen-Darm-Erkrankungen.

Kann diese Studie endlich alle Fragen zur Entstehung der Volkskrankheiten beantworten?

Jöckel: Es wird immer offene Fragen geben, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber die Nationale Kohorte wird einen ganz erheblichen Erkenntnisgewinn liefern, der für die weitere Erforschung von Volkskrankheiten, ihrer Entstehung und Vermeidung immens wichtig ist.

Greiser: Im Fokus stehen die Früh- und Vorstufen von Erkrankungen. Wir sehen deshalb einen langen Beobachtungszeitraum vor, um immer wieder Informationen zum Gesundheitszustand der Probanden einzuholen. So können wir zum Beispiel rückblickend feststellen, ob es bei später erkrankten Probanden vorher schon Faktoren gab, die deutlich ausgeprägter waren als bei gesunden Vergleichspersonen.

 

Die Studie basiert auf der riesigen Zahl von Teilnehmern. Aber wie finden Sie 200.000 Menschen, die über Jahrzehnte hinweg ständig zum betreuenden Arzt gehen?

Jöckel: Moment, von ständigen und über Jahrzehnte sich fortsetzenden Arztkonsultationen kann keine Rede sein. Es geht um zwei Untersuchungen im Laufe von etwa zehn Jahren. Und zur Auswahl der Probanden: Sie werden per Zufalls-Stichprobe vom jeweiligen regionalen Einwohnermeldeamt gezogen. Wir schicken ihnen dann ausführliche Informationen und eine Einwilligungserklärung, die im Detail besprochen wird. Erst wenn sie unterschrieben ist, erfolgt die Registrierung. Selbstverständlich kann die Einwilligungserklärung jederzeit widerrufen werden.

Aber nochmal zum Aufwand: Wieviel Zeit kostet es, an der Studie teilzunehmen?

Greiser: Alle 200.000 Studienteilnehmer durchlaufen einige Basisuntersuchungen, die etwa zweieinhalb Stunden dauern. 40.000 zufällig ausgewählte Probanden untersuchen wir ausführlicher, das dauert dann rund vier Stunden. Danach folgt erst nach vier bis fünf Jahren die nächste Untersuchung. In der Zwischenzeit bekommen die Probanden alle zwei bis drei Jahre Fragebögen, um individuelle Veränderungen zu erfassen, zum Beispiel hinsichtlich des Lebensstils.

Profitieren die Probanden bei all dem Aufwand auch selbst von der Studie?

Jöckel: Sie bekommen eine Aufwandsentschädigung, die vor allem die Anfahrtskosten decken soll. Und sie erhalten nach der Untersuchung einen Brief, in dem wesentliche Ergebnisse zusammengefasst sind, soweit die Probanden darüber informiert werden wollen.

Greiser: Natürlich ist aber sowohl die ärztliche Diagnose als auch die Behandlung den Kollegen im Krankenhaus und der ärztlichen Praxis vorbehalten. Die Untersuchungsergebnisse können allerdings Anlass geben, den behandelnden Arzt aufzusuchen, um weitere Schritte zu besprechen.

 

Wenn ich ein Auserwählter wäre: Wie sähe ein typischer Untersuchungstag aus?

Greiser: Die Untersuchungen finden im Studienzentrum Ihrer Region statt. Als erstes erheben wir wichtige Daten wie Blutdruck und Lungenfunktion, Größe und Gewicht, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung. Wir stellen Fragen zu Lebensstilfaktoren wie Ernährung oder sportlicher Aktivität, aber auch zu Faktoren wie Bildung, Überforderung oder Anerkennung am Arbeitsplatz. Das medizinische Fachpersonal im Studienzentrum nimmt von Ihnen unter anderem Proben von Blut, Urin, Speichel und Stuhl, die in einer Biobank eingelagert werden. Danach sind Sie fürs erste entlassen - außer, Sie gehören zu den zufällig ausgewählten 40.000 Probanden mit umfangreicherem Programm. Dann untersuchen wir noch Ihr Schlafverhalten, prüfen per Ultraschall Ihr Herz und machen ein Elektrokardiogramm (EKG).

Was passiert anschließend mit den Daten?

Greiser: Die Studie unterliegt einem strengen Datenschutzkonzept. Das muss auch so sein, denn wir sammeln eine Vielzahl von Daten und Proben - derzeit gehen wir von etwa 20 Millionen Bioproben aus. Alle Informationen werden zentral zusammengeführt und verschlüsselt, so dass keine Rückschlüsse auf die individuellen Verhältnisse einzelner Personen gezogen werden können. Eine Re-Identifikation einer Person ist ausschließlich über die unabhängige Treuhandstelle oder das Teilnehmermanagement im jeweiligen Studienzentrum möglich.

Gibt es im Ausland vergleichbare Studien?

Jöckel: In Frankreich zum Beispiel wird eine vergleichbare Studie aufgesetzt, auch in Großbritannien, Schweden, Holland, Kanada und China gibt es solche Untersuchungen. Die Nationale Kohorte in Deutschland hat einige Alleinstellungsmerkmale, etwa in Komplexität und Tiefe. Trotzdem ist sie so aufgebaut, dass sie mit anderen internationalen Studien möglichst kompatibel ist. Dadurch können sie für spezifische Fragestellungen zusammengefasst werden - das ist besonders von Vorteil, wenn man seltene Krankheiten untersucht, deren Erforschung eine sehr große Anzahl von Studienteilnehmern erfordert.

Werden die Ergebnisse in absehbarer Zeit zu neuen Therapien führen?

Greiser: Wir wollen Risiko- und Schutzfaktoren für bestimmte Krankheiten identifizieren. Im Idealfall führt das zu einer Verbesserung von Prävention, Früherkennung und Diagnostik. Mit Ergebnissen von ersten Folgestudien, die auf dem gewonnenen Datenmaterial aufbauen, kann bereits in den nächsten Jahren gerechnet werden. In einem zweiten Schritt kann es durchaus sein, dass mithilfe der Daten auch neue Therapieansätze entwickelt werden. Das ist aber Zukunftsmusik und lässt sich, wie immer in der Forschung, nicht vorhersehen.

Das Interview führte Janine Tychsen

Website Nationale Kohorte

30.09.2013

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