Schöner scheitern?

| Von Jennifer Schevardo

In Deutschland spricht man gerne über Probleme. Was nicht gut läuft, was anders sein sollte oder hätte anders sein können, ist in den gesellschaftlichen Diskursen hierzulande wesentlich präsenter, als das, was gut geklappt hat und zum Weitermachen motiviert. Im Vergleich zu anderen Kulturen wie denen Nordeuropas oder den USA ist hier die Toleranz gegenüber Fehlern oder Missgeschicken gering. Und wo Fehler nur schlecht verziehen werden, wird auf Dauer das Risiko des Fehlermachens nicht mehr eingegangen. Statt den Sprung ins Neue zu wagen, bleibt man lieber auf den ausgetretenen Pfaden der Routine.

Die weit verbreitete Angst vor Misserfolg wird verstärkt durch den zunehmenden Druck zur Optimierung der Leistungsfähigkeit des Einzelnen. Dispositionen durch Herkunft, Geschlecht oder Charakter gelten als überwindbar; wichtig ist, welche Ziele sich der Einzelne setzt und wie er seine Talente entwickelt und einbringt. Umgekehrt formuliert heißt das: jeder trägt selbst die Schuld, wenn der Erfolg ausbleibt. Wer in eine Krise gerät oder mit einem Vorhaben scheitert, gilt schnell als Loser.

In den letzten Jahren zeichnet sich jedoch ein Umdenken ab. Reden über Scheitern ist en vogue und als Thema für Forschung und Medien seit geraumer Zeit fast allgegenwärtig. Ein Teil dieses Sinneswandels hat sicherlich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise zu tun, die endgültig gezeigt hat, wie komplex die Kausal- und Wirkungszusammenhänge in der globalen Ökonomie geworden sind. Wer wagte sich, im Kontext dieser Krise die Schuld Einzelnen zuzuordnen? Das diffus als allgemein empfundene Scheitern machte den Blick frei für das enorme Unglück, das die Krise für Einzelne bedeuten konnte. Ihre Geschichten von Misserfolg und Niedergang wurden sehr differenziert und voller Respekt erzählt.

Eine andere, in diesem Kontext einflussreiche Tendenz ist die wachsende Bedeutung des Start-Up-Bereichs mit seinen aus der amerikanischen Kultur stammenden Umgangsformen. Junge Unternehmen der New Economy arbeiten flexibler, kommunizieren transparenter, die Hierarchien sind flacher. In Anlehnung an die im Amerikanischen in verschiedenen Varianten existierenden Ratschläge für Innovationsprozesse wie „fail fast, fail often“ werden Fehlschläge als notwendige Bestandteile eines jeden Lern- und Entwicklungsprozesses gesehen. Als verwerflich gilt nicht mehr das Hinfallen, sondern das Liegenbleiben. In diesem Sinne gehen auch deutsche Jung-Gründer offener mit Fehlern um und lassen sich in „Fuck-Up-Nights“ für ihre „schönsten“ Niederlagen beklatschen. Denn, und das ist Pointe der neuen Popularität des Scheiterns: man spricht selbstbewusst über misslungene Vorhaben, wenn diese vor allem den Prolog zu einem besseren und (natürlich!) erfolgreichen Projekt darstellen. Auch der Titel des „Spiegel Wissen“-Spezials 1/2015 ist in der Hinsicht programmatisch: „Richtig Scheitern – Wie Niederlagen zum Erfolg führen können.“ Scheitern wird somit einzig zu einer Frage der Deutung. Das schnelle Weitermachen adelt das vorherige Straucheln, welches in dieser Ex-Post-Sicht mit Sinn gefüllt wird. Die oftmals katastrophale Dimension des Krisenmoments für die Betroffenen, etwa im Falle von Privatinsolvenzen, wird eher ausgeblendet.

Wissenschaftler – der Prototyp des fehlertoleranten Spielers?

Für viele Vertreter der New Economy sind Forschende leuchtende Vorbilder eines vermeintlich „richtigen“ Zugangs zur eigenen Tätigkeit. Als Inbegriff des risikofreudigen und damit innovationsoffenen Unternehmenden gilt der/die Naturwissenschaftler/in, der/die eine (gerne auch steile) These aufstellt, diese ergebnisoffen und nahezu spielerisch erprobt, um sich im Anschluss weiterführenden oder neuen Fragen zuzuwenden. Sicher: die Kriterien für Erfolg bzw. Misserfolg sind in der Wissenschaft anders gefasst als in Wirtschaftsunternehmen. In der Wissenschaft sind die Hierarchien flacher und damit auch die Fallhöhe, wissenschaftliche Erkenntnisse sind oft vieldeutig, und auch wenn sich nicht das erwartete Ergebnis einstellt, können die Resultate fruchtbar sein. Oftmals wandeln sich im Zeitlauf die Bedeutung und der Stellenwert von Erkenntnissen – was heute als Irrtum gilt, kann morgen das neue Paradigma sein. Weithin wird Wissenschaftler/innen eine größere Frustrationstoleranz attestiert, wohl auch, weil man annimmt, sie seien mit so viel Herzblut bei ihrem Forschungsgegenstand, dass ihnen die reine Beschäftigung damit wichtiger ist als karrierewirksame Erfolge.

Dieser letzte Punkt weist, ebenso wie das oben zitierte Bild vom Forschenden als freudig Spielenden, darauf hin, mit wieviel Idealisierung das Berufsfeld Wissenschaft oft betrachtet wird. Denn natürlich ist Scheitern auch in der Wissenschaftskarriere nicht kalkulierter Normalfall, sondern kann ebenfalls Persönlichkeiten oder zumindest vielversprechende Karrieren brechen.

Die Gefahr des Absturzes droht verstärkt vor dem Hintergrund der sich zunehmend verschlechternden Rahmenbedingungen für wissenschaftliche Laufbahnen. Immer mehr Nachwuchswissenschaftler/innen schlagen sich auf zeitlich befristeten Projektstellen durch und hoffen auf die immer weniger werdenden Professuren. Rankings und rein quantifizierende Beurteilungen von Leistungen lassen den Druck steigen. Zwar sind diese Bedingungen jedem bekannt, der sich für eine Laufbahn in der Wissenschaft entscheidet. Untersuchungen zeigen, dass es vielen Nachwuchswissenschaftler/innen nicht um eine steile Karriere geht, sondern sie „einfach nur“ ein Überleben in diesem Bereich suchen. Doch angesichts knapper Ressourcen sowie aufgrund des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist selbst das nicht selbstverständlich. Ein Berechnungsfehler, ein unerwartetes Ergebnis im Experiment, eine Publikation, die knapp nach dem Paper der Konkurrenzforschergruppe eingereicht wird – dies alles kann über eine Wissenschaftskarriere entscheiden. Das ist dann, zumindest in dem Moment, auch keine Frage der Deutung.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch in der Wissenschaft in Deutschland ein Rückgang der Risikobereitschaft zu beobachten ist; Wissenschaftler/innen wagen seltener Neues und die Innovationsfähigkeit des Wissenschaftsbetriebs leidet. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, mit der begangene Fehler kaschiert werden. Gerade in Institutionen, in denen Kreativität und Intellekt eine große Rolle spielen, herrscht oftmals (auch implizit) das Leitbild der genialen Denker, die selbstverständlich unfehlbar sind. Wenn leitende Wissenschaftler/innen sich als fehlerlos gerieren, herrscht bald eine repressive Kultur, die die Mitarbeiter/innen hemmt und daran hindert, Kritik offen auszusprechen. 

Scheitern als Herausforderung für die Organisation

Scheitern ist nicht nur ein individuelles Problem, mit dem jede/r für sich zurechtkommen muss, sondern Scheitern ist eine Herausforderung für die gesamte Organisation. Hiermit ist die Verantwortung der Führungskräfte angesprochen. Denn ihre Aufgabe besteht zum einen darin, den jeweiligen Schaden abzuwenden, der durch den Misserfolg eines Projektes entstehen kann (durch finanzielle Einbußen, den Reputationsschaden oder auch die Produktivitäts- und Innovationshemmende Wirkung der Angst, die sich nach dem Scheitern eines/r Mitarbeiters/in breit macht). Zum anderen ist es ihre Aufgabe, in ihrem Zuständigkeitsbereich eine Kultur zu schaffen, die Gescheiterte nicht stigmatisiert sondern im Team auffängt. Und mehr noch: ihr Ziel muss es sein, Mechanismen zu schaffen, damit Vorhaben nicht erst komplett schiefgehen, sondern frühzeitig Probleme thematisiert und gemeinsam überdacht werden können. In einer solchen Organisation wird aus Fehlern gelernt und sie bleibt offen für dynamische Prozesse.

Dazu muss sich eine Organisation zumindest punktuell von Routinen lösen und Räume schaffen, in denen Mitarbeiter/innen sich an Neuem und Risikovollem erproben können. Die reine Ergebnisfixierung bei der Beurteilung von Projekten muss einer differenzierten Evaluierung weichen, die auch die einzelnen Schritte, die im Projekt zurückgelegt wurden, einbezieht. Dies schafft zum einen Transparenz, die es rückblickend ermöglicht, das Entstehen von Fehlern zu analysieren, zum anderen wird so dem eventuellen Misserfolg eines Projekts in der Gesamtsicht die Feststellung von Teilerfolgen in seinem Verlauf entgegengestellt. So entsteht die Offenheit, die es perspektivisch ermöglicht, sich abzeichnende Fehlentwicklungen früh zu thematisieren und gegenzusteuern. In einer Organisation muss es möglich sein, Vorhaben, die nicht die erwarteten Ergebnisse zeitigen, vorzeitig zu beenden. Wenn dies nicht als Misserfolg sondern als ein möglicher Weg eines Projekts gesehen wird, wird den zuständigen Mitarbeiter/innen die Scham des Fehlerhaften genommen. Damit sinkt die Gefahr, dass Einzelne sich aus Angst einigeln oder wie im Tunnel einfach weiterrasen – bis zum vollständigen Scheitern.

Zentral für eine dynamische Organisationskultur ist das Verhalten der Führungskräfte. Wenn diese ihre eigenen Fehler offen ansprechen, mit Rückschlägen entspannt umgehen und Missgeschicke mit Humor nehmen, fällt dies auch den Mitarbeiter/innen leichter. Diese spüren sehr wohl, ob die Forderung nach ehrlicher Kritik und die Ermunterung, Neues auszuprobieren und Risiken einzugehen, ernst gemeint sind und in der Organisation Rückhalt finden. Oder ob es sich dabei um Lippenbekenntnisse handelt und konformes Verhalten stärker honoriert wird als innovatives. Erst in einem Klima, in dem offen über Fehler gesprochen wird, verliert Scheitern seine Schärfe und kann auch als eine manchmal notwendige Phase in einem Lernprozess begriffen werden. Und Lernen, das ist in der Wissenschaft ja das Wichtigste.


Literatur zum Thema:
Bührke, Thomas: Genial gescheitert. Ihrer Zeit waren sie weit voraus, 2012.

Fallet, Mareike & Ott, Ursula: Interview mit dem Unternehmer Attila von Unruh und der Poetry-Slammerin Julia Engelmann, in chrismon.de, April 2015. http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2015/fallen-aufstehen-weiter-31006 (abgerufen am 02.05.2015).

Funken, Christiane, Hörlin, Sinje und Rogge, Jan-Christoph: Generation 35plus – Aufstieg oder Ausstieg? , Berlin 2013, http://www.mgs.tu-berlin.de/fileadmin/i62/mgs/Generation35plus_ebook.pdf (abgerufen am 30.04.2015).

John, René & Langhof, Antonia (Hrsg.): Scheitern – Ein Desiderat der Moderne, 2014.

Junge, Matthias & Lechner, Götz (Hrsg.): Scheitern. Aspekte eines sozialen Phänomens, 2004.

Kucklick, Christoph: Beitrag im ZEITmagazin Nº 01/2014: Schluss mit dem Scheitern! 24. Dezember 2013. http://www.zeit.de/2014/01/scheitern-misserfolg (abgerufen am 23. April 2015).

Kuhn, Johannes: Interview mit der Psychologin Carolin Dweck: Fehler sind unvermeidbar und spannend! http://www.sueddeutsche.de/karriere/umgang-mit-der-eigenen-schwaeche-fehler-sind-unvermeidbar-und-spannend-1.2441349 (abgerufen am 23.04.2015).

Peter, Marcus, Schmitt, Thomas, Schnurr, Johannes: Die Produktivität des Scheiterns. Dokumentation des 11. Innovationsforums der Daimler und Benz Stiftung am 15. September 2014. Erschienen Januar 2015.

Ramge, Thomas: Interview mit dem Technikhistoriker Reinhold Bauer, brand eins, Ausgabe 01/2014. http://www.brandeins.de/archiv/2014/originalitaet/originell-scheitern/ (abgerufen am 28. April 2015).

Druck-Version

Kontakt

    • Kommunikation und Außenbeziehungen
    • Helmholtz-Geschäftsstelle
  • Photo of Roland Koch
    • Roland Koch
    • Pressesprecher / Teamleiter Pressearbeit
  • Photo of Annette Doerfel
    • Annette Doerfel
    • Pressereferentin/ Wissenschaftsredakteurin
      Helmholtz-Gemeinschaft
  • Photo of Martin Trinkaus
    • Martin Trinkaus
    • Online-CvD
      Helmholtz-Gemeinschaft
  • Photo of Elena Hungerland
    • Elena Hungerland
    • Online-Redakteurin
      Helmholtz-Gemeinschaft
  • Photo of Henning Krause
    • Henning Krause
    • Social Media Manager
      Helmholtz-Gemeinschaft

Wissenschaft im Dialog & die Wissenschaftsjahre

"Wissenschaft im Dialog" ist eine Gemeinschaftsinitiative der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen mit Unterstützung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

In den Wissenschaftsjahren, die zu einem wissenschaftlichen Schwerpunktthema vom Bundesforschungsministerium alljährlich ausgerufen werden, ist die Helmholtz-Gemeinschaft besonders engagiert.