Vortrag Prof. Jürgen Mlyneks auf dem Schleyer Symposium am 01./02.03.2012

Strategische Partnerschaften in der deutschen Wissenschaftslandschaft: Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen

I

Einleitung/Status quo

Zukunftskonzepte, Exzellenzcluster, Graduiertenschulen, Hochschulpakt und Pakt für Forschung und Innovation – viele wichtige, viele richtige Initiativen wurden in den letzten Jahren auf den Weg gebracht – mit dem Ziel den Forschungs- und Wissenschaftsstandort Deutschland zu modernisieren. Mehr Wettbewerb, Anreizsysteme für Forschungsorganisationen und Universitäten und nicht zuletzt mehr Geld für Wissenschaft und Forschung in Deutschland haben für frischen Wind gesorgt. Ein starker Wissenschaftsstandort zu sein ist Voraussetzung dafür, dass Deutschland unter dem Druck der globalen Dynamiken wettbewerbs-fähig ist und bleibt. Unsere wirtschaftliche Kraft speist sich – auch und gerade in Krisenzeiten – aus exzellenter Wissenschaft und Forschung. Sie sind ein Garant für zukunftsfähige Arbeitsplätze. Sie werden Deutschland in Forschung und Wissenschaft weiter an die Weltspitze führen. 

Am Anfang steht das klare Bekenntnis der Politik, in Wissenschaft und Bildung zu investieren – auch bei angespannten Haushaltslagen. So freuen wir uns seit einigen Jahren über stetige Aufwüchse im Haushalt des Bundesforschungsministeriums – allein der Bundeshaushalt 2012 ist gegenüber 2011 um mehr als elf Prozent auf ein Rekordniveau von 12,9 Milliarden Euro gestiegen. Die, die forschen, haben den frischen Wind des Wandels aufgenommen. Ob an den Universitäten, in den Forschungsorganisationen oder in der forschenden  Industrie, wir alle haben uns den neuen Bedingungen gestellt, Positionen überprüft, zum Teil neue eingenommen und schließlich gut gearbeitet. Die These der Versäulung der deutschen Forschungs-landschaft gehört der Vergangenheit an.  Symposien wie dieses belegen: Es geht verstärkt um intensive Kooperationen, um die Arbeit an gemeinsamen Zielen. Vernetzung und Kooperation sind der Dreh- und Angelpunkt, um Neues zu gestalten, neue Ideen zu entwickeln und in die Tat umzusetzen.

Dem liegt die Einsicht zu Grunde, dass dort, wo Kapazitäten und Kompetenzen, Kreativität und Ideenreichtum und nicht zuletzt Budgets und Strukturen gebündelt werden, die besten, innovativsten Ergebnisse er-zielt werden können. Und dies alles ohne die individuelle Expertise oder das spezifische eigene Ziel in Frage stellen oder gar verraten zu müssen. Wir, die Helmholtz-Gemeinschaft, und selbstverständlich auch die anderen Wissenschaftsorganisationen haben bis heute schon viel unternommen, um Exzellenz und Expertise über neue Kooperationen zusammenzufügen. Ein paar Beispiele:

  • Das im Jahr 2009 gegründete KIT vereint in sich die Missionen des Forschungszentrums Karlsruhe und der Universität Karlsruhe der Helmholtz- Gemeinschaft. Mit über 9.000 Beschäftigten, 22.552 Studierenden und einem Budget von über 700 Millionen Euro positioniert sich das KIT entlang der drei strategischen Handlungsfelder Forschung, Lehre und Innovation. Es erzeugt frei nach dem Motto „Think big – act big“ eine außerordentliche Sichtbarkeit, Schlagkraft und Wirksamkeit im internationalen Wettbewerb.
  • In der Jülich Aachen Research Alliance bündeln das Forschungszentrum Jülich der Helmholtz-Gemeinschaft und die RWTH Aachen ihre Kompetenzen und Kapazitäten. Durch ihr  Zusammen-wirken haben sie sich z.B. als Treiber bei der Weiterentwicklung und Optimierung von Energietechnologien etabliert. Sie haben zudem einen einzigartigen Verbund für Hirnforschung formiert oder durch das Zusammenlegen ihrer Hoch- und Höchstleistungsrechner (JARA-HPC Partition) Wissenschaftlern aus Aachen und Jülich die Möglichkeit eröffnet, erstmals auf rund 600 Tflops Rechenleistung exklusiv zuzugreifen.

Aber auch unsere Kolleginnen und Kollegen bei Fraunhofer, Leibniz und Max-Planck waren in der Vergangenheit natürlich nicht untätig. Zu nennen sind hier z.B:

  • Die International Max-Planck Research Schools (IMPRS), die Universitäten und Max-Planck-Institute verknüpfen, um es talentierten Doktoranden zu ermöglichen, in einem ausgezeichneten Umfeld ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeit zu leisten,
  • der Leibniz Wissenschaftscampus, auf dem gemeinsame Schwerpunkte von Leibniz-Instituten und Universitäten durch optimierte Rahmenbedingungen Schub bekommen,
  • die Fraunhofer-Innovationscluster, bei denen Industrie, Fraunhofer und Universitäten bzw.- andere Forschungseinrichtungen die projektbezogene Weiterentwicklung von Standorten gemeinsam in Kooperation vorantreiben,

sie alle haben einfallsreich und konsequent neue Kooperationsformen entwickelt und umgesetzt.

 

II

Herausforderung

Die genannten Beispiele sind der Beleg: Vieles wurde in Angriff genommen, die Erfolge sprechen für sich, wir haben unsere Bringschuld nicht nur inhaltlich, sondern auch unter forschungspolitischen Aspekten  bis dato erbracht. Nun aber stehen wir am wissenschaftspolitischen Scheideweg: Im Juni fallen die Entscheidungen in der Exzellenzinitiative – dies wird erheblich die Weichenstellung für das gesamte Wissenschaftssystem des nächsten Jahrzehnts prägen, der Hochschulpakt ist bis 2020 konzipiert, der Pakt für Forschung und Innovation läuft vorerst bis 2015. 

Was folgt hieraus? Stillstand darf es ebenso wenig sein wie das Credo „Weiter so!“. Es wäre fatal, nur abzuwarten und der Dinge zu harren, die da kommen – oder auch nicht kommen. Nicht nur aus der Perspektive der Helmholtz-Gemeinschaft, die ihre Projekte eher lang- als kurzfristig anlegt, wäre dies nicht mehr als ‚Fahren auf Sicht‘. 

Es ist ein kritischer Zeitpunkt, zu dem wir alle Zukunftsperspektiven entwickeln müssen. Schließlich steht das Wissenschaftssystem als Ganzes auf dem Prüfstand. Es ist zugleich der geeignete  Moment, um gemeinsam Optionen für die Zukunft zu erarbeiten: 

  1. Was kommt nach der Exzellenzinitiative? In welche Richtung wollen wir gehen? Welche Weichen müssen gestellt werden? Wer sind unsere Partner?
  2. Konkret: Welches Wissenschaftssystem erwarten wir in zehn Jahren? Welche Rolle nehmen die Forschungsorganisationen dort ein? Welche Strukturen sind notwendig damit wir unsere Stärken bestmöglich einsetzen können? Wie positionieren sich die Universitäten? Wie integrieren sich die FuE-intensiven Unternehmen? 
  3. Und schließlich: Wie können, wie wollen, wie müssen wir zusammenwirken, damit wir gemeinsam Erfolg haben und am Ende nicht Partikularinteressen dominieren?

Sie alle kennen das chinesische Sprichwort: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Mauern, die Anderen bauen Windmühlen.“

Ich für meinen Teil würde gerne mit Ihnen an Plänen für neue Windmühlen arbeiten und wünsche mir dafür, dass wir den Mut und Weitblick haben, herkömmliche Strukturen und Gegebenheiten in Frage zu stellen. Dies ist das Ziel dieses Schleyer-Symposiums. Das Thema hätte nicht aktueller sein können. Innovationen, auch strukturelle, gehen immer auch mit Tabubrüchen einher. Lassen Sie uns diese mitdiskutieren und nicht von vornherein ausklammern.

 

III

Lösungswege

Ich möchte Ihnen kurz skizzieren, wie ein Zukunftsplan aus meiner Sicht aussehen könnte: Ich vertrete die These – und damit stehe ich nicht alleine, dass die Verschiebung von der Grund- zur Projektfinanzierung ihre Grenzen erreicht hat. Ein “Weiter so“ würde hier nicht dazu führen, dass der  Wettbewerb konstruktiv gestärkt würde. Vielmehr käme es zu risikoaversen Entscheidungen der Institutionen bei der Jagd nach Mitteln. Wir sind bei der Projektförderung also an dem „Break-Even-Point“ angelangt und müssen nun konsequent Alternativen planen und sie weitsichtig und strukturiert steuern. 

Worauf kommt es dabei an? Zunächst ist davon auszugehen, dass die auskömmliche Grundfinanzierung vor allem unserer Universitäten Kern der Lösung ist. Das Schicksal der Universitäten bestimmt das Schicksal des Wissenschafts- und Innovationsstandortes Deutschland. Hier gibt es noch viel zu tun: Schauen wir auf unsere Spitzenkonkurrenten im Ausland, müssen wir leider konstatieren, dass wir trotz Exzellenzinitiative immer noch weit von dem Mitteleinsatz pro Studierendem herausragender Universitäten wie Harvard, Stanford oder der ETH Zürich entfernt sind: 

Die ETH Zürich gibt 66.000 Euro pro Studierenden im Jahr aus, Harvard oder Stanford mehr als 100.000. Eine deutsche Uni hatte vor der Exzellenzinitiative typischerweise 10.000 Euro pro Studierenden zur Verfügung. Mit der Exzellenzinitiative sind es im Mittel 11.000 Euro, immerhin – oder nur – ein 10%-Effekt. Trotz dieses beachtlichen finanziellen Unterschieds, ist der universitäre Wissenschafts- und Forschungs-standort Deutschland sehr erfolgreich in puncto „Input-Output“-Relation. 

Dies ist auch ein Beleg für die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, das Können und Potenzial der Menschen, die an Universitäten, in Forschungsorganisationen und in der FuE-intensiven Wirtschaft tätig sind. Dennoch sollten wir bei den staatlichen Ausgaben für die Universitäten eine Position auf Augenhöhe mit unseren Partnern im internationalen Wettbewerb anstreben. Angesichts von Schuldenbremse und anhaltender Krise im Euro-Raum ist allerdings davon auszugehen, dass nur begrenzt zusätzliche Mittel, speziell von Seiten der Bundesländer zur Verfügung stehen werden. Eher ist damit zu rechnen, dass im internationalen Vergleich der Unterschied bei den Ausgaben pro Student um den Faktor 10 auf absehbare Zeit bleiben wird. 

Erschwerend kommt hier die von unserer Verfassung auferlegte Restriktion des Kooperationsverbots hin-zu. Art. 91b GG steht uns im Wege, um mit institutioneller Bundeshilfe bei den Investitionen pro Studieren-den den Abstand auf die internationale Konkurrenz zu verringern. 

Ein Lösungsweg liegt damit auf der Hand: Das  Kooperationsverbot des Artikel 91b wird aufgehoben. Hochschulen könnten so unmittelbar vom Bund mitfinanziert werden. Mit dem Modell von „bundesmitfinanzierten Universitäten“ würde die Rolle der Universitäten gestärkt werden, indem flächendeckend einzelne Institute oder ausgewählte Fachbereiche vom Bund dauerhaft ko-finanziert werden könnten. Mit dem zusätzlichen Geld bestünde zudem die Möglichkeit, auch die drängenden übergeordneten und herausragen-den Zukunftsfragen unserer Gesellschaft wirksamer und nachhaltiger an den Hochschulen mit zu bearbeiten. Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen könnten mit ihrer Expertise und Infrastruktur zur Schwerpunktbildung der Universitäten beitragen. Was mit der Exzellenzinitiative begonnen hat, würde hier fortgesetzt, die nächste Stufe von exzellenter Forschung und herausragender Lehre an unseren Universitäten könnte so erreicht werden. 

Falls dieser Lösungsweg jedoch nicht beschritten wird, wird die finanzielle Kluft zwischen unseren Hoch-schulen und unseren internationalen Mitstreitern in nächster Zukunft nicht geschlossen. Die großen Fragen an Wissenschaft und Forschung werden aber bleiben.

Öffentlichkeit und Politik fordern zunehmend, Forschungsschwerpunkte danach auszurichten, wie Lösungen für gesellschaftliche Problemfelder gefunden und bereitgestellt werden können. Ob Gesundheit und Medizin, Energie und Umwelt, Sicherheit und Kommunikation, Mobilität und Transport – in allen Lebensbereichen der Bürgerinnen und Bürger sind Forschung und Wissenschaft gefordert, Antworten auf drängende Fragen zu geben. Immer geht es darum, neben dem reinen Erkenntnisgewinn, die Lebensqualität der Menschen zu erhöhen. An diesem gesellschaftlichen Auftrag muss sich Forschungspolitik notwendiger-weise orientieren. 

Was bedeutet das für die außeruniversitären Forschungsorganisationen, wie die Helmholtz-Gemeinschaft? Wir müssen mit unseren Partnern in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik Wege finden, wie wir in Zeiten knapper werdender finanzieller Ressourcen unser FuE-System weiter entwickeln, optimieren und gegebenenfalls ausbauen können. 

 

IV 

Helmholtz-Gemeinschaft

Aus Sicht der Helmholtz-Gemeinschaft brauchen wir ein Wissenschaftssystem mit verlässlichen Strukturen, in denen die Themen und Inhalte von nationaler Bedeutung langfristig und zugleich dynamisch bearbeitet werden können. Dabei muss jede außeruniversitäre Forschungseinrichtung ihren spezifischen Weg gehen. Und damit bin ich bei einem zweiten Lösungsweg, unabhängig vom Lösungsweg „eins“, diesmal aus Sicht einer außeruniversitären Forschungsorganisation wie Helmholtz. 

Zu diesem Lösungsweg gehört, bestehende nationale und internationale strategische Partnerschaften aus-zubauen und weitere zu schaffen. Wir müssen aber noch einen Schritt weiter gehen. Verbindliche, institutionalisierte Kooperationen mit den Universitäten sind nach meinem Dafürhalten notwendig, um konzentriert an Lösungen für die übergeordneten Fragen arbeiten zu können. 

Die Dynamik von Fusionen nicht nur von Kompetenzen sondern auch von Institutionen brächte am Ende Wissen und Anwendungen und damit Wertschöpfung hervor, die Arbeitsplätze sichert und neue schafft. Für die Helmholtz-Gemeinschaft würde es heißen, mit ausgewählten Universitäten  Forschungsfelder von nationaler Bedeutung in neuer Dimension bearbeiten zu können – sowohl mit Blick auf quantitative als auch qualitative Effekte. Das enge Wechselspiel und Zusammenwirken von außeruniversitärer und universitärer Forschung würde der Forschung aber auch der Lehre und damit der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Bereichen wie z.B. Energie oder Gesundheit einen großen Schub geben. 

Für diesen Vorschlag können wir als Helmholtz-Gemeinschaft bewährte Ansätze aufgreifen. Erfolgreiche Strukturen wie beim KIT oder bei JARA  haben Maßstäbe gesetzt. Schließlich handelt es sich hierbei um gelungene Fusionen von Institutionen und Kompetenzen. Sie sind mit Geld von Bund und Land ausgestattet. Mit der geplanten strategischen Partnerschaft des MDC der Helmholtz-Gemeinschaft und der Charité als Universitätsklinikum, erproben wir ein drittes Modell. Anziehungskraft bei den Inhalten, Ähnlichkeit in Größe und Ausstattung, sind hierbei die entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass neben den genannten Modellen in den nächsten Jahren weitere Institutionen neuer Art in Partnerschaft zwischen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Universitäten entstehen werden: Eingebettet in ein reformiertes Gesamtsystem und mit diesem eng verbunden. 

Darauf sollten wir hinwirken und heute damit beginnen, jeder für sich – in Kooperation mit den anderen – für unser gemeinsames Wissenschaftssystem.

Daher bin ich der Schleyer-Stiftung und der Nixdorf-Stiftung sehr dankbar, dass sie dieses Thema auf Vorschlag vom Kollegen Huber und mir, aufgegriffen und dieses Symposium organisiert haben. Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.

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