Rede anlässlich der Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft 2013

Helmholtz – Forschen für den Wandel

Rede des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Prof. Dr. Jürgen Mlynek

Es gilt das gesprochene Wort. 

Sehr geehrte Frau Bundesministerin, liebe Frau Wanka, sehr geehrte Damen und Herren Minister und Staatssekretäre, Exzellenzen, Präsidenten, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Helmholtz-Gemeinschaft, meine sehr geehrten Damen und Herren,

als Präsident einer großen Forschungsorganisation hatte ich vor drei Wochen das Vergnügen, verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen in Kalifornien zu besuchen: Salk Institut, Scripps Institution of Oceonography, Berkeley, Stanford, "You name it"...

Meine Reise führte mich auch zum Stanford Linear Accelerator Center, dem National Accelerator Laboratory, kurz SLAC. SLAC ist die größte aktive Freie-Elektronen-Laser- Anlage der Welt. Rund 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen dort jedes Jahr. Ich traf dort Persis Drell, die ehemalige SLAC-Direktorin. Und was macht sie? Fängt an, von Helmholtz zu schwärmen, vom DESY, wo sie kürzlich mehrere Monate verbracht hat, und dass die "Beschleuniger-Welt" gespannt nach Hamburg schaut. Dass, wenn die Amerikaner nicht aufpassen, das Mekka der Röntgenphysik 2020 in Hamburg sein wird.

Und meine kalifornische Kollegin Persis Drell hat Recht: Es lohnt, einmal genauer in Hamburg hinzusehen. Was ist das Besondere dort, was macht sie aus, die Wissenschaftsregion an der Elbe?

Zunächst sicherlich: die Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen für die Forschung in Deutschland, nicht nur in Hamburg, sind zurzeit exzellent. Meine Überzeugung: Das deutsche Wissenschaftssystem war seit 1945 noch nie so international wettbewerbsfähig und attraktiv wie heute! Dann: die Partner. Die Forschungsthemen und die Kooperationsformen, die sie miteinander verbinden. In Hamburg sind diese Partner Helmholtz, Max-Planck, die Universitäten. Und schließlich: das Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY). Der Röntgen-Freie Elektronenlaser XFEL, der auf dem DESY-Gelände entsteht, wird weltweit einzigartig sein.

Jetzt sagt vielleicht mancher: Ist doch nur Zufall. Die haben eben Glück gehabt in Hamburg, dass sie national und international so gut da stehen.

Ich sage: Nein, diese Ballung an Exzellenz und Kompetenz ist kein Zufall, sondern hat System. Sie ist ein Ergebnis unserer Strategie. Man könnte auch sagen, DESY und die Kooperationen, die es ausmachen, sind "typisch Helmholtz". Wir leben das Motto: Groß denken, groß handeln. Dort, wo wir aktiv sind, wollen wir Wirkung erzeugen, national und international.

Dass die Ballung von Exzellenz und Kompetenz DAS Erfolgsrezept von Helmholtz ist, hat sich auch in der diesjährigen Begutachtung der Helmholtz-Forschungsaktivitäten, unserer programmorientierten Förderung, gezeigt, wo unsere Forschungsprogramme in den Bereichen Erde und Umwelt, Gesundheit sowie Luft-, Raumfahrt und Verkehr von internationalen Gutachtern unter die Lupe genommen wurden.

Ganz im Sinne eines "Heute sind wir gut, morgen sind wir besser!"

In der programmorientierten Förderung geht es vor allem um die Forschung von morgen: Helmholtz steht für die Grand Challenges. Die programmorientierte Förderung ist dazu da, die strategische Frage mit der Frage nach der Qualität zu verbinden. In einem Prozess, der womöglich strenger und konsequenter ist als in jeder anderen Forschungsorganisation.

Die Ergebnisse der Begutachtungen können sich sehen lassen. Die Amerikaner sagen: Passion is about what you do, pride is about what you deliver. Leidenschaft beschreibt, wie man Dinge tut, Stolz hat damit zu tun, was man an Ergebnissen abliefert.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Helmholtz-Gemeinschaft, die internationalen Gutachter haben Ihnen bescheinigt, dass Sie stolz auf Ihre Arbeit sein können, und dafür möchte ich Ihnen allen an dieser Stelle herzlich danken!

Die hohe Forschungsqualität bei Helmholtz ist aber auch ein Beleg dafür, wie Deutschland sich insgesamt entwickelt hat. Die Politik hat in den vergangenen Jahren eine klare Priorität auf Bildung, Wissenschaft und Forschung gesetzt. Dafür gebührt vor allem dem Bund, aber auch den Ländern unser Dank.

Spitzenforschung, meine Damen und Herren, beginnt natürlich nicht erst auf dem Level eines Senior Scientists. Sie ist auch die Folge von gezielter Nachwuchsförderung. Daher legen wir bei Helmholtz entscheidenden Wert darauf, dass wissenschaftliche Leistungen auf allen Karrierestufen honoriert werden. Es ist mir daher eine Freude, Ihnen heute Abend die Träger des diesjährigen Doktorandenpreises der sechs Forschungsbereiche vorzustellen:

Forschungsbereich Erde und Umwelt: Sebastian D. Rokitta (AWI); Forschungsbereich Gesundheit: Jan Krumsiek (HMGU); Forschungsbereich Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr: Anja Bauermeister (DLR); Forschungsbereich Schlüsseltechnologien: Lena Lore Hecht (KIT); Forschungsbereich Struktur der Materie: Stefan Ulf Pabst (DESY); Forschungsbereich Energie: David Fellhauer (KIT)

Doktoranden, und Helmholtz hat davon 6500 in seinen Zentren, sie sind das Rückgrat der Forschung. Wie heißt es doch: Ein Doktorand weiß etwas; ein Postdoktorand weiß, wo was steht; und ein Professor kennt jemanden, der weiß, wo es steht. Herzlichen Glückwunsch!

Meine sehr verehrten Damen und Herren: Sie kennen vielleicht den Spruch: "Zu viel Weihrauch verräuchert selbst den besten Heiligen." Etwas Selbstbeweihräucherung der eigenen Institution ist daher in einer Präsidentenrede unvermeidlich. Sie werden mir das hoffentlich nachsehen. Denn nicht nur die internationalen Gutachter waren angetan von unserer Arbeit.

Auch der Wissenschaftsrat hat unsere Rolle und unsere Strategie in seinem kürzlich erschienenen Papier "Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystem" ausdrücklich gelobt und bestätigt. Besonders lobte er den Grad und die Qualität der Kooperationen, die wir mit den Universitäten pflegen. Keine Frage: Die Universitäten sind unsere strategischen Partner Nr. 1!

Zum Beispiel: Uni Erlangen: Einweihung Helmholtz-Institut Erlangen-Nürnberg (FZJ, HZB), Materialforschung für erneuerbare Energien; Helmholtz-Institut Saarbrücken: Spatenstich für Neubau, Uni Saarbrücken, HZI, pharmazeutische Forschung; Oncoray Dresden: Einweihung Zentrum Strahlentherapie (TU Dresden, Uni-Medizin, HZDR, DKFZ)

Unsere Devise: Gemeinsam sind wir stärker - wir verfolgen das Prinzip einer Partnerschaft auf Augenhöhe, wie wir es in unserem Strategiepapier Helmholtz 2020 beschrieben haben, wir wollen Zukunftsgestaltung durch Partnerschaft. Dieses Prinzip von Helmholtz 2020 wird gelebt - wir liefern!

Der Wissenschaftsrat hat mit seiner Stellungnahme, in dem es natürlich nicht nur um Helmholtz geht, insgesamt wichtige Anhaltspunkte gegeben, wie das deutsche Wissenschaftssystem in Zukunft aussehen könnte. Es sind jedoch auch viele Fragen offen geblieben.

Wer deshalb auf den nächsten Aufschlag, den einen großen Wurf wartet, könnte womöglich lange warten. Ich halte es für sinnvoller, dass wir jetzt Schritt für Schritt vorgehen, den Rahmen künftiger Entwicklungen abstecken und Probleme abschichten.

Mit der Bundestagswahl stehen auch die Koalitionsverhandlungen an, und für die würde ich gern ein paar Denkanstöße geben - aus der Sicht von Helmholtz, aber eben nicht nur, da sich viele unserer Punkte mit denen meiner Kollegen aus Forschungsorganisationen und Universitäten decken.

1. Die nächste Bundesregierung sollte sich als erstes darauf verständigen, durch einen Zukunftsvertrag zwischen Bund und Ländern den Wissenschaftssektor nachhaltig zu fördern. 

Dazu bedarf es einer Festlegung des Gesamtplanungskorridors und dadurch Planungssicherheit und Entwicklungsspielraum für die deutsche Wissenschaft für mindestens 10 Jahre

Es geht darum, die zur Verfügung stehenden Mittel konkreten Zielen zu widmen. Das bedeutet

weitere Schwerpunktbildung auf der Basis der Erfolge der Exzellenzinitiative

Beendigung der Unterfinanzierung der Universitäten

Fortsetzung der Erfolgsgeschichte des außeruniversitären Sektors.

Ein Zukunftsvertrag muss darüber hinaus den Zukunftsinvestitionen Priorität geben durch eine jährliche Mittelsteigerung, die höher ist als die wissenschaftsbezogene Inflationsrate und höher als der durchschnittliche Haushaltszuwachs von Bund und Ländern respektive. Wünschenswert für uns: Der jährliche Aufwuchs von 5 Prozent sollte in einem Pakt III fortgeschrieben werden. Meine Damen und Herren, die Forderung nach mehr Geld ist wohlfeil, ich weiß das, aber wichtig ist, dass wir jetzt nicht nachlassen. Das gilt für Wissenschaft und Politik.

Und schließlich muss ein Zukunftsvertrag die längst überfällige Föderalismusreform zugunsten der Wissenschaft endlich Wirklichkeit werden lassen, das heißt, der Bund muss in die Lage versetzt werden, Universitäten auch institutionell zu unterstützen!

2. Der Zukunftsvertrag ist aber nur das eine. Die inhaltliche Ausrichtung ist das andere. Darum gilt: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems muss durch weitere Schwerpunktbildung und Profilschärfung ausgebaut werden.

Der damit verbundene Entwicklungsprozess muss verfolgt werden, etwa durch folgende Formate:

Profilstandorte: Durch die gezielte Förderung starker fachlicher Schwerpunkte bilden sich rund 20 Profiluniversitäten heraus, die eng mit einschlägigen außeruniversitären Partnern kooperieren.

Exzellenzregionen: An den etwa fünf Standorten in Deutschland, die in mehreren Wissenschaftsbereichen die Chance haben, international wettbewerbsfähig zu sein, sollten Exzellenzregionen entstehen, die vom Bund mitgefördert werden. Auch hier spielt die Kooperation zwischen Universitäten und Außeruniversitären eine tragende Rolle. Nur so werden wir internationale Sichtbarkeit erzielen!

3. Meine dritte Forderung nach Zukunftsvertrag und Profilbildung ist eine, die auch an die Wissenschaftsorganisationen selbst geht. Wir müssen Wissenschaft als Beruf attraktiv machen.

Dazu gehören geeignete Karriereperspektiven und Vergütungsstrukturen. Und: Insbesondere für Frauen müssen wir noch mehr Anreize schaffen, Wissenschaft als Beruf zu ergreifen.

4. Und schließlich: Wir müssen die Grundlagenforschung, strategisch-programmatische Forschung und angewandte Forschung als Pfeiler des Wissenschaftssystems gleichermaßen stärken und dürfen sie nicht gegeneinander ausspielen

Die Attraktivität des deutschen Forschungssystems rührt von seiner arbeitsteiligen Aufstellung her.

Lassen Sie mich zu diesen Erwartungen eines klarstellen: Wenn ich wir sage, meine ich auch uns, diejenigen, die Wissenschaft betreiben. Wir leben vom Vertrauen der Gesellschaft und Politik in unsere Arbeit, und wir leben vom Geld der Steuerzahler. Für beides müssen wir Rechenschaft ablegen!

Lassen Sie mich zum Schluss kommen. Das Motto unserer Jahrestagung lautet: "Helmholtz- Forschen für den Wandel". Wir nehmen dieses Motto ernst - dafür steht auch unsere Mission. Sie ist glasklar und hat sich bewährt:

Helmholtz steht für Spitzenforschung zu Themen von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Helmholtz steht für einzigartige Forschungsinfrastrukturen (Bsp. XFEL). Helmholtz steht für Strategiefähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Umsetzungsstärke.

Bei allem Selbstbewusstsein: Wir wissen aber auch, wir sind nicht allein! Helmholtz steht für Zukunftsgestaltung durch Partnerschaft! Ein Sprichwort sagt: "Was dem Schwarm nicht nützt, das nützt auch der einzelnen Biene nicht".

Darum lassen Sie uns zusammen an einem noch leistungsfähigeren Wissenschaftssystem arbeiten.

Lassen sie uns streiten über die innovativsten Lösungen, lassen sie uns wetteifern um die kreativsten Einfälle. Die großen Zukunftsfragen warten darauf, von uns beantwortet zu werden. Vom Klimawandel über die Energiewende bis zur demographischen Chance: Gemeinsam gestalten wir den Wandel. Helmholtz ist dazu bereit!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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