Rede anlässlich der Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft 2012

Helmholtz – langfristig forschen, nachhaltig wirken

Rede des Präsidenten, Prof. Dr. Jürgen Mlynek

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Sehr geehrte Frau Bundesministerin,
liebe Frau Schavan,
sehr geehrte Damen und Herren
Landesminister und Staatssekretäre,
Exzellenzen, Präsidenten,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Helmholtz-Gemeinschaft,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

lassen sie mich mit einigen anekdotischen Bemerkungen beginnen:
Als ich kürzlich an einer Tagung über allgemeine Wissenschaftsthemen im Silicon Valley in Kalifornien teilnahm, musste jeder Teilnehmer zu Beginn auf einem kleinen Fragebogen in wenigen Minuten drei Fragen beantworten, die hinterher mit Name und Foto ausgehängt wurden.

  1. Die erste Frage lautete: „Von was waren Sie in jüngster Zeit  völlig eingenommen, ja geradezu besessen?“
    Eine der Antworten war: „Mein Rücken!“ -  Ein offensichtlich etwas älterer Teilnehmer… Aber auch ernsthafte Themen wurden genannt, sehr häufig das Thema Science Education, also „Wissenschaftserziehung“.
  2. Die zweite Frage: „Welche Entdeckung kam Ihnen kürzlich wie Magie vor?“ Nun folgte eine große Spannbreite an Antworten – von „meine erste Liebe“ bis zum – wiederum sehr häufig genannten - Higgs-Teilchen.
  3. Die dritte Frage lautete: „Was ist Ihre Lieblingsfrage über das Leben schlechthin, das Universum und alles sonst?“
    Viele entschieden sich hier für die Frage: „Was ist Leben?“ bzw. „Sind wir allein im Universum?“

Warum erzähle ich Ihnen das und was haben diese Bemerkungen mit dem diesjährigen Motto unserer Jahrestagung „Langfristig forschen, nachhaltig wirken“ zu tun? Nebenbei bemerkt: Nachhaltigkeit ist ja auch das Thema des diesjährigen Wissenschaftsjahres.

Zum Begriff der Nachhaltigkeit gibt es mittlerweile eine ganze Definitionsvielfalt. Stark verkürzt kann man folgendes sagen: „Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise generiert werden kann“ und weiter] „Im ursprünglichen und übertragenen Wortsinn  (übrigens forstwirtschaftlichen Ursprungs) stammt das Wort vom Verb „nachhalten“,  mit der Bedeutung „längere Zeit andauern oder bleiben“ bzw. „längere Zeit anhaltende Wirkung“ entfalten. 

Nachhaltigkeit könnte man also als eine Strategie beschreiben, die Entwicklungen in Theorie- und Praxis zukunftsfähig und zukunftsfest macht. Wissenschaft und Forschung sind dabei essentielle Akteure und gleichzeitig handelnde Subjekte, um Nachhaltigkeit zu entwickeln und zu implementieren.

Ich will den sehr facettenreichen Begriff der Nachhaltigkeit in Verbindung mit Forschung heute in zweifacher Hinsicht beleuchten: Einerseits unter dem Aspekt „Forschen mit Nachhaltigkeit“ und andererseits „Forschen für Nachhaltigkeit“.

Forschen mit Nachhaltigkeit

Das Higgs-Teilchen und die Frage „Sind wir alleine im Universum“ bzw.  „Was und wo ist Leben?“ haben viel mit Forschen mit Nachhaltigkeit zu tun. Seit über 40 Jahren suchen die Teilchenphysiker fieberhaft nach dem Higgs-Teilchen. Wenn das am europäischen Forschungszentrum CERN beobachtete Teilchen tatsächlich das gesuchte Higgs-Teilchen ist, wäre dies die Krönung des sogenannten Standardmodells der Elementarteilchenphysik. 40 Jahre Suche, mit einem 3 Milliarden Euro teuren 27 Kilometer langen Ringbeschleuniger: das ist Forschen mit Nachhaltigkeit, mit langem Atem, mit einem großen Ziel.
Eigentlich war das Higgs-Teilchen heute gar nicht im Programm vorgesehen.  Aus aktuellem Anlass haben wir aber entschieden: Higgs muss heute auf die Bühne – zumal die Arbeiten am CERN stark von Helmholtz mitgetragen werden. Dafür wird die heutige Veranstaltung etwas länger als ursprünglich geplant, aber hoffentlich umso spannender!

Auch das Thema „Sind wir alleine im Universum?“ steht für Forschen mit Nachhaltigkeit: Stichwort „Curiosity“. Vor wenigen Wochen  ist der 2,5 Milliarden Dollar teure Marsrover „Curiosity“ (Neugier) nach einer Reise von achteinhalb Monaten und einer Strecke von 570 Millionen Kilometern sicher und sanft auf dem roten Planten Mars gelandet. Die Bild-Zeitung titelte: „Expedition Curiosity soll endlich den Beweis bringen: Dramatische Suche nach Leben auf dem Mars.“ Eine phantastische Ingenieurs- und Managementleistung!  Seit 1960 hat es mehr als 40 Versuche gegeben, den Mars mit einer Raumsonde zu erreichen, mit unterschiedlichen Erfolgen. Curiosity ist der Höhepunkt  mehr als 50jähriger  intensivster Forschung und Entwicklung, mit großer Forschungsinfrastruktur und ständig weiterentwickelten modernsten Technologien. Auch Deutschland ist an diesem NASA-Projekt beteiligt, durch Aktivitäten unseres Helmholtz-Zentrums DLR, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt über ein neuartiges Strahlungsmessgerät (RAD) an Bord von Curiosity.

Mein Fazit:

Forschen mit Nachhaltigkeit ist zum einen die Voraussetzung zum Erreichen großer Ziele, durchaus im Helmholtz-Sinne des „Groß denken, groß handeln“. Denn die Bearbeitung anspruchsvoller wissenschaftlicher Fragestellungen gelingt vielfach nur durch den Einsatz von großen und komplexen Forschungsinfrastrukturen. Von der ersten Idee bis zur Planung, über den Bau bis zum Betriebsbeginn internationaler Forschungsanlagen wie der Facility for Antiproton and Ion Research (FAIR) in Darmstadt, und dem Röntgenlaser  XFEL in Hamburg, an denen Helmholtz maßgeblich beteiligt ist, vergehen oft Jahrzehnte bis die wissenschaftliche Ernte eingeholt werden kann.

Forschen mit Nachhaltigkeit ist aber auch zum anderen die Basis für neuen Erkenntnisgewinn, neue Technologien und Innovationen schlechthin. Und dazu bedarf es geeigneter Rahmenbedingungen. Diese haben sich für Spitzenforschung in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert. Mit dem von Ihnen, Frau Ministerin, initiierten Wissenschaftsfreiheitsgesetz, auf das Sie sicherlich in Ihrer Rede näher eingehen werden, ist ein weiterer entscheidender Schritt zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit getan. Sie haben dieses Gesetz gegen manche Widerstände auf den Weg gebracht, letztlich mit großem Erfolg: auch dafür sind wir Ihnen dankbar! Wir wünschen uns, dass Ihnen ein gleicher Erfolg bei der von Ihnen angestrebten Änderung des Artikels §91b des Grundgesetzes gelingt.

Zur Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftsstandorts hat auch entscheidend das von Ihnen, Frau Ministerin Schavan, geschnürte Paket der Pakte beigetragen. Der Pakt für Forschung und Innovation mit einem jährlichen 5% Aufwuchs für die großen Forschungsorganisationen über 5 Jahre, also auch für Helmholtz,  die Exzellenzinitiative zur Förderung der universitären Forschung bis 2017 und schließlich der Hochschulpakt zur Schaffung neuer Studienplätze suchen in dieser Kombination weltweit ihresgleichen.

Das Paket der Pakte braucht Kontinuität. Dies gilt auch für den Pakt für Forschung und Innovation, der uns nachhaltig betrifft. Wir vertrauen darauf, dass er nach 2015 von Bund und Ländern fortgeschrieben wird, erneut mit 5% Aufwuchs, trotz Schuldenbremse, Finanz- und Eurokrise. Dass Deutschland heute wirtschaftlich so gut dasteht ist auch eine Folge unserer Innovationskraft: die Grundlage dafür wiederum ist unsere Leistungsstärke im Bereich Forschung und Entwicklung!

Forschen für Nachhaltigkeit

Kommen wir nun zur Forschung für Nachhaltigkeit. Dazu gehören die großen Herausforderungen der Gegenwart: Wie sichern wir unsere Energieversorgung, wie können wir die Ressourcen des Planeten Erde wie Wasser und Rohstoffe nachhaltiger nutzen und wie gewährleisten wir in einer alternden Gesellschaft Gesundheit und Lebensqualität? Auf einige dieser Fragen werden wir gleich in unseren Science Talks zurückkommen.

Ich möchte an dieser Stelle kurz auf das Thema Energie eingehen. Was ist nach einem Jahr Energiewende passiert? Nach Jahren der Klimadebatte beherrscht jetzt das Energiethema die Schlagzeilen mit teilweise sehr kritischen Stimmen zum Fortschritt der Energiewende.

Worum geht es? Unter der Energiewende ist das Energiekonzept der Bundesregierung von 2010 einschließlich dessen Modifikation nach Fukushima in 2011 zu verstehen. Es beinhaltet höchst ambitionierte Ziele eines deutschen Sonderweges. Lassen sie mich dabei eines klarstellen: die Energiewende ist Ausdruck des Primats der Politik. Sie ist in einem demokratisch legitimierten politischen Prozess von Bundesregierung und Bundestag beschlossen worden. Es geht daher bei der gegenwärtigen politischen Beschlusslage nur noch um das „Wie?“, also die Umsetzung. Ich will hier nicht über die Wirkungszusammenhänge in der Beziehung von Staat und Markt sprechen, nicht über neue Stromtrassen oder Änderungen des Erneuerbaren Energiegesetzes. Mir geht es um den Beitrag von Forschung und Entwicklung im Sinne nachhaltigen Agierens. Jeder muss hier seinen Beitrag leisten gemäß des Kästner`schen Mottos „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“.

Was hat Helmholtz seit dem Beschluss zur Energiewende unternommen?
Der rasche Umbau der Energieversorgung erfordert neue Lösungen für Netze und Zwischenspeicher sowie Effizienzsteigerungen in allen Technologien. Die Energieforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft adressiert diese Aufgaben. Wir haben bis 2014 durch prioritäre Maßnahmen in einer erheblichen Kraftanstrengung zusätzlich 135 Mio. Euro aus unseren laufenden Haushalten vorgesehen, um Forschungslücken zu schließen, Kompetenzen auszubauen und zu bündeln und die Energiewende voranzutreiben. Insbesondere die Forschung an Energiespeicherung und -transport, aber auch an Erneuerbaren Energien sowie Effizienzsteigerungen wurde und wird von uns deutlich verstärkt, übrigens in enger Kooperation mit unseren universitären Partnern.
Diese gezielte Stärkung unserer Energieforschung wird insbesondere durch den jährlichen Aufwuchs unseres Budgets im Rahmen des schon genannten Pakts für Forschung und Innovation möglich. Ich erwähne dies, um Ihnen, sehr verehrte Frau Ministerin, deutlich zu machen, dass wir unseren Mittelaufwuchs sehr zielorientiert nutzen, um im Sinne unserer Mission auch forschungspolitische Ziele konsequent zu verfolgen. Die Botschaft ist: Helmholtz liefert!

Auch andere Wissenschaftsorganisationen und die Wirtschaft mobilisieren  zusätzlich Forschungs- und Entwicklungsmittel für das Energiethema.
Dennoch stellt sich die Frage: Reicht das?

Ich habe bereits vor der Energiewende für zusätzliche Anstrengungen der öffentlichen Hand für die Energieforschung geworben. Ich tue dies erneut heute, auch im Hinblick auf die Bundestagswahl in einem Jahr: Parteiprogramme werden jetzt geschrieben und mögliche Koalitionsvereinbarungen bereits jetzt durchgespielt. Worum geht es?

Wir geben in Deutschland im Moment jährlich rund 800 Mio. Euro öffentliche Mittel für die Energieforschung aus. Zu Ihrer aller Erinnerung: vor genau 30 Jahren, also 1982, als unser Energiesystem eine Transformation zu einer neuen Technologie, der Kernenergie, durchlief, war es drei Mal so viel, bei einer Gesamtdauer des Transformationsprozesses von rund 20 Jahren. <media 24075 - download "Leitet Herunterladen der Datei ein">Die gezeigte Graphik ist übrigens auch als Matterhorn-Kurve bekannt. </media>

Hinzu kommt die Verteilung der Zuständigkeiten des Energiethemas auf viel zu viele Ministerien auf Bundes- und Landesebene, mit entsprechenden Abstimmungsproblemen durch Ressortegoismen.

Ich bin der Meinung:

  1. Wir brauchen zum einen mindestens eine Verdopplung der Forschungs- und Entwicklungsmittel in den nächsten 10 Jahren bis 2022, dem Jahr des Kernenergieausstiegs. Unsere momentane Transformation des Energiesystems zu neuen Technologien der Erneuerbaren Energien ist nur mit mehr Forschung und Entwicklung zu meistern. Eine solche Initiative hätte den Umfang eines „Man on the Moon-Projekts“ für Deutschland. Es wäre auch ein Aufbruchssignal für die vielbeschworene „Green Economy“.
  2. Und wir brauchen zum anderen eine bessere Ressortabstimmung beim Energiethema, auch in der Forschung. Naturgemäß bietet sich hier das Forschungsministerium für eine Koordination an. Man könnte aber auch über die Einrichtung einer Förderagentur für Energieforschung nachdenken, und so ressortübergreifend Zuständigkeiten und Finanzmittel stärker in eine Hand legen! Auch hier käme dem Forschungsministerium eine zentrale Rolle zu.

Die Energiewende muss gelingen, und zwar nachhaltig. Die Lösung des Energieproblems ist aus meiner Sicht für Deutschland die größte Herausforderung der nächsten Jahrzehnte. Forschung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Ohne eine nachhaltige und weitestgehend autonome Energieversorgung auf der Basis modernster Technologien mit dem Anspruch deutscher Marktführerschaft können wir einpacken.

Helmholtz 2020

Lassen Sie mich zum Schluss, meine Damen und Herren, noch auf den Aspekt der strukturellen Rahmenbedingungen eingehen. Der Wissenschaftsrat hat auf Bitte der Politik im Frühjahr dieses Jahres eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die eine „Perspektive der deutschen Wissenschaft 2020“ entwerfen und im April 2013 vorstellen will. Dazu hat der Wissenschaftsrat Stellungnahmen aller Wissenschaftsorganisationen erbeten. Natürlich haben auch wir unsere Hausaufgaben dazu gemacht.

Die Helmholtz-Gemeinschaft hat gestern auf ihrer Mitgliederversammlung ein Konzept „Helmholtz 2020 – Zukunftsgestaltung durch Partnerschaft“ verabschiedet, in dem wir unsere Vorschläge zur Weiterentwicklung des Wissenschaftsstandorts Deutschland formuliert haben. Es steht ab sofort im Netz.

„Helmholtz 2020“  besteht im Kern aus folgenden Komponenten:

  1. Fokussierung der Forschung auf die drängenden Zukunftsfragen der Gesellschaft – dafür steht Helmholtz heute und morgen!
  2. Umsetzung der großen Forschungsinfrastrukturmaßnahmen als Voraussetzung zur Erreichung der Forschungsziele.
  3. Weiterentwicklung der Kooperationsformen, insbesondere mit den Universitäten.
    Einerseits institutionell wie beim Karlsruher Institut für Technologie oder bei unseren aktuellen Projekten, der Etablierung eines Exzellenz-Zentrums für die Biomedizin in Berlin zwischen dem Max-Delbrück-Centrum von Helmholtz und der Charité als Universitätsmedizin Berlin.
    Zum anderen über Netzwerke mit der Integration einer Helmholtz-Projektförderaktivität. Darunter fallen z.B. die Helmholtz-Allianzen, die große Verbünde aus Hochschulen, Helmholtz-Zentren und andere außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zusammenbringen und die so eine kritische Masse zur Bearbeitung strategischer Forschungsthemen bilden.
  4. Gewinnen und Halten der talentiertesten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Kurzum: Wir sind bereit, die Weiterentwicklung des deutschen Wissenschaftssystems strategisch mitzugestalten, nationale Interessen zu bündeln und auch international auf strategisch wichtigen Gebieten eine führende Rolle einzunehmen.

Helmholtz 2020 hat den Untertitel: Zukunftsgestaltung durch Partnerschaft. Wir verstehen unser Konzept als Angebot der Helmholtz-Gemeinschaft an die Partnerorganisationen, allen voran die Universitäten, an die Parlamente und die Zuwendungsgeber, sprich BMBF, BMWi, die anderen Bundesministerien  und die Länderministerien. Wir wissen auch, dass Helmholtz 2020 teilweise kontrovers diskutiert werden wird, aber ein einfaches „weiter so“ bzw. ein Sichern des Erreichten war noch nie die Strategie von Helmholtz – wir wollen die Zukunft gestalten – gemeinsam mit unseren Partnern.

In diesem Sinne wünsche ich uns Allen noch einen interessanten Abend mit vielen Anregungen und guten Gesprächen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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