Krebs

"Ich bin überzeugt davon, dass eine bessere Früherkennung und spezifischere Therapieformen die Krebssterblichkeit weiter sinken lassen werden."
Dirk Jäger, NCT

Für 2018 rechnen Experten mit fast einer halben Millionen neuer Krebsfälle in Deutschland.  Die Wahrscheinlichkeit, an einer Krebserkrankung zu sterben, ist allerdings deutlich gesunken. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten erwarten die Forscher weitere Fortschritte. Auch Dank neuer Therapieansätze wie der Immuntherapie.

Die Zahl der Krebserkrankungen nimmt wegen der steigenden Lebenserwartung immer mehr zu. Doch dank vieler Verbesserungen in der Vorsorge, Früherkennung und Therapie sinkt die Krebssterblichkeit seit Jahren. Ein Überblick.

Vor keiner Krankheit fürchten sich die Deutschen mehr als vor Krebs. Die Diagnose ist immer ein Schock - und das ist verständlich: Eine Krebserkrankung hat für viele Patienten ernste Folgen: eine Operation, eine Strahlen- oder Chemotherapie zum Beispiel. Bedingt durch die zunehmende Lebenserwartung steigt die Zahl der Krebsneuerkrankungen und liegt derzeit in Deutschland bei knapp einer halben Million im Jahr. Doch berücksichtigt man, dass die Menschen heute im Durchschnitt viel älter als noch vor 20 Jahren werden, so geht die Krebssterblichkeit in Deutschland zurück, und auch die Lebenserwartung Betroffener steigt deutlich. Vor 1980 starben mehr als zwei Drittel aller Krebspatienten an ihrer Krebserkrankung. Heute kann mehr als die Hälfte auf dauerhafte Heilung hoffen.

Fortschritte bei Früherkennung und Therapie

Entscheidend ist noch immer, wann die Diagnose gestellt wird. In einem frühen Stadium, vor allem vor dem Zeitpunkt, an dem der Krebs Tochtergewulste (Metastasen) gebildet hat, lässt sich ein Tumor oft gut behandeln. Gerade bei der Früherkennung gab es viele Fortschritte in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Die Methoden wurden verbessert und immer mehr Menschen gehen zu den Vorsorge-Untersuchungen. Hier gibt es allerdings immer noch viel Potenzial: Zahlreiche Todesfälle ließen sich vermeiden, wenn die Angebote, insbesondere bei den häufigen Krebsarten Darm- und Brustkrebs konsequenter genutzt würden.

"Viele Tumore sind schwer tastbar und machen erst spät Beschwerden. Sie sind oft nur durch hochauflösende bildgebende Verfahren zu finden", sagt Dirk Jäger, Geschäftsführender Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg. Ohne spezifische Symptome allerdings würde kein Arzt zum Beispiel die Lunge mit einer hochauflösenden Computertomographie untersuchen. Ein großer Schritt wäre es, wenn es gelänge, diese Früherkennung mit einfachen Bluttests zuverlässig durchzuführen. Die bisher entwickelten Tests sind allerdings noch zu ungenau und produzieren eine hohe Zahl falsch-positiver Befunde. Mit Folgen für die Betroffenen, die unnötig verunsichert werden und eine Reihe von Anschlussuntersuchungen über sich ergehen lassen müssen.

Ein Teil der gesunkenen Sterblichkeit geht also auf das Konto von besserer und konsequenterer Früherkennung. Doch auch die Therapie hat sich deutlich weiterentwickelt. Operation, Bestrahlung und Chemotherapie sind noch immer die drei Grundpfeiler der Krebstherapie. Die neuen Chemotherapeutika wirken aber spezifischer und haben weniger Nebenwirkungen. Auch im Bereich der Strahlentherapie gibt es große Fortschritte dank neuer technischer Entwicklungen. Vor allem aber ist die Krebstherapie spezifischer geworden. Lungenkrebs beispielsweise wird heute in bis zu zehn unterschiedliche Klassen unterteilt, die mit alle unterschiedlich behandelt werden. "Ich bin überzeugt davon, dass eine bessere Früherkennung und spezifischere Therapieformen die Krebssterblichkeit weiter sinken lassen werden. Damit wird sich die Gesamtprognose für die Erkrankten deutlich verbessern", sagt Jäger.

Immuntherapie: gezielte Angriffe auf Krebszellen

Die wohl vielversprechendste Therapie ist für Jäger die Immuntherapie. "Nichts hat so viel Power und Spezifität wie unser Immunsystem. Wir müssen nutzen, dass sich unser körpereigenes Immunsystem gegen den Tumor wenden kann", sagt er. Unsere Körperabwehr erkennt entartete Zellen und kann sie eliminieren. Doch die Krebszellen tricksen das Immunsystem immer wieder aus. Eine Schlüsselrolle spielen dabei sogenannte Immun-Checkpoints. Das sind Signalstellen, die bei einer Infektion dafür sorgen, dass die natürliche Immunreaktion auch wieder beendet wird. Das wiederum ist wichtig, um Autoimmunerkrankungen zu verhindern. Es nutzt aber auch Krebszellen, dem Immunsystem mithilfe dieser Checkpoints signalisieren, sie nicht anzugreifen. Sogenannte Checkpoint-Inhibitoren heben diese "Bremse" des Immunsystems auf. Zugelassen sind diese Medikamente allerdings bisher nur bei Patienten mit weit fortgeschrittenen Krebserkrankungen. Bei einigen Patienten wirken die Checkpoint-Inhibitoren gar nicht. Woran das liegt, wissen die Forscher noch nicht.

Ein anderer Ansatz ist die sogenannte adoptive T-Zell-Therapie. Diese Abwehrzellen erkennen bei einer normalen Immunantwort molekulare Strukturen (Antigene) von Eindringlingen oder auch entarteten Zellen und eliminieren sie. Auch hier ist das Problem, dass es Krebszellen gelingt, sich vor dieser Abwehr zu verstecken. Die Forscher wollen den Immunzellen die Fähigkeit verleihen, die Krebszellen im Körper als fremd zu erkennen und sie auszuschalten. Sie entnehmen den Patienten T-Zellen und verändern sie im Reagenzglas so, dass sie spezifisch Krebszellen erkennen. Anschließend werden die veränderten Zellen zurück in den Körper gegeben, wo sie die Krebszellen gezielt angreifen können. In Pilotstudien gab es deutliche Erfolge bei Patienten mit Leukämie und Lymphomen. Vom klinischen Alltag ist diese Therapie aber noch weit entfernt. Der Haken ist, dass die Nebenwirkungen extrem ausfallen können. Und: Die Methode ist sehr aufwändig und damit teuer. Große Hoffnungen setzen die Forscher in die Kombination von Immuntherapie und anderen Verfahren, wie die Bestrahlung des Tumors.

Krebstherapie der Zukunft: Individuelle Therapie aus dem Computer

Vielfach ist eine Heilung bei fortgeschrittenen Erkrankungen nicht mehr möglich. "Bei Krebserkrankungen können 10 bis 20 Jahre zwischen den Anfängen und den ersten Symptomen vergehen", meint Jäger. In vielen Fällen steht Heilung heute nicht an erster Stelle. Ärzte setzen heute vermehrt darauf, fortgeschrittene in chronische Erkrankungen umzuwandeln, um den Patienten über viele Jahre lang in einer stabilen Situation zu halten.

Im Kampf gegen den Krebs liegt also noch ein langer Weg vor uns. Doch wo wird die Wissenschaft in 20 Jahren stehen? Für Dirk Jäger ist das ganz klar: "In 20 Jahren wird es auf Basis einer sehr detaillierten molekularen und immunologischen Diagnostik eine Computersimulation eines jeden Tumors geben. Das ermöglicht uns, jede mögliche Therapieoption am Computer durchzuspielen." Es wird also für jeden eine speziell designte Therapie geben. Schon heute wird daran geforscht.Mit dem Wort "Heilung" möchte Jäger dennoch vorsichtig sein. Auch andere Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Rheuma sind nicht heilbar. "Wir können damit aber gut umgehen, sie gut behandeln und den Patienten ein weitgehend beschwerdefreies Leben ermöglichen. Und das ist auch unser Ziel in der Onkologie", sagt Jäger.

Weitere Infos:

Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) kooperieren Forscher und Ärzte an acht Standorten in Deutschland, um Ansätze der Krebsforschung schneller in die klinische Praxis zu bringen. Mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) als Kernzentrum kooperieren mehr als 20 akademische Forschungseinrichtungen und Universitätskliniken an sieben Partnerstandorten.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg ist ein Zentrum der Helmholtz-Gemeinschaft. Weitere Informationen über die Krebsforschung des Zentrums finden Sie auf deren Internetpräsenz.

Der Krebsinformationsdienst ist ein Angebot des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und dient als Anlaufstelle für Krebspatienten, ihre Familien und Freunde sowie für alle Ratsuchenden rund ums Thema Krebs. Wissen und Hilfe bei der Krankheitsbewältigung wird online oder telefonisch bereit gestellt.

Telefonische Beratung: 0800 - 420 30 40 (kostenlos, täglich von 8-20 Uhr)

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