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Wissenschaft und Gesellschaft

Interview

Wie viel Wissenschaft passt in 140 Zeichen?

Wie viel Wissenschaft passt in 140 Zeichen?
Bild: Julien Eichinger - Fotolia
Immer mehr Wissenschaftler teilen ihre Ergebnisse auf Twitter und nutzen die Rückmeldungen der Leser, um ihre Arbeiten noch vor der Veröffentlichung anzupassen. Kritiker dieser „neuen“ Kommunikationsform befürchten jedoch Ideenklau. Isabella Peters, Professorin für Web Science, erzählt im Interview, welchen Mehrwert Science 2.0 dennoch hat.

Was ist mit dem Begriff Science 2.0 gemeint?
Science 2.0 bedeutet, dass Wissenschaft in und mit Social Media stattfindet, dass ein Wissenschaftler nicht nur traditionell in Fachzeitschriften publiziert, sondern auch die sozialen Medien nutzt. Indem er etwa über Twitter auf seine Arbeiten hinweist, Ergebnisse präsentiert oder Fragen stellt.

…und eine dreijährige Studie auf 140 Zeichen eindampft?
Für ausführlichere Darstellungen sind natürlich Blogs das eindeutig bessere Medium. Eng mit Science 2.0 verbunden ist der Begriff Open Science. Dabei geht es darum, alle Stufen des wissenschaftlichen Arbeitens über soziale Medien offenzulegen.

Und wie stelle ich das an?
Über die sozialen Netzwerke hat man viel mehr Zugangsmöglichkeiten zu Experten und hat auch mehr Möglichkeiten, sich zu präsentieren. Nicht nur das Endergebnis, sondern jeden Schritt von der Datensammlung bis zu Laborberichten. Diese Schritte kann ich etwa über Twitter kommunizieren. Diese transparente Form der Wissenschaft hat den Vorteil, dass ich meine Arbeit noch vor der Fertigstellung durch die Rückmeldungen der Leser verbessern kann. Nicht erst, nachdem ich sie abgegeben habe und der Gutachter sie beurteilt hat.

Gibt es noch weitere Vorteile?
Sie haben eine enorm große Sichtbarkeit und werden auch häufiger zitiert. Aber noch zählt das nicht im Wissenschaftssystem. Sie müssen weiterhin Ihre Lorbeeren über die Veröffentlichung eines Artikels in einer anerkannten Fachzeitschrift verdienen.

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Isabella Peters ist Professorin für Web Science am <a external="1" target="_blank" href="http://www.zbw.eu/de/"> ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft</a> in Kiel. Foto: ZBW

Aber muss ich nicht befürchten, dass mir jemand Ideen oder Ergebnisse klaut, wenn ich vorab so viel von meiner Arbeit preisgebe?
Das ist eine große Angst und die größte Barriere, sich an Open Science oder Science 2.0 zu beteiligen. Aber auch eine ideologische Frage: Entweder man ist für die transparente Wissenschaft zu haben und macht alles begeistert mit oder eben nicht.

Ist der Grad der Offenheit für Science 2.0 eine Altersfrage?
Überhaupt nicht. Es ist nicht so, dass vor allem junge Wissenschaftler mitmachten und die älteren die Finger davon ließen. Es gibt Zweifler und Begeisterte auf allen Karriereebenen und in jeder Altersgruppe. Es ist allerdings etwas leichter, auf das traditionelle Publikationsverhalten in den Fachzeitschriften zu verzichten und den völlig offenen Weg zu gehen, wenn man seine Lebenszeitprofessur bereits hat.

Macht Science 2.0 die Fachzeitschriften eines Tages überflüssig?
Die typische, traditionelle Form der Ergebniszusammenfassung wird es weiter geben. Ob sie in einem Journal stattfinden muss, ist die andere Frage. Noch ist das vielen Berufungskommissionen sehr wichtig. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass es eines Tages genügt, seine Ergebnisse in einem Repository zu veröffentlichen, also auf einem Dokumentenserver. Allerdings leisten die Verlage eine Art Informationsauswahl und Qualitätssicherung, was viele Akteure im Wissenschaftsbetrieb durchaus zu schätzen wissen. Die völlig offene Form des Publizierens überfordert viele.

Die Geisteswissenschaften sind in der Nutzung von Science 2.0 viel zurückhaltender als etwa Natur-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Wie kommt das?
Naturwissenschaftler sind mehr daran gewöhnt, in großen Teams zu arbeiten, Daten zu teilen, Labortagebücher zu führen. In bestimmten Bereichen, etwa in der Astronomie, passieren Dinge, für die sich auch Teile der Gesellschaft interessieren, sodass es zu einem Austausch zwischen Wissenschaftler und Laien kommt. Bei den Geisteswissenschaften herrscht noch immer die Idee „Das Genie sitzt alleine im Zimmer und tüftelt etwas aus“ vor. Trotzdem bieten sich gerade für die Geisteswissenschaften Publikationsformen wie Blogs an. Ich kann mir vorstellen, dass auch Geisteswissenschaftler begeisterte Scientists 2.0 werden, wenn sie erstmal den Mehrwert einer großen Öffentlichkeit erkennen.

Die DFG und die EU beispielsweise fordern, Open Science deutlich zu forcieren…
Die Idee dahinter ist, dass alles, wofür öffentliche Fördermittel verwendet wurden, auch der Gesellschaft zur Verfügung stehen, also frei zugänglich sein soll.

Was heißt „frei zugänglich“ genau? Es steht irgendwo auf einer Internetseite? Auf einer wissenschaftlichen Plattform? Oder auf einer besonders populären?
Es ist frei zugänglich, wenn eine Suchmaschine es auffindet und es nicht hinter einer Paywall steht und keine kostenpflichtige Registrierung nötig ist. Sie suchen danach und klicken drauf und bekommen dann den Artikel.

Es sind auch Risiken mit den neuen Plattformen verbunden: Wenn man bei Dropbox personenbezogene Daten hinterlegt, ist das nach deutschem Datenschutzrecht nicht zulässig, auch Facebook ist datenschutzrechtlich umstritten…
Wenn die Server dieser Dienste im Ausland stehen und darum unter nichteuropäisches Recht fallen, ist das problematisch für personenbezogene Daten. Die meisten Wissenschaftler machen sich überhaupt keine Gedanken dazu oder ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, etwa wenn sie mit Kollegen in den USA zusammenarbeiten und die eben ein Dokument bei Dropbox ablegen. Aber es muss einem etwa als Twitternutzer klar sein, das Twitter mit allem, was man dort schreibt, machen kann was es will.

Sie haben eine Erhebung für den Bereich Biomedizin gemacht; danach hatten von 1,4 Millionen Artikeln im sogenannten Web of Science 9,4 Prozent eine Erwähnung bei Twitter…
In 63 Prozent der Fälle einmalig, aber durchschnittlich wurde jeder Artikel 2,5 mal getweetet. Dafür, dass Twitter kein Tool ist, das speziell für die Wissenschaft gemacht wurde, ist das recht viel. Für Artikel, die traditionell veröffentlicht werden, ist es schwer, zweieinhalb Zitate zu erreichen. Auch bei Twitter gilt die alte Regel: 20 Prozent der Artikel sind für 80 Prozent der Zitate gut. Die Renner sind Artikel, die lustige Titel haben, die sich mit Penisbruch bei Stress oder anderen originellen Themen beschäftigen.

Aber wie viel Wissenschaft passt in 140 Zeichen?

Nehmen Sie die Formel E=mc2, da ist in fünf Zeichen alles gesagt. Aber die Frage ist in der Tat: Ab wann kann man von einem wissenschaftlichen Ergebnis sprechen? Mache ich aus meiner dreijährigen Forschungsarbeit ein Buch oder lieber zehn Paper und verlängere so meine Publikationsliste, was vorteilhafter in Berufungsverhandlungen ist? Oder mache ich 50 Tweets draus? Es gibt diesen Trend zur Salamitaktik, zur kleinst-möglichen publizierbaren Einheit, der in weiten Teilen der Wissenschaft stark kritisiert wird.

Auch vor Ausrufung von Science 2.0 konnten wir uns nicht über einen Mangel an wissenschaftlichen Erkenntnissen beklagen – ist Open Science da nicht einfach eine neue Art der Verpackung?
Je leichter Artikel zugänglich sind, desto häufiger werden sie zitiert und die Verbreitung der wissenschaftlichen Ergebnisse wird so besser nachvollziehbar. Und die Zitationsrate ist gestiegen, das steht fest. Ob Open Science eine bessere Wissenschaft ist, ist noch nicht empirisch bewiesen. Das ist mehr ein Gefühl.

22.04.2015, Interview: Thomas Röbke

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01.06.2016

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