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Wissenschaft und Gesellschaft

Bürgerwissenschaften

„Die Bringschuld liegt bei der Wissenschaft“

„Die Bringschuld liegt bei der Wissenschaft“
Photo: Christin Liedtke
Was spricht für die Beteiligung von Bürgern bei wissenschaftlichen Projekten? Wo sind die Grenzen? Und warum sind nicht alle Wissenschaftler von dem Trend begeistert? In Berlin diskutierten Befürworter und Kritiker von Citizen Science.

Podiumsdiskussion: Christiane Grefe, Redakteurin, Die Zeit; Josef Settele, Agrarbiologe und Ökologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ; Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften; Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin.

Citizen Science ist im Trend wie nie zuvor. Bürgerwissenschaftler zählen bedrohte Pflanzen und Tiere, arbeiten regionale Geschichte auf und messen die Lichtverschmutzung per Smartphone. Was spricht für die Bürgerbeteiligung bei wissenschaftlichen Projekten, und warum sind nicht alle Wissenschaftler von dem Trend begeistert?

Johannes Vogel ist fest davon überzeugt, dass die Beteiligung von Bürgern zu einem neuen Wissenschaftsverständis beiträgt. Der Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin gilt als einer der engagiertesten Befürworter der Bürgerwissenschaft in Deutschland. Gleich zu Beginn der Veranstaltung verdeutlichte er in einem Impulsvortrag die Chancen dieser Bewegung anhand eines großen Irrtums in der Geschichte der Botanik: In Großbritannien gilt die englische Glockenblume als eine Art floristisches Nationalheiligtum, das jedoch in Konkurrenz zur eingewanderten spanischen Glockenblume steht. Niemand wusste genau, welche der beiden Pflanzen weiter verbreitet war. Vor einigen Jahren wurden deshalb tausende Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, anhand von klaren, durch Experten definierten Merkmalen zu bestimmen, ob es sich bei gesichteten Glockenblumen um englische, spanische oder eine Mischung aus beiden handelt. Das Ergebnis verblüffte die Wissenschaftler, denn die fleißigen Bürger fanden in ganz Britannien fast nur die hybride Art. Es war ein Ergebnis, das nicht stimmen konnte. Der Fehler lag allerdings nicht etwa bei den Laien, sondern bei den Botanikern, die Jahre zuvor falsche Merkmale zur Bestimmung der Glockenblume festgelegt hatten.

In einem waren sich die Diskutanten auf dem Podium anschließend einig: Citizen Science bietet eine bisher nie dagewesene Möglichkeit, die Gesellschaft für wissenschaftliche Themen zu sensibilisieren. Vogel betonte , dass es die Aufgabe eines jeden Wissenschaftlers sei, mit der Gesellschaft in Dialog zu treten: "Die Bringschuld liegt hier bei der Wissenschaft." Wie dieser Dialog konkret aussehen kann, zeigte Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ. Der Agrarbiologe und Ökologe hat mit dem Tagfalter-Monitoring selbst ein Citizen Science Projekt ins Leben gerufen. Menschen, die Schmetterlinge beobachten, gibt es viele, nur gehen sie hierbei meist nach ihren eigenen Regeln und Vorstellungen vor. Mit dem Tagfalter-Monitoring, so Settele, habe man die Forschung der Bürger steuern wollen. Sein Projekt zeigt, dass Bürgerbeteiligung gerade in den Naturwissenschaften angesagt ist. Für eine funktionierende Citizen Science müsse man sich aber von den institutionellen Rahmenbedingung der Forschung verabschieden und offen für ganz neue Formate sein, so Settele.

Solange es um das reine Beobachten der Natur gehe, befürwortete an diesem Abend auch Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, das Aufstreben der Citizen Science. Gleichzeitig warnte er jedoch vor gefährlichen Seiten der Bürgerbeteiligung: Eine Grenze sei spätestens dann erreicht, wenn Laien in risikobehafteten Disziplinen selbstständig Experimente durchführen. "Wissenschaft ist heute in vielen Fällen nicht mehr anfassbar", betonte Stock. "Die Komplexität der atomaren und molekularen Forschung kann man nur als ausgebildeter Wissenschaftler verstehen." Folglich entwickelte sich das Gen-Labor für die heimischen Küchen experimentierfreudiger Bürger im Laufe des Abends zur Dystopie der Citizen Science.

ZEIT-Redakteurin Christiane Grefe entschärfte die düsteren Visionen mit dem Hinweis darauf, dass die Bürgerbeteiligung in der Wissenschaft nichts Neues, sondern bereits Teil der Aufklärung gewesen sei. Sie erinnerte daran, dass in den 70er und 80er Jahren die Bürger gerade in Umweltfragen sehr kritisch mit Expertenmeinungen umgingen und sich deshalb selbst in die wissenschaftlichen Hintergründe einarbeiteten. Damit verdeutlichte sie, dass Citizen Science nur der Ausschnitt eines noch viel größeren Themas ist: Wie gehen wir generell mit Bürgerbeteiligung um? Dies ist eine Frage, die das gesamte Spektrum der Gesellschaft für sich aushandeln muss.

Wissenschaft muss transparent sein und ethische Kriterien einhalten- egal ob es sich um professionelle Forscher oder interessierte Laien handelt. Dieser These konnten schließlich alle Diskutanten zustimmen. Was das anfangs erwähnte Beispiel der englischen Glockenblume betrifft, unternahm Günter Stock zum Schluss noch einen Versuch, die Zunft der Akademiker in Schutz zu nehmen: "Vielleicht haben die Forscher das Gebiet vernachlässigt, weil es in ihren Augen einfach nicht relevant genug war und nicht etwa, weil sie es nicht besser gekonnt hätten".

"Citizen Science: Eine Bereicherung für die Wissenschaft" - Standpunkte von Günter Stock und Johannes Vogel 

"Bürger schaffen Wissen" - ist eine gemeinsames Konsortium zwischen dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ und dem Museum für Naturkunde in Berlin. Die Webseite dazu wird betrieben vom Museum für Naturkunde und "Wissenschaft im Dialog".

Stimmen der Diskutanten

20.01.2015, Sebastian Grote

Leserkommentare, diskutieren Sie mit

Rüdiger Trojok, 22-01-15 14:26:
"Wissenschaftliche Beurteilungsfähigkeit zeichnet sich auch dadurch aus, dass man die Bedingungen des Experiments sowie die Ergebnisse kontextualisieren, sie in vorhandenes Wissen einbinden und kritisch reflektieren kann." (Stock)

Eben das ist ja die Grundlage einer handlungsorientierten Citizen Science, gemäß dem Slogan (WARNUNG: Anglizismus!): "Learning by doing". Die im Grundgesetz verankerte Freiheit der Forschung kann nicht dahingehend interpretiert werden, dass einige wenige emeritierte Professoren (oder solche die das bald sein werden) dem Rest der Gesellschaft vorschreiben, dass sie nur zugucken darf wie andere Wissenschaft betreiben. Zumal mittlerweile unter jungen Studenten über 20% ein MINT Studium abschließen. Ein eigenständiges Handeln ist zwingend notwendig, um die von Herrn Stock geforderte Kompetenz zu erwerben. Je stärker die Bevormundung, desto weniger Lerneffekt.

Ein derartiges Verständnis von Gesellschaft und Wissenschaft, wie es Herr Stock an den Tag legt ist meines Erachtens der größtmögliche Schaden für die Wissensgesellschaft - und je mehr er auf seiner Position herumreitet, desto länger wird die dringend nötige Modernisierung der Wissenskultur aufgeschoben.

Übrigens: Was die etablierten Akademien leisten könnten um Citizen Science zu verbessern, wären sinnvolle und auch für Amateure anwendbare Standards zu etablieren und zu kommunizieren.
Norbert Steinhaus, 01-04-15 14:35:
Die Wissenschaftspolitik hat in der Vergangenheit die Zivilgesellschaft nur wenig zur Kenntnis genommen und den Eindruck hinterlassen, dass das System Wissenschaft nicht auf die drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit, Urbanisierung oder erschwingliche Gesundheitsvorsorge in einer alternden Gesellschaft - den sogenannten „Grand Challenges“ - in ausreichender Zahl und mit angemessenen Mitteln eingeht.
Um zu praktische Lösungen zu kommen, verantwortungsbewusste Forschung und Innovation (Responsible Research and Innovation, RRI), öffentliches Engagement und Partizipation auf allen Ebenen zu entwickeln, ist aber nicht nur die Beteiligung der Bürger an Datenerhebungen für Forschungsprojekte anzustreben sondern sowohl ihre Beteiligung bei der Ermittlung von Forschungsfragen, als auch ihre Teilnahme bei der Überwachung oder der Durchführung der Forschung, oder bei der Entwicklung von Zukunftsszenarien von entscheidender Bedeutung.
Eine strukturierte Beteiligung der Organisationen der Zivilgesellschaft in Forschung & Innovation hat das Potenzial zur Gestaltung einer innovationsfreundlichen Kultur. Nur durch die Integration aller Wissensformen einschließlich bisher nicht ausreichend berücksichtigt Ortskenntnisse und „praktischem Erfahrungswissen“, zusätzlich zu den Experten und wissenschaftlichen Erkenntnissen, werden wir in der Lage, eine wirklich wissensbasierte Gesellschaft aufzubauen.
Ein Beispiel in Ergänzung zu den aktuell diskutierten Ansätzen der Citizen Science bieten Wissenschaftsläden.
Ende der 70er Jahre entstand in den Niederlanden die Idee eines bürgerorientierten Wissenschaftstransfers, der die kritische Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft fördern sollte. Schnell griff die Idee auf weitere Länder über. Seitdem bringen Wissenschaftsläden Fragestellungen und Interessen von Bürgern in die wissenschaftliche Diskussion ein und arbeiten wissenschaftliche Erkenntnisse für Bürgerinnen und Bürger kritisch, handlungsorientiert und praxisnah auf, so dass diese sich in gesellschaftlich und ökologisch wichtigen Themenfeldern engagieren können. Partizipation und Nachhaltigkeit, partizipative Forschung, sind dabei zentrale Ansätze der Arbeit. Die Themen kommen aus der Gesellschaft und zivilgesellschaftliche Gruppen und Initiativen (Civil Society Organisations - CSOs) wirken am Forschungsprozess mit.
Norbert Steinhaus, Wissenschaftsladen Bonn, Living Knowledge - International Science Shop network (www.wilabonn.de, www.livingknowledge.org, www-rri-tools.eu)
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29.09.2016