Helmholtz-Gemeinschaft

07. November 2005 Helmholtz-Geschäftsstelle

Ansprache des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Mlynek, auf dem Festakt der Jahrestagung 2005 der Helmholtz-Gemeinschaft am 7. November 2005 in Berlin

Ansprache auf dem Festakt der Jahrestagung 2005

Ansprache des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Mlynek, auf dem Festakt der Jahrestagung 2005 der Helmholtz-Gemeinschaft am 7. November 2005 in Berlin

 

Es gilt das gesprochene Wort

Helmholtz und die Hochschulen - keine halben Sachen

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur,
ich begrüße Sie herzlich zur Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft. Es ist meine erste Jahrestagung im Amt des Präsidenten der Gemeinschaft und es ist mein allererstes Anliegen, Prof. Walter Kröll zu begrüßen. Lieber Herr Kröll, ich freue mich sehr, dass Sie, mein Vorgänger im Präsidentenamt, hier dabei sind. Schön, dass Sie weiter an der Entwicklung der Helmholtz-Gemeinschaft Anteil nehmen. Wenn die Gemeinschaft sich im Jahr 2005 mit Selbstbewusstsein neue, ehrgeizige Ziele setzen kann, dann hat sie das wesentlich Ihrer Reform-Arbeit in den vergangenen Jahren zu verdanken. Wir wissen das und danken Ihnen dafür.

Meine Damen und Herren, Frank O. Gehry, der berühmte Architekt dieses Gebäudes, hat einmal gesagt (ich zitiere ihn englisch, weil die Aussage in der Übersetzung verliert): Architecture must solve complex problems. We must understand and use technology, we must create buildings which are safe and dry, respectful of context and neighbors, and face all the myriad of issues of social responsibility, and even please the client.
Tauschen Sie wenige Worte aus, und Sie haben das Programm, das wir mit unserer Forschung verfolgen: Wir müssen komplexe Fragestellungen lösen. Wir müssen zu diesem Zweck hochleistungsfähige Technologie entwickeln und nutzen. Wir müssen zwar nicht im engeren Sinne dafür sorgen, dass Menschen trocken und sicher wohnen. Im weiteren Sinne ist die Gestaltung einer besseren Lebenswelt aber durchaus unser Auftrag. Und wir müssen bei unserer Arbeit den Kontext im Auge haben. Denn wir bewegen uns im Geflecht von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft. Eine große Rolle spielen natürlich die anderen Partner in der Wissenschaftslandschaft. Sie sind vor allem unsere Nachbarn. Wir müssen uns fragen, wie sich unsere Arbeit mit ihrer verzahnt, und wie wir gemeinsam zu besseren Ergebnissen kommen als einzeln. Und schließlich stehen auch wir vor der Anforderung: Please the client! Wie der Architekt agieren auch wir nicht zum eigenen Wohlgefallen. Im Wettbewerb der Scientific Community werden wir an der Qualität unserer Leistung gemessen.

Helmholtz und die Hochschulen, dies ist das zentrale Thema unserer Jahrestagung. Was wollen wir gemeinsam mit den Hochschulen erreichen? Unser Motto dazu klingt recht selbstbewusst: Wir machen keine halben Sachen, schon gar nicht mit den Hochschulen. Und dies aus gutem Grund: Als Kernelemente des deutschen Wissenschaftssystems sind sie unsere wichtigsten Kooperationspartner. Gemeinsam mit ihnen können wir den Wissenschaftsstandort zukunftstauglich gestalten und dauerhaft stärken. Warum? Weil wir durch ein neues Niveau der Zusammenarbeit die Versäulung des Wissenschaftssystems verhindern und überwinden können. Weil wir zusammen unser großes wissenschaftliches Potenzial besser erschließen können. Weil wir die kritische Masse erzeugen können, die notwendig ist, um uns auf wichtigen Forschungsgebieten international zu positionieren und herausragende Ergebnisse zu erzielen. Und weil wir so unsere Attraktivität für die besten Köpfe steigern, unsere Möglichkeiten verbessern, herausragende Persönlichkeiten für die Wissenschaft in Deutschland zu gewinnen - auch im Ausland. Kurz: Die großen Chancen unserer reichen Wissenschaftslandschaft ausreizen - das gelingt uns besser zusammen. In vielen Fällen gelingt es sogar nur gemeinsam. Natürlich haben wir dabei auch unsere eigenen Interessen. Wie sagt doch ein Sprichwort: Der wahre Egoist kooperiert. Wir sind hoffentlich nicht egoistisch, aber wir agieren auch nicht uneigennützig.

Was tun wir dafür, den Anspruch "keine halben Sachen" einzulösen? Unsere Zusammenarbeit hat eine solide und tragfähige Basis, die über Jahre gewachsen ist. Bereits heute sind die rund 200 Institutsleiter in unseren Zentren in aller Regel gemeinsame Berufungen mit Universitäten. Sie können sich vorstellen, welcher immensen Lehrleistung unserer Wissenschaftler an den Hochschulen das entspricht. Helmholtz-Zentren, meine Damen und Herren, sind an 30 Prozent der Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft beteiligt, an 63 Prozent der DFG-geförderten Schwerpunktprogramme und an 20 Prozent der Graduiertenkollegs an Hochschulen, was, wie uns die DFG bescheinigt, eine ausgezeichnete Beteiligungsquote ist. Hinzu kommen 3200 Doktoranden, die bei Helmholtz ausgebildet werden, immer mit Beteiligung einer Hochschule. Und wir selbst haben zwei neue Kooperations-Modelle eingeführt: Das eine sind Virtuelle Institute, wo herausragende Gruppen aus der Helmholtz-Gemeinschaft und den Hochschulen ihre Expertise bündeln. Derzeit investieren wir rund 45 Millionen Euro in den Aufbau von 65 dieser Virtuellen Institute. 162 Hochschulgruppen aus 51 Hochschulen sind beteiligt, unsere Förderung kommt zu etwa zwei Dritteln diesen Hochschulpartnern zugute. Eine "halbe Sache" kann man das nicht nennen. Das zweite Modell sind gemeinsame Nachwuchsgruppen, deren Leiterinnen und Leiter die Möglichkeit haben, schon früh in ihrer Karriere eigene Forschungsziele zu verfolgen; sie sind zudem mit akademischen Rechten und Pflichten in die Hochschulen integriert. Über 30 dieser Gruppen gibt es, bis Ende des Jahres werden es rund 50 sein, 100 sollen es in den kommenden Jahren werden. Diese nackten Zahlen belegen natürlich nur Menge; aber sie zeigen, dass der qualitative Anspruch, den wir an die Kooperation stellen, eine ausgesprochen gute faktische Grundlage in der Praxis hat.

Wo liegt das Entwicklungspotenzial für die Zusammenarbeit mit den Hochschulen? Zum einen müssen wir die Ausbildung von regionalen und thematischen Forschungs-Clustern weiter vorantreiben, die Entwicklung von strategischen Allianzen, in denen Hochschulen und außeruniversitäre Forschung ihre Kräfte bündeln und den Transfer zur Wirtschaft intensivieren. Auf diese Weise Schwerpunkte auszubilden und die Profilbildung der Hochschulen voranzutreiben, dies ist eines der Ziele der Exzellenzinitiative der Bundesregierung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat 157 Antragsskizzen der Hochschulen für solche Exzellenz-Cluster erhalten, und ich bin stolz, dass Helmholtz-Zentren an 40 davon beteiligt sind, mehr als einem Viertel also. Das zweite Feld, in das wir weiter investieren müssen, ist die gemeinsame Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Auch hier müssen wir gemeinsam noch mehr tun. Damit stärken wir das Rückgrat der Wissenschaft, sorgen mit Weitblick dafür, dass wir ein Anziehungspunkt für die besten Talente weltweit bleiben und qualifizieren gleichzeitig hervorragende Fachkräfte, die unser Land dringend braucht.

Was erwarten wir von unseren Partnern auf der Hochschulseite? Wir brauchen starke Partner, die tragfähige Vereinbarungen mit uns treffen. Wir brauchen satisfaktionsfähige Partner, die in der Lage sind, strategische Allianzen mit der außeruniversitären Forschung auf Augenhöhe zu verhandeln und ihren Part zuverlässig zu erfüllen. Voraussetzung dafür ist eine mittelfristig sichere und ausreichende Finanzierung, zum Beispiel auf der Grundlage von Hochschulverträgen. Wir brauchen handlungsfähige Partner, deren Entscheidungen nicht endlos in Gremien diskutiert und in kollektiver Verantwortungslosigkeit zu Tode beraten werden. Wir brauchen souveräne und offene Partner, die erkennen, dass unsere Helmholtz-Forscherinnen und -Forscher auch die Lehre an den Hochschulen entscheidend stärken können und die diese Chance ohne Berührungsängste beherzt ergreifen. Das gilt insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs: Die Leiterinnen und Leiter unserer gemeinsamen Helmholtz-Hochschul-Nachwuchsgruppen etwa sollten durch die Bank und nicht nur im Einzelfall als Professorinnen und Professoren auf Zeit, etwa auf Juniorprofessuren, in die Hochschulen integriert sein. Meine Damen und Herren, ich kenne die Hochschulwelt als Hochschullehrer und ehemaliger Universitätspräsident gut genug von Innen, um den hohen Anspruch dieses Forderungskatalogs richtig einzuschätzen. Aber wenn wir die Chance für den Wissenschaftsstandort Deutschland ausreizen wollen, die in der Kooperation auf neuem Niveau liegt, dann ist das für keinen Beteiligten ein einfacher Sonntags-Spaziergang, sondern eher eine Hochgebirgstour voll steiniger Hindernisse.

Was ist der Anspruch an uns selbst? Der Auftrag der Helmholtz-Gemeinschaft ist es, durch Spitzenforschung zur Lösung großer und drängender Probleme von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft beizutragen. Wie werden wir uns in fünfzig Jahren mit Energie versorgen? Wie können wir uns gegen neue Krankheiten schützen, die sich in der globalen Welt mit hoher Geschwindigkeit verbreiten? Wie sichern wir Mobilität, auch für die nachfolgenden Generationen? Wie können wir Menschen überall auf der Welt früher vor Naturkatastrophen warnen, sie besser schützen und Opfern im Ernstfall schneller helfen? Unsere Forscherinnen und Forscher müssen ihre Arbeit an solchen großen Fragestellungen der modernen Gesellschaften ausrichten. Wir werden an der Qualität unserer Antworten auf diese Zukunftsfragen gemessen: an unserer Fähigkeit, die grundlegenden Zusammenhänge in komplexen Systemen aufzuklären, ob diese Klima heißen, Verkehr oder Infektion. Und an unserer Fähigkeit, aus Erkenntnissen Lösungen zu entwickeln, die heute und für künftige Generationen Lebensqualität sichern. Kurz: Unser Auftrag lautet anwendungsinspirierte Grundlagenforschung auf Spitzenniveau.

Was qualifiziert uns, diesen Auftrag anzunehmen? Vereinfacht gesagt: Unsere Fähigkeit, wie keine andere deutsche Wissenschaftsorganisation in großen Kategorien zu denken und unsere Kompetenz, in großem Umfang zu handeln. Unsere Gemeinschaft zeichnet die Vielfalt der Disziplinen aus. Wir müssen diese Vielfalt als Kompetenz zur Erforschung komplexer Systeme noch stärker ausspielen. Wir sind zu recht stolz auf unsere langfristig angelegte Strategie für die großen Forschungsfelder, auf denen wir antreten. Gleichzeitig müssen wie aber flexibel genug sein, auch neue vielversprechende und wichtige Themen früh zu erkennen, schnell aufzugreifen und couragiert zu verfolgen. Wir als Helmholtz-Gemeinschaft beweisen immer wieder, dass wir die Kompetenz und die Ressourcen haben, um große Projekte zu stemmen. Das Tsunami-Frühwarnsystem für den Indischen Ozean, das unter Federführung eines Helmholtz-Zentrums, nämlich des GeoForschungsZentrums in Potsdam, aufgebaut wird, ist ein Beispiel dafür. Ein anderes ist der neuartige Röntgenlaser X-FEL, den wir mit europäischer Beteiligung an unserem Helmholtz-Zentrum DESY in Hamburg realisieren. Er wird der europäischen und internationalen Wissenschaftlergemeinde Möglichkeiten der Strukturaufklärung in kleinsten Dimensionen liefern, von denen die Forschung bisher nur träumen konnte. Die Kompetenz zur Realisierung großer Vorhaben der Scientific Community beweisen, dies wollen wir auch mit dem Aufbau eines Standortes für ein europäisches Höchstleistungsrechenzentrum in Jülich, wofür wir uns nachdrücklich einsetzen. Diese sehr unterschiedlichen Vorhaben verbindet Eines: Es sind immer Partner im Boot. Offensichtlich sind wir dann besonders erfolgreich, wenn wir kooperieren. Deshalb müssen wir unsere Zusammenarbeit mit starken Partnern ausbauen. Ich gehe noch einen Schritt weiter: Unser nationaler Auftrag verpflichtet uns geradezu auf die Rolle des Vorreiters, Initiators und Architekten großer Partnerschaften und strategischer Allianzen. Dabei keine halben Sachen zu machen, sind wir unserem Selbstverständnis schuldig.

Meine Damen und Herren, um unseren Auftrag zu erfüllen, stellen wir hohe Anforderungen an uns und unsere Partner. Um sie zu erfüllen, sind wir aber auch auf entsprechende Rahmenbedingungen angewiesen. Die Helmholtz-Gemeinschaft hat heute ein Positionspapier mit Forderungen an die neue Regierung verabschiedet. Dabei verdient Anerkennung, dass die große Koalition den Pakt für Forschung und Innovation einhalten und zudem die Mittel für Forschung und Entwicklung bis 2010 auf 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigern will. Dies ist in Anbetracht der schwierigen Haushaltslage eine Kraftanstrengung, die wir als Wissenschaftler zu würdigen wissen. Auf dieser Grundlage sind aus unserer Sicht vier Handlungsfelder vordringlich: Die Politik muss den begonnenen Rückzug aus der Detailsteuerung von Forschungseinrichtungen und Hochschulen konsequent weiterverfolgen. Transparenz, Wettbewerb und Autonomie müssen die unbestrittenen Leitlinien für die weitgehende Selbststeuerung des Wissenschaftssystems werden. Nach wie vor brauchen wir zudem ein attraktives und an Leistung orientiertes Vergütungssystem, mit dem der Forschungsstandort Deutschland international konkurrenzfähig wird. Wissenschaft und Forschung brauchen zudem stärkere Anreize, ihre Ergebnisse für den Transfer in die Anwendung verfügbar zu machen. Schließlich sind wir auch angewiesen auf verlässliche Ausbau- und Finanzierungszusagen für eine hochmoderne Forschungsinfrastruktur. Denn weltweit einzigartige Großgeräte sind unverzichtbar für die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Attraktivität des Forschungsstandortes Deutschland.

Meine Damen und Herren, ich habe über das harte und anspruchsvolle Geschäft der Forschung gesprochen, über unseren Ehrgeiz und die hohen Ziele, die wir und unsere Partner erfüllen müssen. Aber: Es gibt auch noch etwas Anderes. Eine Architektur-Expertin beschrieb Frank O. Gehry's Gebäude einmal mit den folgenden Worten. Ich zitiere noch einmal in Englisch: Delight breaks through constantly; there are no gloomy Gehry buildings. One cannot think of anything he has done that does not make one smile.

Auch wir möchten Sie zum Lächeln bringen. Ich lade Sie ein: Genießen Sie die ungewöhnliche Architektur dieses Hauses und erfreuen Sie sich an der exzellenten Wissenschaft, die Ihnen Helmholtz-Forscherinnen und -Forscher vorstellen werden. Ich bin sicher: Qualität überzeugt nicht nur, an Qualität kann man auch seine helle Freude haben. Das gilt in der Forschung wie in der Architektur.

Vielen Dank.

Ich kündige Ihnen einen spannenden Redner an. Keiner betreibt den Umbau der Universität radikaler, schrieb die ZEIT. Er sei so umstritten wie kein anderer Wissenschaftsminister der Länder. Vermutlich weil er so ziemlich jedes "heiße Eisen" der Hochschulpolitik anfasst. Er mutet den Hochschulen einen durchschlagenden Veränderungsprozess zu. Er kämpft für konsequente regionale Schwerpunktbildung. Er verlangt flexible Forschungsschwerpunkte auf Zeit. Um nur wenige Beispiele zu nennen. Ich freue mich, dass der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger heute unser Gast ist. Herzlich willkommen, Herr Dräger, wir sind neugierig auf Ihre Vorstellungen davon, wie sich der Wissenschaftsstandort Deutschland entwickeln muss und welche Rolle Sie dabei den Hochschulen und ihren außeruniversitären Partnern zuweisen.

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12.01.2013