Helmholtz-Gemeinschaft

12. Dezember 2003 Helmholtz-Geschäftsstelle

Ansprache des ehemaligen Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Dr. Walter Kröll, aus Anlass der Verleihung der Karl Heinz Beckurts-Preise 2003 am 12. Dezember in der Münchner Residenz.

„Sooft ich etwas Neues lerne …“ Thesen zum Thema Innovation in Deutschland

Ansprache des ehemaligen Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Dr. Walter Kröll, aus Anlass der Verleihung der Karl Heinz Beckurts-Preise 2003 am 12. Dezember in der Münchner Residenz.

 

Es gilt das gesprochene Wort

"Sooft ich etwas Neues lerne, so überlege ich zugleich, ob nicht etwas für das Leben daraus geschöpft werden könnte." Dieser Satz stammt von jemandem, der über den Zweifel vordergründig-utilitaristischen Denkens erhaben ist, nämlich von Gottfried Wilhelm Leibniz, dem großen Forscher und Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts. Der Satz ist ein Rezept für Innovation, ein modernes Rezept für ein drängendes Problem unserer Zeit. Kaum jemand, der derzeit über die Zukunft unseres Landes spricht, kommt ohne den Begriff Innovation aus. Eine dringliche Sache offenbar. Der Begriff ist in Mode, aber er ist nicht modisch-vergänglich. 1995 hat die Europäische Kommission in dem "Grünbuch Innovation" den Zusammenhang zwischen Innovation und Wohlstand für die Länder Europas dargestellt und ein europäisches Paradox diagnostiziert: Einem beträchtlichen Innovationspotenzial in den Ländern Europas steht eine im internationalen Vergleich bescheidene Innovationsbilanz gegenüber.

Innovation - das ist auch ein zentrales Anliegen des seit 1989 verliehenen Karl Heinz Beckurts-Preises, der herausragende wissenschaftliche und technische Leistungen auszeichnet, von denen wichtige Impulse für industrielle Innovationen in unserem Lande ausgehen. Auch die Helmholtz-Gemeinschaft, die größte deutsche Forschungsorganisation, sieht sich der Innovation verpflichtet. In ihrer neu formulierten Mission heißt es: "Wir verbinden Forschung und Technologieentwicklung mit innovativen Anwendungs- und Vorsorgeperspektiven".

Das Problem ist weniger das Wissen um die Bedeutung von Innovation. Wir wissen, dass Zukunft in Wohlstand nur durch wirtschaftliches Wachstum zu haben ist. Und dass wir Wachstum in unserem Land nur durch Innovationen sichern können. Das Problem ist die Umsetzung. Eine große Rolle spielen dabei die Bedingungen, unter denen Innovationen entstehen und auf den Markt kommen. Sie haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Diese Veränderung ist wesentlich durch drei Phänomene bestimmt: die Zunahme des Wissens, die Globalisierung des Wettbewerbs und die Verkürzung der Produktlebenszyklen. Um unter diesen Bedingungen mit Innovationen erfolgreich zu sein, fehlt es heute vor allem an der schnellen, flexiblen und effizienten Mobilisierung unseres wissenschaftlichen und technologischen Potenzials. Dabei kommt der Zeit, dem Wettbewerbsfaktor "Time to Market", eine besonders kritische Bedeutung zu.

Worin besteht das Umsetzungsproblem? Und wie lösen wir es?

Zwischen den Anfangs- und Endpunkten, zwischen erster Idee und marktfähigem neuen Produkt, verläuft er heute nicht mehr linear und sequenziell in verschiedenen Phasen, deren erste von Forschung und Entwicklung und deren letzte von Produktion und Marketing bestimmt ist. Die verschiedenen Phasen verlaufen parallel zueinander und sind untereinander vielfältig rückgekoppelt. Ein auf den Markt gebrachtes innovatives Produkt ist immer schon Herausforderung für neue Ideen. Aus der Produktion, von Marketing-Strategen, von Käufern und Nutzern kommen ständig neue Hinweise und Anforderungen an Forschung und Entwicklung. Diesen Prozess erfolgreich zu gestalten, insbesondere an der Schnitt- und Verbindungsstelle von Wissenschaft und Wirtschaft, von Erkenntnis und Markt - das ist die große Herausforderung.

Was muss geschehen, um diese Herausforderung erfolgreich anzugehen? Dazu möchte ich Ihnen vier Thesen vorstellen:

  • Wir brauchen einen Aufbruch zum Innovationsstandort Deutschland
    als Daueroffensive auf breiter Front.
  • Wir brauchen die entschiedene Förderung der Forschung und ihre Innovationsorientierung als Motoren des Aufbruchs.
  • Wir brauchen neue Innovationspartnerschaften als Träger des Aufbruchs.
  • Deutschland braucht einen Klimawandel für den Aufbruch zum Innovationsstandort.

These eins: Wir brauchen einen Aufbruch zum Innovationsstandort Deutschland als Daueroffensive auf breiter Front. Seit dem Grünbuch für Innovationen sind in Deutschland mehrfach Innovationsoffensiven gefordert, angekündigt oder gestartet worden. Sie haben durchaus Einiges in Bewegung gesetzt und in Einzelfällen beachtliche positive Ergebnisse erbracht. Zu einer grundlegenden Veränderung der Gesamtsituation und einer Auflösung des europäischen Paradoxons für Deutschland haben sie jedoch nicht geführt: Wir haben in Deutschland nach wie vor eine beträchtliche Diskrepanz zwischen dem Innovationspotenzial und der Innovationsbilanz. Wie können wir das ändern? Wir brauchen eine Daueroffensive für Innovationen, einen Aufbruch, an dem sich alle Gruppen der Gesellschaft beteiligen. Besonders gefordert sind Wissenschaft, Wirtschaft und Politik: Ihre gemeinsame Anstrengung, gleichsam in einem Pakt für Innovationen, muss den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort zu einem international herausragenden Innovationsstandort verbinden. Keiner in diesem Pakt darf sich vorrangig darauf konzentrieren, die Beiträge der anderen einzufordern. Jeder Partner ist vielmehr selbst gefordert, wesentlich mehr und Neues zum gemeinsamen Aufbruch beizutragen.

These zwei: Wir brauchen die entschiedene Förderung der Forschung und ihre Innovationsorientierung als Motoren des Aufbruchs.

Wer Aufbruch für Innovationen will, muss die Forschung entschieden fördern, denn sie schafft die Grundlagen für Innovationen. Das bedeutet unabdingbar mehr Geld für die Forschung, wie es mehr Forschung fürs Geld verlangt. Aber es geht nicht nur um mehr Geld, sondern auch um längerfristige Verlässlichkeit der Förderung und um erhöhte Flexibilität des Mitteleinsatzes. Die Mitwirkung am Innovationsprozess muss sich für die beteiligten Individuen wie Institutionen lohnen. Sie muss jedem Gewinn bringen. Innovationsbeiträge sollten für den einzelnen Wissenschaftler ein wichtiges Element leistungsabhängiger Vergütung werden, zum Beispiel im Rahmen eines Wissenschaftstarifvertrages. Für eine Forschungseinrichtung könnte die Ergebnisbeteiligung ein wichtiger Anreiz sein.

Die Förderung der Forschung ist eine notwendige Voraussetzung für den Aufbruch. Eine zweite ist die Innovationsorientierung der Forschung.

Wir dürfen uns nicht mehr allein auf Innovationen als mehr oder weniger zufällige Nebeneffekte oder Abfallprodukte der Forschung verlassen, die oft Jahrzehnte nach der Erkenntnis oder Entdeckung entstehen. Wir brauchen eine Innovationsorientierung der gesamten Forschung, die ihren Ausgang in der Einstellung der Forscher im Sinne von Leibniz nimmt: Sooft ich etwas Neues erkenne, so überlege ich zugleich, ob nicht eine Innovation daraus entwickelt werden könnte. Innovationsorientierung der Forschung muss Erkenntnis- und Anwendungsorientierung ergänzen. Auch Zwischenergebnisse sind ständig auf mögliches Innovationspotenzial hin zu überprüfen. An die Stelle des gewissermaßen nachklappenden Spin-Off-Transfers tritt der forschungsbegleitende so genannte Spin-On. Er setzt auf Früherkennung der Möglichkeiten der Anwendung und darauf, dass Wissenschaft und Wirtschaft identifizierte Innovationschancen konsequent weiterverfolgen. Schon im Frühstadium einer möglichen Anwendung werden deshalb geeignete industrielle Partner gesucht und beteiligt, die für eine marktgerechte Weiterentwicklung sorgen.

These drei: Wir brauchen neue Innovationspartnerschaften als Träger des Aufbruchs.

Am Innovationsprozess sind Wissenschaft und Wirtschaft beteiligt. Wenn man ihn erfolgreich gestalten will, ist vor allem das Zusammenwirken an der Schnitt- und Verbindungsstelle beider zu optimieren. Der Aufbruch kann nur gelingen, wenn Wissenschaft und Wirtschaft nicht weitgehend isoliert voneinander operieren, sondern zu Innovationspartnerschaften zusammenfinden. Dabei ist Klarheit über die Verteilung der Rollen, der Beiträge, der Risiken und der Gewinne zwischen den Partnern eine wichtige Geschäftsgrundlage, die das nachhaltige Interesse beider am gemeinsamen Erfolg sicherstellt. Wissenschaft und Wirtschaft nehmen in der Innovationspartnerschaft verteilte, aber ineinander greifende Rollen wahr. An dem Prozess sind in jeder Phase beide, wenn auch in unterschiedlicher Intensität beteiligt. Dabei bleibt es vorrangige Aufgabe der Wissenschaft, neue Forschungs- und Technologieergebnisse zu erbringen und originäre Aufgabe der Wirtschaft, neue Produkte zu entwickeln und am Markt durchzusetzen. Die Partner erfüllen ihre Aufgaben aber nicht mehr getrennt und nacheinander, sondern gleichzeitig, arbeitsteilig und interaktiv. Unterschiedliche Zielsetzungen, Zeithorizonte und Wertmaßstäbe von Wissenschaft und Wirtschaft müssen dabei miteinander verbunden werden, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Partner aufzugeben. Wichtig ist, dass die Partner sich aufeinander einlassen, sich auf das gemeinsame Ziel der Innovation verpflichten, sich ergänzen und zugleich ihre Identität bewahren. Die Wissenschaft würde ihre Qualitäten - auch für den Innovationsprozess - verlieren, wenn sie zur "verlängerten Werkbank" der Wirtschaft würde.

Ich bin überzeugt, dass Innovationspartnerschaften besonders gut auf der Basis von Leitkonzepten gedeihen können. Solche Leitkonzepte sind Strategien für das gemeinsame Erschließen zukunftsweisender Forschungsgebiete und für die Entwicklung zukunftsträchtiger Technologien. Sie bieten sich besonders dort an, wo langfristiges Engagement und hoher Einsatz von Ressourcen gefordert sind. Leitkonzept-Partnerschaften unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht von klassischen Verbundvorhaben. Ihre wesentlichen Kennzeichen sind:

  • die Grundlegung in einem strategischen Dialog
  • die Ausrichtung an einer technologischen Vision
  • die frühzeitige Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft im Innovationsprozess
  • die Konzentration auf ein gemeinsam bestimmtes inhaltliches Ziel
  • die langfristige Verpflichtung der Partner auf definierte Beiträge und Investitionen mit Meilensteinen
  • die Orientierung am Markt
  • eine klare Win-Win-Situation für die Partner

Leitkonzepte verbinden auf diese Weise Langfristigkeit der Forschung mit prospektiver Marktorientierung. Wir brauchen mehr Innovationspartnerschaften, nicht nur in den traditionellen Formen von Verbundvorhaben, Auftragsforschung oder Lizenznahmen, sondern auch in neuen Organisationsformen und, falls nötig, experimentellen Strukturen. Dabei bieten sich Joint Ventures zwischen Wissenschaftseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen an, bei denen beide Partner in allen Prozessphase investieren, Risiken gemeinsam tragen und am Gewinn entsprechend partizipieren. Generell erscheinen mir Partnerschaften, bei der sich eine öffentlich finanzierte Forschungseinrichtung an einem privatwirtschaftlichen Unternehmen gesellschaftsrechtlich auf Zeit beteiligt, geeignet, um Innovation zu fördern. In solchen Partnerschaften auf Zeit sind Wissenschaft und Wirtschaft über den gemeinsamen Erfolg oder Misserfolg miteinander verknüpft.

Ein besonders schwieriges und kritisches Problem ist bei Innovationspartnerschaften - wie sonst im Leben - ihre Anbahnung. Wie finden Innovationspartner, die zusammen passen, die sich ergänzen und bereichern können, auch wirklich zusammen? Viele Innovationen scheitern an Barrieren des Nicht-Wissens, Nicht-Kennens, manchmal auch des Nicht-Wollens. Um diese zu überwinden, bedarf es des Engagements von Promotoren auf beiden Seiten. Das gemeinsame Engagement führender Manager und Wissenschaftler der Partnerorganisation ist gefragt. Sie müssen solche Partnerschaften wollen, sie anbahnen und befördern. Sie müssen sich nach geeigneten Partnern umsehen, auf sie zugehen und ihrerseits ansprechbar sein und dürfen sich nicht bei den ersten Fehlversuchen demotivieren lassen. Innovationspartnerschaften leben vom Vertrauen der Partner untereinander und der Überzeugung, dass der Helmholtz-Slogan "Gemeinsam mehr erreichen" auch ein Erfolgsrezept für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen ist.

These vier: Deutschland braucht einen Klimawandel für den Aufbruch zum Innovationsstandort.

Wer über mangelnde Innovationskraft in Deutschland klagt, spricht nicht nur von einem strukturellen, sondern auch von einem klimatischen, manche sagen gar kulturellen Problem. Das strukturelle betrifft die Organisation der Partnerschaften, Formen der Zusammenarbeit, rechtliche Grundlagen, Intellectual Property Rights, Aufgabenverteilung und das finanzielle Anreizsystem. Das klimatische betrifft die allgemeine Wertschätzung für Innovationen. Der Innovationsstandort Deutschland kann sich nur unter einem Klimawandel entwickeln. Das Klima in Politik, Öffentlichkeit, Wissenschaft und auch Wirtschaft muss innovationsfreundlicher und innovationsförderlicher werden. Innovation braucht einen höheren Stellenwert in unserer Werteskala. Die Einsicht, dass Deutschland nur als Innovationsstandort eine Zukunft hat, muss dazu führen, dass Innovationen in der breiten Öffentlichkeit anders gesehen und bewertet werden. Innovationen dürfen nicht primär auf Skepsis, sie müssen hingegen primär auf eine positive Aufnahme, bisweilen auf Begeisterung treffen. Mitwirkung am Innovationsprozess muss honoriert werden, muss Anerkennung finden, der Karriere zuträglich sein und als positiver Imagefaktor gesehen werden. Und natürlich zählen in einer Gesellschaft, in der die Medien die Wahrnehmung dominieren, ganz besonders Ereignisse, die Innovationsorientierung medienwirksam in den Mittelpunkt stellen. Anlässe wie die heutige Preisverleihung leisten daher einen wichtigen Beitrag zu diesem Klimawandel.

Innovation wird von Menschen gemacht.

Letztlich und vor allem gilt es zu bedenken: Innovation entsteht nicht, sie wird gemacht - von Menschen. Denn "Wissenschaft wird von Menschen gemacht", das hat schon Heisenberg lapidar zu Beginn seines Buches "Der Teil und das Ganze" festgestellt. Und "Business is People", weiß die Wirtschaft. Was wir brauchen, sind also Menschen in Wissenschaft und Wirtschaft, die sich dem Ziel Innovation verpflichtet fühlen und unbeirrbar daran arbeiten, es gemeinsam zu erreichen. Menschen, die ihren Beitrag ebenso als Bring- wie als Holschuld verstehen. Karl Heinz Beckurts, dessen Andenken die Stiftung dient, war Forscher am Helmholtz-Zentrum Karlsruhe, war Chef des Helmholtz-Zentrums Jülich und Vorstandsmitglied der Siemens AG, die sich als Global Network of Innovation präsentiert. Ein Grenzgänger, der die Sphären von Wissenschaft und Wirtschaft verband und der auf diese Weise der Innovation diente. Auch die heute hier ausgezeichneten Beckurts-Preisträger sind solche Innovatoren, die im Sinne des eingangs zitierten Leibniz-Wortes dafür arbeiten, dass das Neue ins Leben kommt. Sie tragen dazu bei, dass Wissenschaft und Wirtschaft zusammen neue Ufer erreichen. Der Aufbruch zum Innovationsstandort Deutschland braucht mehr vom Geiste der Beckurts-Preisträger.

 

Weitere Informationen:

Der Innovationsprozess - Grafik zur Rede

12.06.2013