Helmholtz-Gemeinschaft

23. November 2000 Helmholtz-Geschäftsstelle

Ansprache des damaligen Vorsitzenden der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Detlev Ganten, auf dem Festakt der Jahrestagung am 23. November 2000 in München.

Ansprache auf dem Festakt der Jahrestagung 2000

Ansprache des damaligen Vorsitzenden der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Detlev Ganten, auf dem Festakt der Jahrestagung am 23. November 2000 in München.

 

 

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, meine Damen und Herren,

nach dem kompletten Umbau der Wissenschaft im Osten Deutschlands nach der Wiedervereinigung vor genau 10 Jahren, ist jetzt auch die Wissenschaftslandschaft im Westen in Bewegung geraten. Das betrifft alle Forschungssorganisationen unseres Landes, und natürlich die Helmholtz-Gemeinschaft.
Holzschnittartig gezeichnet sind die Diskussionen um das Wissenschaftssystem der Zukunft durch die Schlagworte

  • Globalisierung, europäische und internationale Vernetzung,
  • Schwerpunktsetzungen in Bereichen wie Umwelt, Energie, Weltraum und Verkehr, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Information und Kommunikation, Biotechnologie einschließlich Genomforschung,
  • Komplexität und Notwendigkeit von umfassenden Systemlösungen,
  • zunehmend engere Bezüge zwischen wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit einer Region oder eines Landes und Wirtschaftskraft, damit eng verbunden Wohlstand und Arbeitsplätze,
  • zeitgemäße Managementstrukturen der Wissenschaft (dabei können wir von der Wirtschaft lernen) und
  • politisch-administrative Rahmenbedingungen für unternehmerische moderne Wissenschaft, (Stichworte: Flexibilisierung, Budgetierung, Deregulierung).

Auf diese ist bereits hingewiesen worden.
Der Wissenschaftsrat und andere Gremien haben sich zu diesen Fragen ausführlich geäußert und Empfehlungen abgegeben.

Heute geht es um die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren mit circa 23.000 Mitarbeitern und einem Etat von 4 Milliarden Mark (davon sind 3 Milliarden Mark Zuwendungen des Bundes und der Länder und 1 Milliarde aus dem In- und Ausland eingeworbene Mittel) die größte Forschungsorganisation unseres Landes.

Ich möchte in aller Kürze eine Entwicklung aufzeigen, die sich gliedert in

  1. den Beginn der Großforschung in Deutschland vor 42 Jahren,
  2. die Gründung der "Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen (AGF)" im Jahr 1970,
  3. die Umwandlung der AGF in die HGF im Jahr 1995,
  4. die aktuelle Entwicklung zur neuen Helmholtz-Gemeinschaft.

Meine Damen und Herren,
die Geschichte der Großforschung in Deutschland war in der Tat bewegt, vielfältig und wahrlich dynamisch.

So soll es auch bleiben. Strukturen müssen sich nach den inhaltlichen Anforderungen richten, und wir stellen uns diesen neuen Herausforderungen selbstbewusst und mit Kraft.

Die Deutsche Großforschung

Im Jahre 1958 wurde der "Arbeitsausschuss für Verwaltungs- und Betriebsfragen der deutschen Reaktorstationen" gegründet. Gründungsmitglieder waren nicht nur die noch im Aufbau befindlichen Forschungszentren Jülich und Karlsruhe sowie das bei dieser Tagung gastgebende GKSS-Forschungszentrum Geesthacht, sondern auch die Kernforschungsinstitute der Universitäten Berlin, Frankfurt und - etwas später dann - Mainz.

Das Eidgenössische Institut für Reaktorforschung in Würenlingen (Schweiz) sowie die Österreichische Studiengesellschaft für Atomenergie in Wien waren als Gäste beteiligt. Internationale Zusammenarbeit war schon damals eine Selbstverständlichkeit für unsere Zentren.

Es ging in diesem "Arbeitsausschuss" zunächst vor allem um den Erfahrungsaustausch in Betriebs- und Sicherheitsfragen auf diesem in Deutschland völlig neuen Forschungsgebiet. Dazu kamen Fragen von Ausbildung, Besoldung, Versicherung und Patentbehandlung. Genau vor solchen Fragen aber standen auch viele andere Einrichtungen, wie das Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY), GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP), die damalige Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR), die damalige Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) und die Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI), die ab 1962 zunächst als "Zaungäste" zu diesem Arbeitsausschuss hinzustießen.

Hinzu kamen auch das Institut Laue-Langevin in Grenoble und im Reaktorbau tätige Firmen wie Asea Brown Boveri AG, Thyssen Krupp AG und die Bayer AG. Anwendungsoffenheit und Kooperation mit der Industrie waren also schon damals selbstverständliche Gründungsaufgaben der Zentren.

Personalrechtliche Fragen - etwa der Wunsch nach einem eigenen Tarif - bekamen rasch eine immer stärkere Bedeutung für die staatlich finanzierten Forschungseinrichtungen. Deshalb beschloss der Arbeitsausschuss 1964, die nicht unmittelbar auf dem Gebiet der Kernforschung tätigen "Zaungäste" als Mitglieder aufzunehmen. Die zweite Entwicklungsphase begann.

Das thematische Schwergewicht verlagerte sich zunehmend auf Probleme der Großforschung allgemein, denn Bundes- und Länderverwaltungen schienen zu vergessen, weshalb sie die Großforschungseinrichtungen in privater Rechtsform gegründet hatten; nämlich, um ihnen mehr Flexibilität zu geben, als das für Körperschaften des öffentlichen Rechts damals möglich war.

Die Versuchung, in diese großen Wissenschaftseinrichtungen "hinein zu regieren", war gerade für die Bundesverwaltung offenbar unwiderstehlich. Die Großforschungseinrichtungen wehrten sich dagegen aus der Überzeugung ihrer Eigenverantwortlichkeit und ihrer Sachkompetenz.

Aber ohne Legitimation durch Satzung und Struktur konnte man ein gemeinsames Ziel nicht erfolgreich und geschlossen vertreten.

Die AGF
So kam es Anfang 1970 zu jener denkwürdigen Sitzung auf dem Dobel bei Karlsruhe, in der Repräsentanten der damals bestehenden zehn Zentren die Gründung der "Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen" (AGF) beschlossen und "Leitlinien für das Verhältnis zwischen Staat und Großforschung" verabschiedeten. Sie lesen sich noch heute überzeugend und aktuell. "In partnerschaftlichem Zusammenwirken" sollte der Staat "die grundsätzliche Aufgabenstellung" festlegen, deren "Durchführung in Eigenverantwortung" den Forschungszentren oblag. Der Staat sollte sich auf deren "Globalsteuerung" beschränken und diese in den Formen seiner gesellschafts- und vereinsrechtlichen Beteiligungen ausüben. In den Aufsichts- und Kontrollorganen sollte er von Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Wirtschaft gleichgewichtig unterstützt werden.

Die Forschungseinrichtungen wollten sich einer wissenschaftlichen Erfolgskontrolle unterziehen. Sie forderten, die Bindungen öffentlich-rechtlicher Haushalts- und Verwaltungsvorschriften zu lockern, ihnen eine eigene Finanzordnung und ein spezifisches, leistungsorientiertes Tarifwerk zu geben. Derartige Forderungen wirkten damals "aufmüpfig" und prätentiös. Dennoch reagierte Forschungsminister Leussink positiv und bildete eine "Arbeitsgruppe für Grundsatzfragen der Bundesbeteiligung" aus Vertretern seines Hauses und der AGF, die das bis heute geltende "Finanzstatut" konzipierte. So begann der dritte Entwicklungsabschnitt.

Die anderen Wissenschaftsorganisationen standen der Konsolidierung der AGF und deren forschungspolitischen Ansprüchen zunächst skeptisch gegenüber. Man fürchtete die Konkurrenz um Mittel und Einfluss. Erst allmählich und über zunehmende wissenschaftliche Kontakte und Kooperationen kam man einander näher.

AGF-Zentren wurden Mitglieder der Forschungsgemeinschaft, und der damalige Forschungsminister Ehmke lud den AGF-Vorsitzenden in den zu seiner Beratung gebildeten "Präsidentenkreis".

Innerhalb der AGF war man in vielen Fragen einig, in manchen allerdings auch divergierender Ansicht. Diese Uneinigkeit erwies sich als Schwäche, die schließlich alle zu spüren bekamen. Die anfänglich hoch geschätzte Großforschung verlor - zunächst an Ansehen, dann an Finanzzuwendungen und schließlich an Planstellen. Das verstärkte unter ihren Mitgliedern den Wunsch nach größerer Geschlossenheit und Integration.

Von der AGF zur HGF
Nachdem im Jahr 1991 die drei in den neuen Bundesländern gegründeten Forschungszentren in Potsdam, Leipzig und Berlin-Buch der AGF beigetreten waren, kam es schließlich 1995 zum dritten Entwicklungsschritt, nämlich der auf Schloß Ringberg am Tegernsee beschlossenen Umbildung der AGF in die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, der HGF.

Der Unterschied zur AGF lag nicht in den Aufgaben - diese wurden fast unverändert in die neue Satzung übernommen. Ihr wurde nur eine Präambel vorangestellt, die ihre Aufgabe und Position bis heute beschreibt:

"Die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren verfolgt langfristige Forschungsziele des Staates in wissenschaftlicher Autonomie. Sie zeichnet sich in ihren Forschungsprogrammen durch ein hohes Maß an Gemeinpflichtigkeit aus."

Der AGF-Gründungsvorsitzende Ernst-Joachim Meusel - ich begrüße ihn herzlich hier im Raum - schrieb 1972 seinem Amtsnachfolger Horst Niemeyer in die Festschrift. Ich zitiere - mit Ihrer Erlaubnis, Herr Meusel: "Koordinierung wissenschaftlicher Aufgaben könnte in letzter Konsequenz zu gemeinsamer Aufgaben- und Finanzplanung führen. Wenn man einerseits Eigenverantwortlichkeit und Sachkompetenz in Anspruch nimmt, dann darf man sich andererseits von der Konsequenz wissenschaftlicher Selbstverwaltung nicht fürchten". Diese Konsequenz ziehen wir heute.

Aus dem losen Verband soll ein eingetragener Verein mit rechtlich selbstständigen Mitgliedern werden, den Helmholtz-Zentren.

Der entscheidende Unterschied der HGF zur AGF lag in einem neuen Gremium: dem hochrangig besetzten Senat. Wir verdanken diesem Senat wichtige Empfehlungen zu den gemeinsamen Berufungen mit den Hochschulen sowie, auf der etablierten Praxis der Zentren aufbauende, Grundsätze zu den Begutachtungsverfahren.

Die Helmholtz-Gemeinschaft ist über einen reinen Interessenverbund hinaus gewachsen und hat ihre internen Kooperationen verstärkt.

Die Neue Helmholtz-Gemeinschaft
Die an den großen nationalen Forschungsthemen orientierte Förderung und Steuerung der Helmholtz-Gemeinschaft soll die von dem damaligen Staatssekretär Wolfgang Cartellieri Mitte der sechziger Jahre postulierte "Globalsteuerung" Wirklichkeit werden lassen:

In diesem Prozess werden

  • das Parlament, Bund und Länder die globalen forschungspolitischen Rahmenvorgaben machen,
  • die Zentren und ihre Wissenschaftler die wissenschaftlichen Inhalte entwickeln,
  • der Senat mit Hilfe von Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, deren wissenschaftliche Qualität und inhaltliche Relevanz begutachten und den Wettbewerbern Wettbewerbsrahmen setzen,
  • unsere Wissenschaftler werden einen verlässlichen langfristigen Rahmen für wissenschaftliche Freiheit und für immer auch auf persönlicher Neugier basierender Forschung haben,
  • die Grundelemente dieser Struktur bleiben die selbstständigen Helmholtz-Zentren, die den besten Wissenschaftlern attraktive Arbeitsbedingungen, Wettbewerbsfähigkeit und ein professionelles, effizientes, dezentrales lokales Management bieten,
  • unser Land wird eine Forschungsorganisation haben, die bezüglich Schwerpunktsetzung, Bereitstellung von wissenschaftlicher Infrastruktur, Langfristigkeit und Managementleistung, die Sicherstellung und nationaler Interessen im globalen Wettbewerb gewährleistet,
  • der Prozess der Forschungsthemen-Orientierung muss auf einem Dialog zwischen Staat, Wissenschaft und Wirtschaft aufbauen - die Initiative "Wissenschaft im Dialog" gewinnt damit eine neue strategische Dimension, die neben den fachlich Beteiligten eben auch die Gesellschaft als Ganzes und damit Parlament, Politik und die allgemeine Bevölkerung mit einbezieht.

Vielleicht wird Deutschland mal wieder ein richtiges Land der Wissenschaft, das es ja einmal war. Vielleicht gewinnt Wissenschaft auch in der Öffentlichkeit wieder den Rang, der ihr zukommt. Wir wollen zu diesem Aufbruch beitragen. Unverzichtbare Voraussetzung der geplanten neuen Strukturen ist aber - dies kann nicht oft genug wiederholt werden - eine erhöhte Flexibilität der Rahmenbedingungen, über die bereits gesprochen wurde, und hier vertrauen wir auf Ihre Zusage, Herr Bundeskanzler. Genannt seien hier die Stichworte: Budgetierung, Wegfall der Verbindlichkeit der Stellenpläne, Übertragbarkeit der Mittel ins nächste Jahr, möglicherweise ein eigener Wissenschafts-Tarifvertrag , mit einem veralteten dichten Regelwerk sind moderne Strukturen auch in der Wissenschaft nicht möglich.

Aus Verantwortung machen wir dieses zur Voraussetzung. Wir freuen uns, Herr Bundeskanzler, dass Sie sich zu diesen Punkten heute hier so klar bekannt haben.

Mit der programmorientierten Förderung werden wir unsere alten Tugenden - Internationalität, Verschmelzung von Grundlagenforschung und Anwendungsoffenheit, Kooperation vor allem mit den Hochschulen, weiter ausbauen.

Die Helmholtz-Zentren heißen jedes Jahr rund 7.000 Wissenschaftler aus dem Ausland bei sich willkommen. Diese sollen sich bei uns wohl fühlen. Daher machen uns die rechtsextremen Übergriffe besonders betroffen. Wissenschaft braucht Weltoffenheit, ich glaube da herrscht Konsens in diesem Raum und in weiten Teilen dieses Landes. Wir wollen, dass nicht nur unser Nachwuchs einige Zeit im Ausland verbringt (und dann wieder zurückkehrt). Wir wollen auch, dass junge ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu uns kommen und sich hier weiter qualifizieren. Wir müssen ihnen dann aber auch die Chancen geben, in unseren wissenschaftlichen Einrichtungen nach der Ausbildung noch weiter zu bleiben.

Es war beeindruckend, anlässlich der 10-Jahresfeier des Wissenschaftsabkommens zwischen Polen und Deutschland zu sehen, dass ein großer Teil der polnischen Physiker ihre Ausbildung an unseren Zentren hier in Deutschland genießen.

Hunderte von Studenten, Diplomanden, Doktoranden und Wissenschaftlern arbeiten in Helmholtz-Zentren, beim Deutschen Elektronen-Synchrotron in Hamburg, bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt aber auch in den Forschungszentren Jülich und Karlsruhe und anderen Zentren. In Polen ist die Physikausbildung ganzer Universitäten auf diese Kooperationen mit Deutschland eingestellt. Wenn diese jungen Leute Deutschland, seine Institutionen und seine Firmen aus eigener Erfahrung kennen, werden sie nach ihrer Rückkehr in ihrem Heimatland Botschafter unseres Landes und Partner unserer Wirtschaft sein.

Wir müssen daher unbedingt die Voraussetzungen schaffen, dass ausländische Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auch nach ihrem Examen noch bei uns bleiben können. Sie sind die besten Kandidaten für die von Ihnen, Herr Bundeskanzler, angeregte "Green Card", die in ihrem Geiste nicht auf einzelne Fächer begrenzt werden kann.

Die ersten "Großforschungseinrichtungen" sind enge Partner der Industrie gewesen. Auch die heutigen Helmholtz-Zentren arbeiten anwendungsoffen, manchmal anwendungsbezogen. Aber sie dürfen, wollen und können keine "verlängerte Werkbank der Industrie" sein. Ich stimme Ihnen zu, Herr Bundeskanzler, dass auf dem Gebiet des Technologie-Transfers noch einiges zu tun ist.

  • Wenn die Helmholtz-Zentren heute mit 450 Patentanmeldungen pro Jahr - diese Zahl wurde bereits zwei Mal genannt - hinter der Großindustrie auf Platz 6 der gesamten deutschen Patentstatistik in diesem Lande liegt,
  • wenn sie in den letzten fünf Jahren über 150 erfolgreiche Ausgründungen ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützt haben,
  • wenn sie zu regionalen Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung und Technologieparks werden,
  • wenn sie den Technologietransfer durch zentrenübergreifende Netzwerke zwischen den Einrichtungen intensivieren

dann sind die Helmholtz-Zentren zumindest auf dem richtigen Wege.

Wir wissen, dass wir diese Anstrengungen weiterführen müssen. Aber auch die deutsche Industrie muss sich offen gegenüber den Erfolgen der deutschen Forschung zeigen. Es stimmt nachdenklich zu erleben, dass sich deutsche Firmen erst um Lizenzen aus dem Patent von Professor Grünberg aus Jülich, Träger des Deutschen Zukunftspreises, bemüht haben, als ausländische Firmen sich dieses Patent schon längst gesichert hatten. Es erfüllt mit Sorge zu erfahren, dass auf dem neuen Gebiet der Nanotechnologie die ersten Lizenzverträge mit dem Forschungszentrum Karlsruhe nicht von einer deutschen, sondern von einer amerikanischen Firma abgeschlossen wurden.

Helmut Schmidt hat als Bundeskanzler vor vielen Jahren von der "Holschuld" der Industrie gesprochen. Seine Forderung hat in vielen Bereichen leider noch immer Gültigkeit.

Die Zyklen zwischen grundlegenden Entdeckungen und ihren Anwendungen in der Wirtschaft haben sich in einigen Bereichen stark verkürzt und die Übergänge sind fließend geworden. Wir halten die Trennung von Grundlagenforschung und Anwendung für überholt. Die Helmholtz-Gemeinschaft widmet daher allen Bereichen die ungeteilte Aufmerksamkeit.

Als Industrienation brauchen wir eine starke Grundlagenforschung, denn sie ist die Basis für die technologische Entwicklung von morgen und unsere Wissenschaftler benötigen gerade im Rahmen einer programmorientierten Förderung Freiheit, außerhalb der Programme neue Fährten aufnehmen zu können.

Es gibt noch eine andere unverzichtbare Basis unseres Forschungssystems: die Hochschulen. Sie sind dabei, sich weiterzuentwickeln, und das ist gut so. Die Helmholtz-Zentren stellen den Hochschulen in beispielhafter Weise Wissenschaftsinfrastruktur zur Verfügung, sie kooperieren mit ihnen, fördern gemeinsam mit ihnen den wissenschaftlichen Nachwuchs. Auch in Zeiten niedrigerer Nachwuchszahlen sollten wir uns alle immer bewusst sein: Wir stehen nicht in einem Wettbewerb um den Nachwuchs, sondern in einem Wettbewerb für den Nachwuchs.

Dem Nachwuchs die bestmögliche Ausbildung zu geben, muss über die institutionellen Grenzen von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen hinweg unser gemeinsames Ziel bleiben. Nur so können wir eine wissenschaftliche Elite heranbilden, die unser Land in Wissenschaft und Wirtschaft voran bringt. Wir müssen unserem Nachwuchs ein Weltklasse-Angebot bieten, wenn wir wollen, dass sich unser Land in der "Champions League" der Wirtschaftsnationen behauptet.

Meine Damen und Herren, wir wollen die Helmholtz-Gemeinschaft so weiter entwickeln, dass sie sich auch international zu den modernsten Wissenschaftsorganisationen zählen kann.

Ich bin überzeugt, dass die neue Helmholtz-Gemeinschaft weitere Bewegung in das Forschungssystem dieses Landes bringen wird. Wenn dabei einzelne Forschungsinstitute neu zugeordnet werden sollen, dann soll das so geschehen. Wir sollten hier aus der Erfahrung lernen. Neuzuordnungen lassen sich ohne Schaden für die Wissenschaft nur in Offenheit und in einem transparenten Verfahren vollziehen.

Wir sind, meine Damen und Herren, auf dem Wege zu einer neuen Helmholtz-Gemeinschaft als Teil einer sich national, europäisch und international wandelnden Forschungslandschaft.

Wir sind dieses Jahr ein großes, ein wichtiges Wegstück vorangekommen, aber wir sind noch nicht am Ziel.

Wir haben einen ehrgeizigen Zeitplan.
Es gibt noch viel zu tun.
Wir werden es anpacken und zu Ende führen. Herr Bundeskanzler, wir rechnen dabei auf Ihre und Ihrer aller Unterstützung.

Herzlichen Dank.

12.01.2013