Helmholtz-Gemeinschaft

12. September 2007 Helmholtz-Geschäftsstelle

Rede des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Mlynek, auf der Jahrestagung 2007 der Helmholtz-Gemeinschaft am 12. September 2007 in Berlin

Eröffnungsrede zur Jahrestagung 2007: Helle Köpfe für die Forschung

Rede des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Jürgen Mlynek, auf der Jahrestagung 2007 der Helmholtz-Gemeinschaft am 12. September 2007 in Berlin

 

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Frau Merkel,

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

"Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit. Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." So heißt es in Schillers Wallenstein. Ich habe das Stück kürzlich hier in Berlin gesehen, inszeniert von Peter Stein, zehn Stunden lang Theater, ein Erlebnis!

Gerade wir Naturwissenschaftler können den anderen Blick, den die Kunst auf die Welt wirft, gut gebrauchen. Wir müssen manchmal zurücktreten aus dem Reich der "Sachen, die sich hart aneinander stoßen" und Gedanken zulassen, die zwar leicht schwebend daher kommen, sich aber oft umso  schwerer fassen lassen: Zum Beispiel über die Werte, die unser Zusammenleben regeln, über den Umgang der Menschen miteinander. Und zwar nicht nur im Jahr der Geisteswissenschaften, sondern immer wieder.

Dabei sollten wir im Auge behalten, dass nicht nur Kunst und Kultur unser Land prägen. Zur Kultur gehören nicht nur Schiller und Beethoven, sondern auch die Erfindungen von Werner von Siemens und die Entdeckungen von Albert Einstein. Gerade unser Wohlstand beruht ganz wesentlich auf dem naturwissenschaftlichen Fortschritt und neuer Technik. Und beides wird von Menschen vorangetrieben. Diese Menschen sind unsere Stärke - Sie sind gut ausgebildet und motiviert, eigenständig und produktiv. Diese Arbeitskräfte und eine hervorragende Infrastruktur, gerade auch in der Forschung, sind Standortvorteile für Deutschland, die wir nicht aufs Spiel setzen dürfen.

Deswegen haben wir in diesem Jahr das Motto "Helle Köpfe für die Forschung" gewählt. Mehr denn je müssen wir auf kreative Menschen setzen, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Als Beispiel nenne ich drei Stichworte: Klimawandel, Energieversorgung und Gesundheit.

Doch wie schon Schiller so trefflich im Wallenstein bemerken lässt: "Stets war die Sprache kecker als die Tat." Gute Ideen sind schnell formuliert, aber oft schwer durchzusetzen! Und das gilt auch für die Bekenntnisse und Analysen zur Ausbildung und zum lebenslangen Lernen. Aber wir kommen voran: In Meseberg hat die Bundesregierung nun eine Qualifizierungs­offensive beschlossen. Das ist gut so und ich hoffe sehr, dass wir bald etwas davon spüren werden.

Denn auch andere Nationen schlafen nicht: Anfang August hat der amerikanische Kongress ein Gesetz zur Förderung von Exzellenz in Technologie, Bildung und Wissenschaft beschlossen. Unter dem schlagkräftigen Akronym COMPETES ((Creating Opportunities to Meaningfully Promote Excellence in Technology, Education and Science)) soll die Ausbildung in Naturwissenschaften von der Grundschule bis zur Universität verbessert werden, die Lehrerbildung soll modernisiert und neue Forschungsprogramme angestoßen werden. Und dafür stehen in den nächsten drei Jahren mehr als 43 Milliarden Dollar bereit!  Dies ist Amerikas Weg, um seine führende Rolle als Wissensnation zu sichern. Und wir alle wissen, meine Damen und Herren, das ist auch für Deutschland der einzige Weg, um unseren Wohlstand zu erhalten und neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Und deshalb verstärkt auch die Helmholtz-Gemeinschaft ihre Anstrengungen auf diesem Gebiet: Wir wollen noch mehr als bisher in die Köpfe investieren und haben dafür auch neue Maßnahmen entwickelt. Nur mit hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern können wir unsere Mission erfüllen und einen Beitrag zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft leisten. Zum Beispiel auf den Zukunftsfeldern, die die Bundesregierung in ihrer Hightech-Strategie identifiziert hat: Umwelt und Klima stehen dabei ganz oben auf der Agenda, und dies deckt sich hervorragend mit unseren Forschungsbereichen. Eine zentrale Zukunftsfrage lautet: Wie können wir die Erde bewirtschaften, ohne das Klima dramatisch zu verändern? Und die Schlüsselfrage dahinter ist: Wie sichern wir unsere Energieversorgung? Aus diesem Grund habe ich in den vergangenen Monaten für eine Nationale Energieforschungsinitiative geworben. Ich freue mich sehr, dass dieses Thema am 16. Oktober auf dem Klimagipfel II im Rahmen der Klimaforschungsstrategie aufgegriffen wird.

Auch für den zweiten Punkt unserer Mission brauchen wir Experten. Wir erforschen Systeme hoher Komplexität und zwar in großem Stil. Die Helmholtz-Gemeinschaft plant gegenwärtig weltweit einzigartige Großgeräte wie den Röntgenlaser XFEL oder den Ionen-Beschleuniger FAIR.  Das sind Leuchtturm-Projekte, die Deutschland zu einem der anziehendsten Forschungsstandorte der Welt machen. Im Juni haben wir den Startschuss für den Bau des XFEL in Hamburg gefeiert, und im November werden wir grünes Licht für den Bau von FAIR in Darmstadt geben. Wir danken der Bundesregierung, namentlich Frau Ministerin Schavan und unserer Bundeskanzlerin Frau Merkel sowie unseren internationalen Partnern, dass sie in einem gemeinsamen Kraftakt die Finanzierung gesichert haben.

Was aber ist die Basis für unsere erfolgreiche Arbeit? Es sind die Menschen, die in der Helmholtz-Gemeinschaft arbeiten. Und damit meine ich ausdrücklich alle 26.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vom Auszubildenden bis zum Vorstand. Ihnen allen gilt an dieser Stelle mein Dank für ihr Engagement. Dies bezieht sich auch auf ihre Bereitschaft, ihre individuellen Stärken in ein großes Projekt einzubringen und so zusammen zu arbeiten, dass das Ergebnis größer ist als die Summe der Einzelleistungen.

Dabei müssen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter optimal unterstützen. Und dazu gehören nicht nur ein gutes Arbeitsumfeld, sondern auch vielfältige Gelegenheiten, um sich weiter zu entwickeln. Menschen haben unterschiedliche Talente, die sie in den Dienst der gemeinsamen Sache stellen können. Dafür gilt es jedoch zuerst, diese Talente zu entdecken und zu fördern. Und dann kommt es darauf an, die Menschen für Aufgaben einzusetzen, wo sie ihre Wirksamkeit optimal entfalten können. Das bezeichnet man heute mit dem Wort  "Talentmanagement".

Diesen Ansatz, nämlich auf die Talente unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu setzen, sie individuell zu stärken, weiterzuentwickeln und wirksam werden zu lassen machen wir zum Kern der Helmholtz-Organisationskultur. Und dabei rede ich nicht nur über die fünf Prozent der absoluten Spitzenwissenschaftler.  Wir haben konkrete und teilweise einzigartige Maßnahmen auf den Weg gebracht, von denen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren. Denn sie bestimmen letztlich unsere Leistungsfähigkeit - Und darauf kommt es an. Unser Ansatz besteht im Wesentlichen aus fünf Säulen:

Erstens engagieren wir uns natürlich für den wissenschaftlichen Nachwuchs:

Stichwort Doktoranden: Gemeinsam mit den Hochschulen bilden wir jedes Jahr rund 3800 Doktoranden aus und freuen uns, dass zunehmend auch Absolventen aus dem Ausland bei uns ihre Doktorarbeit machen. Eine Promotion in der Helmholtz-Gemeinschaft ist mehr als ein Laborplatz mit modernster Ausstattung: Zusammen mit unseren Partnerhochschulen bieten wir eine strukturierte Doktorandenausbildung in Graduiertenschulen und stellen sicher, dass die Promotion auch innerhalb von drei Jahren abgeschlossen werden kann.

Stichwort Nachwuchsgruppen: Als Leiter von Helmholtz-Hochschul-Nachwuchsgruppen bewerben sich promovierte Spitzenkräfte aus dem In- und Ausland. Diese Stellen sind sehr attraktiv, weil sie jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern schon in einem frühen Stadium ihrer Karriere die Möglichkeit geben, selbstständig zu forschen und ihre eigene Gruppe aufzubauen. Diese Helmholtz-Stellen sind zunächst zeitlich befristet, können aber bei herausragenden Leistungen zu einer Festanstellung führen, auch Tenure Track genannt. Und das ist außerordentlich wichtig, denn junge Leute in den dreißiger Jahren  brauchen auch verlässliche Karriereperspektiven, gerade wenn sie ihre ganze Kraft in die Wissenschaft stecken.

Zweitens engagieren wir uns in der beruflichen Bildung. Wir vergessen das gern, aber es sind nicht nur die Akademiker, die unseren Wohlstand erwirtschaften. Auch für den Bau und den Betrieb von wissenschaftlichen Infrastrukturen und Großgeräten brauchen wir tüchtige Leute im technischen Bereich. In unseren Zentren bilden wir mehr als 1600 Auszubildende in technischen Berufen aus, deutlich mehr als jede andere Forschungsorganisation in Deutschland. Und unsere Auszubildenden sind hervorragend, was zum Beispiel die Auszeichnungen belegen, die sie immer wieder in Wettbewerben der Handwerkskammern gewinnen.

Drittens: Chancengleichheit. Frauen müssen noch immer höhere Hürden nehmen als ihre männlichen Konkurrenten, um in der Forschung Karriere zu machen. Und allein mit guten Worten werden wir hier nicht weiterkommen, meine Damen und Herren. Und deswegen habe ich - trotz aller Kontroversen - zunehmend Sympathie für Quotenregelungen. Gleichzeitig müssen wir außerdem dafür sorgen, dass Familie und Beruf vereinbar sind und dafür haben wir in der Helmholtz-Gemeinschaft schon einiges getan: Flexible Arbeitszeiten und Kindergärten in allen Zentren und  Wiedereinstiegsstellen nach der Elternzeit.

Viertens engagieren wir uns auch schon "vor dem Hörsaal": Auch wenn es jetzt wieder eine leichte Trendwende gibt, es wollen immer noch zu wenige junge Menschen in Deutschland Ingenieurin, Physiker oder Materialforscherin werden. Wir wollen daher das Interesse für naturwissenschaftlich-technische Berufe wecken: So besuchen jedes Jahr weit über 40.000 Schülerinnen und Schüler unsere 22 Schülerlabore und lernen das Berufsfeld "Forschung" kennen. Wir setzen aber sogar noch früher an: Bei der Initiative "Haus der kleinen Forscher" machen nun schon 1000 Kitas oder 60.000 Kinder mit und wöchentlich werden es mehr. Spielend lernen die Kinder dabei, genau zu beobachten und selbst zu experimentieren. Wir hoffen, dass sie ihre Begeisterung durch die Schulzeit retten können.

Und fünftens fördern wir die berufliche Weiterbildung, und zwar in ausgesprochen hohem Umfang.  Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich weiterbilden, von Sprachkursen über Präsentationstechniken bis hin zum Medientraining, um nur einige Felder zu nennen.

Neben diesen klassischen Weiterbildungen haben wir nun auch ein besonderes Angebot für Helmholtz-Mitarbeiter entwickelt, die sich auf Führungsaufgaben vorbereiten oder bereits viel Verantwortung tragen. Denn Führungskräfte stehen in der Helmholtz-Gemeinschaft vor besonders hohen Herausforderungen, gerade beim Management von großen Forschungs­vorhaben. In diesem Herbst beginnt daher die Helmholtz-Akademie für Führungskräfte, über die Sie gleich mehr hören werden.

Übrigens, als Forschungsorganisation mit nationalem Auftrag bilden wir nicht nur für den eigenen Bedarf aus, sondern auch für Unternehmen, die ja dringend auf Fachkräfte angewiesen sind. Und zwar vom Auszubildenden bis zum wissenschaftlichen Spezialisten. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich bisher nicht über Geld gesprochen habe, aber dennoch sollte klar sein: Eine Qualifizierungsoffensive für Deutschland wird es nicht zum Nulltarif geben. Und noch etwas ist wichtig: Wir brauchen größere Handlungsspielräume. Ich begrüße daher ausdrücklich die Absicht von Bundesforschungsministerin Schavan, ein Wissenschafts-Freiheits-Gesetz auf den Weg zu bringen.

Lassen Sie mich zusammenfassen:

Deutschlands Stärke, auch im internationalen Vergleich, sind gut ausgebildete Menschen. Auf diese Stärke müssen wir setzen, indem wir mehr Qualifikationsmöglichkeiten auf allen Ebenen schaffen. Deshalb machen wir Talentmanagement zum Kern der Helmholtz-Kultur. Die Helmholtz-Gemeinschaft soll im Bereich Forschung und Entwicklung zu einem der attraktivsten Arbeitgeber werden. Kommen Sie zu daher zu Helmholtz, wenn sie gefordert und gefördert werden wollen --  und wenn Sie ihren Beitrag leisten wollen, mit Forschung die Zukunft zu sichern. Wie heißt es so schön in Schillers Wallenstein? "Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken!"

Vielen Dank!

12.06.2013