Helmholtz-Gemeinschaft

18. Januar 2007 Helmholtz-Geschäftsstelle

Am 18.Januar hielt Prof. Dr. Jürgen Mlynek die Festrede zur Verleihung des Preises „Wissensmanager des Jahres. Der Preis wird durch die Commerzbank und das Wirtschaftsmagazin Impulse an Unternehmen verliehen, die das Wissen ihrer Mitarbeiter besonders sinnvoll nutzen und erweitern. Ausgezeichnet wurden für das Jahr 2006 „Town & Country Franchise System“ und die „Volkswagen Coaching GmbH“.

Wissen sichert Zukunft

Am 18. Januar hielt Prof. Dr. Jürgen Mlynek die Festrede zur Verleihung des Preises „Wissensmanager des Jahres.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Staatssekretär Schauerte,

sehr geehrter Herr Blessing,

sehr geehrter Herr Schweinsberg,

Als man mich gefragt hat, ob ich die Festrede zur Verleihung des Wissensmanager des Jahres halten würde, habe ich gerne zugesagt. Schließlich bin ich ja als Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager ständig mit dem Schaffen und Managen von Wissen beschäftigt. Außerdem bin ich zutiefst davon überzeugt, dass Wissen der wertvollste Rohstoff ist, den wir fördern können - wertvoller als Bodenschätze oder Öl. Wissen sichert unsere Zukunft, unseren Wohlstand, unser Wohlbefinden. Eine Überzeugung, die ich sicherlich mit vielen von Ihnen teile. Worum also geht es, wenn wir über Wissen sprechen?

Eine der fantastischen Allegorien des argentinischen Dichters Jorge Louis Borges scheint mir gut zum Thema Wissen zu passen. In der Geschichte mit dem Titel "Die Bibliothek zu Babel" bewohnt der Erzähler eine unendlich große Bibliothek mit unendlich vielen Büchern. Hier ist das Wissen der Welt versammelt. Allerdings ist es so unauffindbar wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Denn die Bücher enthalten einfach alle möglichen Kombinationen des Alphabets. Und nur durch reinen Zufall kommt es vor, dass sich daraus Sätze aus dem "Faust" ergeben, Verse aus der Bibel oder Absätze aus dem "Kapital" von Karl Marx. Die Bücher stehen willkürlich durcheinander, ohne erkennbare Ordnung. Und die Bewohner dieser Bibliothek verbringen ihr ganzes Leben damit, ein Buch nach dem anderen in die Hand zu nehmen, auf der Suche nach den seltenen Perlen des Wissens, nach Sätzen und Kapiteln, die sie verstehen - und finden doch meist nur sinnlose Buchstabenreihen.

Ein Bild für die Welt, in der wir leben, für unsere Informationsgesellschaft? Von der manche sagen, dass wir in der Flut der Informationen geradezu ertrinken. Dass dieses Übermaß an Information uns nicht Orientierung und Sicherheit verschafft, sondern - im Gegenteil - uns nur verwirrt und dazu führt, dass die Zeitspanne gesunken ist, in der sich Menschen auf eine Arbeit konzentrieren, eigene Gedanken fassen können? Ich meine nein! Aber natürlich leben wir in einer Welt, in der Orientierung schwieriger geworden ist. Ein bisschen euphemistisch reden wir ja schon seit einigen Jahren von der Wissensgesellschaft, auch wenn es vor allem Informationen sind, die auf uns einprasseln. Information ist noch kein Wissen. Und Wissen an sich ist noch kein Wert. Aber es ist potenziell wertvoll und zwar in vielerlei Hinsicht.

Der Preis "Wissensmanager des Jahres", den die Commerzbank und das Unternehmermagazin impulse nun zum vierten Mal vergeben, zeichnet Unternehmen aus, die das erkannt haben und in besonderer Weise umsetzen. (Ich freue mich, dass hier ein Forum entstanden ist, um solche Unternehmen vorzustellen.) Über den Weg von Information zu Wissen, von Wissen zur Erkenntnis aber auch von Wissen zum Wert will ich nun sprechen. Aber auch darüber, dass wir dabei die Spreu vom Weizen trennen müssen, Schaumschlägerei erkennen, und statt Quantität wieder auf Qualität setzen müssen. Denn das ist die Kunst, die es uns ermöglicht, auf dem Ozean des Wissens - oder eben in der Bibliothek zu Babel - zu navigieren und zu neuen Horizonten vorzudringen.

Diese Fragen haben mich natürlich als Wissenschaftler immer beschäftigt, aber noch viel mehr bin ich als Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren damit konfrontiert. Die Helmholtz-Gemeinschaft, das wissen Sie sicher, ist die größte Forschungsorganisation Deutschlands, insgesamt 15 große nationale Forschungszentren haben sich hier zusammengeschlossen. Unser Auftrag ist es, die großen und drängenden Fragen von Menschheit, Gesellschaft und Wirtschaft mit wissenschaftlicher Expertise und Spitzenforschung zu lösen.

Doch zurück zum Thema: Man braucht nur genug Information, um sich nicht mehr auszukennen, behauptet der Berliner Kabarettist Horst Evers. Ein fahrendes Auto wird durch die Inspektion durch den Fachmann sofort zum Wrack, ein gesunder Mensch durch genügend Vorsorge-Diagnostik zum schweren Fall. Also Vorsicht vor zuviel Information? Es kommt aber ganz darauf an! Einerseits gilt: Zu viele Bäume versperren den Ausblick auf den Wald. Andererseits stimmt auch: Wissenschaftler müssen sich auf Details konzentrieren, tiefer bohren, immer mehr Daten zusammentragen, um hinter den Schleier zu schauen, mit dem sich die Gesetze der Natur verhüllen.

Sorgfalt, Akribie, Aufmerksamkeit, das ist allerdings nur die eine Seite der wissenschaftlichen Arbeit. Das zweite Talent besteht darin, den Blick schweifen zu lassen, über den Tellerrand zu schauen, scheinbar nebensächliche Phänomene wahrzunehmen. So erlebte der schottische Biologe Sir Alexander Fleming immer wieder, dass seine Bakterienkulturen durch einen Schimmelpilz vernichtet wurden. Anstatt die verdorbenen Kulturschälchen einfach nur als Abfall zu verbuchen, begann er sich jedoch für die Wirkung des Schimmels auf Bakterien zu interessieren - und entdeckte so 1928 das Penicillin! Penicillin wurde zum ersten wirkungsvollen Antibiotikum, eine Entdeckung, die unsere Lebenserwartung drastisch erhöht hat. Man kann es nicht besser zusammenfassen als mit einem Zitat von Louis Pasteur: "Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist".

Die Kunst, den Überblick zu behalten, gleichzeitig aber auch auf alle Details zugreifen zu können, haben Führungskräfte zur Perfektion getrieben: Sie unterhalten ein Netzwerk an Kontakten und greifen auf das Wissen von Fachleuten und Experten zu. So können sie sich eine Weitwinkelperspektive verschaffen. Auch in der akademischen Welt gilt: Der Diplomand muss die Fakten wissen, der Doktorand weiß, wo es steht, und der Professor kennt jemanden, der weiß, wo es steht. Informationen allein sind jedoch noch kein Wissen, sondern nur Bits und Bytes, Muster, die wir meistens ausblenden. Erst, indem wir Information wahrnehmen, sie mit anderen Informationen verknüpfen, entsteht Wissen. In Information ertrinken wir genau dann, wenn wir sie nicht verarbeiten und zu Wissen kondensieren können. Die Fähigkeit, zu filtern und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, ist daher fest in uns verdrahtet. Das hat in den letzten Jahren auch die Kognitionspsychologie gezeigt. Wir nehmen nur einen Bruchteil der Informationen überhaupt wahr, und nutzen davon einen noch viel kleineren Anteil, um Entscheidungen zu treffen.

Eine Fähigkeit, die wir in vielen Feldern unseres Lebens gut beherrschen, besteht also im Filtern und Sieben der Informationen. Filtern ist dabei nicht gleichzusetzen mit "verdrängen" von unangenehmer Information, denn filtern erlaubt es, bewusst oder unbewusst, die Spreu vom Weizen zu trennen. Eine Definition von Wissen lautet: Wissen ist Information, die sich auf Denken oder Handeln auswirkt. Und das ist nur der winzige Bruchteil, der durch die Filter dringt. Die Wissenschaft ist - wie der Name schon sagt - die Kunst, Wissen zu schaffen, und zwar Wissen, auf das man aufbauen kann. - bis wieder eine wissenschaftliche Revolution wie die Quantenphysik kommt und einige Fundamente des bisher als sicher geltenden Wissens umstößt. In der Naturwissenschaft wollen wir etwas herausfinden über die Natur, das Wetter, die Erde oder das Universum. Dazu denken wir uns Experimente aus, die eine möglichst genaue Frage stellen.

Und das ist die Kunst des Experiments: Eine einzige Frage - und nicht tausend - an die Natur zu stellen. Nur dann kann die Antwort wirklich klar sein. Das ist ein echtes Erfolgsrezept, und wird oft als Reduktionismus kritisiert. Allerdings hat das Zerlegen eines Problems in tausend Einzelteile auch Grenzen - davon war schon Goethe überzeugt, der im Faust den Teufel spotten lässt: "Dann hat man die Teile in seiner Hand, fehlt leider nur noch das geistige Band." Führende Wissenschaftler wissen das. So betont der Genforscher und Generalsekretär des European Research Council Ernst Ludwig Winnacker: "Der Mensch ist mehr als die Summe seine Gene."

In Zukunft, so Winnacker, werde die Wissenschaft nicht mehr ausschließlich reduktionistisch arbeiten. Gerade in der Biomedizin werden systemische Ansätze immer wichtiger. Dort arbeiten Experten aus Disziplinen wie der Informatik, der Molekularbiologie oder der Ökologie zusammen, um Lebewesen zu verstehen. Und zwar von der Ebene der Gene über ihren Aufbau aus Zellen bis hin zum Verhalten und ihrer Wechselwirkung mit der Umwelt. Daraus entsteht gerade ein neues Arbeitsfeld, die Systembiologie. Aber ich will Sie hier nicht mit Wissenschaftstheorie langweilen! "Wissenschaftstheorie ist für Wissenschaftler genauso wichtig wie die Ornithologie für Vögel", sagte der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman. Und in Wirklichkeit ist es ja auch nicht so, dass die Daten eines Experiments direkt die Antwort auf eine Frage liefern: Man muss schon eine Vorstellung davon haben, wie die Antwort aussehen könnte, also ein Modell der Wirklichkeit.

Und dabei haben sich geniale Wissenschaftler vor allem anderen auf die Kraft der Mathematik verlassen. Mathematisch schöne Modelle sind manchmal überzeugender als Messdaten. Galileo Galilei soll seine berühmten Experimente zum freien Fall von Körpern am schiefen Turm zu Pisa durchgeführt haben. Wie jeder weiß, fällt eine Feder in der Luft aber sehr viel langsamer als eine Eisenkugel. Galileo behauptete dagegen mit seinem Fallgesetz: Es hängt nicht vom Gewicht ab, wie schnell ein Körper fällt! Jeder Körper braucht gleich lang, um aus einer bestimmten Höhe herab zu fallen! Sein Gesetz ist korrekt, gilt aber eigentlich nur im Vakuum, das man damals noch nicht erzeugen konnte. Galileo vermutete ganz richtig: Der Luftwiderstand ist dafür verantwortlich, dass leichte und ausgedehnte Körper langsamer fallen, als kompakte, massive Gegenstände.

Es ist also eine komplizierte Kunst: Einerseits die Daten so genau wie möglich zu messen, andererseits nur zu glauben, was gut in ein überzeugendes Modell passt - so gelangt man von einer qualitativen, oft verwirrenden Beschreibung zu quantitativem, genauen Wissen. Datensammeln und Modelle bauen, beides sind Wege zum Wissen, im Idealfall führen sie zusammen. So beschreibt es auch Daniel Kehlmann in seinem Roman "Die Vermessung der Welt". Während der Mathematiker Gauss eine Mathematik entwickelt, die es uns erlaubt, mit dem Zufall und mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen, bereist Alexander von Humboldt unter großen Strapazen die weißen Flecken der Erde, um die Natur in all ihrem Reichtum zu erfassen.

Die Mathematik führt oft zu Einsichten, die weit über das hinausgehen, was wir beobachten und erleben können. Doch den Spaß, den man mit Mathematik haben kann, muss man sich verdienen! Sie ist eine strenge Kunst, verlangt Konzentration. Und Erfolg oder Misserfolg, richtig oder falsch, sind in der Mathematik - und das unterscheidet sie von vielen anderen Künsten - keine Geschmacksfrage, sondern liegen klar auf der Hand. Das ist hart, auch für das Ego! Aber wer sich durchbeißt, kann absolute Glücksgefühle erleben, eben Durchblick und Einblick. Nichts ist wertvoller als die Mathematik, um sich in einer unübersichtlichen Welt zu orientieren, Leitplanken und Pflöcke zu finden, an denen entlang es weitergeht.

Galilei war 1590 natürlich nicht der erste Mensch, der Experimente machte und versuchte, die Ergebnisse im Rahmen eines Weltmodells zu verstehen. Selbst unsere Vorfahren in der Altsteinzeit haben mit Sicherheit versucht, die Natur um sie herum zu begreifen: Was ist essbar, was giftig? Wann werden Blitze gefährlich und wie kann man sich schützen? Und wie kommt es überhaupt zu Blitz und Donner? Hilft ein Ziegenopfer gegen die Naturgewalt? Solche Fragen waren elementar wichtig, aber führten auch schnell zu Fragen, die über das Interesse am Überleben hinausgehen. Bei uns Menschen gibt es auch die reine Neugierde, den Erkenntnisdrang. Das hat vielleicht keiner lakonischer ausgedrückt als Richard Feynman. Er meinte einmal: "Wissenschaft ist wie Sex. Manchmal kommt etwas Sinnvolles dabei heraus, aber das ist nicht der Grund, warum wir es tun."

Die Hirnforschung zeigt, dass Verstehen glücklich macht. Versuchspersonen, die bei einem schwierigen Problem nach einiger Mühe die Lösung finden, fühlen sich geradezu euphorisch, im Gehirn werden Botenstoffe freigesetzt, die auch in anderen Glücksmomenten des Lebens eine Rolle spielen. So ein Stimmungshoch muss auch Archimedes erlebt haben, als er in der Badewanne das Geheimnis des Auftriebs entdeckt hat, und dann "Heureka"-schreiend nackt auf die Strasse lief. Ein Geistesblitz macht glücklich, etwas zu verstehen, macht stolz und froh. Alle Kinder wissen das, aber nur manche können diese Freude am Entdecken ins Erwachsenenalter hinüber retten. Es wäre schön, wenn es in Zukunft mehr werden.

Die Helmholtz-Gemeinschaft hat daher zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey, der Siemens AG und der Dietmar Hopp Stiftung das "Haus der kleinen Forscher" ins Leben gerufen, eine Initiative für Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter. Und ich habe neulich wirklich gestaunt, als ich einem dreijährigen Knirps beim Forschen zuschauen konnte. Der kleine Junge war zu Anfang furchtbar schüchtern, er klammerte sich an seine Mutter, bis er die Experimente entdeckte, die unser Team vom Haus der kleinen Forscher aufgebaut hatte. Sie müssen sich jetzt kein Labor mit giftigen Stoffen und teuren Instrumenten vorstellen, nein, eine Schale mit Wasser, etwas Knete, ein paar Schrauben, das war alles.

Der kleine Forscher knetete ein Schiff und belud es, bis die Last zu groß war und es unterging. Immer wieder und wieder. Warum geht eine Kugel aus Knete unter, aber ein Schiff aus Knete nicht? Wie viele Schrauben darf ich hinein legen, bis es untergeht? Er war so konzentriert, dass er seine Mutter ganz vergessen hatte. Hier kommt es darauf an, die Kinder nicht zu unterbrechen und ihnen Zeit zu lassen, ihre eigenen Fragen zu entwickeln. Über das "Haus der kleinen Forscher" freuen wir uns wirklich. Wir wollen damit bundesweit Erzieherinnen ausbilden, mit den Kindern ganz einfache Experimente zu Naturgesetzen und Technik zu machen. Die Resonanz ist riesig, und ich staune immer wieder, wie begeistert die Kinder forschen, wie neugierig sie sind. Dabei haben wir uns natürlich Fachleute an Bord geholt, Pädagogen, die großen Wert darauf legen, dass Kinder nicht einfach mit Wissen abgefüllt werden, sondern selbst Erfahrungen machen. Wie sagte schon Montaigne:"Kinder sind nicht Fässer, die wir füllen müssen, sondern Feuer, die wir entfachen sollen."

In allen 15 Forschungs-Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft laden wir auch Schulklassen ein, die in Schülerlaboren richtige Experimente oder sogar eigene Forschungsprojekte durchführen, zum Beispiel zu Mikroben im Boden. 40.000 Schülerinnen und Schüler kommen jedes Jahr zu uns und entdecken, wie lebensnah die Forschung ist. Talente und helle Köpfe sind das einzige, auf das wir in Deutschland setzen können, das ist uns als Forschungsorganisation ganz besonders bewusst. Wissenschaft wird von Menschen voran gebracht, das ist nicht wegzurationalisieren. Beim Talentmanagement engagiert sich die Helmholtz-Gemeinschaft daher immer stärker. Wir wollen junge Menschen überzeugen, dass Wissenschaft ein toller Beruf ist, der ihnen viele Chancen bietet: Die Chance, ihre Talente zu entfalten und Ideen zu verwirklichen, aber auch die Chance, etwas zu leisten, von dem viele Menschen später profitieren.

Natürlich wollen wir insbesondere auch die jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler fördern. In dieser kritischen Phase der wissenschaftlichen Karriere müssen viele Menschen mit großem Druck und Unsicherheit leben. Das trifft nicht nur - aber besonders hart - die jungen Menschen, die bereits eine Familie gegründet haben. Gleichstellung und Chancengleichheit, aber auch familienfreundliche Arbeitszeiten sind für uns inzwischen selbstverständlich. Wir brauchen alle Talente in der Wissenschaft und nicht nur die, die sich als Wissenschaftler auf einen klösterlichen Lebensstil einlassen wollen. Wer verlässliches Wissen schaffen will, muss aber auch erkennen, wo er festen Boden verlässt. Was ist gesichert, was sind nur Vermutungen? Wo verstellen Vorurteile den Blick? Und sind die entscheidenden Fragen mit den gewählten Methoden überhaupt zu klären? Diese generelle Skepsis zeichnet einen wissenschaftlichen Kopf aus. Doch natürlich ist das das Ideal, die Wirklichkeit funktioniert manchmal nach anderen Kriterien. Da gibt es den enormen Druck, möglichst viele Veröffentlichungen vorzuweisen. Da werden alte Ergebnisse als neu verkauft, immer kleinere Teilerfolge aufwändig als Durchbrüche gefeiert und so eine Kultur der Quantität anstelle der Qualität gepflegt.

Manche geraten da offenbar auch in Versuchung, Erfolge zu vermelden, die sie vielleicht in Zukunft erhoffen, aber keineswegs vorzuweisen haben - Betrug in der Wissenschaft, auch das kommt leider vor. Denn gelegentlich versagen sogar strengen Kontrollen durch Fachkollegen, die dies verhindern sollen. Auch Experten können bei der Unmenge an Veröffentlichungen nicht immer die erforderliche Sorgfalt aufwenden. So wurde der koreanische Biologe Woo Suk Hwang als Stammzellenforscher weltberühmt, mit seinen Erfolgsmeldungen machte er Gelähmten und Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen schon Hoffnung auf baldige Heilung. Sein Sturz war umso tiefer, als man entdeckte, dass es diese Erfolge gar nicht gab. Wir Wissenschaftler haben hier eine besondere Verpflichtung - gerade weil wir ja beanspruchen, auf festem Grund zu bauen. Was lernen wir daraus? Dass es unehrliche Menschen überall gibt? Dass Eitelkeit und Druck von außen eine unheilvolle Kombination ergeben? Sicher auch das. Vor allem aber: Wissen, was man nicht weiß, ist genauso wichtig wie zu wissen, was man weiß. Der Physiknobelpreisträger Isidor Rabi erzählt, dass seine Mutter ihn zum Wissenschaftler gemacht hat. Sie fragte ihn nach der Schule nie: "Na, was hast du heute gelernt?" Sondern sie wollte immer wissen: "Hast du heute eine gute Frage gestellt?"

Das ist ganz im Sinne unseres Namensgebers Hermann von Helmholtz, der zu den größten Wissenschaftlern des 19ten Jahrhunderts zählt. Er betonte: "Es ist nicht so wichtig, Antworten auf unwichtige Fragen zu geben, sondern es kommt darauf an, die richtigen Fragen zu finden." Wer die richtigen Fragen kennt, weiß auch, welche Informationen noch fehlen, und kann eine Vorstellung davon entwickeln, wie man zur Antwort gelangen kann. Helmholtz forderte aber auch: "Wissen allein ist aber nicht Zweck des Menschen auf der Erde. Handeln allein gibt dem Menschen ein würdiges Dasein." Der vielseitige und tiefsinnige Grundlagenforscher Helmholtz war fest davon überzeugt, dass Wissenschaftler auch dazu beitragen müssen, Wohlstand und Wohlbefinden der Menschen zu steigern. Und da liegen große Herausforderungen vor uns: Als Beispiel will ich die Frage der Energieversorgung nennen. Solange wir von Öl- und Gaslieferungen aus Ländern wie Russland oder den arabischen Emiraten abhängig sind, bleiben wir erpressbar. Außerdem beschleunigt der Verbrauch von fossilen Rohstoffen den Klimawandel, der sich ja schon deutlich bemerkbar macht und in den nächsten Jahrzehnten zu dramatischen Veränderungen führen könnte.

Energie und Klimawandel sind für uns in der Helmholtz-Gemeinschaft ganz zentrale Forschungsthemen. Etwa die Hälfte der öffentlich geförderten Energieforschung findet bei uns statt. Wir untersuchen Grundlagen- und Verständnisfragen, beispielsweise um neue Solarzellen zu entwickeln, verbessern aber auch - ganz nah an der Anwendung - den Wirkungsgrad von Turbinen. Vermutlich haben Sie auch von dem großen internationalen Experimentalreaktor ITER zur Kernfusion gehört, bei dem die Helmholtz-Gemeinschaft eine federführende Rolle spielt. Die Kernfusion, bei der Atomkerne nicht gespalten, sondern miteinander verschmolzen werden, wäre eine ungefährliche und geradezu unerschöpfliche Quelle für Energie. Sozusagen "Sonnenenergie"! Nur dass es eben eine enorme technische und wissenschaftliche Herausforderung ist, den Prozess, der im Innern der Sonne abläuft, hier auf der Erde kontrolliert nachzubauen. Ich wünsche mir, dass wir diese Herausforderungen noch offensiver angehen, im Rahmen einer großen nationalen Initiative für die Energieforschung. Auch die wachsende Lebenserwartung unserer Bevölkerung stellt uns vor neue Aufgaben. Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter, das ist sehr erfreulich. Allerdings nur, wenn sie dabei gesund bleiben. Nur dann können ältere Menschen in Zukunft auch aktiv die Gesellschaft mitgestalten. Auch diese Herausforderung gehen wir mit Forschung an: Krebs, Alzheimer, Parkinson, Herz-Kreislauf-Erkrankungen - all das sind Erscheinungen, die mit dem Alter häufiger vorkommen. Indem wir zum Beispiel untersuchen, wie Zellen untereinander kommunizieren und ihren Stoffwechsel regeln, verstehen wir auch, was dabei schief gehen kann. Damit können wir Wege zur Vorbeugung und Heilung finden.

Solche Innovationen, ob im Gesundheitsbereich oder im Bereich der Energietechnologie, ob neue Materialien oder hervorragende Rechenverfahren, kosten Geld. Sie bringen aber auch viel Geld zurück, als Märkte der Zukunft. Die Investition in Wissenschaft lohnt sich. Insbesondere für ein Hochlohnland wie Deutschland, das eigentlich nur noch für Hightechproduktionen ein attraktiver Standort ist. "Um das, was wir teurer sind, müssen wir auch besser sein", sagt unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Wenn es um Innovationen geht, wird Wissen ein Produkt, ein geistiges Eigentum, das bezahlt werden muss. Das Patentwesen ist in allen Industrieländern hoch entwickelt, internationale Abkommen sichern verbindliche Rechte auch über Ländergrenzen hinweg. Was in wissenschaftlichen Publikationen steht, darf dagegen jeder lesen, jeder kann es verwenden und darauf aufbauen. Das macht immer wieder die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft auch schwierig, denn Wissenschaftler werden von ihren Kollegen vor allem an Hand ihrer Publikationsliste beurteilt, während die Unternehmen natürlich Interesse daran haben, die von ihnen finanzierten Forschungsergebnisse zu schützen. Hier müssen wir Brücken bauen. Auch Patente sind ein Nachweis der geistigen Produktivität. Auch das Konzept des geistigen Eigentums bedeutet im ersten Schritt: Wissen zu teilen. Wer ein Patent beantragt, muss seine Erfindung vollkommen offen legen und nachweisen, dass etwas Neues daran ist. Und es ist eine große Herausforderung für die Patentämter der Welt, bei der Masse an technischen Neuerungen den Überblick zu behalten, und systematisch zu klassifizieren, eine Ordnung zu schaffen, in der sich Erfindungen und Ideen wieder finden und miteinander vergleichen lassen.

Ich komme zum Schluss und will die Frage vom Anfang aufgreifen: Leben wir am Ende in einer Bibliothek zu Babel, im Wirrwarr aus wahren und falschen und vor allem unsinnigen Informationen? Das Bild ist überaus faszinierend, aber falsch! In mehren Jahrtausenden Wissens- und Kulturgeschichte haben wir Menschen eine Vielzahl an Instrumenten gefunden, um auf dem Ozean der Information zu navigieren. Mit unseren Sternenkarten und Instrumenten, früher dem Kompass und Sextant oder heute dem Global Positioning System GPS, können wir uns orientieren und zu neuen Ufern aufbrechen. Kein Tier kann so systematisch Wissen weitergeben, andere unterrichten, Erfahrungen austauschen, wie wir. Wir haben Schulen und Universitäten aufgebaut, um Kindern und jungen Menschen den Zugang zu öffnen, zu dem, was wir wissen, damit sie unsere Gesellschaft, unsere Kultur noch weiter voranbringen können. Wissen kann sich vermehren, wenn es geteilt wird. Und viele Menschen sind bereit dazu, das zeigen auch Projekte wie Wikipedia. Wikipedia ist ein Beispiel für die "Wisdom of the crowds" - die Weisheit der Massen. Zehntausende von Freizeiteditoren schaffen zusammen ein kostenloses Nachschlagewerk, das nach Bedarf wächst und überraschend gut ist.

Wissen ist unsere wertvollste Ressource, Wissen schafft Zukunft. Das ist auch der Grund für diese Auszeichnung, die gleich verliehen wird. Kluges Wissensmanagement macht Unternehmen zukunftsfähig, motiviert die Mitarbeiter, Wissen zu teilen und gemeinsam klügere Wege zu finden. Viele kleine, wissensbasierte Unternehmen, zum Beispiel auch Ausgründungen aus Forschungsorganisationen, müssen sich aber auf einem Markt behaupten, der das Potenzial von Wissen noch nicht richtig einschätzen kann. Hier müssen wir aus der Wissenschaft mehr mit Entscheidungsträgern aus der Wirtschaft sprechen und Lösungen entwickeln.

Wir sind dabei jedoch auf einem guten Weg: Mit der Hightech-Strategie hat die Bundesregierung nun ein Konzept zur Förderung von Zukunftsfeldern vorgelegt. Mit der Exzellenzinitiative ist frischer Wind in die Hochschulen gekommen, der sie anregt, sich mit außeruniversitären Forschungsorganisationen zu vernetzen und ihre Stärken auszubauen. Und mit dem Lissabon-Ziel hat sich die Bundesregierung das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2010 die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von jetzt 2,5 Prozent auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Die Richtung stimmt also, und neue Wege, so ein iberisches Sprichwort, entstehen erst, indem man sie begeht. Wissen ist der einzige Rohstoff, der sich durch Gebrauch vermehrt. Wir sollten dankbar dafür sein, kein Öl oder Diamanten fördern zu müssen, sondern Talente junger Menschen und Ideen. In diesen unerschöpflichen Rohstoff zu investieren, bedeutet, die Zukunft zu sichern. Dazu sollten wir uns noch offensiver bekennen und nach dieser Devise müssen wir handeln.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

12.01.2013