10. Oktober 2002 Helmholtz-Geschäftsstelle
Ansprache auf dem Festakt der Jahrestagung 2002
Ansprache des ehemaligen Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Dr. Walter Kröll, auf dem Festakt der Jahrestagung 2002 der Helmholtz-Gemeinschaft am 10. Oktober 2002 im Forum der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ich begrüße Sie hier in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zur Festveranstaltung anlässlich der Jahrestagung 2002 der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.
Ich bin sicher, dass Sie sich in diesem eindrucksvollen Ambiente der Kunst wohl fühlen und hoffe, dass der Genius Loci Gedanken und Gespräche über das Verhältnis von "Können", "Wissen" und "Wissen schaffen" anregt, dass er dazu inspiriert, sich mit verschiedenen Formen der Wahrnehmung, Erkundung und Darstellung von Welt und Wirklichkeit durch Wissenschaft und Kunst zu beschäftigen.
Dieses imposante Bauwerk schafft nicht allein der Kunst eine Bühne, sondern bietet auch ein Forum, sich in unterschiedlicher Art und Weise mit ihr auseinanderzusetzen. Dass die Helmholtz-Gemeinschaft als große Wissenschaftsorganisation hier auftritt, passt gut. Auch wir wollen neue Formen der Begegnung mit Wissenschaft und des Dialogs über Forschung anbieten und erkunden. Unsere Ausstellung "Kunstwerk Erde" auf dem Bonner Münsterplatz, auf die einige Exponate im Eingangsbereich aufmerksam machen, überschreitet die Grenzen der ansonsten meist getrennten Sphären Kunst und Wissenschaft. Für die Auswahl der Exponate, Satellitenaufnahmen unseres Heimatplaneten, war ausnahmsweise nicht alleine ihr wissenschaftlicher Informationsgehalt ausschlaggebend. Mitentscheidend für diese Präsentation ist der ästhetische Reiz der Bilder - ein Reiz, der, wie wir beobachten, sehr viele Betrachter zu fesseln und für die wissenschaftlichen Hintergründe zu interessieren vermag. Wir fühlen uns an diesem Ort der Kunst deshalb gut aufgehoben und bedanken uns für die Gastfreundschaft der Kunst- und Ausstellungshalle.
Wir bedauern sehr, dass Ministerpräsident Clement, der heute bei uns sein und zu uns reden wollte, aus bekannten Gründen kurzfristig absagen musste. Wir hoffen darauf, dass er, der künftige Bundesminister für Arbeit und Wirtschaft, und seine Koalitionsverhandlungspartner bei allen finanziellen Zwängen und Sparerfordernissen im Blick behalten, dass in unserem Lande das vorrangige politische Ziel Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand längerfristig nur auf der Basis von Forschung und Innovationen zu sichern ist.
Meine Damen und Herren, wenn wir Ihnen heute die Helmholtz-Gemeinschaft vor dem Bild des Globus, gewissermaßen auf der Weltbühne, präsentieren, ist dies kein Anzeichen dafür, dass wir jedes Maß verloren haben. Wir haben diesen Hintergrund gewählt, weil aus aktuellem Anlass im Jahr der Geowissenschaften und kurze Zeit nach der Flutkatastrophe an der Elbe das Thema Erde und Umwelt und unser diesbezüglicher Forschungsbereich im Zentrum stehen sollen. Der Bereich Erde und Umwelt illustriert zudem beispielhaft einen wesentlichen Teil der Helmholtz-Mission, nämlich Systeme hoher Komplexität, verkürzt: komplexe Systeme, zu erforschen. Darüber hinaus sollte dieses Bild signalisieren, dass unsere Themen generell von globaler Natur sind und uns vor globale Herausforderungen stellen, denen wir nur in breiter internationaler Kooperation erfolgreich begegnen können - denken Sie beispielsweise an Helmholtz-Forschung zu Energie, Gesundheit, Mobilität, Weltraum oder Struktur der Materie. Letztlich wollen wir in unseren sechs Forschungsbereichen mit wissenschaftlichen Spitzenleistungen von hoher gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Relevanz gewissermaßen ein Global-Player sein.
Damit, meine Damen und Herren, bin ich schon bei der Mission der Helmholtz-Gemeinschaft, zu der ich einige Anmerkungen machen möchte, um anschließend zu fragen: Wo stehen wir heute, ein Jahr nach Gründung der neuen Helmholtz-Gemeinschaft und wie geht es weiter?
Zur Mission der Helmholtz-Gemeinschaft: Nicht nur Besucher unserer Ausstellung auf dem Bonner Münsterplatz fragen die Mitarbeiter dort immer wieder: Was ist die Helmholtz-Gemeinschaft? Was tut sie mit 24.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und dem ansehnlichen Jahresbudget von 2 Milliarden Euro? Was charakterisiert diese Gemeinschaft? Und was haben ihre Mitglieder gemeinsam? Ähnliche Fragen werden auch dem Präsidenten dieser Gemeinschaft gestellt - und dies nicht nur im Ausland. Wir tun also gut daran, in einem breit angelegten Diskussionsprozess unter den Mitgliedern, in unseren Zentren, mit den Aufsichtsgremien und unseren Partnern die Mission der Helmholtz-Gemeinschaft zu klären, zu verdeutlichen und das Profil der Gemeinschaft und ihrer Zentren entsprechend zu schärfen. Lassen Sie mich zu diesem Diskussionsprozess einige Aspekte, vor allem im Hinblick auf komplexe Systeme, beitragen. Über den Auftrag der Helmholtz-Gemeinschaft sagt die Satzung: "Die in der Helmholtz-Gemeinschaft zusammengefassten Einrichtungen verfolgen langfristige Forschungsziele des Staates und der Gesellschaft, einschließlich Grundlagenforschung, in wissenschaftlicher Autonomie." Zweifellos gehört zu den zentralen Forschungszielen des Staates die Lösung großer und drängender Fragen in den Bereichen Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Verkehr und Weltraum, also den Forschungsbereichen der Gemeinschaft. In diesen Bereichen widmet sich die Helmholtz-Gemeinschaft insbesondere der schwierigen und langwierigen Erforschung von Systemen hoher Komplexität, die nur mit besonderem Aufwand erfolgreich bearbeitet werden können.
Wer eine Internet-Suchmaschine mit dem Begriff komplexes System füttert, findet zahllose Einträge, von Hochschulen, die Lehrveranstaltungen ankündigen, bis zu Unternehmensberatungen, die potenziellen Kunden ihre Leistungen anpreisen. Alle sprechen von diesen besonderen Systemen: Die Industrie, der Dienstleistungssektor, vor allem aber die Wissenschaft. Offenbar aus gutem Grund, der Begriff komplexe Systeme hat Konjunktur. Viele, die ihn benutzen, möchten damit dokumentieren, dass sie in ihrem jeweiligen Metier vorne mitmischen. Die Ursache dafür, dass komplexe Systeme modern sind, ist durchaus einsichtig. Systeme, die hinsichtlich ihres Verhaltens oder ihrer Struktur kompliziert sind, gibt es seit jeher - in der realen Welt mehr als uns lieb ist. Vergleichsweise neu ist die Möglichkeit, solche Systeme adäquat zu untersuchen. Ob Ökosystem des Regenwaldes, Atmosphäre, Immunsystem oder Gehirn des Menschen, Verkehrssystem in Ballungsräumen - während die Forschung sich früher darauf beschränken musste, Bestandteile aus solchen Systemen und ihren Prozessen herauszulösen, um sie isoliert zu betrachten, verfügt sie heute dank dramatischer Entwicklungen in Wissenschaft und Technik - insbesondere in der digitalen Informationstechnologie - über Instrumente und Methoden, die den spezifischen Eigenschaften der Systeme hoher Komplexität gewachsen zu sein scheinen.
Diese neuen Instrumente und Techniken gestatten es, das komplexe Wechselspiel einer riesigen Zahl interagierender Einzelelemente und Komponenten als Ganzes zu erfassen: in kontrollierbaren und wiederholbaren, eben wissenschaftlichen Experimenten und Simulationen. Fortschritte in der Erforschung des Systems Erde und seiner wechselwirkenden Sphären wie der Kryosphäre, der Atmosphäre oder der Biosphäre geben eindrucksvolle Beispiele dafür. Die Helmholtz-Gemeinschaft widmet sich der Erforschung solch komplexer Systeme in einem integralen Ansatz. Dabei kooperieren Wissenschaftler in längerfristig angelegten Programmen über die Grenzen von Disziplinen und Organisationen hinweg, verbinden erkenntnisorientierte Grundlagenforschung mit innovativen Anwendungsperspektiven und setzen ihre spezifische Kompetenz für Planung und Betrieb von wissenschaftlichen Infrastrukturen und Großgeräten sowie für das Management großer Projekte und Programme ein.
Neue Technologien machen es möglich, immer genauere und detailliertere Informationen über komplexe Systeme in früher nicht vorstellbaren Mengen zu sammeln, zu speichern und in immer kürzerer Zeit intelligent miteinander zu verknüpfen. Zweifellos eröffnen diese modernen Möglichkeiten der Erforschung komplexer Systeme neue Dimensionen. Aber um signifikante Ergebnisse und echten Fortschritt zu erzielen, sind neue Technologien eine zwar notwendige, jedoch keineswegs hinreichende Voraussetzung. Auch heute noch gilt die lapidare Feststellung Heisenbergs in der Einleitung zu seinem Werk "Der Teil und das Ganze": "Wissenschaft wird von Menschen gemacht." Wer also, wie die Helmholtz-Gemeinschaft, durch Wissenschaft wesentliche Beiträge leisten will, große und drängende Fragen der Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft zu beantworten, für den ist letztlich entscheidend, dass er hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich diesen Fragen widmen, auch aus dem internationalen Bereich gewinnen und halten kann.
Die Helmholtz-Gemeinschaft bietet ihnen außergewöhnliche Arbeitsbedingungen und ein Umfeld, in dem sie in längerfristig angelegten Programmen zusammen mit Kollegen anderer Disziplinen und Organisationen ihre Visionen realisieren und an gemeinsam definierten Zielen und Strategien zur Entschlüsselung komplexer Systeme arbeiten können. Zu diesem Umfeld gehören auch geeignete Organisationsformen. Der damalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Frühwald, schrieb der Helmholtz-Gemeinschaft anlässlich der Jahrestagung 1995 ins Stammbuch: "Wer sich auf Hermann von Helmholtz beruft, wird die Entwicklung der Forschung und ihrer Organisation zusammensehen müssen, wird erstarrte Organisationsstrukturen aufbrechen und neue, der wissenschaftlichen Entwicklung jeweils angemessene Organisations- und Managementformen finden." Erstarrte Strukturen aufbrechen und durch eine flexible und lernende Organisation ersetzen: So wird ein konzertierter Einsatz der Kräfte, konzertierte Forschung, ermöglicht. Nur eine wandlungsfähige Helmholtz-Gemeinschaft kann die dazu notwendige Fokussierung ihrer Aktivitäten bei gleichzeitiger Vernetzung leisten.
Zur Bewältigung der großen Herausforderungen sucht die Helmholtz-Gemeinschaft die Abstimmung, Kooperation und Vernetzung auch mit Partnern außerhalb der Gemeinschaft auf nationaler und internationaler Ebene. Um den Herausforderungen bei der Erforschung komplexer Systeme erfolgreich begegnen zu können, bedarf es einer neuen Intensität und Qualität dieser Kooperation. Ich stimme mit den Präsidenten der Wissenschaftsorganisationen, den Mitgliedern der so genannten Allianz, darin überein, dass wir auch über verschiedene Organisationen hinweg neue Formen der Zusammenarbeit und Vernetzung nutzen und erproben müssen.
Um unsere Mission besser zu erfüllen, Qualität und Leistungskraft der Helmholtz-Gemeinschaft angesichts der großen Herausforderungen zu steigern und ihr enormes wissenschaftliches Potenzial besser zur Wirkung und zur Geltung zu bringen, haben wir uns vor einem Jahr auf den Weg eines tief greifenden Reformprozesses gemacht. Viele von Ihnen, meine Damen und Herren, sind auf diesem Weg Akteure und Beobachter zugleich. Sie bewegen unterschiedliche Erwartungen, Hoffnungen und Sorgen.
Ich möchte auch an dieser Stelle allen herzlich danken, die auf dieser ersten Etappe an der strategischen Neuausrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft mitgewirkt haben: den politisch Verantwortlichen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den zuständigen Ministerien von Bund und Ländern, Vorstandskollegen, leitenden Wissenschaftlern und Mitarbeitern in den Helmholtz-Zentren, meinen Mitarbeitern in der Geschäftsstelle und insbesondere den Mitgliedern von Senat, Senatskommissionen und externen Gutachtergruppen.
Obwohl wichtige Wegmarken und Orientierungen feststehen - programmorientierte Förderung, Eigenverantwortung und Wettbewerb, Flexibilität und Transparenz, strategische Orientierung, Kooperation und Vernetzung - führt der Weg in Neuland, nicht immer durch überschaubares, ebenes Gelände, nicht immer leichtgängig und gut befestigt. Diesen Weg nicht nur zu gehen, sondern ihn auch auszubauen und zu gestalten, ist für uns alle eine Herausforderung und eine große Chance.
Wo stehen wir heute auf diesem Weg, ein Jahr nach Gründung der neuen Helmholtz-Gemeinschaft? Innerhalb dieses ersten Jahres ist die Beurteilung der Programme in den Forschungsbereichen Gesundheit sowie Verkehr und Weltraum, die zusammen etwa ein Drittel der Helmholtz-Kapazitäten ausmachen, weitgehend abgeschlossen. Der Senat wird in seiner Sitzung im Dezember auf der Basis der Voten der Gutachter mittelfristige Finanzierungsempfehlungen an Bund und Länder verabschieden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dieser Prozess einer strategisch angelegten und nicht projektorientierten Begutachtung in einem vergleichenden, wettbewerblichen Verfahren für alle Programme eines Forschungsbereichs, an dem mehrere Zentren beteiligt sind, ohne Beispiel ist.
In diesem Sommer haben mehr als hundert prominente internationale Wissenschaftler mehrere Tage und zum Teil auch Nächte an der Begutachtung der Programme gearbeitet. Es sind die Chancen unseres großen und grundlegenden Reformvorhabens, die diese wissenschaftlich herausragenden, international hoch angesehenen und vielbeschäftigten Gutachter dazu bewegt haben, mit beträchtlichem Zeitaufwand und inhaltlichem Engagement an unserem Prozess mitzuwirken. Die Experten haben sich von der angestrebten Neuorientierung der Helmholtz-Gemeinschaft beeindruckt gezeigt, Ziele und Grundsätze der Reform als überzeugend und das gesamte Vorhaben trotz mancher offener Fragen und kritisch-konstruktiver Anmerkungen als zukunftsträchtig eingestuft.
Sie haben innerhalb der Programme entlang der vorgegebenen Kriterien eine differenzierte Bewertung von Themen und Themenbeiträgen vorgenommen, aus denen Senatskommission und Senat entsprechende Finanzierungsempfehlungen ableiten können. Die Gutachtergruppen haben darüber hinaus in weitgehender Übereinstimmung allgemeine Empfehlungen zur Fortentwicklung der Reform gegeben. Dazu gehören stärkere Fokussierung der Programme, die klare Formulierung von Zielen, Strategien und Meilensteinen, der Ausbau formalisierter Kooperations- und Vernetzungsstrukturen auch mit externen Partnern sowie der Aufbau eines angemessenen Programm-Managements. Insgesamt haben sich die Gutachter - und ich berichte das mit Stolz - beeindruckt gezeigt von dem großen wissenschaftlichen Potenzial der Helmholtz-Gemeinschaft, von der international herausragenden Qualität vieler Gruppen und der Relevanz vorgeschlagener Themen. Die Summe ihrer Förderempfehlungen geht in beiden Forschungsbereichen deutlich über den Rahmen hinaus, der durch die forschungspolitischen Vorgaben gesetzt ist.
Viele der Gutachter haben mir bestätigt, dass sie unser ehrgeiziges Ziel, die Helmholtz-Gemeinschaft in ihren Forschungsbereichen in den kommenden Jahren zu einer führenden Kraft in der internationalen Forschungslandschaft zu machen, für sehr wohl erreichbar halten.
Die Erarbeitung der Programme hat trotz des sehr engen Zeitrahmens einen weiteren wichtigen Effekt gehabt. Viele Wissenschaftler haben die Diskussionen bei der Erstellung gemeinsamer Programme als sehr fruchtbar und anregend empfunden und dabei neue, interessante Kooperationsmöglichkeiten aufgetan.
Ich greife der Übersetzung der Gutachter-Voten in Finanzierungsempfehlungen nicht vor, wenn ich schon heute konstatiere: Die Ergebnisse der Begutachtung werden dazu beitragen, neue Akzente zu setzen, Ressourcen zu konzentrieren, Stärken auszubauen, Kräfte zu bündeln, engere Netze der Kooperation innerhalb der Gemeinschaft und mit externen Partnern zu knüpfen und insgesamt die Fähigkeit der Helmholtz-Gemeinschaft zu stärken, komplexe Systeme erfolgreich zu erforschen. Die Gutachter empfehlen auch, in identifizierten Gebieten von besonderer Relevanz, neuen Ansätzen und Konzepten durch Einrichtung und Förderung neuer Gruppen eine Chance zu geben. In diesem Prozess ist allen Beteiligten klar, dass bei begrenztem verfügbarem Gesamtbudget ein Teil der jetzigen Aktivitäten zukünftig nur in einem weit geringeren als dem erwarteten Umfange gefördert werden kann.
Wir treiben den großen Aufwand der programmorientierten Förderung auf der Basis von Gutachtervoten nicht mit dem Ziel der Legitimation des Status Quo, sondern mit dem Ziel, zu verbessern, wo Verbesserung möglich ist, und insoweit auch zu verändern. Unser Ziel ist es nicht, einen weiteren Beitrag zu der auch im Wissenschaftsbereich schon überlang andauernden Reformdiskussion zu liefern und diesen mit einigen praktischen Erfahrungen und Versuchen zu unterlegen. Wir wollen die Reform ins Werk setzen, sie verwirklichen.
Um die zügige Umsetzung unstreitig vorrangiger Ziele der Reform wie auch besonderer Empfehlungen der Gutachter zu fördern, werden aus dem Impuls- und Vernetzungsfonds des Präsidenten Mittel bereitgestellt. Ein Teil dieser Mittel wird für den Ausbau der Rolle von Helmholtz-Zentren in europäischen Verbundvorhaben, insbesondere integrierten Projekten und Exzellenznetzwerken eingesetzt. Dass die Helmholtz-Gemeinschaft ihr Potenzial, als Koordinator Europäischer Forschungsverbünde zu agieren, nicht ausschöpfe, war ein zentrales Monitum des Wissenschaftsrates in seiner Systemevaluation der Helmholtz-Gemeinschaft. Für die Übernahme der Koordination und Federführung von Verbundvorhaben im sechsten EU-Forschungsrahmenprogramm gibt der Fonds den Zentren Anreize und hilft ihnen, den damit verbundenen erheblichen Aufwand zu tragen.
Die Vernetzung von Helmholtz-Programmen mit Hochschulen soll gleichgerichtete Forschungsvorhaben mit dem Ziel bündeln, eine neue Qualität in der Zusammenarbeit auf internationalem Niveau zu erzielen. Damit will die Helmholtz-Gemeinschaft auch dazu beitragen, die Hochschulen als Kernelemente unseres Wissenschaftssystems zu stärken. Aus dem Fonds gefördert werden neue gemeinsame Sonderforschungsbereiche, gemeinsame Forschungszentren und virtuelle Institute sowie Helmholtz-Hochschul-Nachwuchsgruppen.
Durch die Förderung von Schülerlaboren aus dem Fonds verstärken wir unser Engagement für eine bessere naturwissenschaftliche Ausbildung. Insbesondere angesichts der alarmierenden Ergebnisse der PISA-Studie tragen wir auf diese Weise unter Nutzung der hervorragenden Infrastrukturen der Helmholtz-Zentren dazu bei, die Qualität der naturwissenschaftlichen Bildung junger Menschen zu verbessern. Das Learning by Doing in den Schülerlaboren motiviert Kinder und Jugendliche, sich für Naturwissenschaften zu begeistern und sich vielleicht gar für einen natur- oder ingenieurwissenschaftlichen Beruf zu entscheiden. In naher Zukunft werden fast alle Helmholtz-Zentren ein oder mehrere Schülerlabore betreiben, in denen viele Schulklassen Jahr für Jahr sorgfältig vor- und nachbereitete Experimente mit den herausragenden technischen Möglichkeiten und Infrastrukturen der Zentren durchführen können. Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe im Rückblick auf das erste Jahr von positiven Effekten, Ermutigungen und bestätigten Chancen der Reform gesprochen und mancherlei Schwierigkeiten und Mühsal des Anfangs nicht erwähnt. Wie wird es weitergehen? Die grundlegende Neustrukturierung von Helmholtz bleibt eine Kraftanstrengung, die Mut, Ideenreichtum und einen langen Atem erfordert. Dabei sind auch bei den politischen Rahmenbedingungen Verlässlichkeit und konsequente weitere Entwicklung nötig, um erfolgreich sein zu können.
Wir gehen davon aus, dass die neue Bundesregierung die Zusagen der alten an die Helmholtz-Gemeinschaft, insbesondere zur Steigerung des Haushaltes und zur Flexibilisierung, einhält und die Helmholtz-Gemeinschaft wie bisher auf dem Wege der Reform unterstützt. Um die verfügbaren Mittel effizienter einzusetzen, also mehr Forschung fürs Geld zu ermöglichen, brauchen wir mehr unternehmerischen Handlungsspielraum und einen Abbau von einengenden Vorschriften, zum Beispiel Stellenkategorien. Wir brauchen zum Beispiel die Möglichkeit, exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Ingenieure im nationalen und internationalen Wettbewerb für Helmholtz-Zentren zu gewinnen und dort zu halten. Letztlich muss die unendliche Geschichte eines Wissenschaftstarifvertrages zu einem hoffentlich positiven Abschluss kommen.
Von besonderer Bedeutung, nicht nur für die Helmholtz-Gemeinschaft, sondern für den Wissenschaftsstandort Deutschland, sind die vom Wissenschaftsrat begutachteten Großgeräte für die naturwissenschaftliche Forschung. Diese Großgeräte sind Kristallisationskerne für nationale und internationale Forschungskooperationen und ein Motor für Hochtechnologieentwicklungen. Sie ziehen Wissenschaftler aus aller Welt an und sind zudem wichtig, um den Forschungsstandort Deutschland international zu profilieren. Es ist deshalb von großer Bedeutung, dass Deutschland die vom Wissenschaftsrat ohne Vorbehalt empfohlenen national zu realisierenden Projekte durch Bereitstellung der zusätzlich erforderlichen Mittel zügig verwirklicht. Ebenso muss die federführende Beteiligung an herausragend beurteilten internationalen Projekten durch die Zusage eines entsprechenden Finanzrahmens ermöglicht werden.
Insgesamt brauchen wir in Deutschland trotz der knappen Kassen und der Sparerfordernisse auch in Zukunft mehr Geld für die Forschung als ein - wie eingangs angedeutet - langfristiges und nachhaltig wirksames Instrument auch der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik.
Meine Damen und Herren, Standortbestimmung im Oktober 2002 darf nicht nur Wünsche und Erwartungen an andere formulieren. Welche Aufgaben stellen wir uns selbst für das kommende Jahr?
Wir sind dankbar für die Bereitschaft der Politik, uns innerhalb des weiten Rahmens der forschungspolitischen Vorgaben weitgehende Autonomie zu gewähren. Wir müssen diese Autonomie und Eigenverantwortung auch bei schwierigen Entscheidungen wahrnehmen. So steht für mich außer Frage, dass wir in Zukunft die beträchtlichen Infrastrukturen unserer Zentren in einen von der Gemeinschaft selbst gesteuerten Prozess des Benchmarking, der Evaluation und der Effizienzsteigerung einbeziehen müssen.
Ein so ehrgeiziges und beispielloses Projekt wie die Reform der Helmholtz-Gemeinschaft kann selbstverständlich nicht im ersten Schritt alle Ziele erreichen. Deshalb liegt es auf der Hand, dass wir die Verfahren weiterentwickeln und aus unseren Erfahrungen lernen müssen. Dafür haben auch die internationalen Gutachtergruppen wichtige Hinweise und Anregungen gegeben, die wir aufgreifen und umsetzen sollten.
Was wir also im nächsten Schritt brauchen, ist eine ebenso umsichtige wie entschlossene und konsequente Weiterentwicklung der Reform - und die Umsetzung ihrer Ziele in der Alltagsarbeit der Zentren. Ich bin nach den Erfahrungen des ersten Jahres, insbesondere auch aufgrund der Reaktionen der internationalen Gutachter, davon überzeugt, dass wir einen guten Weg eingeschlagen haben, der uns sicher noch vor viele Probleme und Hindernisse stellen wird, der aber der Helmholtz-Gemeinschaft und ihren Zentren insgesamt eine sehr gute Zukunftsperspektive eröffnet.
- Die Vielzahl der sie bedingenden Faktoren steht in einem Wechselspiel, bei dem vergleichsweise kleine Veränderungen einen qualitativen Umschlag erzeugen können.
- Komplexe Systeme treten als geschlossenes Ganzes auf, das man nicht in Einzelteile zerlegen, sondern nur als Ganzes begreifen kann.
- Sie sind anpassungsfähig an veränderte Ausgangsbedingungen,
- und sie erzeugen Verhaltensmuster, die nicht aus der Kenntnis isolierter Teile vorhergesagt werden können.
Die Helmholtz-Gemeinschaft erforscht solche Systeme hoher Komplexität und setzt dazu auf der Erde oder im Weltraum Instrumente ein, die ihrerseits Systeme von hoher Komplexität sind. Könnte die Gemeinschaft auch selbst Wesenszüge solcher komplexen Systeme ausprägen? Ich denke dabei insbesondere an die Merkmale der Anpassungsfähigkeit und der Erzeugung von Verhaltensmustern, die nicht aus der Kenntnis isolierter Teile vorhergesagt werden können. Was wäre, wenn auch hier vergleichsweise kleine Veränderungen einen qualitativen Umschwung erzeugen könnten? Lassen Sie, meine Damen und Herren, uns nun einigen konkreten Beispielen aus der Erforschung des komplexen Systems Erde und Umwelt zuwenden, mit denen sich Wissenschaftler aus neun Helmholtz-Zentren beschäftigen.
Durch ihre Forschung tragen sie dazu bei, die grundsätzliche Funktionsweise dieses Systems und seiner Subsysteme, von der Kryosphäre über die Geosphäre, Atmosphäre und Biosphäre bis hin zur Anthroposphäre besser zu verstehen. Ihre Arbeit zielt darauf ab, Risiken für Mensch und Natur besser abschätzen zu können und neue Ansätze für nachhaltige Entwicklung zu finden, die die menschliche Nutzung natürlicher Ressourcen auf eine dauerhaft tragfähige Grundlage stellt. Sie betreiben langfristige, systemorientierte Vorsorgeforschung und suchen zugleich kurz- und mittelfristige, auch technologische Lösungen für aktuelle Probleme. Wie nötig Handlungswissen und neue Ansätze für nachhaltige Entwicklung sind, das ist uns allen vor wenigen Wochen durch das katastrophale Hochwasser in der Elberegion wieder einmal klar geworden. Wissenschaftler aus verschiedenen Helmholtz-Zentren werden Ihnen nun vorstellen, was sie beigetragen haben und beitragen können. Wir wollen zukünftig Kapazitäten aller Helmholtz-Zentren bündeln, um Vorhersage, Prävention, Krisenmanagement und Umgang mit Folgeschäden solcher Naturkatastrophen zu verbessern.
Wir brauchen mehr Wissen über das System Erde, aber wir brauchen auch mehr Möglichkeiten der Aneignung dieses Wissens. Die Präsentation aktueller Projekte aus der Umweltforschung und die Ausstellung "Kunstwerk Erde" bieten solch unterschiedliche Zugänge. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Ästhetik haben somit beide ihren Anteil an dieser Jahrestagung.
Pablo Picasso hat einmal gesagt: "Wir alle wissen, dass Kunst nicht die Wahrheit ist. Kunst ist die Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können."
Die Bilder auf dem Münsterplatz mit Mitteln modernster Technologie, mithilfe scharfsichtiger, unbestechlicher Sensoren und exakter Verfahren der Datenverarbeitung entstanden, sind nach üblichen Maßstäben ebenfalls nicht wahr. Falschfarbenbilder, Simulationen, künstlich zusammengesetzte Szenen der Welt bei globaler Nacht und unter wolkenlosem Himmel sind im alltäglichen Sinne nicht stimmig. Aber auch solche schönen Lügen lehren uns, die zugrunde liegenden wahren Aussagen naturwissenschaftlicher Forschung zu begreifen. Haben Kunst und Wissenschaft doch mehr gemeinsame Möglichkeiten, als wir üblicherweise annehmen?
Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und lade Sie ein, nun gemeinsam mit Helmholtz-Wissenschaftlern in die Welt ihrer Forschung einzutauchen und sich später in der Kunst- und Ausstellungshalle wohl zu fühlen.

