Helmholtz-Gemeinschaft

23. November 2000 Externe Partner

Festvortrag von Professor Dr. Winfried Schulze, damals Vorsitzender des Wissenschaftsrates auf dem Festakt der Jahrestagung am 23. November 2000 in München.

Festvortrag auf dem Festakt der Jahrestagung 2000

Festvortrag von Professor Dr. Winfried Schulze, damals Vorsitzender des Wissenschaftsrates auf dem Festakt der Jahrestagung am 23. November 2000 in München.

 

Was sollen wir erforschen? - Gedanken zur Begründung von Schwerpunktsetzungen im Forschungsprozess

 

    Meine Damen und Herren,

wenn man wie ich das Schicksal hat, am Ende einer solchen Veranstaltung zu sprechen, macht man sich Gedanken, wie man die Aufmerksamkeit fesseln kann. Ich habe dazu eine etwas provokante Überschrift gewählt: Was sollen wir erforschen? - Ich vermute einmal, dass Sie an einen Anfall von grassierender Überheblichkeit des Redners geglaubt haben, als Sie den Titel meiner Rede zum ersten Mal gelesen haben, und selbst der relativierende Untertitel wird Sie vermutlich nicht daran gehindert haben. Aber ich bitte Sie zunächst um einen Moment Geduld.

Der Wissenschaftsrat hat vor einer Woche in Leipzig den Versuch unternommen, seine Systemevaluation der Helmholtz-Gemeinschaft zu verabschieden. Leider ist dies nicht gelungen, weil dieses komplexe Thema größeren Beratungsbedarf erforderlich machte, als dies in dem knapp bemessenen Zeitplan vorgesehen war. Als Vorsitzender der Arbeitsgruppe, die die Stellungnahme des Wissenschaftsrats vorbereitet hat, darf ich zugleich feststellen, dass dies eine ungewöhnlich reizvolle Aufgabe war, die ich gerne unter die Höhepunkte meiner Arbeit im Wissenschaftsrat einordnen will.

Natürlich werde ich heute verschiedentlich auf die Grundlinien der vorgelegten Stellungnahme zurückgreifen - und ich glaube damit keinen unzulässigen Vorgriff auf die Beschlüsse im Januar zu begehen. Denn - und das ist der entscheidende Punkt - das Thema des heutigen Vortrags, das ich mir schon im Sommer vorgenommen habe, erscheint mir der aktuellen Diskussionslage angemessen, sowohl innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft als auch außerhalb der Gemeinschaft mit Blick auf das gesamte Forschungssystem eines entwickelten Industriestaates wie der Bundesrepublik Deutschland.

Zum anderen reizt mich dieses Thema: Es ist aktuell, gewiss anspruchsvoll und sicher auch kontrovers, und es ist mir ein Anliegen, die Position des Wissenschaftsrats hierzu deutlich zu vertreten. Darüber hinaus kann ich auch meine eigenen wissenschaftshistorischen Interessen hier einbringen. Aktuell ist es deshalb, weil wir seit einigen Jahren eine neue Diskussion über das haben, was Wissenschaft noch erreichen kann. Es scheint so, als ob Francis Fukuyamas Thesen über das Ende der Geschichte auch auf die Wissenschaft übertragen worden wären.

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist John Horgan glaubte vor einigen Jahren die "Grenzen der Wissenschaft" in dem Sinne zu entdecken, dass der jahrhundertelang unentdeckte Kontinent des Wissens mit Kompass und Karte wohl bekannt gemacht worden sei, dass zwar noch einige weiße Flecken existierten, dass jetzt aber die offenen Horizonte der Vergangenheit angehörten: "No more endless horizons," eine klare Absage Horgans an Vannevar Bush, den einflussreichen, wenn auch wenig bekannten, amerikanischen Präsidentenberater nach dem Zweiten Weltkrieg, der sein Manifest für die Wissenschaft "Science - The Endless Frontier" überschrieben hatte: Die endlose Grenze, also die grenzenlose Wissenschaft. Horgan sagt, dass es keine Entdeckungen von der Qualität derer von Darwin, Einstein oder Crick und Watson mehr geben werde. Dies versteht er unter "No more endless horizons.", dem jetzt endlich gewordenen Horizont.

Kürzlich erst hat der Engländer John Maddox, der langjährige, angesehene Herausgeber von Nature, den anspruchsvollen Versuch unternommen, einmal aufzuschreiben, "was zu entdecken bleibt," so der Titel seines Buches. Das ist eine faszinierende Formulierung, denn sie verbindet die enorme Bilanz des 20. Jahrhunderts mit der offensichtlichen Restmenge dessen, was noch zu entdecken bleibt. 1996 hatte der in den USA arbeitende theoretische Physiker Michio Kaku sein Szenario der kommenden wissenschaftlichen Entdeckungen unter dem Titel "Zukunftsvisionen" vorgelegt, auch in der eben erwähnten Perspektive einer in ihren Grundlinien relativ klar erkennbar gewordenen wissenschaftlichen Welt.

Aus all diesen Publikationen lässt sich ein faszinierendes Panorama dessen entnehmen, was an offenen Fragen zurzeit besteht und welche Chancen gesehen werden, in von uns Menschen überschaubaren Zeiträumen zu bestimmten Ergebnissen zu kommen. Man muss freilich sofort deutlich machen, dass in dieser neueren Prognoseliteratur ein deutlicher Unterschied zu den Zukunftsprognosen der 60er Jahre erkennbar wird, als uns etwa Hermann Kahn mit seinen Voraussagen faszinierte, ja auch beunruhigte.

Die neuere Literatur scheint mir von zwei Perspektiven geprägt zu sein. Zunächst sehe ich eine veränderte Ausgangslage für derartige Aussagen. Sie ist dadurch gegeben, dass wir am Beginn des neuen Jahrtausends über sehr viel klarere Vorstellungen dessen verfügen, was in der Wissenschaft (noch) zu tun ist. Vor uns liegt nicht mehr der offene Ozean, der Columbus noch Schrecken einjagte, weil er nicht wusste, was dahinter kam, sondern vor uns liegt eine nach Planquadraten abgeteilte Wasserfläche, deren Einzelbereiche auf die Forscher aufgeteilt werden.

Zum anderen möchte ich unsere Ausgangslage in der Absicht sehen, durch prospektive Aussagen Grundlagen für politische Planung zu schaffen, dabei wohl bedenkend, dass Forschung ein unverzichtbares Element des wirtschaftlichen Wettbewerbs der Staaten oder Staatengruppen untereinander ist, und dass Forschung - vor allem ergebnisoffene Grundlagenforschung - derzeit in Kostendimensionen vorstößt, die die finanziellen Spielräume einzelner Staaten schon überschreitet und Kooperationen, wenn nicht im globalen, dann doch zumindest im europäischen Maßstab erfordert. Wenn sich der Wissenschaftsrat demnächst an die Aufgabe macht, die gerade zusammengestellte Liste der wünschenswerten Großinvestitionen über 15 Millionen Mark der deutschen Forschungsorganisationen zu prüfen, wird schnell deutlich werden, welche immensen Summen bei einfachem Addieren zusammenkommen.

Ich komme noch einmal zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrates zurück. Der wichtigste Punkt ist ein zu erwartendes Ja des Wissenschaftsrates zu dem, was wir mit dem vielleicht etwas rigide klingenden Kürzel "Programmsteuerung" bezeichnen, ein Begriff, der bei vielen Kollegen offenbar ungute Assoziationen hervorruft. Dieses Ja ist ein "Ja, aber": Es müssen bestimmte Bedingungen erfüllt werden, wenn die Programmsteuerung ein Erfolg werden soll. Und diese Bedingungen haben nicht zuletzt mit meiner Titelfrage zu tun: "Was sollen wir erforschen?"

Diese Frage kann mit Fug und Recht als die zentrale Frage aller Wissenschaftspolitik bezeichnet werden. Nur eine andere Frage könnte ihr diesen Rang noch streitig machen, nämlich: "Wer soll das alles bezahlen?". Das aber ist ein leidiges Problem und sollte in einem Festvortrag tunlichst umgangen werden, zumal wir heute dazu schon so viel Positives gehört haben, dass ich mir die Tränen eigentlich aus den Augen wischen kann.

Ich bleibe also dabei: Wie können wir entscheiden, was wir künftig erforschen, welche wissenschaftlichen Fragestellungen wir verfolgen, und damit auch welche anderen Fragestellungen mit geringerer Priorität und folglich kleinerem Mitteleinsatz behandelt werden sollten?

Auf den ersten Blick klingt die Frage recht schlicht, denn man könnte meinen, dass eine rationale Sache wie Wissenschaft auch rational entschieden werden könnte. Aber wie Sie alle wissen, ist es überaus schwierig, überzeugende und vor allem praktikable Antworten darauf zu finden. Das liegt daran, dass sich hinter der Titelfrage eigentlich drei verbergen. Die Frage "Was sollen wir erforschen?" bedeutet nämlich erstens "Was können wir wissen?". Denn ohne eine Vorstellung davon, was Wissenschaft überhaupt erreichen kann, ist es nicht möglich, dem Forschungsprozess sinnvoll eine Richtung zu geben. Es bedeutet aber auch zweitens "Was dürfen wir hoffen?". Damit meine ich einerseits, welche Auswirkungen wir von der Entwicklung der Wissenschaft erwarten dürfen auf das Leben in unserer Gesellschaft und andererseits, welche Veränderungen der Gesellschaft umgekehrt den Kontext abgeben werden, in dem Wissenschaft betrieben werden wird. Als drittes bedeutet meine Titelfrage auch "Was dürfen wir tun?" und zwar im Sinne von: Welche ethischen Forderungen gelten im Bereich der Forschung? Gibt es Kenntnisse, auf deren Erwerb wir nicht verzichten dürfen? Und schließlich: Gibt es Forschungsrichtungen und Fragestellungen, die wir uns verbieten sollten?

Sie werden verstehen, dass ich auf diese drei Fragen in meinem Vortrag keine fertigen Antworten geben kann. Was ich Ihnen anbieten möchte, sind einige Gedanken darüber, wie solche Antworten gefunden und wie sie begründet werden können. Wofür ich plädieren möchte, ist der Einsatz von Verfahren, die der Wissenschaftsrat schon seit einigen Jahren unter dem Titel einer "Prospektion für die Forschung" in seine Empfehlungen aufgenommen hat.

Und natürlich, das gebietet schon der Anlass, möchte ich auch darauf eingehen, wie die Ausrichtung der Forschung und die Begründung von Schwerpunktsetzungen gerade in den Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft erfolgen kann, eine Frage, die den Wissenschaftsrat bei der Vorbereitung seiner Stellungnahme zur Helmholtz-Gemeinschaft sehr beschäftigt hat. Doch zuvor möchte ich kurz skizzieren, welche Holzwege in den letzten Jahrzehnten bereits kartiert worden sind und nicht wieder begangen zu werden brauchen.

Ich hoffe, meine Vorschläge damit vor Missverständnissen zu schützen, die das Wort "Prospektion" in der Wissenschaftspolitik zuweilen provoziert. Diese Missverständnisse entstehen durch die Verwechslung der Prospektion mit etwas, was ich unter dem Titel "lineare Planung" beschreiben möchte.

"Lineare" Planung: die Euphorie der 60er Jahre und ihr Ende

Zwar können wir in Deutschland schon seit der Mitte der 20er Jahre Bemühungen erkennen, sogenannte "Gemeinschaftsarbeiten" der Wissenschaft zu organisieren, in denen eine besondere Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft und das Volkswohl - wie man damals sagte - liege, so dass man die Anfänge der Programmsteuerung in diesen Überlegungen vor allem von Friedrich Schmidt-Ott sehen könnte, dem ersten Präsidenten der Notgemeinschaft für die deutsche Wissenschaft. Doch entwickelt sich die Vorstellung, dass Wissenschaft - immerhin das paradigmatische rationale Unternehmen unserer Kultur schlechthin - rationaler Planung und Steuerung bedürfe, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt. Natürlich hat hier das Manhattan-Projekt zur Vorbereitung der amerikanischen Atombombe den Boden bereitet, Forschung schien machbar, wenn genügend Geld, Motivation und Manpower verfügbar waren.

Und diese Idee gewann unter den Bedingungen des Kalten Krieges mehr und mehr Anhänger. Dies bedeutete, dass sich ihre Planung und Steuerung wissenschaftlicher Methoden bedienen müsse. Zwar war man sich von Anfang an der Komplexität dieser Aufgabe bewusst. Trotzdem neigten optimistische Zeitgenossen zu etwas, was der Astrophysiker Erich Jantsch1 1972 als "lineares Planen" bezeichnet hat. Nach diesem Konzept setzt langfristiges, strategisches Planen die Lösung zweier Teilaufgaben voraus:

  1. Man muss vorhersagen, nach welchen Regeln sich Wissenschaft und Technik, aber auch die Gesellschaft in der Zukunft entwickeln werden; und man muss
  2. einen gesellschaftlichen und ökonomischen Soll-Zustand bestimmen, zu dessen Realisierung Wissenschaft und Technik beitragen sollen.

Sobald dies geschehen ist, kann man einen Plan entwickeln, in dem genau festgelegt wird, wer wann was zu tun hat, um die Forschung so zu steuern, dass sie den erwünschten Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme leistet. Um der großen Komplexität dieser Aufgabe gerecht zu werden, entwickelte man neue Techniken, mittels derer man Informationen unterschiedlichster Quellen zusammenführen und analysieren konnte. Es war die große Zeit der Thinktanks und der Systemanalyse.

Eng verbunden mit der Konzeption einer linearen Planung war eine dirigistische Auffassung von Wissenschaftspolitik. Sie kam nämlich der Vorstellung entgegen, die Politiker könnten sich von Experten sagen lassen, wie sich die gesellschaftliche Nachfrage entwickeln und was wissenschaftlich-technisch möglich sein werde, um dann zu dekretieren, welche der sich bietenden Möglichkeiten ergriffen werden sollten. Aufgabe der Wissenschaftler und Techniker wäre es dann gewissermaßen, den Auftragszettel der Politik abzuarbeiten.

Vieles davon blieb - man stellt das dankbar fest - freilich reine Theorie. Durchsetzen konnte sich die strikte Planung eigentlich nur, wo Forschung für die Zwecke des "Kalten Krieges" unmittelbar instrumentalisiert wurde. So nimmt es nicht wunder, wenn die Planungstheoretiker in der Verteidigungsforschung und vor allem in der Raumfahrt mit dem Apollo-Programm ihre größten Erfolge feierten, während zugleich die zivile Forschung von zahlreichen, heterogenen Einrichtungen betrieben oder gefördert wurde, die sich der langfristig orientierten Planung entzogen.

Letzten Endes waren es aber nicht institutionelle Widerstände, die die Konzeption des linearen Planens in Misskredit brachten. Es stellte sich vielmehr heraus, dass grundlegende Annahmen, die man machen muss, wenn man Wissenschaft und Technik auf diese Weise planen möchte, nicht erfüllt waren.

Zum einen beruht lineares Planen auf der Fortschreibung von Tendenzen, die in der Vergangenheit geherrscht haben. Nach dem Vorbild der klassischen Physik sollten Verlaufsgesetze für die beobachteten Systeme aufgestellt und künftige Entwicklungen durch Einsetzen der gegenwärtig bestehenden Bedingungen berechenbar gemacht werden. Dieses Verfahren stößt jedoch an Grenzen, wo die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Prozessen unbekannt sind und eine lineare Superposition kein taugliches Mittel mehr ist, aus der Fülle der Einzelvorhersagen eine Gesamtschau zu schaffen. Besonders gravierend wird dieses Problem bei der Prognose sozialer, darunter auch wissenschaftlich-technischer Entwicklungen, wo die Gefahr von selbst-erfüllenden oder auch selbst-widerlegenden Prophezeiungen besteht.

Das größte Problem, vor dem das lineare Planen von Wissenschaft steht, ist jedoch die Wissenschaft selbst. Dass man die Ergebnisse künftiger Forschung nicht vorhersehen kann, ist trivial. Die Unvorhersehbarkeit von Wissenschaft ist jedoch viel grundsätzlicherer Natur: Leider kann nicht einmal gesagt werden, welche Forschungsgebiete in der Zukunft besonders fruchtbar und innovativ sein werden, wo also die Ergebnisse liegen, nach denen es sich zu forschen lohnt. Natürlich gibt es immer Disziplinen, die bei aller Rasanz doch in festen Bahnen verlaufen und bei denen man absehen kann, wie es in der nächsten Zeit weitergehen wird. Mit Thomas Kuhn2 , dem inzwischen zunehmend bekannt gewordenen Wissenschaftshistoriker, könnte man sagen: Diese Wissenschaften sind in einer normalwissenschaftlichen, von einem akzeptierten Paradigma - das ist sein Begriff - geprägten Phase, in der weitgehende Einigkeit darüber herrscht, was eine gute Fragestellung ist, mit welchen Methoden sie zu beantworten ist und wie eine gute theoretische Erklärung aussehen kann. In solch einem Fall ist jedem kompetenten Teilnehmer klar, in welcher Richtung der nächste Fortschritt liegt oder liegen muss.

Ein gutes Beispiel für eine Disziplin, die momentan in einer paradigmatischen Phase zu sein scheint, ist die Molekulargenetik. Ihre rasanten Fortschritte sind nicht zuletzt eine Folge der Tatsache, dass in den letzten Jahren zuverlässige und weitgehend automatisierbare Verfahren entwickelt wurden, um DNA-Sequenzen zu bestimmen und funktional zuzuordnen, was im Verbund mit verbesserten Datenbanksystemen die Akkumulierung von Wissen über biologische Systeme um Größenordnungen beschleunigt hat3. Selbst John Maddox meint von der Molekulargenetik, dass jedes halbwegs klar definierte Problem in wenigen Wochen Labor- und Computerarbeit gelöst werden könne. Das halte ich zwar für leicht übertrieben, aber es charakterisiert die Diskussionslage. Hans Lehrach, Direktor am Max Planck-Institut für molekulare Genetik und deutscher Vertreter im Leitungsgremium des Human-Genom-Projektes HUGO hat die "im Vergleich zur klassischen biologischen Forschung viel bessere Planbarkeit" der Genomforschung erst kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Argument "für eine weit höhere Priorität dieser Forschung innerhalb der staatlichen Aufgaben" bezeichnet.

Doch nicht alle Forschung ist so weit. Große Fortschritte erfordern bisweilen theoretische Revisionen, die nichts lassen, wie es war, nicht einmal die Terminologie, in der eine Disziplin ihre zentralen Fragen formuliert. Eine solche Revolution wäre vermutlich die Aufstellung einer "Universalformel" - einer "theory of everything" - , einer physikalischen Theorie also, die eine einheitliche Behandlung aller vier fundamentalen Kräfte (elektromagnetische, schwache und starke Kernkraft, Gravitationskraft) erlauben würde. Die theoretischen Physiker scheinen sich einig zu sein, dass eine solche Theorie einen großen Fortschritt darstellen würde. Wie sie jedoch aussehen könnte und damit auch, welche Schritte in die richtige Richtung könnten, das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt höchst unklar.

Selbst die Vorhersage, ob und wann eine solche Vereinheitlichung erfolgen wird, unterliegt erheblichen Unsicherheiten. So hat Stephen Hawking beispielsweise früher einmal prognostiziert, es brauche noch etwa zwanzig Jahre, bis eine "theory of everything" formuliert werde. Das war 1980. Heute sagt er, es werde noch ein bisschen länger dauern - vielleicht nochmal zwanzig Jahre.

Das zeigt wohl deutlich genug, wie unvorhersehbar manche wissenschaftlichen Entwicklungen selbst für anerkannte Experten auf ihren jeweiligen Gebieten sein können. Und da die Wissenschaften nicht unverbunden neben einander her laufen, sondern aufeinander Einfluss nehmen - sei es durch theoretische Innovationen, sei es durch Beiträge zur Entwicklung neuer Methoden und Geräte - , ist es nicht möglich, einzelne Disziplinen gegen die Unwägbarkeiten möglicher wissenschaftlicher Revolutionen abzuschotten.

Die langfristigen Prognosen, die linearen Planungen zugrunde liegen, stehen demnach - sofern sie überhaupt aufgestellt werden können - auf höchst wackeligen Füßen.

Die andere Komponente des linearen Planungsmodells kann ich hier nur kurz streifen. Aber ich möchte doch wenigstens darauf hinweisen, dass auch die Unterstellung langfristig festgeschriebener Sollzustände stark idealisierend ist. Im Grunde bedeutet dies, dass die wissenschaftspolitischen Akteure ihre einmal gesetzten Ziele nicht mehr revidieren, bis der Geltungszeitraum eines Plans abgelaufen ist. Man kann sich leicht vorstellen, dass ein derartiger Mangel an Lernfähigkeit, der zum Versagen der Planwirtschaft geführt hat, auch einer "Planwissenschaft" nicht gut tun würde.

Prospektion als Verfahren zur Themenfindung

Die Einwände, die ich angesprochen habe, führten in den 70er und frühen 80er Jahren zu einer deutlichen Ernüchterung. Manch einer fühlte sich berechtigt, allen systematischen Versuchen vorausschauender Wissenschaftspolitik rundheraus ihre Berechtigung abzusprechen. Obwohl ich die Zweifel an der Planbarkeit von Wissenschaft teile, möchte ich vor solchen Überreaktionen doch warnen.

Tatsächlich gibt es so etwas wie eine "ungeplante" Forschung natürlich gar nicht. Wer - etwa im Namen der Wissenschaftsfreiheit - dafür plädiert, meint in Wirklichkeit ja nur, dass es dem einzelnen Wissenschaftler überlassen bleiben solle, was er wann und mit welchen Mitteln erforschen wolle. Und in diese Entscheidungen gehen selbstverständlich Erwartungen darüber ein, welche Wissenschaftsgebiete besonders fruchtbar, welche Fragen in absehbarer Zeit beantwortbar, welche Problemlösungen besonders nachgefragt sein werden. Nur sind es, wenn man auf eine übergreifende Forschungsplanung verzichtet, eben die Erwartungen der einzelnen Wissenschaftler, die ihren jeweils eigenen Entscheidungen zugrunde liegen. Planung findet also statt, ist aber atomisiert. Die Frage ist, ob dies der Wissenschaft im Ganzen gut tut, jedenfalls in der Situation, in der wir uns jetzt befinden. Zweifel daran sind zumindest angebracht.

Niemand bestreitet, dass exzellente Wissenschaft von der Initiative der Wissenschaftler lebt. Ohne ihre Kompetenz, ihre Motivation und ihren Ideenreichtum würde es weder wissenschaftlichen noch technischen Fortschritt geben. Nur genügt es eben nicht, eine Anzahl hervorragender Wissenschaftler zu haben, die jeder für sich ihre je eigenen Forschungsvorhaben verfolgen. Längst ist die Forschungslandschaft selbst innerhalb der Spezialdisziplinen zu komplex, als dass Einzelpersonen sie noch überschauen und ihre langfristige Entwicklung beurteilen könnten. Wer kann noch von sich behaupten, er könne verlässlich abschätzen, welche Chancen und Risiken sein Fach in den nächsten zwanzig Jahren bieten wird, wo die Goldminen liegen und wo bloß tauber Stein?

Hinzu kommt - was wohl das stärkste Argument für ein Prospektionsverfahren ist -, dass sich die Rolle der Wissenschaft in unserer Gesellschaft tief greifend verändert. Nicht nur ist unsere Lebenswelt von Produkten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts durchdrungen, auch auftretende Probleme werden zunehmend als wissenschaftlich-technische Probleme begriffen. Selbst Folgeerscheinungen der Anwendung bestimmter technischer Hilfsmittel - vor allem die Umweltverschmutzung - werden als Herausforderung angesehen, sie wissenschaftlich zu verstehen und bessere, unsere Lebensgrundlagen schonende Techniken zu entwickeln.

Infolge dieser Entwicklung hat sich auch die Wissenschaft grundlegend verändert. Sie wird heute stärker von technischen oder wirtschaftlichen Problemen vorangetrieben als von den theoretischen Fragen, über die sich Disziplinen definieren. Rudolf Stichweh hat sogar die Behauptung aufgestellt, dass der Umstieg von einer an Personen orientierten Wissenschaftsförderung zu einer an Programmen orientierten Förderung die eigentliche Revolution der Wissenschaftspolitik darstellte, die sich auch in Deutschland schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchsetzte, etwa in der Industriestiftung des Jahres 1900, aber auch in der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften 1911, deren Institute ja in der ersten Phase in der Mehrzahl anwendungsorientiert waren.

Der Wissenschaftsrat hat deshalb in seinen Thesen zur künftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland von der Anwendungsorientierung von Forschung gesprochen, deren Ausprägung in den letzten Jahren zugenommen habe und die es weiter zu stärken gelte. Diese Entwicklung betrifft die gesamte Wissenschaft und verläuft quer zu der Unterscheidung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung.

Die strategische Ausrichtung von Forschung bringt es mit sich, dass verstärkte Anstrengungen unternommen werden müssen, die Verzahnung von Forschung und gesellschaftlicher Praxis zu fördern. Sie bringt es aber auch mit sich, dass die Kooperation von Wissenschaftlern nicht mehr durch die Grenzen der traditionellen Disziplinen eingeschränkt werden darf. Beides bedeutet, dass auch die staatliche Förderung der Wissenschaften sich nicht darauf beschränken darf, ihre disziplinäre Selbstorganisation zu unterstützen, sondern die Lösung gesellschaftlicher Probleme in Kenntnis der wissenschaftlichen Möglichkeiten mitgestalten muss. Die Aufgabe, die sich mit dem Bedeutungsgewinn strategischer Forschung stellt, ist demnach "Themen und Aufgaben der anwendungsorientierten Grundlagenforschung zu bestimmen, die

  • von herausragender wissenschaftlicher Bedeutung sind,
  • interdisziplinären Charakter haben,
  • mit ihren wissenschaftlich-technologischen Ergebnissen wirtschaftliche oder gesellschaftliche Anwendungsmöglichkeiten eröffnen,
  • Forschung in mehreren Sektoren, das heißt in wissenschaftlichen Einrichtungen und in Unternehmen einbeziehen können.4"

Um diese entscheidende Aufgabe zu lösen, wurde teils schon in den 70er und vermehrt in den frühen 80er Jahren in mehreren Industrienationen - darunter in Japan und dem Vereinigten Königreich - damit begonnen, neue Methoden zur Stützung einer vorausschauenden Förderung von Wissenschaft und Technik zu entwickeln. Um sich von der Vorstellung, Wissenschaft und Technik seien vorhersagbar, deutlich zu distanzieren, bezeichnete man diese neuen Verfahren als "research foresight" oder "technology foresight".

Im Deutschen setzte sich, nicht zuletzt durch die Empfehlungen des Wissenschaftsrats, hierfür der Ausdruck "Prospektion" durch, wobei mir die begriffliche Nähe zur Prospektionsarbeit des Geologen durchaus sympathisch ist. Die eben zitierte Aufgabenstellung stammt aus einer Pilotstudie zu einer Prospektion der Forschung, die eine Arbeitsgruppe 1998 vorgelegt, die aus Vertretern der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Hochschulrektorenkonferenz, der Max-Planck-Gesellschaft sowie der Helmholtz-Gemeinschaft und dem Wissenschaftsrat bestand.

Was sind nun die wesentlichen Unterschiede zwischen einer Prospektion für die Forschung und einem Modell, das Vorhersage und langfristige Pläne ins Zentrum stellt? Ich greife drei Punkte heraus, die Ihnen einen Eindruck davon vermitteln, was sich hinter dem Begriff verbirgt.

Prospektion wird durch empirische Verfahren gestützt, ist aber nicht auf sie beschränkt. Auch im Prospektionsverfahren muss der Frage "Was können wir wissen?" nachgegangen werden. Dazu werden Expertengruppen eingesetzt, deren Mitglieder aufgefordert werden, in kreativer und zugleich selbstkritischer Weise Perspektiven für ihr jeweiliges Fach zu entwickeln und mit den Erwartungen von Vertretern anderer Disziplinen zu konfrontieren. Ziel ist, gemeinsam Szenarien dafür aufzustellen, wie die Wissenschaft nach Ablauf einer Zeitspanne zwischen 5 und 25 Jahren aussehen und was sie erreicht haben könnte.

Unterstützt werden sie darin durch moderne Verfahren der Wissenschaftsforschung, die den Überblick über die komplexe Landschaft der modernen Wissenschaft erleichtern und so als Korrektiv für die partikularen Ansichten der Mitglieder einer solchen Arbeitsgruppe dienen können. Ein erster Schritt zum Einsatz solcher Verfahren war die Übertragung des DELPHI-Verfahrens, das die RAND Corporation für die Verteidigungsforschung entwickelt hatte, auf den gesamten Bereich von Wissenschaft und Technik durch die japanische Science and Technology Agency. In Deutschland wurde die erste DELPHI-Umfrage 1993 vom Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung im Auftrag des damaligen Bundesministeriums für Forschung und Technologie und in enger Kooperation mit japanischen Partnern durchgeführt.

Ziel der DELPHI-Befragungen ist zugleich, ein als Grundlage für konsensfähige Beschlüsse geeignetes, umfassendes Bild der Zukunftsaussichten von Experten zu erhalten und das Bewusstsein für die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit solchen Perspektiven zu schärfen. Parallel wurden Verfahren entwickelt, die es erlaubten, die Entwicklungstendenzen wissenschaftlicher Disziplinen und die Abdeckung von Forschungsfeldern durch einzelne wissenschaftliche Einrichtungen oder auch die Wissenschaftssysteme ganzer Staaten anhand ihrer Widerspiegelung in Publikationsmustern zu analysieren. In neuerer Zeit ist für die Untersuchung von technischen Optionen auch von Patent-Datenbanken Gebrauch gemacht worden.

Prospektion ist also wissenschaftsgeleitet, bezieht jedoch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Akteure mit ein - und dies ist eine ganz wichtige Aussage. Im Mittelpunkt des Prospektionsprozesses steht zwar die innerwissenschaftliche Auseinandersetzung über langfristige und grundlegende Ziele der Forschung. Integraler Bestandteil ist jedoch der Dialog mit Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. In diesem Dialog werden die Chancen und Risiken, die sich aus den antizipierten wissenschaftlichen Entwicklungen ergeben, thematisiert und mit politischen und ethischen Anforderungen konfrontiert.

Damit wird der unauflöslichen Verflechtung der drei eingangs unterschiedenen Fragen - "Was können wir wissen?", "Was dürfen wir hoffen?" und "Was dürfen wir tun?" - Rechnung getragen. Die Instrumente zur Förderung eines solchen Dialogs reichen vom Bereitstellen geeigneter Infrastruktur, über themenbezogene Konferenzen bis zu dem Punkt, Expertengruppen, die den Prospektionsprozess leiten, um Vertreter von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu erweitern. Entscheidend ist in jedem Fall, von dem Zweistufenmodell des linearen Planens - erst Voraussage, dann Dezision - abzukommen und ein komplexes Entscheidungsszenario aufzubauen.

Prospektion ist deshalb ein fortlaufender und offener Prozess, keine in sich abgeschlossene Technik. In seinen Empfehlungen zu einer Prospektion für die Forschung hat der Wissenschaftsrat festgehalten, dass die Umsetzung von Ergebnissen dieses Prozesses den Adressaten überlassen bleiben müsse. Eine mechanische Verbindung zwischen ihren Resultaten und etwaigen Detailförderentscheidungen würde seinen Intentionen nicht gerecht. Prospektion erzielt ihre Wirkungen wesentlich darüber, dass sie das Handeln der Beteiligten dauerhaft beeinflusst, um so zu fördern, was im Englischen als "the 5 Cs" bezeichnet wird: verbesserte Kommunikation;
Konzentration auf eine längerfristige Perspektive;
Koordination von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten;
Konsens über eine gemeinsame "Vision" und - hier fehlt leider ein deutsches Wort - Commitment, ein verstärktes Engagement der Teilnehmer für die aktive Gestaltung der Zukunft.

In diesem fortlaufenden und reflexiven Prozess sind Forscher und Forschungsförderer gleichberechtigte Partner.

Prospektion im Rahmen der Programmsteuerung

Dass es gerade die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren ist, vor der ich hier über vorausschauende Forschungspolitik sprechen darf, ist durchaus angemessen. Schon bevor sich die Mitgliedseinrichtungen 1995 zur HGF zusammenschlossen, waren sie Gegenstand von "Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Zusammenarbeit von Großforschungseinrichtungen und Hochschulen". Darin wurde die große Bedeutung der in ihnen geleisteten grundlegenden Forschungen für die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft herausgestrichen. In diesem Zusammenhang heißt es: "Die Entwicklung der Neuen Technologien [...] hängt heute mehr denn je von den Erkenntnissen der Grundlagenforschung ab. Folgerichtig wird es immer wichtiger, Grundlagenforschung zu fördern und rechtzeitig Wege zu finden, um die Ergebnisse der Grundlagenforschung optimal nutzen zu können. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die notwendigen Schübe an Vitalität und Kreativität, die den Kreislauf von wissenschaftlicher Innovation und technologischer Entwicklung in Gang halten, auch tatsächlich am rechten Ort und zur rechten Zeit erfolgen".

Eine Forschungsförderung, die das leistet, wird in der erwähnten Schrift als "prospektive Forschungsförderung" bezeichnet. Um sie zu stützen, bedürfe es einer "Beratungskapazität, die vor allem darauf gerichtet sein muss, aus einer übergreifenden Perspektive Probleme zu analysieren und Strategien zu entwickeln, die der Grundlagenforschung in ökonomisch, medizinisch und ökologisch relevanten Feldern neue Wege ebnen können5" . Was hier angemahnt wird, versuchte der Wissenschaftsrat 1994 mit seinen Empfehlungen zu einer Prospektion für die Forschung zu konkretisieren. 1998 veröffentlichte er dann die erwähnten Pilotstudie als Machbarkeitsnachweis.

Sie sehen also, dass das Eintreten des Wissenschaftsrats für Verfahren der Prospektion eine Geschichte hat, an deren Anfang eine Beschäftigung mit den Großforschungszentren stand. Hierfür gibt es sachliche Gründe.

Zum einen hat das geflügelte Wort von den "Großtankern", um die es sich bei den Zentren innerhalb der deutschen Forschungslandschaft handeln soll, - vom kritisch-polemischen Unterton einmal abgesehen - durchaus einen wahren Kern: So wie ein echter Großtanker viele Seemeilen braucht, um seinen Kurs zu ändern oder gar zu stoppen, so sind die Großforschungseinrichtungen durch ihre Infrastruktur stärker als kleinere Institutionen auf einen klaren wissenschaftlichen "Kurs" festgelegt. Für jeden nachvollziehbar ist dies dort, wo Großgeräte involviert sind, von deren Entwicklung bis zur Inbetriebnahme oft viele Jahre vergehen. Denken Sie nur an den Linearbeschleuniger TESLA, mit dessen Planung Mitte der 90er Jahre begonnen wurde und der, falls nach Abschluss der Planungen und positiver Evaluation eine Finanzierung erfolgt, bei einer geschätzten 6- bis 8-jährigen Bauzeit voraussichtlich im Jahr 2010 in Betrieb genommen werden könnte. Von der Plasmaphysik und deren Orientierung auf das Projekt Kernfusion will ich hier gar nicht reden. Die langfristige Bindung von Ressourcen durch solche Vorhaben macht eine systematische Bemühung um vorausschauende Planung unumgänglich, genauso wie der Kapitän eines Großtankers eben andere, vorausschauendere Navigationsmittel braucht als der Skipper einer kleinen Yacht.

Es sind aber nicht nur Fragen der Infrastruktur und der Steuerung von Großforschungseinrichtungen, wegen derer die Helmholtz-Gemeinschaft ein wichtiger Adressat der Gedanken zu einer Prospektion für die Forschung ist, es ist auch ihre besondere Aufgabe, die sie von anderen Organisationen in Deutschland unterscheidet. In ihrem eigenem Verständnis ist es die Aufgabe der Helmholtz-Gemeinschaft, "langfristige Forschungsziele des Staates und der Gesellschaft in wissenschaftlicher Autonomie 6" zu verfolgen, sie bezeichnet ihre Tätigkeit deshalb als Vorsorgeforschung. Im Unterschied zur Forschung etwa an den Universitäten oder an Instituten der Max-Planck-Gesellschaft bedarf es zur Steuerung der Helmholtz-Gemeinschaft geeigneter Mechanismen, um staatliche Vorgaben und gesellschaftliche Interessen an sie heranzutragen. Dabei sollten tagespolitisch motivierte Neigungen natürlich nicht den Ausschlag geben.

Dies gilt in besonderem Maße für die Definition der Programmbereiche in der neuen Programmsteuerung, über die wir in diesen Tagen intensiv sprechen. Als inhaltliche Ausrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft auf höchster Ebene muss diese ihren Ausgang künftig bei den Ergebnissen der Prospektion nehmen und nicht mehr, wie bisher, bei dem Gesamtspektrum der aktuell innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft durchgeführten Forschungs- und Entwicklungsarbeiten beginnen, um diese ex post in Forschungsbereiche abzubilden. Damit kann die Prospektion auch die manchmal noch zu beobachtende Selbstbezogenheit der Zentren aufbrechen.

Ziele einer Wissenschaftsorganisation auf derart hoher Aggregationsebene zu bestimmen, ist eine höchst anspruchsvolle politische Aufgabe. Die Absicht von Bund und Ländern, sich ihrer im Rahmen einer fortlaufenden Diskussion mit Wissenschaft und Wirtschaft sowie mit dem Senat und den Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft anzunehmen, kann ich deshalb nur begrüßen.

Geeignete Verfahren der Prospektion für diese Zwecke werden erst nach und nach entwickelt werden können. Lassen Sie mich dazu bloß zwei Hinweise geben, die über bloße technische Fragen, wie die Erhebung empirischer Grundlagen oder die Zusammensetzung von Gremien, hinausgehen: Zum einen wird es gerade in Bereichen mit hohem Risiko- und Konfliktpotenzial darauf ankommen, den Diskussionsprozess um die Definition von Programmbereichen so zu gestalten, dass die Beteiligung von Wissenschaftlern und Interessenvertretern mehr als bloß eine legitimatorische Funktion erfüllen kann. Zum anderen ist der Prozesscharakter des Vorgangs hervorzuheben.

Zwar erfordert die Funktion der Programmbereiche als Rahmen für die von den Zentren dann auszufüllenden Programme eine hinreichende Stabilität und damit eine mehrjährige Festlegung der Zuwendungsgeber. Dennoch sollte die Chance, vom Verlauf der Forschung und ihrer Förderung innerhalb der bestehenden Programmbereiche für zukünftige Entscheidungen zu lernen, nicht vertan werden.

Eine langfristige Festlegung von Programmbereichen durch eine ad hoc eingerichtete Kommission nach der "hit and run"-Strategie ohne anschließende Begleitung scheint mir deshalb unzweckmäßig. Hier für mehr Kontinuität zu sorgen, hätte auch deshalb eine große Bedeutung, weil es verspräche, den Stand des Methodenwissens über Prospektionsverfahren langfristig zu verbessern.

Bei der Organisation dieses Prozesses scheint mir im Übrigen eine Kooperation mit unseren europäischen Partnern angezeigt, die ja auf nationaler Ebene zum Teil schon Erfahrungen mit Foresight-Aktivitäten gewonnen haben. Auf diesem Gebiet ein wechselseitiges Lernen und eine Koordination von forschungspolitischen Entscheidungsprozessen zu initiieren, wäre ein großer Schritt auf dem Weg zu einem europäischen Forschungsraum. Dies würde auch den Vorstellungen der EU-Kommission entgegenkommen, wonach es hier um Anstrengungen zu einer gemeinsamen Willensbildung geht, nicht um eine Zentralisierung von forschungspolitischen Kompetenzen.

Soviel zur Festlegung der Programmbereiche. Die zweite Stelle, an der Prospektionsverfahren wesentlich zur Programmsteuerung beitragen können, ist die Ausfüllung der Bereiche durch die Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft. In diesem Prozess wird die Versuchung groß sein, die definierten Programmbereiche als Ausschreibung zu betrachten, auf die hin jeder Wissenschaftler Vorschläge einreicht, unter denen dann - womöglich nach Zentrenproporz - auszuwählen wäre. So aber kann eine auf inhaltliche Steuerung und Flexibilität angelegte Strategieentwicklung nicht gelingen, und wir sollten davon die Finger lassen.

Bei der Zusammenstellung eines Programmportfolios ist es deshalb wichtig, ein transparentes Verfahren zu befolgen, in dem die einzelnen Programme nach Maßgabe ihrer Qualität, ihrer Erfolgschancen und ihres Beitrags zu den Zielen des Programmbereichs untereinander im Wettbewerb stehen.

Zu diesem Zweck müssen die Programmbereiche eigene Entscheidungsstrukturen etablieren, die im Regelfall nicht mit den zentrenbezogenen Strukturen identisch sein werden. Ihre Aufgabe wird es sein, die Ziele der Zuwendungsgeber zu operationalisieren und die Arbeitsgruppen in den Zentren darin zu unterstützen, gemeinsam - wann immer sinnvoll auch unter Einschluss von Partnern außerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft - ihre Arbeit auf diese Ziele auszurichten. Daneben wird den Leitungsstrukturen der Programmbereiche auch die Aufgabe zufallen, die Durchführung der Programme fachlich zu beaufsichtigen. Mehr noch als auf der höchst aggregierten Ebene der Programmbereichsdefinition wird bei ihrer Ausfüllung demnach die Notwendigkeit deutlich, Prospektion, Controlling und Evaluation als integrierte und kontinuierlich wahrzunehmende Aufgabe zu sehen.

Flexibilität wahren! Schwerpunkte setzen!

In Gesprächen über die Programmsteuerung höre ich immer wieder die Befürchtung heraus, es werde sich doch nichts ändern. Der Aufwand steige, die Ergebnisse blieben gleich. Und immer sind es die beiden Partner im Steuerungsprozess, denen die Bremserrolle zugeschrieben wird - einmal den Zuwendungsgebern, weil sie angeblich alles bürokratisierten oder die Neuerungen um der Neuerungen willen einführten, zum andern wird der schwarze Peter den Zentren zugeschoben, weil sie nur auf Bewahrung des status quo aus seien.

Ich verstehe diese Befürchtungen. Auch der Wissenschaftsrat hat diese Gefahr gesehen. Aber ich hätte kein Verständnis, wenn die Akteure nun durch ihre Sorgen zur Resignation verleitet würden, statt sich zur aktiven Gestaltung ihrer Zukunft aufgefordert zu fühlen. Die Programmsteuerung ist eine große Chance:

  • die Chance, durch Wettbewerb die zukunftsträchtigsten Themen zu besetzen;
  • die Chance, durch transparente Qualität an Attraktivität für die besten Köpfe zu gewinnen;
  • die Chance, die Helmholtz-Gemeinschaft zu einer Potenz im deutschen Wissenschaftssystem zu machen, deren neue Orientierung andere an sie heranführen würde, um wichtige Dinge gemeinsam zu tun.

Da ich weiß, dass es schon hoffnungsvolle Beispiele für solche Kooperationen gibt, sowohl im nationalen als auch im regionalen Maßstab, sage ich dies mit umso größerer Überzeugung. Wir kennen ja das Humangenomprojekt oder etwa den Materialverbund in Dresden, wo mehrere lokale Partner gemeinsam Fragen bearbeiten und damit die Ressourcen verschiedener Forschungssäulen zusammenbringen.

Um diese Chance zu nutzen, braucht es Mut. Mut zu echtem Wettbewerb, in dem es zwar auch Verlierer geben wird, durch den die Helmholtz-Gemeinschaft als Ganzes und damit unser Wissenschaftssystem jedoch nur gewinnen kann. Mut, nicht nur zu fragen: "Was wollen wir erforschen?", sondern auch "Was wollen wir nicht erforschen?" und damit Nachrangiges bewusst aufzugeben. Mut, sich anderen in der Helmholtz-Gemeinschaft und darüber hinaus zu öffnen, mit ihnen gemeinsam durch interdisziplinäre Kooperation neue Ideen zu entwickeln und so im Wettbewerb besser zu bestehen.

Vielleicht ist es gut, wenn Sie sich bei dieser Neuorientierung von Ihrem Namensgeber helfen lassen, von Hermann von Helmholtz, dem "Reichskanzler der deutschen Wissenschaft", wie er genannt wurde. Er schrieb - woran Wolfgang Frühwald 1995 in Ihrem Kreis erinnerte - 1862 in seiner Rede "Über das Verhältnis der Naturwissenschaften zur Gesamtheit der Wissenschaft":

"In der Tat bilden die Männer der Wissenschaft eine Art organisierter Armee, welche zum besten der ganzen Nation, und meistenteils auch in deren Auftrag und auf deren Kosten, die Kenntnisse zu vermehren sucht, welche zur Steigerung der Industrie, des Reichtums, der Schönheit des Lebens, zur Verbesserung der politischen Organisation und der moralischen Entwicklung der Individuen dienen können."

Zeigen Sie, dass Sie seinen Namen zu Recht gewählt haben. Er hat alles gesagt, wenn auch in einer Sprache, die uns etwas fremd geworden ist. Die Sache selbst stimmt: "Vermehren Sie unsere Kenntnisse" in seinem Sinne!

 

1. Jantsch, E. (1972): S. 2 zurück
2. Kuhn, Th. S. (1962) zurück
3. FAZ vom 8. 11. 00 zurück
4. Pilotstudie (1998), S. 64 zurück
5. Wissenschaftsrat (1991), S. 36 zurück
6. Positionspapier der Mitgliederversammlung der HGF zur künftigen Entwicklung vom 1. Februar 2000 zurück


 

Literatur
Jantsch, E.: Technological Planning and Social Futures. Cassell, London 1972
Martin, B. R. & J. Irvine: Research Foresight. Priority-Setting in Science. Pinter Publishers, London/New York 1989
Weingart, P.: "Prospektion und strategische Planung" in Wirtschaft & Wissenschaft 3/1995, 44 - 51
Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Zusammenarbeit von Großforschungseinrichtungen und Hochschulen. Köln 1991
Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu einer Prospektion für die Forschung. Drs. 1645/94, Köln 1994
Pilotstudie zu einer Prospektion der Forschung anhand ausgewählter Gebiete. Köln 1998
Wissenschaftsrat: Thesen zur künftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland. Köln 2000

12.01.2013