20. November 2002 Helmholtz-Geschäftsstelle
Wissenschaft und Wirtschaft - Etwas näher ran, bitte!
Vortrag des ehemaligen Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Dr. Walter Kröll auf dem Wissenschaftsempfang der Industrie- und Handelskammer zu Köln am 20. November 2002 im Börsensaal der Industrie- und Handelskammer zu Köln.
Es gilt das gesprochene Wort
Zu Beginn des Jahres 2002 haben 82 IHKs mehr als 20 000 Unternehmen zur Attraktivität des Standorts Deutschland und zu den dringlichsten Maßnahmen für die Steigerung der Attraktivität befragt. Für den Bereich Köln kam heraus: 36 Prozent der Betriebe bezeichnen den Standortfaktor Technologietransfer als "nur wenig relevant" für ihr Unternehmen. Firmen, die Technologietransfer für relevant halten, schätzen ihn zu 27 Prozent als "schlecht" oder maximal "ausreichend" ein.
Für die heutige Veranstaltung, die Vertreter beider Seiten zusammenbringt, gibt es also gute Gründe. Wissenschaft und Wirtschaft, die gemeinsam Innovationsfähigkeit des Standortes Deutschland prägen, können nämlich mit solchen Aussagen beide nicht zufrieden sein. Etwas näher ran, bitte! - das Motto meines Vortrages bezeichnet, was offensichtlich fehlt: Die Nähe, in der kontinuierlicher Austausch selbstverständlich ist, das gewachsene Vertrauen, das alte Vorurteile durch gute Erfahrungen widerlegt und neuen erst gar keine Chance gibt.
Damit der Abstand sich verringert, müssen beide Seiten ihr Teil beitragen, denn beide profitieren auch, wenn Technologietransfer gelingt. Wissenschaft und Forschung sind dazu bereit, näher an die Anwendung, den Markt, ihre Partner in der Industrie heranzurücken. Dass ich heute hierher gekommen bin, in ein Haus der Wirtschaft: Nehmen Sie dies bitte als ernst gemeintes Signal, dass die Helmholtz-Gemeinschaft und ihre Forschungszentren in ganz Deutschland sehr daran interessiert sind, ihren Teil dazu beizutragen, dass der Weg von der Wissenschaft zur Wirtschaft kürzer und begehbarer wird.
Einen Weg zu verkürzen ist am einfachsten, wenn beide Seiten aufeinander zu gehen. Nehmen Sie meine Präsenz hier somit bitte auch als Einladung an die Unternehmer unter Ihnen. Ich werde Ihnen Beispiele aus Helmholtz-Zentren vorstellen, die unseres Erachtens für Best Practice stehen. Sie zeigen, was gute Kooperation auszeichnet und welche Erfolge Technologietransfer erzielen kann. Ich tue das nicht aus Selbstgefälligkeit, sondern um Sie zu motivieren und ermuntern, Kontakt zu den Experten in den Helmholtz-Forschungszentren zu suchen.
Zunächst jedoch ein paar Worte dazu, was dahinter stecken mag, wenn Unternehmen, wie die eingangs zitierte Erhebung zeigt, Technologietransfer als unbedeutend für den Standort oder als mangelhaft in der Realisierung einschätzen.
Kundenzufriedenheit
Hinweise für die Ursachen dieses unbefriedigenden Ergebnisses findet man in einer Erhebung von IHK und DIHT aus dem Jahr 2000 zur Kundenzufriedenheit der Unternehmen mit Forschungseinrichtungen:
- 63 Prozent der befragten Unternehmen wünschen sich, dass Forschungseinrichtungen stärker auf die Unternehmen zugehen.
- 49 Prozent der Unternehmen möchten, dass Forschungseinrichtungen ihr Leistungsangebot besser darstellen.
- Über 36 Prozent wünschen sich, dass der Know-how Transfer besser wird.
- Und immerhin 29 Prozent finden, dass das Projektmanagement besser werden muss.
Für kleine und mittlere Unternehmen sind insbesondere die ersten beiden Punkte von Bedeutung. Sie sehen die größten Defizite im Vorfeld von Kooperationen mit Forschungseinrichtungen. Unterstützt wird die These, dass Kontaktaufnahme und Anbahnung von Forschungs- und Entwicklungskooperationen gerade bei KMU besser werden müssen, durch den folgenden Befund der Studie: Die Häufigkeit der Kontakte zur Forschung steigt mit der Unternehmensgröße; Unternehmen mit eigener FuE-Einheit unterhalten häufiger Kontakte zu externen Forschungspartnern als solche ohne eigene Forschung.
Beispiele des Technologietransfers aus den Helmholtz-Zentren sollen anregen, Vorurteile zu überwinden. Denn Denkbarrieren auf beiden Seiten gibt es leider noch genug. Aus der Wissenschaft höre ich gelegentlich Stimmen wie diese:
- "Vermarkten von Wissen heißt simplifizieren, wenn nicht gar verfälschen."
- "Meine Erkenntnisse sind in Veröffentlichungen jedem zugänglich, das ist Transfer genug."
- "Räder, die schon erfunden sind, zum Laufen bringen - nicht mein Job."
- "Manchmal weiß König Kunde schon vorher, was wir herausfinden sollen."
Auch Unternehmer äußern gelegentlich, dass ihre Beziehung zur Forschung alles andere als ideal funktioniert. Dort heißt es:
- "Ich kriege allgemeine Problemlösungen statt konkreter Hilfe."
- "Meine Probleme stören den Forscher: zu klein, zu individuell …"
- "Das ist mir alles zu abgehoben. Es fehlt an Übersetzern."
Ich vertrete die Position, dass man solche Barrieren nicht überwindet, wenn man die Quantität der Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft erhöht. Notwendig ist vielmehr eine neue Qualität des Zusammenwirkens: Statt Kooperation sollte man besser von Partnerschaft sprechen.
Partnerschaft
Unter solcher Partnerschaft verstehe ich, dass beide sich mittelfristig wechselseitig auf gemeinsame Ziele verpflichten, verstehe ich Arbeitsteilung und auch gegenseitige Abhängigkeit auf der Grundlage von Vertrauen. Dies zahlt sich aus, denn Partnerschaft hilft, Wissen auf Spitzenniveau zu erhalten, die Produktivität der Partner zu erhöhen, die Kosten zu reduzieren und neue Ressourcen zu erschließen
Eine solche Partnerschaft ist keine Form des Zusammenwirkens, die sich allein zwischen Forschung und global agierenden Big Playern der Wirtschaft erfolgreich entwickeln kann. Im Gegenteil: Neue Formen des Zusammenwirkens, um Informationstransfer in Gang zu bringen, um die richtigen Personen zusammenzuführen und Ideen in erfolgreiche, marktfähige Anwendung zu übersetzen - die brauchen wir insbesondere, um erfolgreiche Partnerschaften mit kleinen und mittleren Betrieben und Unternehmen aufzubauen, die das Rückgrat des Wirtschaftsstandortes bilden.
Die Beispiele aus den Helmholtz-Zentren werden zeigen, dass Berührungsängste zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fehl am Platze sind. Prinzipiell ist kein Forschungsbereich zu abgehoben, kein Betrieb zu klein, kein Problem zu konkret und keine Form des Zusammenwirkens zu ungewöhnlich, um nicht in ein neues, marktfähiges Produkt oder einen wirklich innovativen Prozess münden zu können.
Zunächst jedoch wenige Worte dazu, wer die Helmholtz-Gemeinschaft ist und welche Aufgaben sie im Auftrag des Staates für Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft wahrnimmt.
Helmholtz - eine starke Gemeinschaft
In der Helmholtz-Gemeinschaft haben sich 15 nationale Zentren für naturwissenschaftlich-technische und biologisch-medizinische Forschung mit 24 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Jahresbudget von mehr als zwei Milliarden Euro zusammengeschlossen. Ihr Auftrag ist Forschung, die wesentlich dazu beiträgt, große und drängende Fragen von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft zu beantworten. Dazu bündelt Helmholtz seine Kräfte in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Verkehr und Weltraum. Im Fokus der Helmholtz-Forschung stehen komplexe Systeme, die Mensch und Umwelt bestimmen. Um sie zu entschlüsseln, kooperieren die Wissenschaftler untereinander und mit externen Partnern - über die Grenzen von Disziplinen, Organisationen und Nationen hinweg.
Helmholtz - Partner für die Zukunft
Hervorragende Wissenschaftler, leistungsfähige Infrastruktur, modernes Management: Auf dieser Basis entsteht konzertierte Forschung. Sie ist der Beitrag der Helmholtz-Gemeinschaft, um drängende globale Probleme anzugehen und dazu beizutragen, dass sich der Wirtschaftsstandort Deutschland international konkurrenzfähig entwickelt. Sie ist unser Beitrag zu den gemeinsamen Projekten mit Partnern in Wissenschaft und Industrie. Von besonderer Bedeutung für die Attraktivität der Gemeinschaft ist ihre Infrastruktur. Helmholtz baut und betreibt wissenschaftliche Großgeräte, die für Forschung auf Weltniveau in vielen Bereichen unverzichtbar sind. Diese modernen Hightech-Anlagen fungieren als Kristallisationskern für nationale und internationale Kooperationen. Sie sind zudem ein Motor, der die Entwicklung von Hochtechnologien antreibt.
Technologietransfer heißt … Innovation in den Markt bringen
Innovation in den Markt zu bringen, was für viele Unternehmen selbstverständlich ist, um sich in der Konkurrenz zu behaupten, dies muss, so meine Überzeugung, genauso zum wichtigen Element im Selbstverständnis von Helmholtz-Zentren werden. Im Konzept für Technologietransfer des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt beispielsweise zählt Markterfolg bereits seit Jahren ausdrücklich zu den Forschungszielen. Das bedeutet: Das DLR verbindet Grundlagenforschung und deren Anwendung und macht den über Erkenntnisgewinn hinausgehenden Mehrwert zum Ziel von Forschung. Dabei orientiert es sich gleichermaßen an den Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik wie an den Bedürfnissen von Kunden und Märkten.
Innovation in den Markt zu bringen, dies stellt allerdings an beide Seiten auch hohe Ansprüche: Beide müssen einen langen Atem entwickeln und bereit sein, in fairer Partnerschaft Wagnisse einzugehen. Forschung kann die Produkt- und Marktfähigkeit von Erkenntnissen schon im Vorfeld ausloten. Das Risiko, das mit Innovation immer verbunden ist, gänzlich eliminieren, kann sie nicht. Das Wagnis einzugehen, ist somit eine Entscheidung beider Seiten: Im Erfolgsfall profitiert der Industriepartner einer Großforschungseinrichtung wie des DLR von der Qualität der Spitzentechnologie für ehrgeizige Forschungsprojekte und die Forschung umgekehrt von Fortentwicklung der Technologie durch die Anwendung.
Hitzeschild für die Raumfahrt wird Bremsscheibe in Maschinen
Das erste Praxis-Beispiel ist eine Bremse, die aus dem All kam. Im Januar 1995 startete eine japanische Trägerrakete, die vor allem für Wiedereintrittsversuche mit faserkeramischen Hitzeschildern dienen sollte. Leider funktionierte nicht alles nach Plan: Die Rakete scheiterte; die deutsche Express-Kapsel löste sich und landete vier Stunden nach dem Start weitab der Zivilisation in Ghana. Eine solche Kapsel sehen Sie links im Bild.
Mit vom Himmel gefallen war ein Werkstoff, der sich gegenüber herkömmlichen keramischen Werkstoffen u. a. durch eine erheblich höhere Oxidationsbeständigkeit und viel größere Widerstandsfähigkeit gegen Abrieb auszeichnet. Diese und weitere Kennzeichen machen den Werkstoff aus dem All zum idealen Material für irdische Anwendungen. Er ist nämlich eine hervorragende Lösung für Hochleistungs- und Leichtbaubremsen. Das DLR suchte und fand einen Partner für die Entwicklung zur Marktreife, die Firma Mayr aus Bayern. Mayr ist ein mittelständisches Unternehmen, das u. a. Not-Aus-Bremsen für Maschinen (z. B. Kräne, Druckmaschinenwalzen) herstellt. Die Firma beschäftigt rund 400 Mitarbeiter.
Die folgenden Schritte der erfolgreichen Partnerschaft waren:
- ein Vorlaufprojekt, um das Leistungspotenzial des Werkstoffs genauer zu ergründen
- ein Transfermuster, um die Lücke zwischen Laborgerät und Prototyp zu schließen,
- Tests mit dem Transfermuster, um die Eignung zu beweisen
- eine Wagniskooperation, bei der aus dem Muster der Prototyp entwickelt wurde.
Das Forschungszentrum hat durch das Vorlaufprojekt, das Transfermuster und die Tests zur Eignung den Weg vom All auf die Erde bereits ein gutes Stück verkürzt. Und das Unternehmen Mayr war bereit, einen fairen Teil des Wagnisrisikos zu übernehmen. Auf der Hannovermesse 1999 konnte Mayr eine Weltneuheit vorstellen: eine Sicherheitsbremse, die sich bis zur Weißglut erhitzen lässt, ohne ihre Reibeigenschaften einzubüßen. Erfolgreich wird der Werkstoff mittlerweile auch in Scheibenbremsen von PKWs eingesetzt.
Marskameras werden zur technischen Revolution im Luftbildwesen
Wir bleiben beim DLR. Wenn Sie die kleine Brille benutzen, bitte, links blau und rechts rot benutzen, dann sehen Sie diese Luftbildaufnahme vom Spreebogen in Berlin in drei Dimensionen. Aufgenommen wurde sie von einer spektakulären Kamera, der ADS 40, entwickelt im Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung des DLR in Berlin-Adlershof. Gebaut wurden ihre Vorläufer für den Einsatz auf der russischen Mission Mars 96, um erstmals die Oberfläche des Planeten mit bis zu 10 Meter-Auflösung stereo und in Farbe zu kartieren. Die Expedition scheiterte wegen des Ausfalls der russischen Rakete, nun wird die ESA-Mission Mars Express ein weiterentwickeltes Modell im Jahr 2003 zum Mars bringen.
Auf der Erde wurden die ersten dieser Kameras seit 1997 erfolgreich für die Fernerkundung vom Flugzeug aus eingesetzt. Die gemeinsam mit LH Systems, dem Weltmarktführer für Luftbildkameras, daraus weiterentwickelte ADS 40 ermöglicht eine photogrammetrische Genauigkeit, abhängig von der Flughöhe, bis auf 10 Zentimeter. Das eigentlich Revolutionäre ist jedoch, dass man aus den Daten, die die Kamera sammelt, digitale Oberflächenmodelle ableiten kann. Und zwar allein aus den Befliegungsdaten, ohne zusätzliche Bodenanpassungspunkte bzw. Kartengrundlage.
Der klassische Film ist bei der Kamera durch eine Sensoreinheit ersetzt, die Produkte sind also keine Fotos, sondern digitale Daten. Personalintensive Digitalisierung, um aus Fotoaufnahmen Höhenmodelle aufzubauen, entfallen somit. Bilder und Höhenmodelle stehen schon wenige Tage nach einer Befliegung zur Verfügung (mittels herkömmlicher Verfahren nach vier Wochen). Zeit- und Kostenersparnis sowie höhere Genauigkeit sind die Pluspunkte der Kamera für den Einsatz in vielen Anwendungsgebieten, zum Beispiel Verkehrs-, Stadt- und Regionalplanung, Katastrophenprävention, Umweltmonitoring und Telekommunikation (Optimierung terrestrischer Übertragungswege).
Die ADS 40 wird seit Ende 2001 in Serie gebaut und vom Lizenznehmer LH Systems, Schweiz, weltweit verkauft. LH Systems wurde 1997 als Gemeinschaftsunternehmen zwischen der amerikanischen GDE Systems Inc. und der schweizerischen Leica AG gegründet. Hauptsitz ist in San Diego. Das Portfolio der LH Systems GmbH in der Schweiz mit 61 Mitarbeitern umfasst Luftbildaufnahme-Systeme wie beispielsweise Luftbildscanner und Software für die Photogrammetrie. Die Partnerschaft hat sich für beide Seiten gelohnt: Innovation hat den Markt erreicht. Und auch die Forschung profitiert; sie nutzt die industrielle Weiterentwicklung ihrer Technologie heute wiederum für Raumfahrtprojekte.
Technologietransfer heißt … Grenzen überwinden
Technologietransfer setzt den Willen voraus, marktfähige Innovation im Getriebe der Wissenschaft überhaupt zu erkennen. Für Forscherinnen und Forscher bedeutet dies auch, dass sie die Fähigkeit ausbilden müssen, über die Grenzen ihrer konkreten wissenschaftlichen Fragestellung oder ihrer Disziplin hinauszusehen. Denn aus Forschung auf dem einen Feld kann erfolgreiche Anwendung auf einem anderen werden. Auch Unternehmer, die Forschung nutzen wollen, um neue Entdeckungen, Erfindungen und Entwicklungen für ihre Branche nutzbar zu machen, profitieren davon, sich diesen weiten Blick anzueignen. Denn die Lösung eines Problems ist nicht immer das Ergebnis eines Auftrags; sie kann vielmehr in einem Forschungsbereich versteckt sein, der mit der eigenen Branche sonst nur wenige Berührungspunkte hat. Wie das folgende Beispiel aus dem Forschungszentrum Jülich zeigt.
Was Brennstoffzellen und Hüftimplantate gemeinsam haben
Brennstoffzellen kehren den Prozess der Elektrolyse, die Spaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff, um. Sie produzieren Energie, indem sie Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser verbinden. Wie eine solche Brennstoffzelle, bzw. ein "Stack" genannter Stapel mehrere einzelner Zellen, aussieht, sehen Sie hier. Im Forschungszentrum Jülich entwickeln Wissenschaftler in der Energieforschung neue Werkstoffe, die dazu beitragen, dass Brennstoffzellen effizienter arbeiten. Für eines dieser Produkte und das Verfahren zu seiner Herstellung interessiert sich jetzt die Biomedizin. Was steckt dahinter?
Um hochporöse Stoffe für Hochtemperatur-Brennstoffzellen zu erzeugen, verwenden die Forscher die so genannte Platzhaltermethode. Dabei mischen sie Pulver des eigentlichen Materials mit dem einer anderen chemischen Substanz, dem Platzhalter. Anschließend wird das Gemisch zunächst zu Platten oder Zylindern gepresst und die Platzhaltersubstanz im Ofen wieder entfernt. Ein auf diese Weise produzierter Werkstoff hat mehrere Vorteile: Die Lochgröße sehr genau einstellbar und sehr gleichmäßig. Zudem kann der Werkstoff gut bearbeitet werden, da der Platzhalter ihn stabilisiert und erst nach der Bearbeitung entfernt werden muss.
Bei Knochenimplantaten wird bisher nur die Oberfläche des fertigen Teils bearbeitet, damit sie porös wird. Denn die mechanische Bearbeitung von empfindlichem porösem Material ist heikel. Die Jülicher Platzhalter-Methode ermöglicht es jetzt, das gesamte Implantat aus porösem Material herzustellen. So können Federungseigenschaften und Stabilität eines Knochens sehr gut imitiert werden. Auch die schwierig zu findende Platzhalter-Substanz, die das verwendete Titan nicht zu stark verunreinigt, haben die Forscher entdeckt. Das Bild zeigt den Titan-Rohling für die Verankerung des Hüftimplantats im Hüftknochen. Eine Schweizer Firma hat bereits die Lizenz für das patentierte Herstellungsverfahren für hochporöse Implantate erworben.
Technologietransfer heißt … Know-how bündeln
Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft beruht nicht allein darauf, dass das richtige Angebot in Form eines Forschungsergebnisses mit der passenden Nachfrage nach konkreter Lösung zusammenkommt. In gewachsenen Transfer-Partnerschaften setzt die Zusammenarbeit viel früher ein. Angebot und Nachfrage, diese Begriffe genügen dann nicht mehr, um die Qualität des Zusammenwirkens zu beschreiben. Wie das folgende Beispiel der Kooperation zwischen dem Forschungszentrum Jülich und dem mittelständischen Traditionsunternehmen Heimbach in Düren zeigt, bringen beide Seiten spezifisches Know-how ein, um in einem Projekt, in dem sie vom Start an zusammenwirken, ein altes Problem neu zu lösen.
Gemeinsam unterwegs Richtung Durchbruch beim Diesel
In dem Projekt geht es um einen Prototyp für einen kontinuierlich regenerierbaren Ruß-Filter für Diesel-PKW. Mit Ausnahme eines Systems von Peugeot, das u. a. darauf basiert, dass dem Kraftstoff ein Additiv zugesetzt wird, gibt es bisher keine befriedigende Lösung, um die Nanopartikel des Dieselrußes aus PKW-Abgasen herauszufiltern. Diese wahrscheinlich gefährlichste Emission, die bei der Kraftstoffverbrennung entsteht, ist ein ernstes Problem. Bis zu 50 Prozent der Dieselabgase in Innenstädten stammen aus PKW (nicht aus LKW).
Das neue System soll sich nicht nur dadurch auszeichnen, dass der Filter sich während des Fahrbetriebs kontinuierlich selbst reinigt und deshalb nicht gewechselt werden muss. Ein ebenso wichtiges Ziel ist es, einen Dieselruß-Filter für PKW zu entwickeln, der ähnlich wie der Dreiwege-Kat für Benziner ohne zusätzliche Hilfsstoffe funktioniert. Die Abbildung zeigt das Funktionsprinzip des angestrebten katalysatorbeschichteten Wallflow-Filters: Ein solcher keramischer Filter besteht aus einem Bündel von Quadratrohr-Kanälen mit porösen, gasdurchlässigen Wänden, die wechselseitig mit einem Keramikpfropfen verschlossen sind. Aufgrund dieses Stopfens muss das einströmende partikelbeladene Abgas durch die Filterwände in die Nachbarkanäle entweichen, wobei die Rußpartikel auf der mit Katalysator beschichteten Filteroberfläche abgeschieden und mit dem Sauerstoff zu Kohlendioxid umgesetzt werden.
Heimbach bringt in das Projekt das Know-how zur Herstellung keramischer Filter ein, die geeignet sind, den nanopartikulären Ruß abzuscheiden. Jülich bringt außer seiner hervorragenden Infrastruktur für Tests und Analysen, die ein Unternehmen wie Heimbach nicht selbst aufbauen und unterhalten könnte, auch das notwendige, zum Patent angemeldete Katalysator-Know-how ein, um die Knackpunkte des neuen Verfahrens zu lösen: die Oberflächengestaltung des Trägermaterials und die optimale Verteilung eines neuartigen hochaktiven Katalysators auf dem Träger. Anders als gasförmige Rückstände wandern die Rußpartikel nicht zum Katalysator, sondern bleiben liegen, wo sie abgeschieden werden. "Man muss also den Katalysator an den Ruß bringen", so ein Wissenschaftler, "indem man eine Oberfläche entwickelt, auf der Katalysator und Partikel quasi zwangsläufig zusammentreffen, damit der Ruß oxidiert werden kann."
Gelingt das Projekt, kann Heimbach mit innovativen Produkten seine Filterpalette fortentwickeln. Das Dürener Unternehmen mit rund 800 Mitarbeitern stellt Bespannungen für Papiermaschinen und Filtermedien für industrielle Entstaubung und Fest-Flüssig-Trennung her. Jülich hätte mit Heimbach einen weiteren zufriedenen Kooperationspartner mit der Option auf Nachfolgeprojekte gewonnen - und zugleich einen potenziellen Lizenznehmer für erfolgreiche Jülicher Technologie.
Technologietransfer heißt … langfristige Partnerschaft aufbauen
Größere Unternehmen mit eigener F&E haben mehr Kontakt zur Wissenschaft. So eines der anfangs zitierten Erhebungsergebnisse. Daraus den Schluss zu ziehen, dass Technologietransfer für kleinere Unternehmen weniger wichtig ist und dass Kooperationen mit Forschungseinrichtungen dort weniger erfolgreich sind - wäre falsch: wie das folgende Beispiel aus dem Forschungszentrum Karlsruhe belegt. Eine Anwendungsidee und ein Unternehmen sind hier zusammen groß geworden. Das Beispiel zeigt auch, dass besonders erfolgreiche Projekte oftmals nicht damit enden, dass ein neues Produkt in den Markt geht. Hier markierte der erste Transfer vielmehr den Startpunkt einer langjährigen Partnerschaft, in die beide investieren und von der beide profitieren.
Molche wachen weltweit … über Pipelines
Was Sie sehen, ist das Modell eines so genannten Molches; eingeschleust in Pipelines kann er durch ausgefeilte Sensortechnik selbst feinste Risse und Schäden entdecken. Eingesetzt werden dazu unterschiedliche Verfahren: Senkrecht einstrahlende Ultraschallsensoren spüren Korrosionsschäden, schräg einstrahlende Sensoren Spannungsrisse, speziell Risse an Schweißnähten, auf. Pipetronix, die Firma, die mittlerweile eine ganze Produktpalette solcher Molche vermarktet, ist aus kleinsten Anfängen gewachsen. Drei Unternehmensgründer aus Lingen plus Technologie aus dem Forschungszentrum Karlsruhe: Das stand 1984 am Anfang. Heute ist die Firma mit rund 600 Mitarbeitern ein weltweit führendes Pipeline-Service-Unternehmen. Die Technologie-Partnerschaft mit dem Forschungszentrum Karlsruhe hat gehalten. Was 1984 mit dem gemeinsamen TT-Projekt begann, ist zur strategischen Partnerschaft gewachsen. Regelmäßig entwickeln die Partner gemeinsam neue Produktideen - Basis für die führende Position von Pipetronix auf einem umkämpften Markt.
Technologietransfer heißt … Kontakte ermöglichen und nutzen
Es ist nicht nur das marktorientierte Denken, das die Forschung näher an die Unternehmen bringt. Ebenso gefragt ist Einfallsreichtum, um es Unternehmen einfacher zu machen, Kontakt zu den Experten in den Forschungszentren aufzunehmen und sich ihr Wissen zu erschließen. Und von Seiten der Firmen und Betriebe ist die Bereitschaft notwendig, diese Kontakte zu nutzen, um sich das ungeheure Potenzial an Know-how und Ergebnissen zunutze zu machen, das in Forschungseinrichtungen wie Helmholtz und in den Hochschulen steckt. Ich möchte Ihnen drei verschiedene Helmholtz-Ansätze dazu vorstellen: die themenbezogene Initiative eines Helmholtz-Zentrums, das Modell, zu dem sich ein großer Helmholtz-Forschungsbereich entschieden hat und einen neuen Ansatz der gesamten Helmholtz-Gemeinschaft.
Eine pFIFfige Lösung
FIF ist eine Initiative des Forschungszentrums Karlsruhe zur Verbesserung der Zusammenarbeit und Kommunikation von Industrie und Forschung im Bereich der Mikrosystemtechnik. FIF bietet den Mitgliedsunternehmen für einen Jahresbeitrag von 10 000 Euro: Information und Networking, Beratung und Analyse, technischen Service und Training. FIF ist nicht für die Masse gemacht, sondern bietet einer überschaubaren Gruppe ein besonderes, ein exklusives Angebot. Mittlerweile nutzen 24 Mitgliedsunternehmen, darunter viele mittelständische, die Leistungen; ausgelegt ist die Initiative auf insgesamt etwa 30 Unternehmen.
Die Unternehmen erschließen sich mit FIF das Expertenwissen von über 200 Mitarbeitern in einem Dutzend Institute, die Fragen der Mikrosystem- und Mikrofertigungstechnik interdisziplinär bearbeiten. Der Zugriff auf vernetztes Know-how, individuelle Beratung und technologische Dienstleistung bildet den Kern des Angebotes. Darüber hinaus ist das Forum Ideenschmiede und Keimzelle für neue Allianzen zur Entwicklung von Produkten. Besonders gern genutzt werden so genannte Beratertage: Gemäß der Idee "Rent a Scientist" genügt ein Anruf und eine passend zusammengestellte Expertenrunde aus Karlsruhe steht bereit, um die individuellen Fragen des Unternehmens am runden Tisch zu klären.
Ascenion - Asset Management für die Lebenswissenschaften
Ascenion ist der "One Stop Shop" der Helmholtz-Lebenswissenschaften für die Verwertung und Vermarktung ihrer Forschungsergebnisse. Beteiligt sind derzeit das GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, die Gesellschaft für Biotechnologische Forschung, das Max Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und das Deutsche Krebsforschungszentrum. (Für das DKFZ ist Ascenion ausschließlich für das IP Asset Management von Resutaten und Erfindungen aus dem Nationalen Genomforschungsnetz verantwortlich.) Die Forschungszentren haben sich zur Stiftung Life Science zur Förderung von Wissenschaft und Forschung zusammengeschlossen. Sie ist alleiniger Gesellschafter der Ascenion GmbH. Ascenion akquiriert, verwertet und vermarktet Erfindungen der beteiligten Zentren, die Stiftung gibt die Erträge in Form von Forschungsförderung zurück an die Zentren.
Für potenzielle Kunden bündelt Ascenion das Know-how von 4000 Wissenschaftlern im Bereich der Lebenswissenschaften. Damit erreicht die Technologietransfer- GmbH eine kritische Masse an Expertenwissen und Erfindungen: Komplementäre Erfindungen, Materialien und Wissen verknüpft sie zu Erfolg versprechenden Technologie-Portfolios. Im "One Stop Shop"-Ascenion ein solches Portfolio zu erwerben, so die Idee, ist für den Kunden einfacher und effizienter, als viele Lizenzen, die er zur Herstellung eines marktfähigen Produktes benötigt, einzeln zu erwerben. Derzeit zeichnet Ascenion verantwortlich für das Asset-Management von über 150 Projekten.
Helmholtz Experten.de
Helmholtz Experten.de soll für kurze Wege zu Experten und für Transparenz des bei Helmholtz versammelten Know-hows sorgen. Nach positiver Resonanz auf den Prototyp eines solchen Internet-Portals der Helmholtz-Gemeinschaft für die Industrie ist der offizielle Launch zur Hannover-Messe 2003 geplant. Unternehmen werden dann ein themen- und personenbezogenes Angebot vorfinden, dessen anschauliche Präsentation dazu animiert, zielgerichtet und unkompliziert mit Helmholtz-Experten Kontakt aufzunehmen.
Meine Damen und Herren, das Motto meines Vortrages: Etwas näher ran, bitte! ist eine klare Aufforderung. Ich glaube nicht, dass wir ihr - trotz all der genannten positiven und hoffentlich motivierenden Beispiele - bereits ausreichend nachkommen. Wir müssen noch besser werden, um so punktgenau zu landen, wie es die folgenden Bilder für Köln vorführen. Damit ein solcher Zoom entsteht, werden viele Satelliten- und Luftbilder als Mosaiken zusammengesetzt, um Wolken zu eliminieren.
Etwas näher ran, bitte!
Auch wir müssen noch viele Mosaiksteinchen zusammenfügen, um hier in Köln und anderswo ein neues Bild vom Zusammenwirken von Wissenschaft und Wirtschaft zu erzeugen. Bereits heute verlässt sich Helmholtz nicht darauf, dass Erfindungen und Ideen ihren Weg in die Unternehmen und den Markt schon von selbst finden werden. So genannte Technologistransferstellen, die es in jedem Helmholtz-Zentrum gibt, verkürzen den Weg zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Sie bilden die Brücke zwischen Wissenschaftlern und Unternehmern und sind die erste Anlaufstelle für Forschungs-"Kunden". Außerdem haben wir begonnen, Best Practice für Partnerschaften mit Unternehmen den Forschungszentren zu identifizieren und zu evaluieren, um gelungene Ansätze in die Breite zu tragen. Denn auf gelungene Praxis, nicht auf hochtrabende Konzepte kommt es letztlich an.
Gelungene Praxis beginnt mit Kontakt. Eine nur potenzielle Zusammenarbeit ist ein Hirngespinst. Erfolg beginnt damit, dass man es tut: Sich austauscht, sich kennen lernt. Klingt schlicht und scheint für beide Seiten dennoch eine Herausforderung. Dass wir heute hier sind, ist ein ermutigendes Signal. Wir sollten nicht ohne eine konkrete Verabredung auseinander gehen. Ich schlage vor, dass IHK, Unternehmen und Helmholtz sich zu Workshops treffen, wo wir Themen erörtern, die Ihrer Meinung nach und nach Wahrnehmung der IHK für Technologietransfer in der Region wichtig sind. Wenn Sie wollen, werden wir uns also wiedersehen. Eine Schlussbemerkung: Ich habe Beispiele aus mehreren Forschungszentren vorgestellt. Wenn Sie sich mit den dortigen Transferstellen in Verbindung setzen möchten, können Sie sich an die Kontaktadressen wenden, die Sie draußen ausgelegt finden. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

