Helmholtz-Gemeinschaft

15. März 2007 Helmholtz-Geschäftsstelle

Auf der Tagung der Forschergruppe „Governance der Forschung“ des Deutschen Forschungsinstituts für öffentliche Verwaltung Speyer sprach Prof. Dr. Jürgen Mlynek am 15. März 2007 in Berlin über die Weiterentwicklung von Governancestrukturen in der außeruniversitären Forschung.

Neue Governance für die Forschung?

Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Mlynek anlässlich der Tagung "Neue Governance für die Forschung" am 15. März 2007 in Berlin.

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ich freue mich, dass ich heute Gelegenheit habe, über die Rolle der außeruniversitären Forschungseinrichtungen insgesamt und insbesondere über die Helmholtz-Gemeinschaft für Deutschland als Forschungsstandort zu sprechen. Sie alle kennen das Forschungssystem in Deutschland wie ihre Westentasche und mit Überblicksfolien, allgemeinen Zahlen und Fakten muss ich hier nicht kommen. Was mir aber aufgefallen ist an den Dokumenten, die mir die Veranstalter vorab zugesandt haben, ist eine auffallend kritische Haltung gegenüber den außeruniversitären Einrichtungen. Tenor war, dass wir unsere Arbeitsteiligkeit, also den so genannten Domänenkonsens, aufgegeben hätten. Was daraus zu folgen hätte, wurde mir nicht ganz deutlich. Ich bin aber schon mit dieser ersten These nicht einverstanden und möchte Ihnen meine Argumente dafür vortragen. Ich hoffe auf eine anregende und kontroverse Diskussion.

 

Drei Thesen zu den Profilen und zur Leistungsfähigkeit der außeruniversitären Forschung

These 1: Das Wissenschaftssystem in Deutschland ist im Kern gesund. Es ist vielseitig und leistungsfähig! Unser heutiges Wissenschaftssystem ist nicht einfach auf dem Reißbrett geplant, sondern mit seinen verschiedenen Pfeilern organisch gewachsen. 1810 gründete Wilhelm von Humboldt die heutige Humboldt-Universität in Berlin, mit dem Auftrag, Forschung und Lehre zu vereinen. Auch heute leisten die Universitäten international anerkannte Forschung in einem sehr breiten Themenspektrum. Deutsche Studierende haben wenig Schwierigkeiten, in den USA oder anderswo ihre wissenschaftliche Laufbahn fortzusetzen, auch das ein Beleg für die generell hohe Qualität der Ausbildung. Ende des 19ten Jahrhunderts entstand die erste deutsche Großforschungseinrichtung, zu Beginn des 20.ten Jahrhunderts kam die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, heute Max-Planck-Gesellschaft dazu und nach dem Krieg zeigte sich die Notwendigkeit, als Brücke zur Anwendung die Fraunhofer-Gesellschaft zu gründen. Das deutsche Wissenschaftssystem steht also auf mehreren Pfeilern und ich sage bewusst Pfeiler, nicht Säulen, weil mit Versäulung immer etwas Negatives gemeint ist. Wir müssen uns jedoch immer fragen: Sind diese Strukturen auch heute noch zeitgemäß? Trägt die Architektur? Wie belastbar ist die Statik? Können wir auf einen dieser Pfeiler verzichten? Müssen wir Querverstrebungen ausbauen?. Dazu später mehr.

Meine zweite These lautet: Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet einen wesentlichen Beitrag zum Forschungsstandort Deutschland. Wir haben einen nationalen Auftrag, große und drängende Probleme aufzugreifen, wir entwickeln einigartige Großgeräte für die Forschung, die auch Wissenschaftler der Universitäten nutzen und wir haben uns einem großen Reformprozess unterzogen. Auch das werde ich gleich weiter ausführen.

Und meine dritte These heißt: Wir müssen darüber hinaus auch neue Formen der Kooperation entwickeln und die Vernetzung weiter ausbauen. Wir haben mit den Universitäten gemeinsam die Aufgabe, den Nachwuchs gründlich auszubilden, wir können aber auch in der Forschung davon profitieren, gemeinsame wissenschaftliche Schwerpunkte zu bilden und wir brauchen neue Kooperationsformen auch, um die Wirtschaft mit ins Boot zu holen und Wissen in die Anwendung zu bringen. Nur so wird aus Wissen Innovation und damit Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze.

Das können wir jedoch in einem Prozess der Evolution und der Reformen erreichen. Wir müssen die Strukturen nicht einreißen, sondern können darauf aufbauen. Einreißen müssen wir allerdings Hürden und Barrieren, Rahmenbedingungen, die uns zu stark einengen.

 

Die außeruniversitären Einrichtungen im Überblick

Nun aber zurück zu meiner ersten These: Unser Wissenschaftssystem ist im Kern gesund und leistungsfähig. Die Universitäten erhalten in Deutschland etwas mehr als die Hälfte der Forschungsgelder, sie sind nach wie vor, im Humboldtschen Sinn, Stätten, in denen Forschung und Lehre praktiziert wird. Dafür schultern sie die Last der Ausbildung der nächsten Generation weitgehend allein, die Studienbedingungen haben sich verschlechtert, die Abbrecherquoten sind hoch, die Studienzeiten zu lang. Auch die Entscheidungsstrukturen an Universitäten sind schwerfällig, eine klare Profilbildung ist schwer durchzusetzen. Dies sind Probleme, die ich sehr gut kenne aus meiner fünfjährigen Amtszeit als Präsident der Humboldt-Universität. Wir müssen sie ernst nehmen und handeln, ohne aber das Kind mit dem Bad auszuschütten. Die andere Hälfte des öffentlichen Budgets für Forschung geht an die verschiedenen außeruniversitären Organisationen wie die Helmholtz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft und die Leibniz-Gemeinschaft. Diese Organisationen unterscheiden sich in ihrer Zielsetzung so, dass das gesamte Spektrum der Forschung sehr gut abgedeckt werden kann, von der "Blue Sky Research", der reinsten Grundlagenforschung über Auftragsforschung im nationalen Interesse bis hin zu sehr anwendungsnahen Forschungsaufgaben.

Nach wie vor besetzt die MPG ihre Direktorenposten nach dem Harnack-Prinzip, sie wählt den oder die weltweit Besten aus und lässt ihnen größtmögliche Freiheiten in der Zielrichtung der Forschung. Wie wir alle wissen, sind die Ergebnisse brillant, 2005 erhielt der Quantenphysiker Theodor Hänsch den Nobelpreis für seine Arbeit und ist damit in der MPG nicht alleine.

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist ein Scharnier zwischen der Grundlagenforschung und der Forschung in der Industrie. Hier werden zum Beispiel Roboter entwickelt oder neuartige Techniken für die Medizin untersucht, die erst in einigen Jahren interessant für die Industrie sind. Ich wiederhole also, dass dieses System im Grunde leistungsfähig ist und möchte nun auf die Rolle und den Beitrag der Helmholtz-Gemeinschaft eingehen und damit auf meine zweite These: Der Beitrag der Helmholtz-Gemeinschaft ist unverzichtbar.

Helmholtz-Gemeinschaft: Die Mission

Die 15 großen Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft leisten eine Art von Forschung, die in den Universitäten nicht möglich ist. Unsere 15 Helmholtz-Zentren sind die Nationalen Forschungslaboratorien von Deutschland, mit dem Auftrag, große und drängende Probleme von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft aufzugreifen und durch Spitzenforschung zu lösen. Unsere Kompetenz bündeln wir seit unserer großen, einschneidenden Reform, auf die ich noch zu sprechen komme, in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologie, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Ich nenne hier als Beispiel die Energieversorgung der Zukunft. 50 Prozent der öffentlich geförderten Energieforschung findet in den Helmholtz-Zentren statt.

Wir entwickeln in großem Stil erneuerbare Energiequellen, arbeiten mit großen Maschinen an der Kernfusion und verbessern den Wirkungsgrad von konventionellen Kraftwerken, aber auch die Sicherheit von Kernkraftwerken sowie die Entsorgung von nuklearen Brennstoffen. Wir verfolgen all diese Ansätze, um auch in einer Zukunft jenseits der fossilen Brennstoffe unseren Energiebedarf decken zu können und gleichzeitig den Klimawandel zu bremsen. Dafür brauchen wir einen langen Atem, müssen hohen technischen Aufwand treiben.

Unser Alleinstellungsmerkmal sind komplexe Infrastrukturen und Großgeräte, die wir entwickeln, aufbauen und betreiben und auch selbst für neuartige Forschungsvorhaben nutzen. Wir arbeiten dafür mit internationalen Partnern eng zusammen und haben große Erfahrung im Management weltweit vernetzter Großvorhaben. Wir bieten auch "Systemlösungen" an, indem wir Forschung und Technologieentwicklung mit innovativen Anwendungs- und Vorsorgeperspektiven verbinden. Damit werden wir unserem Anspruch "Wissen schafft Wirkung" gerecht. Unser Auftrag ist es, Erkenntnisse zum Nutzen der Gesellschaft zu gewinnen.

Die Einführung der Programmorientierten Förderung

Ein kurzer Rückblick: 1970 schlossen sich die deutschen Großforschungseinrichtungen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, die sich 1995 zur Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren umbenannte. Im Jahr 2001 verordnete sich dieser lockere Dachverband eine neue Struktur und vereinigte sich zur Hemann-von-Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e.V. Mitglieder des Vereins sind die 14 Helmholtz-Zentren. Das Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching gehört zur Max-Planck-Gesellschaft und ist gleichzeitig assoziiertes Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft. Seitdem haben die Forschungszentren in der Helmholtz-Gemeinschaft gemeinsam einen enormen Reformprozess bewältigt. Das Kernstück dieser Reform ist die programmorientierte Förderung: Wir investieren unsere Forschungsgelder nicht mehr in die einzelnen Zentren, sondern in Forschungsprogramme, die zentrenübergreifend im Einklang mit forschungspolitischen Vorgaben stehen. Insgesamt gliedert sich die Helmholtz-Forschung in sechs Forschungsbereiche, in denen zusammen 30 verschiedene Forschungsprogramme angelegt sind.

Die programmorientierte Förderung ist nicht nur ein Finanzierungs- sondern auch ein Steuerungsinstrument. Forschungspolitische Vorgaben definieren den finanziellen Spielraum eines Forschungsbereichs für jeweils fünf Jahre; darüber hinaus kann der Staat Akzente setzen: Forschungsvorhaben, die besonders relevant sind, können unkompliziert ausgebaut werden. Die Programme werden von den Wissenschaftlern nach Kriterien wissenschaftlicher Exzellenz geplant und durchgeführt. Die Forschergruppen stehen untereinander im Wettbewerb, können aber auch über die Zentren hinweg miteinander kooperieren. So ermutigen wir sowohl den Wettbewerb als auch die Kooperation. Alle fünf Jahre werden die Forschungsprogramme durch eine internationale Kommission von renommierten Wissenschaftlern begutachtet, dazu haben wir ein wissenschaftsadäquates Controlling aufgebaut. Kriterien für die Begutachtung sind zum einen die wissenschaftlichen Leistungen und Ergebnisse, zum anderen aber fließt auch die strategische Relevanz für die Gesamtziele und im Rahmen des Auftrags der Helmholtz-Gemeinschaft mit in die Begutachtung ein. Erfolgreiche Programme weisen also sowohl wissenschaftliche Exzellenz als auch strategische Relevanz auf

Unser Beitrag zum nationalen und internationalen Forschungsraum

Drei unserer wichtigsten Beiträge zum nationalen und internationalen Forschungsraum möchte ich hier exemplarisch aufgreifen: Erstens: Die Entwicklung und den Betrieb von Großgeräten und Infrastruktur, die wir teilweise mit internationaler Beteiligung errichten und Wissenschaftlern aus den Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen zur Verfügung stellen. Ein paar Beispiele möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, denn wir sollten bei aller notwendigen Diskussion um Strukturen nicht vergessen: Es geht darum, durch Spitzenforschung neue Erkenntnisse zu gewinnen, um den Planeten Erde zu verstehen und die Lebensgrundlagen der Menschen zu erhalten.

Tsunami-Frühwarnsystem

Wissenschaftler aus mehreren Helmholtz-Zentren bauen vor der indonesischen Küste ein Frühwarnsystem auf. Sensoren am Meeresboden messen erste Anzeichen von Erdbeben, funken ihre Daten an Bojen, die mit GPS-Satelliten in Kontakt stehen. Quasi in Echtzeit werden alle Daten ausgewertet, und so können in Zukunft Anzeichen für größere unterseeische Beben rechtzeitig erkannt werden.

XFEL

Außerdem planen wir am DESY in Hamburg eine einzigartige Strahlungsquelle, den freien Elektronen-Röntgenlaser XFEL, der Bau soll im Juni beginnen. Der XFEL wird ultrakurze und extrem intensive Röntgenblitze mit sehr kurzen Wellenlängen produzieren. Damit werden sich erstmals chemische und biologische Prozesse in hoher Auflösung und in Echtzeit regelrecht filmen lassen. XFEL wird uns zeigen, ob unsere Annahmen über die Reaktionen zwischen Molekülen richtig sind und wo wir sie verbessern müssen. Weltweit warten Biologen, Chemiker und Physiker auf dieses Instrument. Wir planen auch den Aufbau eines neuen Teilchenbeschleunigers. "FAIR", der mit internationaler Beteiligung an der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt gebaut werden soll, könnte Aufschluss geben über wichtige Fragen der Kernphysik: Wie halten Atomkerne überhaupt zusammen? Was bestimmt ihre Stabilität? XFEL und FAIR werden beide jeweils um eine Milliarde Euro kosten, und selbstverständlich werden solche einmaligen Instrumente dann nicht nur weltweit genutzt, sondern auch finanziert.

Auch Flugzeuge und Schiffe gehören zu den Großgeräten für die Forschung. Das Jahr 2007/2008 steht im Zeichen der internationalen Polarforschung, denn in den Polargebieten der Erde zeigt sich der Klimawandel besonders deutlich. Nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit ist das Alfred-Wegener-Institut in der Polarforschung führend, und ein Grund dafür ist das Eisbrecherschiff "Polarstern". Weltweit gibt es nur wenige Schiffe, die die Antarktis so weitgehend befahren können und komplette Forschungslabore an Bord haben. Auch Supercomputer zählen zu den Großgeräten: Am Forschungszentrum Jülich bauen wir enorme Rechenkapazitäten für die Forschung auf und besitzen dort einen der weltweit mächtigsten Supercomputer.

Translationszentren

Als Beispiel für besondere Infrastrukturen, möchte ich die Translationszentren nennen, die wir im Gesundheitsbereich aufbauen. Hier sollen Forschungsergebnisse aus dem Labor gemeinsam mit Medizinern aus der Praxis sowie den Entwicklungsabteilungen der Pharmaunternehmen auf ihre Tauglichkeit für die Anwendung überprüft werden. "From Bench to Bedside", also vom Labortisch zum Krankenbett, soll der Weg und insbesondere die Zeit damit deutlich kürzer werden. Das Helmholtz-Zentrum für Molekulare Medizin, das Max-Delbrück-Centrum in Berlin-Buch, ist jetzt gerade dabei, mit der Charité, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, den Helios-Kliniken sowie der Firma Schering, solch ein Translationszentrum aufzubauen, in dem Therapien gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Neurologische Erkrankungen erforscht werden.

Projektführerschaft auf internationaler Ebene

Zweitens: In Europa sind wir extrem erfolgreich, wie der jüngste ESFRI-Report 2006 gezeigt hat. In diesem Report empfiehlt das European Strategy Forum on Research die Finanzierung von 35 Großforschungsprojekten und Infrastrukturen in ganz Europa. Die Hälfte dieser Projekte werden unter Federführung oder mit großer Beteiligung von Helmholtz-Zentren entwickelt, dazu zählen der eben erwähnte XFEL, FAIR, aber auch das neue Polarforschungsschiff "Aurora Borealis", das überwiegend in der Arktis eingesetzt werden soll.

Strategische Allianzen

Nun möchte ich zum dritten Punkt und damit auch zur dritten These überleiten: Wir brauchen neue, kreative und flexible Formen der Kooperation und müssen die Vernetzung weiter ausbauen. Dafür müssen wir Hürden einreißen, Barrieren abbauen und die Rahmenbedingungen erweitern, denn nur so können wir unsere Potenziale wirklich ausschöpfen. Neue Formen der Kooperation, was ist damit gemeint? Wir bauen jetzt schon Strategische Allianzen auf, um gemeinsam den Nachwuchs zu fördern, und unsere Kompetenzen zu Forschungsschwerpunkten zu vereinen. Wie Sie hier in dieser Übersicht sehen, ist unsere Partnerschaft mit Universitäten eng und intensiv: Wir haben ca. 200 gemeinsame Berufungen, 52 Helmholtz-Hochschul-Nachwuchsgruppen, wir bilden selbst an Helmholtz-Zentren jährlich rund 3.400 Doktoranden aus und haben inzwischen um die 70 Virtuelle Institute. Auch mit Helmholtz-Allianzen wollen wir Universitäten die Möglichkeit geben, intensiv mit Helmholtz-Forschern zu arbeiten. Und wie Sie wissen, waren Helmholtz-Zentren auch bei sehr vielen Forschungsclustern und einigen Graduiertenschulen dabei, die es in der Exzellenzinitiative geschafft haben.

Auch mit Forschungsorganisationen und anderen Einrichtungen arbeiten wir selbstverständlich zusammen. Ich nenne hier als ausgewählte Beispiele das Konsortium Deutsche Meeresforschung, das weltweite Erdbeobachtungssystem EOS, die enge Zusammenarbeit mit der MPG zur Konzeption und zur Nutzung des XFEL, die gute Zusammenarbeit zwischen dem Max-Delbrück-Centrum in Berlin-Buch und dem Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie oder die engen Kooperationen auf dem Campus Adlershof zwischen dem Hahn-Meitner-Institut, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und den Instituten der Fraunhofer-Gesellschaft. Die vorhin angesprochenen Translationszentren binden an wichtiger Stelle die Industrie ein, nur so können wir erreichen, dass Erkenntnisse aus dem Labor wirklich umgesetzt werden, in die Praxis kommen und dem Patienten nützen. Darüber hinaus unterstützen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit einer Idee selbständig machen wollen, mit der Initiative Helmholtz-Enterprise.

In diesem Jahr möchte ich im Namen der Helmholtz-Gemeinschaft eine übergreifende Initiative zur Energieforschung ins Rollen bringen: Wir müssen Wirtschaft, Forschung und Politik hier an einen Tisch bekommen! Nur so können wir die viel versprechenden Entwicklungen, die es heute sowohl im Bereich der erneuerbaren Energien gibt als auch die Einsparpotenziale im Energiesektor schnell genug zur Marktreife bringen. Das Problem der Energieversorgung ist für mich eines der wichtigsten, davon hängt nicht nur ab, ob wir unseren Lebensstandard halten können, sondern auch das Weltklima. Im nächsten Jahr möchte ich mich für eine ähnlich groß angelegte Forschungsinitiative zum Thema Gesundheit einsetzen.

Wir müssen jedoch auch darüber hinaus neue Formen der Kooperation entwickeln. Wir haben mit den Universitäten gemeinsam die Aufgabe, den Nachwuchs gründlich auszubilden, wir können aber auch in der Forschung davon profitieren, gemeinsame wissenschaftliche Schwerpunkte zu bilden und wir brauchen neue Kooperationsformen auch, um die Wirtschaft mit ins Boot zu holen und Wissen in die Anwendung zu bringen. Nur so wird aus Wissen Innovation und damit Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze.

Wo sollten wir ansetzen? Vielleicht an der Arbeitsteilung zwischen Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen? Physiker arbeiten gern mit Gedankenexperimenten und spielen dabei die ganz extremen Lösungen durch. Wenn wir also die Arbeitsteilung zwischen außeruniversitären Einrichtungen und den Universitäten grundsätzlich in Frage stellen wollten, gäbe es zwei extreme Lösungen: Erstens: Die Integration der Helmholtz-Zentren in die Universitäten. Dies sehen einige als sinnvolles Ziel an. Was aber bedeutet das in der Praxis? Ich meine, es würde den Abschied von Forschungslabors mit einer nationalen Mission und Großgeräten bedeuten. Wie will man im Rahmen des Universitätsbetriebs eine Antarktisstation oder einen riesigen Teilchenbeschleuniger planen, aufbauen und betreiben? Im zweiten Szenario könnten die Universitäten in die Helmholtz-Zentren integriert werden. Dann würde es sozusagen Rumpf-Universitäten für die Bachelor- und Masterstudierenden geben, während die Doktoranden an Forschungsuniversitäten unter dem Dach der Helmholtz-Gemeinschaft ausgebildet würden.

Ich glaube, ich brauche kaum weiter auszuführen, warum auch dieses Szenario problematisch ist. Damit wäre die Universitas Litterarum, die Einheit von Forschung und Lehre, in Frage gestellt.

Ein drittes Szenario wäre, eine Helmholtz-Forschungsuniversität nach dem Vorbild der Rockefeller University aufzubauen. Alle Extrem-Lösungen würden vermutlich jahrelange Friktionen nach sich ziehen, ohne dass der Gewinn gegenüber der gegenwärtigen Arbeitsteilung zwischen außeruniversitärer und universitärer Forschung auf der Hand läge. Diese Arbeitsteilung ist allerdings zu verbessern.

Wir brauchen also neue Formen der Kooperation, ohne dass wir dafür die jetzigen Strukturen einreißen müssen.

Das können wir durchaus in einem Prozess der Evolution und der Reformen erreichen. Dafür brauchen wir jedoch mehr Freiheiten.

Vernetzung ausbauen, Potenziale ausschöpfen

Wir leiden zum Beispiel an der Regulierungswut, an zu engmaschigen Vorgaben und müssen diese Barrieren abbauen und so die Rahmenbedingungen für die Wissenschaft verbessern. Gute Forschung braucht Freiheitsgrade: Dazu gehört auch ein eigener Wissenschaftstarifvertrag, denn wir können Spitzenkräfte nicht angemessen bezahlen.

Von den Universitäten wünsche ich mir, dass die Zusammenarbeit in Zukunft noch besser wird, dass wir uns beispielsweise öfter als bisher auf gemeinsame Berufungen mit abgestimmten Forschungsfeldern einigen können. Wir müssen auch eine strukturierte Graduiertenausbildung anbieten, teilweise gemeinsam mit den Universitäten, teilweise aber auch in der Verantwortung der Helmholtz-Zentren. Dafür könnte ich mir vorstellen, dass wir das Promotionsrecht gemeinsam mit den Universitäten wahrnehmen.

Unsere Nachwuchsgruppenleiter stehen bereit, sich in der Lehre zu engagieren, sie tun es in erheblichem Ausmaß (3000 Semesterwochenstunden im letzten Jahr), aber noch allzu oft werden sie trotzdem nicht ausreichend in die akademischen Rechte und Pflichte der Universitäten eingebunden. Und zu guter Letzt: Keine Scheu vor der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft! Hier haben wir noch viel zu tun, auch bei uns gibt es mentale aber auch rechtliche Hürden, die wir mit neuartigen Formen der Kooperation überwinden können. Damit wollen wir auch unsere Verpflichtungen einlösen, die wir im Pakt für Forschung und Innovation eingegangen sind.

Denn im Gegenzug zur Zusage der Bundesregierung, die Zuwendungen jedes Jahr um drei Prozent zu steigern, haben wir uns verpflichtet, für noch mehr Effizienz und Leistungsstärke zu sorgen. Vernetzung und Kooperation sind die Instrumente, um Synergien zu nutzen und Potenziale auszuschöpfen.

Und damit komme ich zum Schluss: Vor die Wahl zwischen radikalem Umbau oder Weiterentwicklung gestellt, gilt meine Präferenz klar dem Evolutionsansatz.

Wir wissen, dass grobe Eingriffe in komplexe, organisch gewachsene Systemen meist zu Chaos und Verlusten führen. Wir wissen auch, dass unter einem starken Selektionsdruck die Evolution sich beschleunigen kann. Und dies führt zu Optimierungen, so dass wir unsere Ressourcen optimal einsetzen, unsere Potenziale wirklich ausschöpfen können. Hier liegen unsere Chancen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

12.06.2013