Helmholtz-Gemeinschaft

01. April 2002 Helmholtz-Geschäftsstelle

Das deutsche Wissenschaftssystem steht vor großen Herausforderungen. Strukturreformen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind überfällig, damit hervorragende Studierende, Nachwuchsforscher, aber auch Professorinnen und Professoren Deutschland nicht länger den Rücken kehren, damit Spitzenforschung hier zu Lande eine Zukunft hat.

Sollen die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in die Hochschulen integriert werden?

Prof. Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagen-Stiftung


Das deutsche Wissenschaftssystem steht vor großen Herausforderungen. Strukturreformen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind überfällig, damit hervorragende Studierende, Nachwuchsforscher, aber auch Professorinnen und Professoren Deutschland nicht länger den Rücken kehren, damit Spitzenforschung hier zu Lande eine Zukunft hat. Dabei gilt es, vor allem die Hochschulen zu fördern, um so die Wissenschaft in Deutschland insgesamt stärker zum Leuchten zu bringen - so daß sie auch international noch weiter ausstrahlen kann.

Eine Kommission ausgewiesener Experten des deutschen Hochschulwesens hat dazu ein Konzept entwickelt, das in insgesamt zwölf Empfehlungen die gegenwärtigen Verhandlungen zwischen Bund und Ländern unterstützen soll und zugleich dazu gedacht ist, Impulse zu geben für nachhaltige Verbesserungen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems insgesamt, vor allem aber ihres Herzstücks: den Hochschulen!

Im Zentrum der zwölf Empfehlungen  steht die selbständige Hochschule der Zukunft. Sie muß die Freiheit bekommen, sich im nationalen wie internationalen Wettbewerb auf ihren leistungsstarken Feldern zu profilieren und sichtbar zu positionieren.

Föderalismus heißt für die Wissenschaft, daß nicht der Bund und die Länder miteinander konkurrieren, sondern die Hochschulen. Sie sind im Interesse des wissenschaftlichen Nachwuchses und ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit als primäre Zentren der Forschung auszubauen. Neben einem dringend notwendigen Einstieg in die Vollkostenfinanzierung der geförderten Forschungsvorhaben erscheint dazu auch eine weitere Bündelung der öffentlich finanzierten Forschungspotentiale - selbstverständlich unter Beibehaltung klar definierter Ziele und Aufgabenprofile der außeruniversitären Trägerorganisationen - unumgänglich. Bund und Länder sollten gemeinsam konkrete Schritte unternehmen, um die bisherige Trennung von universitärer und außeruniversitärer Forschung zu überwinden.

Natürlich muß gelten, daß die außeruniversitären Einrichtungen auch bei neuer Bündelung der Potentiale genauso flexibel agieren können wie jetzt. Doch letztlich ist immer zu bedenken, daß der Vorteil solcher Strukturen beiderseitig ist. Denn natürlich sind alle außeruniversitären wie die universitären Einrichtungen auf hervorragenden wissenschaftlichen Nachwuchs angewiesen - was viele von ihnen ja auch längst erkannt haben.

Wer die europäische und internationale Wettbewerbsfähigkeit wirksam verbessern will, der muß also bereit sein, den in den vergangenen Jahren erfreulicherweise vielfach beschrittenen Weg einer engeren Zusammenarbeit bis hin zu strukturell integrierten, gemeinsam von der jeweiligen Hochschule und außeruniversitären Forschungsorganisationen getragenen Arbeitsgruppen, Forschungsstellen, Graduate Schools oder auch ganzen Instituten konsequent weiter zu gehen. Die etwa in der Systemevaluation der deutschen Wissenschaft Ende der 1990er Jahre vielfach beklagte "Versäulung" konnte bereits durch eine Reihe von Maßnahmen gemildert worden: Zu nennen sind hier insbesondere die Max Planck Research Schools, die virtuellen Institute der Helmholtz Gemeinschaft und die Ausweitung gemeinsamer Berufungen. Eine wirksame Überbrückung, gar ein nachhaltiges Zuschütten der oftmals tiefen Gräben, steht jedoch noch aus.

Ein umfassendes Miteinander von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wird nur zustande kommen, wenn für beide Seiten eine Winwin-Situation entsteht. Es ist an der Zeit, die mit einer Bündelung der jeweiligen Potentiale verbundenen Wettbewerbschancen zu erkennen und konstruktiv zu nutzen. Es gilt, an ersten Erfolgsbeispielen anzuknüpfen - wie etwa das von dem renommierten Hirnforscher und Max-Planck-Direktor Wolf Singer gemeinsam mit der Frankfurter Universität auf den Weg gebrachte Frankfurt Institute of Advanced Studies (FIAS) mitsamt der damit verbundenen Graduate School oder das von dem Göttinger Nobelpreisträger und Max-Planck-Direktor Erwin Neher gegründete European Neuroscience Institute (ENI), das von der DFG geförderte Neuroforschungszentrum der Universität Göttingen und die im Umfeld entstandenen Max Planck Research Schools. Wir sollten des öfteren den Mut aufbringen, herkömmliche institutionelle Grenzen zu überschreiten. Der Zustrom an herausragend qualifiziertem wissenschaftlichen Nachwuchs aus dem In- und Ausland in solche international weit ausstrahlenden Einrichtungen der Spitzenforschung nützt uns allen. Es ist Zeit zu handeln. Wie heißt es doch schon bei Friedrich Schiller: "Wo die Tat nicht spricht, da wird das Wort nicht viel helfen."

 

Contra - Professor Dr. Walter Kröll, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft

Die Antwort auf diese Frage muss sich herleiten aus der übergeordneten, zentralen Frage: Wie kann die Leistungs- und internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Wissenschaftssystems mit den Hochschulen im Zentrum verbessert werden? Dabei dürfen auch die historisch gewachsenen Strukturen nicht tabu sein. Aber würde eine Integration in der Summe ihrer Effekte Qualität und Leistungskraft des gesamten Systems wirklich steigern? Nein, nicht die institutionelle Einbindung; wohl aber mehr institutionelle Verbindung.

Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen unterscheiden sich nach Aufgabe, Mission, Randbedingungen, internen Strukturen und Kultur. Auch die ihnen gemeinsame Aufgabe "Forschung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses" ist nach unterschiedlichen Kriterien ausgestaltet. So ist es zum Beispiel die Mission der Helmholtz-Gemeinschaft, durch strategisch ausgerichtete Spitzenforschung unter Einsatz von Großgeräten "Grand Challenges" in den Bereichen Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie sowie Verkehr und Weltraum zu bearbeiten. Dieser Auftrag ist deutlich verschieden von dem Forschungs- und Lehrauftrag der Universität.

Dies ist ein Reichtum unseres Wissenschaftssystems; er sollte nicht durch Integration eingeebnet werden. Das Hinzukommen von Einrichtungen mit weitgehendem Eigenleben in der Universität würde universitäre Forschung nicht entscheidend stärken. Zweifellos könnten einzelne Teile außeruniversitärer Forschungseinrichtungen ebenso gut in Universitäten angesiedelt werden, nicht aber die außeruniversitäre Forschung insgesamt. Andererseits sind viele Helmholtz-Zentren und Max-Planck-Institute international wettbewerbsfähig. Unter den Rahmenbedingungen der Universität würde diese Wettbewerbsfähigkeit eher beeinträchtigt. Schwer vorstellbar auch, wie der Auftrag nationaler Zentren wie der Helmholtz-Zentren in unserem föderalen System auf Länderebene adäquat wahrgenommen werden könnte.

Die Entscheidungs- und Managementstrukturen der Universitäten sind auch nach Überzeugung der Befürworter einer Integration schon im Hinblick auf ihre jetzigen Aufgaben nicht mehr adäquat. Mit den zusätzlichen Aufgaben von Helmholtz-Zentren, z.B. Planung, Bau und Betrieb von Großgeräten, wären sie überfordert. Die Hochschulen leiden an Unterfinanzierung. Diese würde nicht dadurch behoben, daß die oftmals besser ausgestattete außeruniversitäre Forschung auf universitäres Ausstattungsniveau gebracht würde. Die Länder - Alleinzuständigkeit für die Hochschulen fordernd - sind bereits jetzt nicht in der Lage, diese ausreichend zu finanzieren. Wie sollten sie es für die um die außeruniversitären Einrichtungen erweiterten, sehr viel teureren Hochschulen sein?

Bleibt dennoch die zentrale Aufgabe, das gesamte System leistungs- und wettbewerbsfähiger zu gestalten. Dazu müssen wir seine Strukturen flexibilisieren, die Verbindungen zwischen Hochschulen und außeruniversitärer Forschung stärken. Seit langem bewährte Formen sollten systematisch ausgebaut werden: etwa gemeinsame Berufungen, Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs, ebenso erfolgreiche Beispiele jüngerer Zeit wie Virtuelle Institute, Helmholtz-Hochschul- Nachwuchsgruppen, Max-Planck Research Schools oder Helmholtz-Kollegs.

Aber wir brauchen auch neue Formen institutioneller Verbindungen: "Joint Ventures" der Wissenschaft. In diese müssen die Partner aus Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen ihre spezifischen Qualitäten und definierte Ressourcen für gemeinsame Programme einbringen. Die Zusammenarbeit muß längerfristig, aber in der Regel auf Zeit angelegt sein und sich im Wettbewerb behaupten. Eine solche institutionelle Verbindung wissenschaftlich herausragender Gruppen über Organisationsgrenzen hinweg ist der einzige Weg, relativ schnell und mit leistbarem Aufwand Spitzeneinrichtungen universitären Charakters entstehen zu lassen, die es mit den internationalen Eliteuniversitäten aufnehmen können. Und das würde unser Wissenschaftssystem tatsächlich bereichern.

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12.01.2013