06. April 2011 Helmholtz-Geschäftsstelle
Dankesrede von Prof. Dr. Jürgen Mlynek anlässlich des Symposiums zu seinem 60. Geburtstag
Sehr geehrter Herr Staatssekretär , lieber Herr Schütte,
sehr geehrte Frau Ministerin, liebe Frau Kunst,
sehr geehrte Minister und Ministerinnen, Staatssekretäre und Staatssekretärinnen,
liebe Abgeordnete, Exzellenzen, Präsidenten und Präsidentinnen,
liebe Kollegen und Kolleginnen,
liebe Gäste,
schön, dass Sie alle hier sind: die größte Freude haben Sie mir mit Ihrem heutigen Kommen bereitet, Sie haben mir Zeit geschenkt: ein kostbares Gut. Vielen Dank dafür!
Was ich befürchtet habe ist eingetroffen: auf diesem Symposium ist auch über mich gesprochen worden und dies, wohl auch unvermeidbar anläßlich eines Geburtstags, in überwiegend positiver Form. Allerdings gebe ich zu bedenken: Zuviel Weihrauch verrußt auch den besten Heiligen!
Lassen Sie mich daher dieses für mich wunderbare Symposium mit einigen Bemerkungen in Verbindung mit den Redebeiträgen beschließen.
1. Bemerkung - Wissenschaft : Neugier als Leidenschaft.
Warum betreiben wir Wissenschaft? 2 Gründe sind für mich maßgebend:
Zum einen die Befriedigung der menschlicher Neugier und zum anderen die Sicherung der menschlichen Lebensgrundlagen.
Es liegt in unserem Wesen, die Welt zu begreifen (beim Kind im wahrsten Sinne des Wortes) und sie verstehen zu wollen. Geschieht dies mit großer Begeisterung kann sich daraus eine Leidenschaft entwickeln. Isaac Asimov hat einmal gesagt: „Es gibt nur ein Licht der Wissenschaft, und es irgendwo zu entzünden heißt, es überall zu entzünden“. Bei mir war es das Licht selbst, daß mich in seinen Bann gezogen hat, genauer gesagt der Laser und die sich daraus ergebenden neuen Forschungsrichtungen. Dir, lieber Roland Sauerbrey, vielen Dank, daß Du uns so eindrucksvoll die Kraft des Lichts nahegebracht hast. Der Laser, dessen 50. Geburtstag wir letztes Jahr gefeiert haben, anfangs bezeichnet als Lösung auf der Suche nach Problemen, hat der Optik und Photonik eine neue Blütezeit beschert, von der auch ich profitiert habe.
Ihnen, lieber Herr Benson, vielen Dank für die Wanderungen durch die Quantenwelt. Der Welle-Teilchen Dualismus des Mikrokosmos treibt mich, obwohl ich mich lange damit beschäftigt habe, immer noch an die Grenzen meines Verstandes. Von Albert Einstein, der 1905 die Photonenhypothese aufgestellt hat, gibt es den Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren: „Seit 50 Jahren grüble ich darüber nach, was ein Lichtquant sei, und kann es immer noch nicht sagen. Heute glaubt aber jedermann, er wüsste es - aber er weiß es nicht“. Genau solche Überlegungen sind der Kern von Wissenschaft und Forschung, nämlich die richtigen Fragen zu stellen und nicht unwichtige Fragen richtig zu beantworten.
Die Wissenschaft dient aber auch der Sicherung unserer Lebensgrundlagen und ist damit von großer gesellschaftlicher Relevanz. Vor fast genau 65 Jahren hat Vannevar Bush, damals Berater von US-Präsident Roosevelt, einen bahnbrechenden Bericht mit dem Titel „Science - the endless frontier“ (Wissenschaft: eine Grenze ohne Ende) geschrieben. Der Bericht von Bush forderte einen zentralisierten Ansatz für Regierungs-unterstützte Wissenschaft und Forschung, jenseits aller politischen Opportunitäten im Hinblick auf nationale Ziele in Bereichen wie Gesundheit, Verteidigung und Wirtschaft und schuf so die Grundlage für das Aufblühen der amerikanischen „Research Universities“ (Forschungsuniversitäten) nach dem 2. Weltkrieg. Insbesondere ging es ihm dabei um eine Verbreiterung des Begriffs der Grundlagenforschung (basic research). Er versuchte dabei, einerseits das Interesse der Politiker nach praktischen Innovationen abzubilden, andererseits das Streben der Wissenschaftler nach Neugier-getriebener Forschung. In diesem Spannungsfeld leben wir noch heute: die Politik (und die Öffentlichkeit/Gesellschaft) erwartet Relevanz der Forschung, die Wissenschaftler wünschen Freiheit der Forschung!
Für mich sind Grundlagenforschung und Anwendungen nie ein Gegensatz gewesen: sie bilden mehr denn je ein Paar. Zu meinen Grundüberzeugungen gehört aber auch, dass eine starke Grundlagenforschung, öffentlich gefördert jenseits aller Nützlichkeitsüberlegungen, für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft unverzichtbar ist. Max Planck hat das mit den Worten: „Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen“ formuliert. Hiervon unsere Gesellschaft immer wieder zu überzeugen gehört zur Bringschuld jedes einzelnen Wissenschaftlers und jeder einzelnen Wissenschaftlerin!
Wie endlos aber ist die Grenze der Wissenschaft? Grundlegende Fragen wie nach dem Ursprung des Universums, der Materie und des Lebens sind weiter ungeklärt. Was aber wird in tausenden von Jahren sein? Gibt es dann nichts mehr zu entdecken? Werden wir alles wissen? Über Gravitation, über die DNA, über künstliche Intelligenz? Wird es mangels Masse keine Leidenschaft für Wissenschaft mehr geben? Glücklicherweise können wir ja sagen, und ich allemal : not our age group! Noch können wir leidenschaftlich Wissenschaft betreiben, uns und andere dafür begeistern.
2. Bemerkung - Die Universität: das Rückgrat des Wissenschaftssystems
Der zentrale Ort für Wissenschaft ist die Universität und damit komme ich zu Dir, lieber Elmar Tenorth. Vielen Dank für deinen Exkurs über die Physik der Macht. Wir haben während unserer gemeinsamen Zeit im Präsidium der Humboldt-Universität unter anderem auch das Leitbild der Humboldt-Universität entwickelt: ein mühsamer, aber auch rückblickend lohnender Prozess. Dort heißt es ganz zu Beginn unter der Überschrift „Humanität und Wissenschaft“, ich zitiere: „Gründung und Aufstieg der Humboldt-Universität sind von der den ganzen Menschen bildenden Kraft wissenschaftlicher Arbeit getragen. Damit ist die Erwartung einer Humanisierung des gesellschaftlichen Lebens verbunden. Trotz aller Rückschläge gibt es bis heute kein besseres Motiv, wenn es um das Wachstum des Wissens und die Zukunft der Bildung geht“.
Dieser Absatz gefällt mir auch heute noch gut. Die zentrale Aussage, Wissenschaft als eine den ganzen Menschen bildenden Kraft, gilt für die Universität an sich. Die Universität bildet damit das Rückgrat des deutschen Wissenschaftssystems. Das deutsche Universitätssystem hat sich in den letzten 15 Jahren sehr dynamisch entwickelt. Insbesondere die Exzellenzinitiative hat ungeahnte Synergien erzeugt und neue Kräfte freigesetzt. Spannende Diskussionen wie die über mögliche Bundesuniversitäten stehen uns bevor.
Wir von der Helmholtz-Gemeinschaft werden die strategischen Partnerschaften mit den Universitäten weiter ausbauen, in freier Verabredung und auf Augenhöhe. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das deutsche Wissenschaftssystem nur dann international an der Spitze bleibt, wenn wir neue Formen nachhaltiger und letztlich auch institutioneller Kooperationen zwischen außeruniversitärer Forschung und den Universitäten entwickeln, zum gemeinsamen Vorteil. Das Karlsruher Institut für Technologie KIT als Fusion einer Universität und eines Helmholtz-Zentrums ist hier das weitestgehende Beispiel. Mein Fazit: Wir brauchen starke Universitäten. Nur wenn es den Universitäten gut geht, geht es auch außeruniversitären Institutionen wie der Helmholtz-Gemeinschaft gut.
3. Bemerkung – Die Helmholtz-Gemeinschaft: strategische Forschung als Mission
Damit bin ich bei Dir, lieber Walter Kröll. Vielen Dank für deine Assoziationen zu Hermann und Jürgen. Du, lieber Walter, hast mich am Ende überredet, mich für das Amt des Helmholtz-Präsidenten zur Verfügung zu stellen. Ich habe es nicht bereut, trotz mancher ungeahnter Schwierigkeiten. Meine Überzeugung nach gut 5 Jahren im Amt: Gäbe es die Helmholtz-Gemeinschaft nicht, man müsste sie erfinden. Ein Land wie Deutschland braucht eine Forschungsorganisation, die strategische Forschung mit langem Atem im nationalen Interesse betreibt. Wir sind von den deutschen Forschungsorganisationen am politiknächsten – wozu wir uns bewusst bekennen - und hier dem Bund näher als den Ländern. Dies hängt mit dem nationalen Forschungsauftrag und, als Konsequenz davon, mit der 90%igen Grundfinanzierung durch die Bundesregierung zusammen. Beides hat sich bewährt und es gibt aus unserer Sicht keinen Grund dafür, dies zu ändern!
Unsere Forschung ist missionsgetrieben. Ich liebe diese Mission und sie darf natürlich an dieser Stelle nicht fehlen: Relevante gesellschaftliche Herausforderungen der Zukunft mit Spitzenforschung lösen, groß denken und groß handeln und Wissen und Technologien in Wirtschaft und Gesellschaft transferieren. Anspruch und Realität dabei in Deckung zu bringen ist eine ständige Herausforderung.
Ein zentrales Thema für Helmholtz ist die Energieforschung. Die nukleare Katastrophe in Japan und die sich daraus abzeichnenden Konsequenzen für eine sichere, nachhaltige, umweltverträgliche und wirtschaftliche Energieversorgung der Zukunft werden auch unsere Arbeit unmittelbar beeinflussen. Dazu gehört eine noch umfassendere Risikoanalyse der Nukleartechnologie als bisher, auch im europäischen Kontext. Wenn wir allerdings zeitnah eine große Transformation im Energiebereich hin zu weniger Energieverbrauch und mehr erneuerbaren Energien wollen, werden wir ohne eine zusätzliche Kraftanstrengung im Bereich Forschung und Entwicklung nicht auskommen. Deutschland braucht dann ein „Apollo-Programm“ auf dem Gebiet der Energieforschung. Helmholtz ist bereit, hier seinen Beitrag zu leisten.
4. Bemerkung – Kommunikation: Wissenschaft für Alle
Nun zu Ihnen , lieber Herr Tolan: Wir haben mindestens eines gemeinsam- wir sind beide James Bond Fans. Der Unterschied ist: mir reicht die „action“, Sie aber gehen der Sache auf den Grund. Ihr Buch mit dem Titel „Geschüttelt, nicht gerührt“ über die Physik der James Bond Filme ist Legende. Daß Sie als Physiker auch Fußballfan sind, war mir neu! Mein Bezugspunkt zum Fußball war bisher eher die Sepp Herberger Philosophie wie „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“ oder „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ usw. Ihr Vortrag, für den ich Ihnen herzlich danke, beleuchtet ein aus Sicht der Wissenschaft ganz zentrales Thema, nämlich das der Vermittlung und der Kommunikation von Wissenschaft in die Öffentlichkeit.
Die noch weitergehende Frage ist, wieviel „Wissenschaftsbildung“ (der englische Ausdruck ist „Science Literacy“) eine Gesellschaft anstrebt. Wir lernen lesen, schreiben und rechnen als unverzichtbare Grundfertigkeiten. Das Bildungsbürgertum schmückt sich mit zusätzlichem Wissen über Kunst, Kultur, Literatur und Musik. In Bezug auf Wissenschaft und seine Bedeutung für unsere heutige Gesellschaft aber sind wir häufig Analphabeten. Nur wenn wir als Bestandteil von Erziehung, Bildung und Ausbildung mehr Grundkenntnisse in Naturwissenschaft und Technik vermitteln, werden wir in der Lage sein, uns sachgerechter mit Themen wie Kernenergie, erneuerbaren Energien, Klimawandel, genmodifizierten Lebensmitteln, embryonaler Stammzellenforschung, oder der Gentechnik allgemein, nur um einige Beispiele zu nennen, auseinanderzusetzen. Jeder muss und kann hierzu einen Beitrag leisten: wir von Helmholtz tun dies mit unseren Schülerlaboren mit rund 50 000 Teilnehmern jährlich in den Helmholtz-Zentren und dem Haus der kleinen Forscher in demnächst 20 000 Kindergärten und damit rund 1 Million Vorschulkindern samt Eltern bundesweit.
5. Bemerkung – Politik braucht Wissenschaft (und vice versa)
Bildung, Wissenschaft und Forschung sind öffentliche Güter. Sie bereitzustellen, zu pflegen und weiter zu entwickeln ist eine gesamtgesellschaftliche und damit auch eine politische Aufgabe. Vielen Dank, lieber Herr Schütte und liebe Frau Kunst, für Ihre freundlichen Grußworte. Unabhängig von den handelnden Personen, die sich prächtig verstehen können (was bei mir und Ihnen und allen anderen anwesenden Politikern der Fall ist, sonst wären Sie nicht hier, die Veranstaltung ist schließlich freiwillig) ist allerdings das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik auf Grund unterschiedlicher Interessenlagen – wie eingangs schon erwähnt – nicht immer spannungsfrei. Selten, so schrieb kürzlich die FAZ, hat sich die Kluft zwischen Wissenschaft und politischer Öffentlichkeit schärfer gezeigt als in der Plagiatsaffäre Guttenberg, wo, so füge ich hinzu, gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten teilweise als Kavaliersdelikt abgetan wurde. Wir alle wissen aber auch, dass in zentralen Politikfeldern wie Klimapolitik, Energiepolitik oder Gesundheitspolitik sachgemäße Entscheidungen ohne Rückgriff auf wissenschaftliche Erkenntnisse gar nicht mehr möglich sind. Wissenschaft und Politik sind mehr denn je aufeinander angewiesen und voneinander abhängig. Dazu bedarf es gegenseitiger Wertschätzung, eines ständigen Dialogs und aufrichtiger Partnerschaft. Ich erfahre all dies sehr häufig im Umgang mit Politikern und sage dafür an dieser Stelle: vielen Dank, bitte weiter so!
6. Bemerkung – Mensch und Natur: eine ambivalente Beziehung
Ihnen, lieber Herr Hüttl, vielen Dank für Ihren eindrucksvollen Vortrag über die Erde als unseren gemeinsamen Lebensraum. Sie haben einerseits mein im Vergleich zu unserem Planeten jugendliches Alter von lächerlichen 60 Jahren in die richtigen Proportionen gerückt. Zum anderen haben Sie uns einen faszinierenden Einblick in die Dynamik des Systems Erde gegeben, mit aktuellen Bezügen zu den im wahrsten Sinne des Wortes erschütternden Ereignissen in Japan. Eines wird dabei aber auch klar: Mit Wissenschaft können wir zwar die Natur erklären, aber nicht beherrschen. Bei aller Schönheit der Natur vergessen wir oft, daß in der Natur von Menschenhand nicht zu kontrollierende Urgewalten am Werke sind, die wie jetzt in Japan großes Leid, Tod und Zerstörung mit sich bringen können. Das lehrt uns Demut aber entbindet uns gerade in Krisenzeiten auch nicht von unserer Verpflichtung, der Zukunft fest und mit Zuversicht ins Auge zu schauen. Optimismus ist Pflicht, wie Karl Popper gesagt hat, und das gilt auch und insbesondere für die Wissenschaft. In diesem Sinne gehe ich den kommenden Jahren mit Freude entgegen.

