Helmholtz-Gemeinschaft

23. Juni 2010 Helmholtz-Geschäftsstelle

"Große Forschung, große Herausforderungen" - eine Rede des Helmholtz-Präsidenten Prof. Dr. Jürgen Mlynek anlässlich der Festveranstaltung des Zukunftskollegs der Universität Konstanz am 23.06.2010.

"Große Forschung, große Herausforderungen"

Es gilt das gesprochene Wort.

Als ehemaliger Konstanzer habe ich die Entwicklung der Universität in den letzten Jahren mit Interesse verfolgt und mich über die Erfolge gefreut.

Deshalb ist es mir heute eine besondere Freude, die Einweihung des neuen Gebäudes des Zukunftskollegs als jüngsten Meilenstein in dieser Entwicklung mit Ihnen zu feiern.

In der nächsten halben Stunde will ich

  • Ihnen einige Einblicke in die Forschung der Helmholtz-Gemeinschaft geben…
  • …aber auch aufzeigen, dass wir die Herausforderungen, vor denen wir in der Forschung stehen, nur gemeinsam meistern können. Deshalb hat für mich als Helmholtz-Präsident die Zusammenarbeit mit den Universitäten einen besonderen Stellenwert.
  • Und schließlich geht es mir um das Rückgrat der Forschung, den wissenschaftlichen Nachwuchs. Ihn zu fördern muss ein gemeinsames Anliegen von Universitäten und außeruniversitärer Forschung sein.

Beginnen wir also mit Helmholtz und unserer Forschung.

Forschung hat zwei Aufgaben

  • Zusammenhänge erkennen und
  • Probleme lösen

Die zweite Aufgabe kann man nur mit Hilfe der ersten erfüllen. Das ist meine Überzeugung.

Lösungsbedarf gibt es genügend.

Die Politik hat verstanden, dass die Wissenschaft dabei der Schlüssel zur Zukunft ist. Hoffentlich handelt sie auch weiterhin danach. Bislang sind zumindest auf Bundesebene die Etats für Bildung und Forschung nicht von den gegenwärtigen Sparanstrengungen berührt worden, was angesichts der Gesamtsituation bemerkenswert ist.

Im Unterschied zu rein grundlagenforschungsorientierten Organisationen wie etwa der Max-Planck-Gesellschaft stellt sich die Helmholtz-Gemeinschaft ganz bewusst der gesellschaftlichen Aufgabe, Lösungen für die großen Herausforderungen zu suchen, vor denen wir als Gesellschaft stehen.

Deshalb haben wir unsere Mission wie folgt formuliert:

  • Beiträge zur Lösung drängender Probleme von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft
  • Bau und Betrieb von Forschungsinfrastrukturen für die nationale und internationale Forschergemeinde
  • Erkenntnisse zum Nutzen von Gesellschaft und Wirtschaft umsetzen

Unsere Forschung ist nicht disziplinär strukturiert, sondern in Programmen, die die großen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen aufgreifen.Die sechs Forschungsbereiche, in denen wir arbeiten, sind Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie und Luftfahrt, Raumfahrt und Verkehr. Diesem Auftrag widmen wir uns mit knapp 30.000 Mitarbeitern und einem Budget von rund 3 Mrd. Euro in 2010.

Unsere Grundfinanzierung wird zu 90% vom Bund geleistet, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb Helmholtz seine Forschungsagenda im Dialog mit der Politik entwickelt: Als größte deutsche Forschungsorganisation sehen wir uns in der Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Wie wir diese Aufgabe angehen, will ich Ihnen heute vor allem an Beispielen aus der Energie- und Klimaforschung zeigen. Ob unser Land tatsächlich zukunftsfähig ist, wird wesentlich davon abhängen, wie wir unser Energieproblem lösen.

Glaubt man den Szenarien der IEA, wird der Energiebedarf bis 2030 um 40% gegenüber 2007 wachsen, sofern sich an den politischen Rahmenbedingungen nichts ändert. Und das, obwohl das Szenario davon ausgeht, dass auch dann noch 1,3 Mrd. Erdbewohner keinen Zugang zu Elektrizität haben werden.

Diese Entwicklung stellt uns vor zwei Herausforderungen:

  • Wie können wir diese riesige Nachfrage befriedigen?
  • Vor allem aber: Wie können wir das tun, ohne unseren Planeten zu zerstören?

Unser heutiger Technologiestand ist vor diesem Hintergrund nicht zukunftsfähig. Forschung ist deshalb ein Schlüssel zur Bewältigung dieser Herausforderung (wenn auch natürlich nicht der einzige).

Dabei müssen wir uns aber von einigen falschen Denkgewohnheiten verabschieden:

  • Das Thema Energieerzeugung wird fast immer unter ideologischen Gesichtspunkten diskutiert. Das ist schlecht. Neue Technologien sind weder Heilsbringer noch Dämonen, sie sind nur mehr oder weniger gute Problemlösungen.
  • Eine robuste Lösung für das Energieproblem wird es nur geben, wenn wir eine möglichst große Vielfalt von Optionen entwickeln. Wir dürfen unseren Blick deshalb nicht auf wenige Technologien verengen.

Die Vorstellung, es seien schon alle möglichen Energieerzeugungsoptionen entdeckt, halte ich für falsch. Das unterschätzt die schöpferische Kraft der Wissenschaft. Wir dürfen uns deshalb nicht auf inkrementelle Verbesserungen an bestehenden Technologien zurückziehen, sondern müssen auch „high risk, high reward“ Forschung wagen.

Andererseits wäre es aber auch falsch zu glauben, die vorhandenen Erzeugungsoptionen seien nicht durch Forschung noch weiter optimierbar.

 

Energie ist also ein Thema, das die Forschung auf breiter Front beschäftigt:

  • Es erfordert vielfache Brückenschläge zwischen den Disziplinen, aber auch zwischen Grundlagenforschung und Anwendung.
  • Gerade hier können wir durch wissenschaftliche Zusammenarbeit mehr erreichen.

Helmholtz trägt bei der Bewältigung dieser Herausforderung besondere Verantwortung: Mehr als 50% der staatlich geförderten Energieforschung (rund 800 Mio. Euro insgesamt) wird in Helmholtz-Zentren gemacht.

Zwei Beispiele will ich hier stellvertretend vorstellen:

  • Unsere Forschung zur Kernfusion
  • … und zur Solarthermie.

Bei beiden Technologien handelt es sich in gewisser Weise um Sonnenenergie. Die Kernfusion ist die natürliche Energiequelle der Sterne und damit auch unserer Sonne. Experimentieranlagen wie der Garchinger Asdex upgrade versuchen, diese Prozesse auf der Erde nutzbar zu machen.

Die Kernfusion ist ein Menschheitstraum, denn sie wäre eine saubere Energiequelle mit nahezu unbegrenzten Brennstoffressourcen. Als man vor rund 50 Jahren mit der Fusionsforschung begann dachte man, dass diese Art der Stromerzeugung um die Jahrtausendwende längst Realität sein würde. Die Geschichte der Fusionsforschung hat uns Respekt vor der Größe der damit verbundenen technologischen Herausforderungen gelehrt.

Erst vor kurzem ist klar geworden, dass der internationale Testreaktor ITER, der hier als Graphik zu sehen ist, wohl mindestens doppelt, wenn nicht gar dreimal so teuer werden wird wie beim Baubeschluss 2005 vorgesehen. Die EU-Kommission rechnet jetzt mit Gesamtkosten von bis zu 15 Mrd. Euro.

Trotzdem meine ich: Diese Investition muss es uns wert sein. Wenn es auch heute noch so etwas wie ‚Man on the moon’, Projekte gibt, die große, ferne Ziele ehrgeizig angehen, dann gehört die Kernfusion dazu. Auch wenn der Weg zum Ziel noch lang und schwierig sein mag.

Den Helmholtz-Zentren fällt hier in besonderem Maße die Rolle von Wegbereitern zu. Die deutsche Fusionsforschung ist fast ausschließlich bei Helmholtz zuhause, und zwar im Forschungszentrum Jülich, im KIT und im unserer Gemeinschaft zugehörigen Max-Planck-Institut für Plasmaphysik. Im Bild sehen Sie das noch im Bau befindliche Stellaratorexperiment in Greifswald (Budget rund 420 Mio. Euro) bei einem Besuch in Greifswald im Februar 2010.

Kommen wir von der Zukunftstechnologie zu einer, die schon vielfach umgesetzt worden ist: der Solarthermie. Die Grundidee, die solarthermischen Kraftwerken zugrunde liegt, ist bestechend einfach: Die Strahlung der Sonne wird in einem Brennpunkt gebündelt und erhitzt dort einen Wärmeträger, etwa ein Thermoöl, das dann wiederum zur Erzeugung von Wasserdampf benutzt wird, der Turbinen antreibt. In der Helmholtz-Gemeinschaft werden verschiedene Konzepte für solche Kraftwerke weiterverfolgt.

Da sind zum einen Parabolrinnenkollektoren, die das Sonnenlicht auf ein in der Brennlinie verlaufendes Absorberrohr bündeln. Ein solches Kraftwerk sehen Sie hier im Bild: Andasol, das in der spanischen Provinz Granada errichtet wurde und ein kommerzielles Kraftwerk ist. Das Kraftwerk Andasol 1 liefert mit seinen 600 Parabolrinnen-Kollektoren Strom für annähernd 200.000 Menschen.

Hier haben Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt entscheidende Vorarbeiten bei der Entwicklung der Technologie geleistet. Neben Versuchsanlagen und Labors in Köln-Porz und Stuttgart arbeitet das DLR dabei auch im größten europäischen Testzentrum für konzentrierende Solartechnologien, der Plataforma Solar im spanischen Almería.

Nebenbei bemerkt: Das DLR arbeitet seit 20 Jahren an diesem Thema und hat damit zu einer Zeit begonnen, in der es noch nicht in Mode war, diese Forschung zu betreiben.

Eine Anlage zur Erforschung einer weiteren Variante dieser Energieerzeugungstechnologie steht in Jülich. Hierbei handelt es sich um ein Solarturmkraftwerk. Im Turm befindet sich ein zentraler Absorber, auf den sich bewegliche Kollektoren ausrichten. Da die Arbeitstemperatur bei 600-800 °C sehr hoch ist, ist es effizienter als andere solarthermische Kraftwerke.

Die Herausforderung bei der weiteren Erforschung der Solarthermie ist es, diese Technologie günstiger zu machen und Wege zu finden, die gewonnene Energie effizient zu transportieren und zu speichern. Vielleicht lassen sich dann Visionen umsetzen wie die des Desertec-Konsortiums, das Strom in Nordafrika produzieren und nach Europa exportieren will.

Dieses Beispiel zeigt: Energiethemen müssen systemisch angegangen werden. Neben der Energieerzeugung müssen wir auch die Netzwerke und die Speichermöglichkeiten mitbedenken. Gerade für den Einsatz erneuerbarer Energien im großen Stil sind leistungsfähige Energiespeicher eine wesentliche Voraussetzung. Die gerade eben gezeigten solarthermischen Kraftwerke sind dafür ein gutes Beispiel: Sie müssen auch Strom liefern können, wenn die Sonne nicht scheint.

Auch auf dem Gebiet der Mobilität sind wesentliche Fortschritte in der Speichertechnologie notwendig, um Transportsysteme ohne Verbrennungsmotoren im großen Maßstab möglich zu machen. Wir brauchen deshalb echte Fortschritte in der Batterie- aber auch in der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie.

Hier muss noch wesentliche Grundlagenforschung geleistet werden. Die Helmholtz-Gemeinschaft hat dazu zwei Kompetenzverbünde eingerichtet, die jeweils von den Helmholtz-Zentren in Jülich und Karlsruhe koordiniert werden und 10 universitäre Partner einbeziehen. Mit dabei sind neben Karlsruhe weitere Standorte in Baden-Württemberg, nämlich Stuttgart und Ulm. In Ulm planen wir auch ein Helmholtz-Institut für Elektrochemische Grundlagenforschung zu gründen.

Für mich sind diese Verbünde ein gutes Beispiel, wie neue Forschungsthemen von der universitären und der außeruniversitären Forschung gemeinsam vorangebracht werden können.

Zum Klima-Thema: Die Weiterentwicklung der beiden Energieerzeugungsoptionen, die ich Ihnen vorgestellt habe, ist nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil wir dringend klimaschonende Wege finden müssen, um unseren Energiebedarf zu decken. Denn die anthropogene Veränderung des globalen Klimas ist ein Problem, das mit dem unserer Energieversorgung untrennbar verbunden ist.

Es ist die Wissenschaft, die uns diese Tatsache vor Augen geführt hat. Ich denke dabei insbesondere an die IPCC Reports. Hunderte von Forscherinnen und Forschern haben ihr Wissen in diesen Berichten zusammengetragen. Dass es Unstimmigkeiten bei Details gab, stellt den Wert des Gesamtwerks nicht in Frage. Vor allen Dingen aber müssen wir dafür kämpfen, dass die Wissenschaft weiter der unbestrittene Bezugspunkt für die Klimapolitik bleibt.

Aufgabe der Klimaforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft ist es, das Wissen zu mehren, das wir nicht zuletzt für eine fundierte politische Meinungsbildung und Entscheidungsfindung dringend benötigen.

Damit betreten wir ein weites Forschungsfeld, das nicht nur rezente Klimaentwicklungen umfasst.

Für ein schlüssiges Gesamtbild brauchen wir Informationen über das Klima von gestern, heute und morgen. Die Helmholtz-Gemeinschaft forscht auf allen drei Gebieten.

Klima gestern: Paläoklimaforschung wird in der Helmholtz-Gemeinschaft von zwei Forschungszentren schwerpunktmäßig betrieben, nämlich dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und dem Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches Geoforschungszentrum GFZ. Neben Sedimenten auf dem Grund der Ozeane und Seen ist das ewige Eis der Polargebiete mit seinen unzähligen überlieferten Schichten von Niederschlägen das wichtigste Archiv der Klimageschichte unserer Erde. Um an den Polen zu forschen und in diesem Archiv zu lesen, braucht es eine Infrastruktur wie den Eisbrecher „Polarstern“, der zum Alfred-Wegener-Institut gehört.

Ebenfalls vom AWI betrieben wird die Polar-Station Neumayer III, die 2009 eingeweiht wurde und sich durch innovative Technik immer wieder von neuem über die wachsenden Eismassen erheben kann. Hier sehen Sie einen Eisbohrkern aus dem europäischen Forschungsprojekt EPICA, an dem sich das Alfred-Wegner-Institut der Helmholtz-Gemeinschaft intensiv beteiligt hat.

Im Rahmen von EPICA wurden über mehrere Jahre zwei tiefe Eisbohrungen durch den circa 3000 Meter dicken ostantarktischen Eisschild gebohrt. Die Bohrungen fanden weitab der ganzjährig besetzten Forschungsstationen an der Küste unter extremen klimatischen Bedingungen statt - im Fall der vom AWI betreuten Bohrung im Dronning-Maud-Land bei einer mittleren Jahrestemperatur von minus 44,6°C. Im Anschluss wurden die Eiskerne in gefrorenem Zustand nach Bremerhaven verschifft und in Teilstücken in den verschiedenen europäischen Labors untersucht.

Vom Vergleich des antarktischen Eises mit dem einer Bohrung im Nordwesten Grönlands (NEEM - North Greenland Eemian Ice Drilling) erhoffen sich die AWI-Wissenschaftler Erkenntnisse über das Zusammenspiel des Klimas von Nord- und Südhalbkugel. Anhand der winzigen Gasbläschen in den antarktischen und grönländischen Eisbohrkernen haben die Wissenschaftler die Zusammensetzung der Luft in der Vergangenheit gemessen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Konzentration der Treibhausgase Kohlendioxid und Methan  in den letzten 600.000 Jahren stark geschwankt hat.

Klima  heute:

Um rezente Entwicklungen zu verfolgen, unterhalten die Helmholtz-Zentren ein Netz an Messstationen zu Land, zu Wasser und in der Luft.

Wie wichtig solche Datenerhebungen auch für das Funktionieren unseres Alltags sein können, hat sich vor kurzem gezeigt, als der Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull weite Teile des europäischen Flugverkehrs lahmgelegt hat. Eine wichtige Rolle zur Erforschung der Aschewolke haben Messflüge gespielt, an denen sich die Helmholtz-Zentren beteiligt haben.

Eine besondere Rolle spielt die Erdbeobachtung aus dem Weltraum: Ohne den Einsatz von Satelliten könnten bestimmte Entwicklungen gar nicht präzise erfasst werden, die für die Klimaforschung wichtig sind, z.B. das Abschmelzen von Gletschern oder die Veränderung des Meeresspiegels. Jüngstes Mitglied der Flotte von Forschungssatelliten ist CryoSat 2, der im zweiten Versuch am 8. April 2010 erfolgreich gestartet ist. Hauptnutzlast des Satellits ist der Radarhöhenmesser SIRAL (SAR/Interferometric Radar Altimeter). Ziel ist es, die genauen Oberflächenhöhen der Landeismassen in Grönland und in der Antarktis zu vermessen. Außerdem soll erstmals aus dem Weltraum die Dicke des schwimmenden Meereises erfasst werden. Beides ist ein wichtiger Indikator für Klimaschwankungen.

CryoSat wird im Auftrag der Raumfahrt-Agentur des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt durchgeführt und ist Teil der „Earth Explorer Opportunity Mission“ der ESA. Die geplante Lebensdauer des Satelliten beträgt 3 Jahre. Ein Erdbeobachtungssatellit des DLR, der bereits länger Daten sendet, ist TerraSAR. Der Satellit umrundet die Erde in einer Höhe von 514 Kilometern auf einer polaren Umlaufbahn und liefert unabhängig von Wetterbedingungen, Wolkenbedeckung und Tageslicht Radardaten mit einer Auflösung von bis zu einem Meter. In Kürze wird mit TanDEM-X ein Zwillingssatellit starten. Sie sehen in dieser Graphik, wie TanDEM X im Formationsflug zusammen mit TerraSAR arbeiten wird, um ein präzises digitales Höhenmodell der Erdoberfläche zu erstellen. Damit beginnt eine neue Vermessung der Welt, die innerhalb von nur drei Jahren die gesamte Landfläche der Erde erfassen wird, und das sind über 150 Millionen Quadratkilometer.

Klima morgen: Wie werden sich die Temperaturen auf der Erde weiter entwickeln?

Im Bild sehen Sie die derzeit bekannteste Referenz für die Berechnung der zukünftigen Entwicklung, die Zukunftsprojektion der Oberflächenerwärmung auf der Basis der verschiedenen Szenarien des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Mit der Frage, was das für die einzelnen Regionen Deutschlands bedeuten könnte, befasst sich die Helmholtz-Gemeinschaft im Rahmen ihrer Klima-Initiative ‚Reklim‘, an der acht Forschungszentren beteiligt sind. Der Verbund sucht Antworten auf die Fragen, wie sich anthropogene Einwirkungen und natürliche Entwicklungen gegenseitig beeinflussen und auf welcher Wissensbasis Regionen durch geeignete Klimaanpassungsstrategien auf erwartete Änderungen reagieren können.

Dafür geben wir im Zeitraum 2009 bis 2013 über 30 Mio. Euro aus.

Die vier Klimabüros der Helmholtz-Gemeinschaft sind Schnittstellen, an denen dieses Wissen an Politik und Öffentlichkeit weiter gegeben wird. Hier geht es ganz konkret um die Auswirkungen des Klimawandels in den verschiedenen Regionen Deutschlands. Was wir auf der Basis der jetzt schon bekannten Szenarien für das Klima in den verschiedenen Teilen Deutschlands schlussfolgern können, haben die Klimabüros in einem Klimaatlas zusammengetragen, der seit Februar diesen Jahres im Internet eingesehen werden kann.

Laut diesen Szenarien wird es in Baden-Württemberg in den nächsten 30 Jahren wahrscheinlich 0,5 bis 1,1°C wärmer im Vergleich zum Zeitraum 1961-1990.

Das  Climate Service Center in Geesthacht ist Ansprechpartner für Klimafragen auf der Bundesebene und für die internationale Zusammenarbeit. Hier geht es auch um die Koordination und Durchführung neuer Szenarienrechnungen. Damit ist die Simulationsrechnung als entscheidende Forschungsmethode für die Klimaforschung genannt. Aber auch die Fusionsforschung, auf die ich vorhin eingegangen bin, und viele weitere Forschungsgebiete können auf die mathematische Modellierung mit Höchstleistungsrechnern nicht verzichten.

Das Forschungszentrum Jülich hat sich als europäisches Zentrum dieser neuen Schlüsseltechnologie positioniert. Im Mai 2009 fiel der Startschuss für JUGENE, den ersten europäischen Petaflop-Rechner. JUGENE vollzieht damit etwa eine Billiarde Rechenoperationen pro Sekunde - das entspricht der Rechenleistung von rund 25 000 PCs. Die rund 72 000 Prozessoren des neuen Supercomputers finden in 72 wassergekühlten Schränken Platz, die Sie hier im Bild sehen. Speziell für die europäische Fusionsforschung steht außerdem der Supercomputer HPC-FF zur Verfügung, um die Prozesse im 100 Millionen Grad heißen Plasma im Innern des geplanten Fusionsreaktors ITER zu untersuchen. Letztlich können aber auch die besten Rechner nur so gut sein wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihnen arbeiten.

Und hier liegt eine der Kernaufgaben, vor denen unsere Forschungsorganisation genau wie die Universitäten steht:

Die Herausforderungen, vor denen wir in der Forschung stehen, können wir nur bewältigen, wenn wir es schaffen, die Besten in großer Zahl für eine Arbeit als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler zu begeistern.

Zwei Entwicklungsphasen scheinen mir dafür besonders kritisch, weshalb ich sie herausgreife:

  • Die Kindheit, weil sich in dieser Zeit die Neigungen und Interessen herausbilden
  • Die Zeit nach der Promotion, wenn es darum geht, sich eindeutig für eine Forscherkarriere zu entscheiden.

 

Zur Kindheit:

Mit dem „Haus der kleinen Forscher“ hat die Helmholtz-Gemeinschaft gemeinsam mit ihren Partnern McKinsey&Company, Siemens Stiftung und Dietmar Hopp Stiftung eine Initiative gestartet, die Kinder schon im Kleinkindalter für Naturwissenschaft und Technik interessieren will.

Ziel ist es, langfristig jedem Kindergarten in Deutschland dabei zu helfen, naturwissenschaftliche und technische Frühbildung dauerhaft und nachhaltig im Alltag der Einrichtungen zu verankern.

Die Stiftung erreicht mit 155 lokalen Netzwerken derzeit rund 13.000 Kindertagesstätten in ganz Deutschland (Stand 30. April 2010).

Damit erleben rund 884.000 Kinder Forschen und Experimentieren in ihrer Kita.

Die Schülerlabore der Helmholtz-Gemeinschaft leisten einen Beitrag dazu, das theoretische Fachwissen, das die Schulen vermitteln, beim Experimentieren im Schülerlabor anschaulich und auf einer neuen Ebene verständlich zu machen. Das selbstständige Experimentieren unter wissenschaftlicher Anleitung steht dabei im Vordergrund. Derzeit sind 24 Schülerlabore in den Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft etabliert. Schätzungen zufolge werden in den Schülerlaboren etwa 50.000 Schüler pro Jahr betreut.

Als außeruniversitäre Forschungsorganisation kommen wir mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs dann wieder in Kontakt, wenn die jungen Leute als Doktoranden bei uns arbeiten. Ich will hier nicht im Detail auf diese Karrierestufe eingehen. Vielleicht nur so viel:

Dass die Doktorandinnen und Doktoranden für uns sehr wichtig sind, zeigt ihre große Zahl von aktuell etwa 4500 Nachwuchsforschern in den Zentren.

Mein Ziel ist, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dieser Karrierephase vor allem durch eine strukturierte Doktorandenausbildung bestmöglich zu fördern, wozu wir auch Einiges unternehmen.

Näher eingehen will ich heute aber vor allem auf die Zeit nach der Promotion.

Hier weist unser Forschungssystem nach wie vor einige Schwächen auf:

  • Die fehlende wissenschaftliche Selbständigkeit des Nachwuchses und seine langjährige Abhängigkeit vom jeweiligen Institutsleiter oder Lehrstuhlinhaber
  • Verlässliche Karriereperspektiven zeichnen sich in der Wissenschaft in aller Regel erst weit jenseits der 40 ab
  • Eine Wissenschaftlerkarriere ist ab einer bestimmten Stufe alternativlos

Gleichzeitig sind die Nachwuchskräfte das Rückgrat des Forschungssystems – Grund genug, sie nach Kräften zu unterstützen.

 

Ein Beispiel für die Förderung der frühen wissenschaftlichen Selbständigkeit von Nachwuchskräften ist das Zukunftskolleg selbst.

Die Helmholtz-Gemeinschaft hat ihrerseits ein Programm aufgelegt, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dieser Karrierephase besonders zu fördern: Die Nachwuchsgruppen.

  • Insgesamt hat die Helmholtz-Gemeinschaft in bislang sieben Auswahlrunden 114 Nachwuchsgruppen gefördert.
  • Ein Beispiel ist die gemeinsame Nachwuchsgruppe mit der Uni Konstanz.
  • Das Budget beträgt mindestens
    250 000 Euro pro Jahr über 5 Jahre.
  •  Eine Tenure track-Option sichert den besten Nachwuchsgruppenleiterinnen und Nachwuchsgruppenleitern eine Zukunft im Zentrum.

 

Um Helmholtz-Mitarbeiter auf dieser Karrierestufe auch in ihrer neuen Rolle als Leiter eines eigenen Teams bestmöglich zu unterstützen, haben wir die Helmholtz-Akademie gegründet.

Hier bekommen ausgewählte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zentren, aber auch die von uns finanzierten Nachwuchsgruppenleiter eine hochkarätige Ausbildung im Wissenschaftsmanagement vom Malik Management-Zentrum St. Gallen.

Die Zusammenarbeit mit Universitäten ist für Helmholtz eine strategische Priorität. Das spiegelt sich auch in der Nachwuchsförderung:

  • Das Nachwuchsgruppenprogramm sieht eine gemeinsame Berufung der Nachwuchsgruppenleiter vor.
  • Zunehmend senden auch Universitäten Teilnehmer in die Helmholtz-Akademie.

Eine besondere Intensität der Partnerschaft wird im Rahmen des Karlsruher Instituts für Technologie verwirklicht. Als Aufsichtsratsvorsitzender begleite ich diese Entwicklung mit besonderem Engagement und ich bin mir sicher, dass daraus insbesondere für den Nachwuchs eine besondere Qualität in den Bildungs- und Forschungsmöglichkeiten entsteht.

Auch wenn die Fusion zwischen Helmholtz-Zentrum und Universität vielleicht auf das KIT beschränkt bleibt, so ist doch auf jeden Fall unser Ziel, dass unsere Nachwuchswissenschaftler zum Bindeglied zwischen Universitäten und Helmholtz-Zentren werden.

Denn: Die großen Herausforderungen, vor denen die Forschung steht, können wir nur gemeinsam angehen.

Wir müssen uns deshalb gegenseitig unterstützen und Hand in Hand arbeiten – in der Forschung genauso wie in der Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Das muss weder zu Konkurrenz führen noch zur Aufweichung des Profils der Partner. Im Gegenteil, ich halte die Zusammenarbeit mit Universitäten für eine Symbiose.

Meine Überzeugung ist: Helmholtz geht es nur gut, wenn es den Universitäten gut geht. Für deren Wohl werde ich mich deshalb als Helmholtz-Präsident wann immer möglich einsetzen. In diesem Sinne wünsche ich dem Zukunftskolleg für seine Arbeit alles Gute!

Kontakt

Korinna Strobel neu 100x100

Dr. Korinna Strobel

Referentin Strategie und Chancengleichheit

Helmholtz-Gemeinschaft

Geschäftsstelle Berlin
Anna-Louisa-Karsch-Straße 2
10178 Berlin

Telefon: +49 30 206 329-19
Fax: +49 30 206329-65
korinna.strobel (at) helmholtz.de


11.06.2013