02. November 2009 Helmholtz-Geschäftsstelle
Konferenz "Klima und System Erde"
Grußwort des Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Prof. Jürgen Mlynek, im dbb forum Berlin-Mitte
Sehr geehrte Damen und Herren,
Klimaforschung ist heute weit mehr als ein interessantes wissenschaftliches Feld. Der Klimawandel ist zum Politikum geworden, und dies birgt Chancen, aber auch Herausforderungen/Gefahren. Denn Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik, das sind verschiedene Sphären mit unterschiedlichen Spielregeln. Wissenschaftler, die sich in der Politikberatung engagieren, müssen beide Spielregeln kennen und beherrschen – ein Spagat zwischen den Welten, der nicht immer einfach ist und oft – gerade von Seiten der Wissenschaft - sehr kritisch beobachtet wird.
Denn die Politik arbeitet mit einfachen Botschaften, dabei können Differenzierungen, Entwicklungen und neue Ergebnisse, die nicht in den vorherrschenden Diskurs passen, leicht unter den Tisch fallen. Die Wirklichkeit aber ist komplex und der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis verändert sich ständig, das liegt in der Natur der Wissenschaft. In der Politik kommt es dagegen darauf an, Einigkeit zu erzeugen, Entscheidungen zu treffen und diese dann auch gegen Widerstände durchzusetzen. Das ist ein anderes Spiel. Dennoch müssen wir als Wissenschaftler darauf achten, dass unsere Botschaften nicht zu grob oder gar falsch vereinfacht werden, wir müssen darauf achten, dass nicht nur diejenigen gehört und gesehen werden, die die schönsten Katastrophen malen. Denn das wird mittelfristig dazu führen, dass die Öffentlichkeit das Vertrauen in die Wissenschaft verliert. Wer Prognosen ankündigt, die nicht eintreten, verliert an Reputation. Denn es ist bei weitem nicht so, dass alle Fragen geklärt wären.
Diese Konferenz soll daher den großen Bedarf an weiterer Forschung zum Klimasystem der Erde aufzeigen: Auf dem Programm stehen Vorträge zur Erdgeschichte, zu den Wechselwirkungen zwischen Biosphäre und Atmosphäre und zu neuen Lösungsansätzen und Forschungsstrategien. Ich freue mich sehr, dass zwei Helmholtz-Zentren, das Helmholtz-Zentrum Potsdam GFZ und das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung diese Konferenz gemeinsam mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung organisiert haben. Wir müssen die Forschung auf allen Ebenen ausbauen: Wir brauchen mehr Grundlagenforschung, wir brauchen aber genauso neue und bessere Lösungen, um Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre zu verringern, und müssen gleichzeitig schon jetzt untersuchen, wie wir die Bewirtschaftung der unterschiedlichen Regionen an ein sich wandelndes Klima anpassen können. Denn wir wissen genug, um zu handeln und uns vorzubereiten.
Deshalb haben wir in der Helmholtz-Gemeinschaft auch beschlossen, die Klimaforschung nachdrücklich zu verstärken und haben eine Klimainitiative gestartet, um die vielfältigen Forschungsaktivitäten zum regionalen Klimawandel besser zu koordinieren. Diese Klimainitiative wird von Peter Lemke geleitet, den Sie alle als renommierten Klimaforscher vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung kennen und der am IPCC-Report maßgeblich mitgewirkt hat. Zusätzlich baut die Helmholtz-Gemeinschaft regionale Klimabüros auf, um Kommunen und Unternehmen, aber auch Land- und Forstwirtschaft nach dem neuesten Erkenntnisstand beraten zu können. Und mit dem Climate Service Center wird am GKSS-Forschungszentrum Geesthacht eine neue Informations- und Beratungsplattform für Politiker, Entscheidungsträger und Investoren eingerichtet.
Denn wir stehen natürlich in der Pflicht, unsere Erkenntnisse der Öffentlichkeit zu vermitteln, insbesondere dann, wenn dies Handlungsbedarf impliziert. Beim Ozonloch ist dies gelungen: Schon Mitte der 1970er Jahre hatten Mario J. Molina und Frank Sherwood Rowland durch Laborversuche gezeigt, dass Fluorchlorkohlenwasserstoffe die Ozonschicht zerstören können, 1985 wurde dies durch die Entdeckung des Ozonlochs bestätigt. Hier hat sich die internationale Gemeinschaft sehr rasch auf ein Abkommen geeinigt, das Montreal-Protokoll ist zum 1 Januar 1989 in Kraft getreten.
Beim Klimawandel ist eine Einigung auf verbindliche Zusagen wesentlich schwerer zu erreichen als beim Montreal-Protokoll, wo Ersatzstoffe für FCKW bereits zur Verfügung standen. Es geht nicht nur um Treibhausgase, sondern um den Umbau der Energieversorgung, um die Entkopplung zwischen Wohlstand und Energieverbrauch. Ich hoffe, dass auf der Kopenhagener Klimakonferenz konkrete Vereinbarungen ausgehandelt werden können, ein Scheitern wäre keine gute Nachricht: Dann würden zum Beispiel die Anreize zum Umbau der Energieversorgung sinken und wertvolle Zeit wäre verloren. In jedem Fall bin ich der festen Überzeugung: Die Senkung der Treibhausemissionen ist eine Aufgabe vom Typ „No Regret“, Volkswirtschaften, die hier vorangehen, werden dadurch auch zukunftsfähiger! „Die Steinzeit endete nicht, weil es an Steinen gefehlt hat. Und das Ölzeitalter wird zu Ende gehen, bevor die Ölquellen versiegen“, erklärte der frühere Ölminister von Saudi-Arabien, Scheich Zaki Yamani.
Die Einsicht in die Natur der Dinge und das politische Handeln sind zweierlei, aber sie müssen zusammen kommen, damit Gesellschaften auf Dauer prosperieren! Wie dies funktionieren kann, hat die amerikanische Politologin Elinor Ostrom in ganz unterschiedlichen Gemeinschaften untersucht. Jedem einzelnen ist klar, dass ein Gemeinschaftsgut wie ein Fischteich von den Dorfbewohnern nicht übernutzt werden darf. Das ist logisch und liegt in der Natur der Dinge. Aber bei fehlenden oder schlechten Regeln kommt es eben genau dazu: Einige Leute fischen den Teich leer, und im nächsten Jahr gibt es keinen Fisch mehr – für keinen im Dorf. Dieses Beispiel illustriert die „Tragödie der Allmende“, die Übernutzung eines Gemeinschaftsguts durch den Egoismus Einzelner. Aber Ostrom hat gezeigt, dass es in vielen Gemeinschaften ausgesprochen kluge und wirkungsvolle Regeln und Sanktionen dafür sorgen, dass es nicht zu dieser Tragödie kommt. Frau Ostrom hat dafür gerade den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten. Aber lassen sich ihre Beobachtungen auch auf weltweite Gemeinschaftsgüter wie Atmosphäre oder Ozeane und auf die abstrakte Staatengemeinschaft übertragen? Dies wird sie im Moment besonders oft gefragt, hat aber keine einfache Antwort parat. Eins aber steht fest: Die Arbeiten der Klimaforscher sowie die Forschungsarbeiten auf der gesamten Breite der Erdsystemforschung sind unverzichtbar als Basis für vernünftige politische Entscheidungen. Wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind gefordert, uns Gehör zu verschaffen und dabei mit Weitsicht zu handeln. Hermann von Helmholtz hat immer betont: „Wissen allein ist aber nicht Zweck des Menschen auf der Erde. Handeln und Handeln allein gibt dem Manne" - und natürlich auch der Frau - "ein würdiges Dasein.“
Ich wünsche Ihnen jetzt viele neue Einsichten und anregende Begegnungen auf dieser Tagung.

