Helmholtz-Gemeinschaft

15. September 2010 Helmholtz-Geschäftsstelle

In seiner Rede auf der Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft geht Prof. Dr. Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, auf die Herausforderungen ein, vor denen Deutschland steht, insbesondere auch im Energiebereich. „Was uns heute so erfolgreich macht, sichert nicht unbedingt auch den Erfolg von morgen. Es kann sogar sein, dass es sich genau umgekehrt verhält, und dass wir letztlich von einer Substanz zehren, die sich verbraucht“, sagt er und fordert den Mut zu Veränderungen ein. „Unsere Zukunft müssen wir selbst erschaffen, und zwar jetzt und mit den Mitteln von Forschung und Wissenschaft. Dafür, nämlich für die Gestaltung unserer Zukunft, ist Forschung da, und genau das ist auch die Mission der Helmholtz-Gemeinschaft.“

Rede zur Jahrestagung der Helmholtz-Gemeinschaft 2010

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Bundesministerin,
sehr geehrte Damen und Herren Minister aus den Bundesländern,
sehr geehrte Damen und Herren Staatssekretäre,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, Präsidentinnen, Präsidenten, Exzellenzen,
sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Krise ist vorbei. Das scheint zumindest die Botschaft zu sein, die uns die Konjunkturdaten vermitteln. Wir haben gerade das stärkste Quartalswachstum seit der Wiedervereinigung realisiert, es sind wieder mehr Menschen in Lohn und Brot, und der Bundeswirtschaftsminister spricht von einem „Aufschwung XL“.

Heißt das, dass alle Probleme beseitigt sind? ‚Mit Energie in die Zukunft‘ lautet das Motto des heutigen Abends. Sollen wir das vielleicht auch so verstehen, dass wir weiter machen können wie bisher?

Das können wir nicht, und das wissen wir. Es ist schön, dass es uns jetzt gut geht, aber gleichzeitig ist klar: Was uns heute so erfolgreich macht, sichert nicht unbedingt auch den Erfolg von morgen. Es kann sogar sein, dass es sich genau umgekehrt verhält, und dass wir letztlich von einer Substanz zehren, die sich verbraucht.

‚Mit Energie in die Zukunft‘ kann also nicht einfach  ‚weiter so‘ heißen!

 Nein: ‚Mit Energie in die Zukunft‘ heißt, dass wir unsere Zukunft selbst erschaffen müssen, und zwar jetzt und mit den Mitteln von Forschung und Wissenschaft. Dafür, nämlich für die Gestaltung unserer Zukunft, ist Forschung da, und genau das ist auch die Mission der Helmholtz-Gemeinschaft.

Was heißt das konkret? Es heißt  zunächst, dass wir uns über drei Dinge Klarheit verschaffen müssen:

Erstens: Was sind denn die entscheidenden Herausforderungen für unsere Gesellschaft und welche Fragen muss die Forschung lösen?

Zweitens: Was sind die Ziele, die wir dabei im Blick haben müssen?

Drittens: Welche Rahmenbedingungen müssen wir schaffen, um diese Ziele zu erreichen?

Das sind grundlegende Fragen für die Ausrichtung auch unserer Forschungsorganisation, und das sind auch die Fragen, die unseren Dialog mit denen prägen, die politisch Verantwortung tragen, ganz besonders also den Dialog mit den Parlamentariern und mit Ihnen, Frau Bundesministerin!

Nehmen wir den ersten Punkt, die Frage: Was sind überhaupt die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen?

Unwichtige Fragen richtig zu beantworten bringt uns nicht weiter. Die Steuerungsprozesse in der Helmholtz-Gemeinschaft sind deshalb darauf ausgerichtet, im Sinne unserer Helmholtz-Mission immer wieder zu überprüfen, ob wir uns die richtigen Fragen stellen. Wir haben deshalb einen breit angelegten Portfolioprozess, einen Sammlungsprozess von Handlungsoptionen, in allen Forschungsbereichen der Helmholtz-Gemeinschaft begonnen. Die Helmholtz-Programmbegutachtungen 2008 und 2009 sind dabei Orientierungsmarken: Sie haben uns gezeigt, wo wir stehen und welche Stärken, aber auch welche Schwächen wir haben.

Der Portfolioprozess baut darauf auf, blickt aber weiter in die Zukunft und schätzt ab, welche Chancen und Herausforderungen sich aus langfristigen Entwicklungstrends für die Forschungsprogramme der Helmholtz-Gemeinschaft ergeben und welche Forschungsthemen wir vielleicht auch ganz neu aufgreifen müssen. Auf diese Weise wollen wir unsere Forschungsagenda kontinuierlich weiter entwickeln.

Ein Thema, das uns auch in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen wird, zeichnet sich dabei jetzt schon ab: es ist die Frage, wie wir unseren zukünftigen Energiebedarf decken können.

In der öffentlichen Debatte darüber, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen sollen, wiegen vorgefasste Überzeugungen oft schwerer als Argumente. Wenn wir das Energieproblem nachhaltig lösen wollen, müssen wir uns von diesen ideologischen Denkweisen frei machen.  Und wir müssen gerade auch in diesem Bereich einsehen, dass wir den Herausforderungen von Morgen nur mit den Technologien von Morgen begegnen können.

Dabei gilt: Je vielfältiger die technologischen Möglichkeiten, umso größer sind unsere Chancen, das Energieproblem damit wirklich zu lösen. Es gibt keinen Königsweg für eine sichere, umweltverträgliche und wirtschaftliche Energieversorgung für Morgen.

Zu diesem Schluss kommen nicht nur die Helmholtz-Forscher in ihren im letzten Jahr veröffentlichten Empfehlungen zur Gestaltung der Energieforschungspolitik der Bundesregierung, sondern auch die Akademien der Wissenschaften. Die Helmholtz-Gemeinschaft erforscht deshalb fast das gesamte Spektrum möglicher Energiequellen, von den Erneuerbaren Energien bis zur Kernfusion. Dieser Ansatz von Breite und Tiefe der Energieforschung unter einem Dach mit den sich daraus ergebenden Synergiemöglichkeiten ist unser Alleinstellungsmerkmal!

Dabei ist klar: Eine Lösung, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstört, ist keine.

Die Forschung im Bereich Erde und Umwelt ist deshalb ein unverzichtbares Pendant zur Energieforschung. Die große Stärke der Helmholtz-Gemeinschaft besteht darin, dass sie beide Bereiche verbindet. Sieben Helmholtz-Zentren forschen derzeit im Bereich „Erde und Umwelt“, vom Geosystem bis zum Klimawandel. In den kommenden Jahren könnten es acht Zentren werden, wenn das renommierte Kieler Meeresforschungsinstitut IFM Geomar Teil der Helmholtz-Gemeinschaft wird. Das ist eine gute Perspektive für Helmholtz und für die Kolleginnen und Kollegen in Kiel, die wir herzlich willkommen heißen werden.

An den Antworten auf die großen Fragen arbeiten wir schon heute gemeinsam. Insbesondere die Frage, welche möglichen Auswirkungen auf das Klima wir bei der Lösung des Energieproblems in den Blick nehmen müssen, gehört unzweifelhaft dazu.

Soweit zu den Herausforderungen. Kommen wir zum zweiten Punkt, der Frage, welchen Zielen unsere Forschung dienen soll.

Forschung kann unser Wissen über naturgesetzliche Zusammenhänge erweitern wie im Fall der Klimaforschung, und sie kann Lösungen erarbeiten für den Bedarf der Gesellschaft wie im Fall der Energieversorgung. Über die Frage, ob vermeintlich neues Wissen tatsächlich belastbar ist, lässt sich nur mit den Mitteln der Wissenschaft selbst urteilen.

Die Frage, ob die technologischen Lösungen als gute Lösungen akzeptiert und breite Anwendung finden werden, ist dagegen keine wissenschaftliche Frage, sondern eine gesellschaftliche und politische. Sie hängt sehr wesentlich ab von klaren Zielvorstellungen der Gesellschaft, sprich von uns als Bürgerinnen und Bürgern, und insbesondere derer, die in unserer repräsentativen Demokratie politisch Verantwortung tragen.

An klaren Zielen mangelt es uns vielleicht aber mehr als an allem anderen. Sichtbar wird zunehmend nur, wer was nicht will. Wir leben in einer „Dagegen-Republik“, hat das Magazin ‚Der Spiegel‘ angesichts der lebendigen deutschen Protestkultur vor kurzem getitelt. An diesem Punkt dürfen wir nicht stehen bleiben.

Wir müssen diese Diskussionen auf breiter Basis weiterführen, bis sich die Konturen einer ‚Dafür-Republik‘ abzeichnen, in der wir uns darauf verständigen, was wir wollen, und warum.

Wir alle wünschen uns eine Vision vom Deutschland von Morgen, und zwar eine möglichst konkrete.  Auch und gerade für die strategisch angelegte Helmholtz-Forschung brauchen wir verlässliche politische Richtungsentscheidungen, und zwar solche, die auch längerfristig Bestand haben.

Um beim Beispiel Energie zu bleiben: Wie soll die Zukunft unserer Stromerzeugung aussehen? Wenn Kernenergie eine Brückentechnologie ist, wie soll das andere Ufer aussehen? Das Energiekonzept, das die Bundesregierung vor kurzem vorgestellt hat, gibt erste Antworten. Als Wissenschaftsorganisation zeigen wir Wege auf, die zu diesen Zielen führen. Auf diese Weise können wir auch unseren Beitrag leisten zum neuen Energieforschungsprogramm der Bundesregierung, das Anfang nächsten Jahres fertig gestellt werden soll.

Entscheidungen in Sachen Klimaschutzziele sind ein weiteres Beispiel für ein Feld, in dem wir konkrete Zielsetzungen der Politik benötigen. Ich freue mich deshalb, dass die Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft von Ihnen, Frau Bundesministerin Schavan, als eines der Zukunftsprojekte das Thema CO2-neutrale Stadt ausgewählt hat. Solche ehrgeizigen Zielsetzungen können Technologien zum Durchbruch verhelfen, mit denen wir eine Verringerung unseres CO2-Ausstoßes erzielen können.

Das gilt z.B. für die Technologien der CO2-Abscheidung und Speicherung, aber auch für Erfindungen wie den am Karlsruher Institut für Technologie KIT entwickelten neuen Baustoff „Celitement“. Gegenwärtig stammen 5% der globalen CO2-Emissionen aus Zementwerken. Bei der Herstellung von Celitement fallen nur halb so viele Emissionen an wie bei herkömmlichen Verfahren. Würde aller Zement mit der neuen Methode hergestellt, könnten die Einsparungen das CO2-Aufkommen aus dem gesamten Flugverkehr kompensieren.

Sie sehen: Auch mit Beton kann man einiges verändern, wenn er nicht gerade im Kopf zum Einsatz kommt. Es geht also vorwärts. Voraussetzung ist aber immer, dass wir wissen, wohin wir wollen.

Es reicht allerdings nicht aus, Ziele zu entwickeln, man muss auch die Rahmenbedingungen schaffen, um sie erreichbar zu machen, und auch hier braucht die Wissenschaft in vielen Punkten die Unterstützung der Politik. Drei Arten von Rahmenbedingungen sind grundlegend: die finanziellen, die strukturellen und die personellen.

Beginnen wir ausnahmsweise mal nicht mit dem Geld. Strukturelle und rechtliche Rahmenbedingungen sind ebenso wesentlich.

Wir bei Helmholtz spüren das sehr deutlich in unserer Zusammenarbeit mit den deutschen Hochschulen.  Wir brauchen starke Universitäten. Uns als Helmholtz-Gemeinschaft geht es auf Dauer nur dann gut, wenn es auch den Universitäten gut geht! Die ganz großen Themen gehen wir bei Helmholtz gemeinsam mit unseren universitären Partnern an und schaffen so Synergien im deutschen Forschungssystem. Dies gilt auch für die Energieforschung.
Wir haben nun alles, was an Vernetzung auf dem Boden der bisherigen Rechtslage möglich ist, umgesetzt, bis hin zur Verschmelzung von Helmholtz-Zentrum und Universität in Gestalt des Karlsruher Instituts für Technologie. Jetzt stoßen wir an die Grenzen, die uns der Föderalismus auferlegt. Es wird immer deutlicher, dass diese Grenzen der Sache nicht dienen. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in Sachen Bildung und Forschung sollte deshalb kritisch hinterfragt werden.

Voran gehen müssen wir auch, was die unternehmerischen Freiheiten der Wissenschaftseinrichtungen betrifft. Wir wünschen uns von Politik und Gesellschaft weiterhin das Vertrauen in die Wissenschaft, dass sie selbst den besten Weg finden wird, die ihr anvertrauten Mittel im Sinne unserer gemeinsamen Ziele einzusetzen. Wir sind deshalb überzeugt davon, dass die Wissenschaftsfreiheitsinitiative richtig ist und konsequent weitergeführt werden muss. Auch hier gilt: Mit Energie in die Zukunft!

Zu den finanziellen Rahmenbedingungen. Dazu fällt mir ja immer der Spruch ein: Die Phönizier haben das Geld erfunden, aber warum so wenig?

Spaß beiseite. Natürlich ist es immer einfach, sich auf den Standpunkt zu stellen: Noch mehr wäre besser. Aber das ist in Zeiten angespannter Haushaltslage nicht einfach einzufordern.

Politik und Gesellschaft wenden in Deutschland gerade viel Kraft auf, um die Wissenschaft voranzubringen. Das Handeln der Regierung ist mutig und stellt sich gegen den internationalen Trend des Sparens ohne Ausnahme.

Wir können das nicht hoch genug schätzen und sind dankbar dafür. Dieser Dank, Frau Schavan, gilt auch ganz persönlich Ihnen!

Wir werden unsererseits alles dafür tun, damit diese Investitionen sich lohnen.

Die wichtigste Rahmenbedingung dafür, dass wir unseren Beitrag zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands leisten können, sind dabei aber die Menschen, die für die Helmholtz-Gemeinschaft arbeiten. Knapp 30 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören heute zu Helmholtz, und im Jahre 20 nach der Wiedervereinigung freut es mich besonders, dass ihre Zahl gerade in den neuen Bundesländern weiter wächst – zum Beispiel durch die Gründung des Helmholtz-Instituts in Jena im letzten Jahr und ab Januar nächsten Jahres auch durch den Übertritt des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf zu unserer Organisation.

Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapital, und wir wollen es nach Kräften pflegen und entwickeln. Das nützt uns, aber das nützt auch unserer Gesellschaft. Besonders erwähnen will ich in diesem Zusammenhang unsere knapp 5000 Doktoranden, die das Rückgrat der Forschung bilden. Dafür, dass sie auch für den Arbeitsmarkt jenseits der Wissenschaft gut gerüstet sind, sorgen wird durch die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen in unseren Doktorandenschulen. Aber nicht nur in der Wissenschaft fördern wir den Nachwuchs: Im letzten Jahr erlernten rund 1.600 Auszubildende einen technisch-administrativen Beruf in einem der Helmholtz-Zentren. Das entspricht einer Ausbildungsquote von 6,5% bezogen auf das Gesamtpersonal ohne Doktoranden.

Wir betrachten es als unsere Pflicht, dazu beizutragen, dass sich auch in Zukunft und in noch stärkerem Maße als heute die Besten für eine Karriere in Forschung und Wissenschaft entscheiden. Deshalb leisten wir mit den Schülerlaboren und der Kita-Initiative „Haus der Kleinen Forscher“ einen Beitrag dazu, dass sich immer neue Generationen für Naturwissenschaft und Technik begeistern. Mittlerweile nehmen 13000 Kitas und damit rund 750 000 Kinder an der Initiative „Haus der Kleinen Forscher“ teil. Wie sie dabei spielerisch entdecken, was Energie ist und wie man sie nutzen kann, können Sie in der Broschüre nachlesen, die das Haus der Kleinen Forscher heute Abend für Sie ausgelegt hat.

Zurück von den Kleinen zu den Großen:
Ergänzend zur Nachwuchsförderung dürfen wir uns aber auch der Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte nicht verschließen. Gerade im auf Internationalität ausgerichteten Wissenschaftsbereich halten wir das für eine Notwendigkeit und ich gehe davon aus, dass die Mitarbeiterschaft der Helmholtz-Gemeinschaft in Zukunft noch internationaler wird, als sie das heute ist.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ‚Mit Energie in die Zukunft‘ haben wir den heutigen Abend betitelt. Als Forschungsorganisation können wir dazu unseren Beitrag leisten, indem wir die Zukunft mit den Mitteln von Wissenschaft und Forschung selbst mit erschaffen. Ich habe dargelegt, dass es dafür keinen Königsweg gibt: Wir brauchen eine breit angelegte Energieforschung, wir brauchen nicht nur Brücken, sondern auch Ufer, und wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens für Wege und Ziele, möglichst wenig Reibungsverluste und hohe Effizienz. Dann gilt ‚Mit Energie in die Zukunft‘ sowohl im übertragenen wie auch im realen Sinne! Wir als Helmholtz-Gemeinschaft sind bereit, dazu unseren Beitrag zu leisten.

Kontakt

Korinna Bauer

Dr. Korinna Strobel

Referentin Strategie und Chancengleichheit

Helmholtz-Gemeinschaft

Geschäftsstelle Berlin
Anna-Louisa-Karsch-Straße 2
10178 Berlin

Telefon: +49 30 206 329-19
Fax: +49 30 206329-65
korinna.strobel (at) helmholtz.de


12.01.2013