Helmholtz-Gemeinschaft

07. Juli 2009 Helmholtz-Geschäftsstelle

"Grundlagenforschung – Grundlage der Gesellschaft". Ein Vortrag des Präsidenten der Helmholtz-Gmeinschaft Prof. Dr. Mlynek in der Landesstiftung Baden-Württemberg, 7. Juli 2009.

Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Mlynek: "Grundlagenforschung – Grundlage der Gesellschaft"

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren,

Haben Sie den Film „Illuminati“ gesehen? Zu Beginn spielt sich die Handlung am CERN ab, dem großen europäischen Forschungszentrum für Teilchenphysik in Genf, wo der zurzeit leistungsstärkste Teilchenbeschleuniger der Erde steht.
 

Atlas
Im Film hat ein Wissenschaftler am CERN quasi im Alleingang eine enorme Menge Antimaterie produziert. Sein ursprünglicher Antrieb war der Wunsch, die Natur zu verstehen und dabei Wissenschaft und Glauben zu versöhnen. Aber dabei hat er sozusagen als erfreulichen Nebeneffekt auch eine sehr nützliche Anwendung entdeckt: Eine neue Energiequelle.

Eine schöne Vision, denn nichts könnten wir zurzeit besser gebrauchen als eine umweltfreundliche und unerschöpfliche Energiequelle! Auch wenn die Physik anders funktioniert als sich das der Schriftsteller Dan Brown vorstellt.

Dieses zugegebenermaßen nicht ganz realistische Beispiel zeigt jedoch anschaulich, was wir von Grundlagenforschung erwarten: Am Anfang steht der Drang nach Erkenntnis und am Ende steht eine Anwendung.

Drei Aspekte möchte ich heute Abend ansprechen:

Zunächst möchte ich Ihnen zeigen, wie Grundlagenforschung dazu beitragen kann, die aktuelle Krise nicht nur zu bewältigen, sondern auch zukünftige Herausforderungen zu meistern. Spitzenforschung und Innovationen sind hier der Schlüssel.

Dabei zeigt sich: Aus der erkenntnisorientierten Forschung ergeben sich viele, zum Teil überraschende Anwendungen. Aber auch die andere Seite ist spannend, denn auch die Beschäftigung mit der Anwendung wirft immer wieder neue Grundlagenfragen auf:

Neben der Erkenntnisorientierung gibt es aber auch einen zweiten Weg, die Nutzenorientierung in der Grundlagenforschung oder englisch use-inspired basic research.

Das ist mein zweiter Punkt, den ich an einigen Beispielen aus der Energieforschung illustrieren möchte. Die Kernfrage lautet: Wie können wir unseren Energiehunger sicher und nachhaltig stillen? Und das schließt auch das Thema Klimawandel ein, denn das Klimaproblem ist in allererster Linie ein Energieversorgungsproblem. Beide Fragen sind gleichermaßen wichtig und beeinflussen sich gegenseitig. Nur die Nutzenorientierung kann dazu führen, dass viele Ressourcen auf ein Ziel konzentriert werden und „Man-on-the-moon“-Projekte entstehen. Und gerade jetzt brauchen wir Mut, Innovationen und Standfestigkeit, um die Energieversorgung zu sichern und dennoch den Klimawandel zu entschleunigen.

Um das zu schaffen, müssen wir uns auf die Menschen konzentrieren. Und darauf möchte ich im 3. Teil eingehen. Menschen lernen in der Grundlagenforschung, unbekannte Herausforderungen sehr systematisch anzugehen, falls notwendig neue Werkzeuge und Methoden dafür zu entwickeln und frei zu denken. Solche Menschen können Probleme lösen und damit sie sich entfalten können, setzen wir in der Helmholtz-Gemeinschaft auf ein ausgefeiltes Talentmanagement.

 

Erster Teil: Erkenntnisorientierte Grundlagenforschung und Innovationen

Beginnen wir mit Teil 1: Erkenntnisorientierte Grundlagenforschung und Innovation:

„Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde." So schildert Henry Ford eine Innovation, die die Welt verändert hat, das Automobil. Statt Pferde zu züchten, baute Ford Automobile. Ähnlich ist das beim heute ziemlich allgegenwärtigen Computer gelaufen:  

 

ENIAC

 „Wozu sollten Privatpersonen einen eigenen Computer brauchen?“ fragten sich die ersten Computerexperten in den 1950er Jahren, als Rechner ganze Häuser füllten und eine Heerschar von Spezialisten sie bedienen musste. Heute hat sogar eine Geburtstagskarte, die beim Aufklappen Happy Birthday spielt, mehr Rechenkapazität als diese ersten Elektronengehirne.

 

Dabei weiß zu Beginn häufig noch nicht einmal der Erfinder, wohin eine Idee führen könnte. Doch wie kommt es zu solchen grundlegenden Innovationen? Wie können wir sie gezielt fördern, einen Boden dafür bereiten? Denn Innovationen brauchen wir heute so nötig wie nie zuvor.  Kommen wir noch einmal auf die Computer zurück.

 

Grünberg und GMR-Effekt

Peter Grünberg von unserem Helmholtz-Zentrum in Jülich hat 2007 für die Entdeckung des Riesenmagneto-Widerstand-Effektes den Nobelpreis für Physik erhalten. Das war reinste Grundlagenforschung, die Grünberg an dünnen magnetischen Schichten in den 1980er Jahren vornahm. Und doch steckt genau dieser Effekt heute in allen Schreib-Leseköpfen für Festplatten und sorgt für immer größere Speicherdichten.

Das zeigt: Wirkliche Innovationen und Durchbrüche bauen auf dem Fundament einer starken Grundlagenforschung auf. „Wer etwas Neues sehen will, muss etwas Neues tun“, hat der Philosoph und Physiker Georg Christoph Lichtenberg gesagt.

Wie bei den Illuminati steht dabei am Anfang von etwas wirklich Neuem oft der reine Erkenntnisdrang, die wissenschaftliche Neugier:

 

Bild Max-Planck und Transistor

Ein Paradebeispiel hierfür ist die Quantenphysik, die ab 1900 aus reinem Streben nach Einsicht heraus entwickelt wurde. Philosophische Diskussionen standen im Mittelpunkt, nicht etwa neue Bauteile für Radios. Erst Jahrzehnte danach sahen Physiker, dass quantenphysikalische Effekte auch neue elektronische Komponenten aus Halbleitern ermöglichen: Halbleiter-Transistoren und Mikrochips, die Hardware für moderne Computer. Max Planck hat das einmal treffend formuliert: „Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen.“

 

Dass die erkenntnisorientierte Herangehensweise zu wertvollen Erkenntnissen führt, will ich Ihnen an drei weiteren Beispielen aus der Forschung vorstellen.

 

Tumortherapie mit Schwerionen

Ein Beispiel ist die Tumortherapie mit Schwerionen, die am GSI Helmholtzzentrum in Darmstadt entwickelt wurde. Kaum jemand hätte vorher vermutet, dass Teilchenbeschleuniger einmal zu einer sehr erfolgreichen Krebstherapie von inoperablen Hirntumoren genutzt werden.

Doch genau das ist eingetreten: Strahlenbiologen hatten Ende der 1970er Jahre die Wirkung von schweren, beschleunigten Ionen auf Zellen untersucht und eine interessante Beobachtung gemacht: Die schweren Teilchen entfalten ihre zerstörerische Wirkung erst nach einer präzise einstellbaren Eindringtiefe. Dabei ist ihre biologische Wirksamkeit höher als die einer herkömmlichen Strahlentherapie. Die Ionenstrahlen treffen punktgenau die Tumorzellen und verschonen das umliegende Gewebe, so dass Hirntumoren sehr exakt bestrahlt werden können. Inzwischen wurde am Universitätsklinikum in Heidelberg in enger Zusammenarbeit mit Siemens eine kleinere Beschleunigungsanlage für Schwerionen aufgebaut, so dass ab Ende 2009 rund 1300 Patienten im neuen Heidelberger Strahlenzentrum behandelt werden können.

 

Harry Potter

Das zweite Beispiel kommt aus dem Bereich der Mikrostrukturen und der Optik. Wenn Sie einen der Harry-Potter-Filme gesehen haben, wissen Sie, wie hilfreich sein Tarnmantel immer wieder war. Ein solches Zaubermaterial gibt es zwar noch nicht. Ich sage ganz bewusst „noch“. Denn Physiker am Helmholtz-Zentrum KIT in Karlsruhe sind auf dem besten Weg dazu. Sie bringen hufeisenförmige wenige Mikrometer große Strukturen in Kristalle ein, die ihre optischen Eigenschaften dadurch stark verändern. Diese „Hufeisen“ operieren wie elementare Schwingkreise aus Spule und Kondensator. Und ihre jeweiligen Abstände sind inzwischen kleiner als die Wellenlänge der elektromagnetischen Strahlung. Dies hat zur Folge, dass der Brechungsindex von Licht – bislang allerdings nur von einer einzigen Wellenlänge – negativ ist und quasi um die Oberfläche herum gelenkt wird – der erste Schritt zu einem Tarnmantel für Harry Potter…

 

Internet

Um das Thema Innovation und Erkenntnisorientierung abzuschließen, komme ich noch einmal auf das CERN zurück: Dort wurde eine Innovation entwickelt, die die Welt wirklich verändert hat. Das World Wide Web oder kurz WWW. Teilchenphysiker haben den Programmcode Ende der 1980er Jahren am CERN für sich entwickelt, damit sie schneller und sicherer Daten austauschen konnten. Schon ab 1991 wurde das www für alle Nutzer frei gegeben. Und wenn wir heute sehen, welche Bedeutung das Internet in unserem täglichen Leben hat, dann ist das ohne Zweifel eine Innovation aus der Grundlagenforschung mit erheblichen Konsequenzen.

 

Diese Beispiele belegen: Grundlageforschung führt zu neuen und überraschenden Anwendungen.

Damit kommen wir zum zweiten Weg, der nutzenorientierten Grundlagenforschung oder englisch „use inspired research“. Diese orientiert sich an der Sicherung unserer Lebensgrundlagen und ist ein iterativer Prozess aus immer neuen grundlegenden Fragen und immer neuen konkreten Anwendungsmöglichkeiten.

Dies ist ein Kreislauf, den wir zum Beispiel in der Helmholtz-Gemeinschaft ständig durchlaufen: Wir forschen zielgerichtet und strategisch, um einen Beitrag zur Lösung der großen und drängenden Probleme von Gesellschaft und Wirtschaft zu leisten. Dazu müssen wir offen für neue Grundlagenfragen sein, die wir strategisch und konzertiert angehen. Gleichzeitig sind wir offen, die Erkenntnisse in Anwendungen umzusetzen, die wir gemeinsam mit Partnern aus der Wirtschaft vorantreiben. 

Wie das funktioniert möchte ich Ihnen am Beispiel der Energieforschung zeigen, mit der wir die sicherlich größte Herausforderung der nächsten Jahrzehnte angehen:

Wir brauchen eine umweltfreundliche, sichere und bezahlbare Energieversorgung. Denn der Klimawandel ist eine sehr reale Bedrohung. Ende 2006 hat der Weltbank-Ökonom Sir Nicolas Stern in seinem Report zu den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels erstmals versucht, die Kosten von Klimaschutz und Folgeschäden durch den Klimawandel abzuschätzen. Sein Ergebnis: Effektiver Klimaschutz würde mindestens ein Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung kosten, wohingegen durch einen ungebremsten Klimawandel fünf bis zwanzig Prozent der globalen Wirtschaftsleistung verloren gingen. Die Entscheidung sollte leicht fallen.

 

Und als Gegenmaßnahme müssen wir auf Energieforschung setzen:

 

Glühbirne vom Spiegel-Cover

Zunächst bedeutet das: Effizienzsteigerungen – denn Energieverschwendung ist der Klimakiller Nummer Eins! Unsere Kraftwerke müssen effizienter werden. Wir müssen den Wirkungsgrad von Motoren und Maschinen erhöhen und Gebäude besser isolieren. Und wir müssen das Licht so erzeugen, das nicht wie bei der Glühbirne der größte Teil als Wärmeenergie verpufft.

Die größte Herausforderung ist sicher die Änderung unseres eigenen Verhaltens. Die Finanzkrise hat es uns ja noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt, wo das Denken in extrem kurzen Zeiträumen hinführen kann! Viel dramatischer als die Finanzkrise wird sich der Klimawandel auf unseren Wohlstand auswirken. Und hoffentlich geht es uns dabei nicht wie dem Frosch im Kochtopf, der zwar besorgt registriert, dass es wärmer wird, aber sich nicht entschließen kann, zu springen … bis  er gekocht ist.

 

Wir müssen Schluss machen mit der Planung in Quartalen. Wir müssen weitsichtig handeln und uns unserer Verantwortung stellen. Unsere Wegwerfmentalität führt in eine schlechtere Zukunft. Kurz:

 

Wir müssen ein neues Zeitalter der Effizienz einläuten. Effizienz bei der Energieumwandlung, beim Recycling, kurz: Weg von der Wegwerfgesellschaft, hin zur Kreislaufwirtschaft. 

 

Alles in allem gibt es hier enormes Potenzial. Wir müssen vor allem bei den fossilen Energieträgern Erdöl, Erdgas und Kohle ansetzen, die den Löwenanteil des Weltenergiebedarfs decken und damit auch für die gewaltigen Treibhausgasemissionen sorgen.

 

Denn das ist ein weiterer Aspekt: Auch in den nächsten Jahrzehnten werden wir nicht ohne Kohle auskommen, die mit Abstand am meisten Schadstoffe und Kohlendioxid ausstößt. Einen Ausweg könnte die „Clean-Coal-Technologie“ anbieten. Wir von der Helmholtz-Gemeinschaft fördern zum Beispiel eine groß angelegte Allianz aus Helmholtz-Zentren, Unternehmen und Universitäten, die gemeinsam neuartige Membrantechnologien entwickeln, um das CO2 abzuscheiden. Außerdem untersuchen wir in einem Pilotprojekt zusammen mit der Industrie, wie sich Kohlendioxid unterirdisch speichern lässt.

 

Spiegel-Artikel zum Scheitern des CCS-Gesetzes

Jeder neue Lösungsvorschlag stößt jedoch zugleich auf Akzeptanzprobleme. Ein Dilemma – wir müssen die CO2-Emissionen verringern, doch gleichzeitig befürchten die Bürger, dass die unterirdische Speicherung von CO2 neue Risiken birgt. Ganz aktuell hat hier die Politik gerade gegen die CO2-Speicherung entschieden. Zudem werden Windkraftwerkparks als Landschaftsverschandelung verteufelt. Die Kernkraftwerke stehen ohnehin in der Kritik und viele Menschen fordern ihre sofortige Abschaltung. Das ist das Dilemma: Wie sollen wir auf der einen Seite auf die Kernkraft verzichten und auf der anderen Seite dennoch deutlich weniger CO2 emittieren? „There is no such thing as a free lunch“, sagte der Nobelpreisträger Milton Friedmann.

 

Um in diesem Bereich rasch neue Technologien zu entwickeln, müssen Wissenschaft und Wirtschaft an einem Strang ziehen. Aber nicht wie in der Parabel von Huhn und Schwein, wo das Huhn als Kooperationsidee das Produkt Rührei mit Schinkenspeck vorschlägt. Das gutgläubige Schwein unterzeichnet den Kooperationsvertrag, das Huhn legt zwei Eier und ruft dann den Metzger. „Einer geht immer drauf“, sagt das Huhn zum Schwein.

 

So nicht - es muss ein win-win-Geschäft sein. Dazu muss die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen, und zwar verbindlich für alle. Ein Beispiel ist der Handel mit Emissionszertifikaten. Diese Lösung ist noch nicht perfekt,  noch sind einige Kinderkrankheiten durchzustehen. Aber wir brauchen Wege, um Umweltkosten, die seit Menschengedenken externalisiert werden, endlich in die Rechnung mit einzubeziehen. Sonst müssen unsere Kinder die Zeche zahlen.

Kommen wir noch einmal auf die Energieforschung zurück. Vor allem eine Energiequelle hat die volle Sympathie der Bevölkerung: Die Sonne! Wenn wir die Sonnenenergie nutzen wollen, haben wir ganz verschiedene Optionen: Die Photovoltaik ist eine Möglichkeit, die sie alle kennen. Weniger bekannt ist die Stromerzeugung mit solarthermischen Kraftwerken.

 

FAZ-Artikel zu Desertec

Solche Kraftwerke basieren auf dem Prinzip von Hitzeturbinen. Sonnenhitze wird über Parabolrinnen oder Spiegel auf eine Flüssigkeit fokussiert, die sich dadurch erhitzt und eine Dampfturbine antreibt.

Desertec heißt zum Beispiel das 400-Milliarden-Euro schwere Konzept, das vor ein paar Tagen angekündigt wurde. 20 große Unternehmen wie Siemens oder RWE wollen auf Initiative des Versicherungsunternehmens Münchner Rück ein Konsortium gründen, um in der Sahara riesige solarthermische Kraftwerke zu bauen. Die Idee dazu stammt vom „Club of Rome“, die Forschung unter anderem von unserem Helmholtz-Zentrum DLR.

In diesem Bereich arbeiten Wissenschaft und Wirtschaft eng zusammen. So ist die Firma Schott-Solar führender Hersteller der Receiverrohre, mit denen das Sonnenlicht aufgefangen wird. Schott hat dafür die Produktion von einfachen Trinkgläsern und Fernsehglas eingestellt – eine unternehmerische Entscheidung mit guten Aussichten.

 

Batterieforschung ACATECH

 

Schließlich brauchen wir verstärkt Forschung um neue Möglichkeiten der Energiespeicherung zu entwickeln und intelligente Netze – so genannte Smart Grids - zu entwerfen. Denn naturgemäß gibt es bei Wind Flauten und auch die Sonne scheint nicht immer. Bei Sturm dagegen ist es oft schwierig, die Überkapazitäten ins Netz zu speisen. Auch für die künftige Elektro-Mobilität müssen wir das Thema Energiespeicherung aufgreifen. Wir brauchen neue Generationen von leistungsstarken, schnell ladbaren und leichten Batterien. Dazu müssen wir die lange vernachlässigte Forschung auf dem Gebiet der Elektrochemie dringend ausbauen.

Mehrfach ist es eben angeklungen. Auch wenn wir auf Basis bekannter Grundlagen die Entwicklung vorantreiben, stoßen wir immer wieder auf neue Forschungsaufgaben: Bei der Elektrochemie, bei der Suche nach neuen Materialien und Prinzipien für Solarzellen oder auch bei der Forschung zur unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid. Wenn wir auf diesen Feldern weiterführende Fragen nicht verfolgen, engen wir den Blickwinkel ein: Die erfolgreichste Umsetzung von Sonnenlicht in eine andere Form der Energie machen uns die Pflanzen täglich vor. Die Photosynthese! Bislang ist es uns auch nicht ansatzweise gelungen, dieses Verfahren nachzubauen und zu nutzen. Eine typische Herausforderung für die Grundlagenforschung, die noch viele Jahre Forschung benötigt.

 

Es sind nicht mehr nur weltfremde Idealisten, selbst Siemens-Chef Peter Löscher fordert jetzt ein grünes Wirtschaftswunder, und ich stimme damit überein, dass Forschung und Entwicklung erneuerbarer Energien nachhaltige Investitionen in die Zukunft sind.

 

Mondlandung

Um die großen Herausforderungen erfolgreich anzugehen, dürfen wir nicht zu klein denken. Wir brauchen mehr „Man on the Moon“-Projekte, bei denen gilt: Geht nicht, gibt’s nicht. Hätten sonst die ersten Entdecker die Welt umsegelt, den Mount Everest bestiegen oder eben den Mond erreicht?

 

Piccard und Solarflugzeug

Ein wunderbares Beispiel für eine solche visionäre Herangehensweise ist das Projekt Solar Impulse von Bertrand Piccard. Der Abenteurer will erstmals mit einem solarbetriebenen Flugzeug die Erde umrunden und zeigen, welches Potenzial erneuerbare Energien haben. Auch das ist ein Beispiel wie Visionen dazu führen können, dass die Grenzen von Technologien verschoben werden – noch wie wurde ein so großes und leichtes Flugzeug mit der Spannbreite eines Airbus A340 und dem Gewicht eines Mittelklassewagens gebaut. Der Start ist in Kürze geplant. Hoffen wir, dass das Projekt gelingt.

 

Wie das Beispiel Piccard zeigt, sind es immer Menschen, die die Forschung vorantreiben, ob erkenntnisorientiert oder nutzenorientiert. Es kommt also auf die Köpfe an, und darauf, dass begabte Menschen ihre Ideen, ihre Visionen umsetzen können, ihre Talente entfalten. Menschen wie Piccard handeln unternehmerisch, sind von Neugier getrieben und haben gleichzeitig die Sicherung unserer Lebensgrundlagen im Auge. Solches Denken und Handeln zu fördern, das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, und man kann hier nicht früh genug beginnen. Und damit komme ich zum dritten und letzten Teil meines Vortrages: das Talentmanagement. Und das ist für jede Organisation wichtig, egal ob öffentlich oder privat finanziert.

 

Daher machen wir das Talentmanagement zum Kern der Helmholtz-Organisationskultur. Dabei rede ich nicht nur über die fünf Prozent der absoluten Spitzenwissenschaftler. Es geht darum, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu fördern und zu fordern. Denn sie bestimmen letztlich unsere Leistungsfähigkeit - Und darauf kommt es an.

Nehmen wir unsere Helmholtz-Strategie: Sie besteht aus fünf Säulen.

 

Wissenschaftlicher Nachwuchs

Erstens bilden wir zusammen mit den Universitäten jedes Jahr fast 4500 Doktoranden aus. Dies geschieht überwiegend in Graduiertenschulen, die zusätzliche Kompetenzen vermitteln und garantieren, dass die Promotion innerhalb von drei Jahren abgeschlossen werden kann. Nur unter solchen Bedingungen schaffen wir es, auch international Talente zu rekrutieren.

 

Zweitens engagieren wir uns in der beruflichen Bildung. Wir vergessen das gern, aber es sind nicht nur die Akademiker, die unseren Wohlstand erwirtschaften. Auch für den Bau und den Betrieb von wissenschaftlichen Infrastrukturen und Großgeräten brauchen wir in Technik und Administration tüchtige Leute.

 

Übrigens landen die meisten unserer 4500 Doktoranden und 1700 Auszubildenden später in der Wirtschaft. Und das ist ein wichtiger Beitrag für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes.

 

Drittens: Chancengleichheit. Wir müssen dafür sorgen, dass Familie und Beruf vereinbar sind, damit begabte Frauen uns nicht verloren gehen und gleiche Karrierechancen haben, insbesondere in den naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen.

 

Haus der kleinen Forscher

Viertens. Lieber früh investieren als später reparieren. Talentmanagement muss lange vor der Universität beginnen.

Ein besonders gutes Beispiel ist das deutschlandweite „Haus der kleinen Forscher“, bei dem schon rund 7000 Kitas bzw. rund 500.000 Kinder mitmachen. Spielend lernen die Kinder dabei, genau zu beobachten und selbst zu experimentieren. Das ist auch so ein „Man on the Moon-Projekt“. Denn am Anfang haben uns viele gesagt: Das ist gut gemeint, aber mehr als ein paar engagierte Kindergärten werdet ihr nicht erreichen. Falsch: We can! Vor zwei Jahren haben wir mit ein paar Kitas begonnen, Ende dieses Jahres werden es 10.000 sein.

 

Übrigens ist das auch ein gutes Beispiel wie Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammenarbeiten, denn das Haus der kleinen Forscher ist eine Public-Private-Partnership von Siemens, McKinsey, der Dietmar-Hopp-Stiftung, dem Bundesforschungsministerium und der Helmholtz-Gemeinschaft. 

 

Helmholtz-Akademie

Fünftens: Die Exzellenz der Wissenschaft basiert auf drei Voraussetzungen: Herausragende Forschung, herausragende Lehre und herausragendes Management. Daher haben wir ein Angebot für Mitarbeiter in Führungspositionen und für die Vorbereitung auf Führungspositionen entwickelt: die Helmholtz-Akademie für Führungskräfte. Nun geht bereits der dritte Jahrgang an den Start, inzwischen bewerben sich zahlreiche High-Potentials aus anderen Forschungseinrichtungen und Behörden und es gilt  bei Helmholtz als Auszeichnung, in dieses Programm aufgenommen zu werden.

 

Wir sind nicht allein mit unseren Anstrengungen und das ist wichtig, denn allein können wir dies nicht schaffen:

Auch die Politik hat erkannt, dass Bildung und Forschung das beste Konjunkturpaket sind: Insgesamt 18 Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahren zusätzlich in Lehre und Forschung fließen, haben Ministerpräsidenten der Länder gemeinsam mit der Kanzlerin beschlossen. In den nächsten Jahren müssen rund 275.000 zusätzliche Studierende erwartet, für die Studienplätze geschaffen werden. Dafür soll der Hochschulpakt sorgen. Die sehr erfolgreiche Exzellenzinitiative wird fortgesetzt, denn diese Initiative hat enormen Schwung und Kreativität an den Universitäten entfesselt. Mit dem Pakt für Forschung und Innovation erhalten aber auch die außeruniversitären Organisationen wie die Helmholtz-Gemeinschaft finanzielle Planungssicherheit. Ihre Zuschüsse sollen in den Jahren 2011 bis 2015 jährlich um 5 Prozent steigen.

Dass nun alle drei Pakte von Bund und Ländern noch vor der Bundestagswahl verabschiedet werden konnten, zeugt von Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein für den Standort Deutschland: Investitionen in den Bildung und Forschung sind klug angelegte Gelder, die sich auszahlen werden, auch und ganz besonders in Zeiten der wirtschaftlichen Krise. Denn wie wollen wir da herauskommen, wenn uns die Leute und die neuen Ideen fehlen?

Wir brauchen daher das ganze Paket der Pakte, wir brauchen starke Universitäten, die sich mutig in den Wettbewerb stürzen und neue Ideen entwickeln, auch in Partnerschaft mit außeruniversitären Forschungsorganisationen wie der Helmholtz-Gemeinschaft. Und der zugesagte Aufwuchs gibt auch uns den nötigen Spielraum, um noch mehr für den Nachwuchs und für Innovationen zu tun. 

Das Training der nächsten Generationen im Forschen zahlt sich aus, weil diese Menschen erkennen, wann konventionelle Modelle und Erklärungen nicht mehr greifen und in der Lage sind, neue Wege zu gehen. Und um hier noch einmal auf die Frage nach großen unbekannten Zusammenhängen zurück zu kommen: Solche Rätsel finden sich nicht nur im Universum, bei exotischen Fragen wie der Vereinigung von Gravitation und Quantenphysik, sondern auch in der Biologie oder in der Materialforschung.

Damit bin ich am Schluss und möchte noch einmal kurz zusammenfassen:

Wir brauchen eine starke Grundlagenforschung und hervorragende Bildungs- und Ausbildungsangebote, vom Staat und der Wirtschaft getragen. Die Politik hat mit den verabschiedeten Bildungs- und Forschungspakten die Weichen in die richtige Richtung gestellt. Gleichzeitig wird der Druck steigen, dass am Ende auch etwas herauskommt, die PS also auf die Straße kommen. Deshalb brauchen wir auch gute Schnittstellen zur Wirtschaft.

Dazu müssen wir drei Dinge beachten:

Erstens, Anwendung ist nur auf der Basis einer starken Grundlagenforschung möglich.

Und zweitens, der Umkehrschluss gilt nicht: Gute Anwendung und angewandte Forschung kann nie die Grundlagenforschung ersetzen.

Und drittens müssen wir auf die Menschen setzen, denn qualifizierte Arbeitskräfte sind entscheidend für einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort.

ch möchte schließen mit einem Zitat von Hermann von Helmholtz aus dem Jahr 1890 zur Rolle der Wissenschaft: „Wissenschaftler suchen zum Besten der ganzen Nation die Kenntnisse zu vermehren, welche zur Steigerung der Industrie, des Reichtums, der Schönheit des Lebens, zur Verbesserung der politischen Organisation und der moralischen Entwicklung der Individuen dienen können.“
Dem ist auch in der heutigen Zeit nichts hinzuzufügen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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12.06.2013