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Rio+20: Interview mit Johannes Förster vom UFZ

Johannes Förster ist Doktorand am Department Landschaftsökologie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung - UFZ war zum Nachhaltigkeitsgipfel in Rio vor Ort.

Welches Thema auf dem Gipfel hat Sie besonders interessiert?

Johannes Förster: Ich interessiere mich besonders für interdisziplinäre Initiativen und Strategien zur nachhaltigen Land- und Ressourcennutzung, welche von Relevanz für das  GLUES-Projekt und die TEEB-Initiative sind.  In Rio wurden zahlreiche internationale, nationale und lokale Initiativen und Ansätze  vorgestellt und im breiteren Rahmen der „Green Economy“ diskutiert. Dabei gehen die Ansichten wie eine Green Economy aussieht zum Teil weit auseinander, was u. a. einer der Gründe ist  warum sich die Staaten in den politischen Verhandlungen sich nicht auf eine Definition von Green Economy einigen konnten. Von einigen Staaten, wie Bolivien und Gruppen der Zivilgesellschaft wird das Konzept kategorisch abgelehnt, da es mit einer Kommerzialisierung und dem Ausverkauf von Natur gleichgesetzt wird. Andere Staaten und Unternehmen sehen darin eine Möglichkeit die Wirtschaft stärker nach den ökologischen Möglichkeiten und Grenzen auszurichten, um sowohl eine kosteneffizientere Nutzung zu ermöglichen als auch eine Übernutzung und Degradation zu verhindern. Sowohl TEEB als auch GLUES stehen in diesem Spannungsfeld und es ist wichtig den kritischen Dialog bezüglich Nachhaltigkeit und Green Economy zu verstehen, entsprechende Risiken aber auch Möglichkeiten zu identifizieren, offenzulegen und Lösungsansätze zu entwickeln. 

Welche Fortschritte konnten Sie in den von Ihnen genannten Bereichen beobachten?

Johannes Förster: Die Verhandlungen in der internationalen Umweltpolitik haben wenig konkrete Fortschritte bezüglich rechtlich verbindlicher Ziele zum Schutz und der nachhaltigeren Nutzung von Natur und Umwelt erzielt. Dafür hat sich jedoch um die politischen Prozesse herum eine Vielzahl an Initiativen gebildet, in denen NGOs, einzelne Staaten, Unternehmen, die Wissenschaftscommunity und UN-Organisationen Ideen aufgreifen und in Pilotprojekten testen, umsetzen und daraus wiederum Handlungsempfehlungen an die Politik liefern. Hierzu zählen zum Beispiel die bereits bestehenden Initiativen zu REDD+, die Green Economy Initiative von UNEP und TEEB.

Ansätze für Green Economy regional verschieden

In den Diskussionen ist deutlich geworden, dass eine Green Economy je nach lokalen und nationalen Gegebenheiten sehr unterschiedlich aussehen kann. Manche ölreichen Staaten sehen darin eher eine effizientere Ressourcennutzung und –ausbeutung, ohne eine grundlegende Veränderung in der Nutzung von fossilen Brennstoffen anzustreben. Andere Staaten wie die Schweiz haben dagegen konkrete sich bereits in der Umsetzung befindliche Maßnahmen genannt: über die Einführung einer Kohlenstoffsteuer entstehen in Privathaushalten höhere Abgaben für fossile Energieträger. Aus diesen Mehreinnahmen fördert der Staat wiederum Anreizprogramme für die Umstellung auf die Nutzung regenerativer Energiequellen in Privathaushalten und unterstützt somit die Transformation zu einer CO2-ärmeren Wirtschaft.

Ecuador: Kompensationszahlungen für Erhaltung des Regenwaldes

Anderen Staaten, wie Bolivien oder Ecuador, geht dies jedoch nicht weit genug und sie fordern ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit Natur. So hat Ecuador erneut auf sein bereits seit einigen Jahren bestehendes Angebot verwiesen: das im Osten des Landes gelegene Regenwaldgebiet im UNESCO Biosphärenreservat Yasuni soll nicht für die Erdölförderung erschlossen werden, und somit ein weltweit einzigartiger Hotspot der Artenvielfalt sowie Lebensraum für die indigene Bevölkerung vor Umweltzerstörung geschützt werden. Die Bedingung ist, dass Ecuador Kompensationszahlungen von der internationalen Staatengemeinschaft in Höhe der Hälfte des entgangenen Umsatzes aus der unterlassenen Ölförderung erhält. Die Zahlungen sollen in einen von den Vereinten Nationen verwalteten Treuhandfond fließen und zur Finanzierung der Umstellung der Energieversorgung des Landes auf regenerative Energiequellen eingesetzt werden. So möchte der Andenstaat der Abhängigkeit von Erdöl entkommen und die Transformation zu einer grünen Wirtschaft erreichen. Die Deutsche Bundesregierung hatte Anfangs Interesse an diesem Vorschlag gezeigt, sich jedoch in jüngerer Zeit von konkreten Zahlungen distanziert.

Naturkapital in Bilanzen integrieren: Beispiel PUMA

Am Rande der Verhandlungen zu Rio+20 wurde die Natural Capital Declaration vorgestellt. 39 Unternehmen des Finanzsektors, überwiegend Banken und Versicherer, sowie über 50 Staaten, erklären sich in der Deklaration dazu bereit, die Rolle von Naturkapital bzw. die Auswirkungen auf die Umwelt (externen Kosten) in ihren Bilanzen besser zu erfassen. PUMA ist weltweit eines der ersten Unternehmen, das eine solche Bilanz bezüglich der Gewinne und Verluste durch die Auswirkungen des Unternehmens auf die Umwelt erstellt hat (einen so genannten Environmental Profit and Loss Account (EP&L)). Die negativen Auswirkungen auf die Umwelt, wie zum Beispiel durch Treibhausgasemissionen, Wasser- und Luftverschmutzung, sowie durch die Nutzung von Land und Wasser, wurden für PUMA für das Jahr 2012 mit Kosten in Höhe von 145 Millionen US-Dollar ermittelt.1 Dabei zeigte sich, dass besonders die Produktion der Rohmaterialien mit 57% über die Hälfte der Umweltschäden und damit der externen Kosten verursacht. Diese entstehen hauptsächlich in der landwirtschaftlichen Produktion von z.B. Baumwolle, Kautschuck und die Haltung von Tieren für die Lederproduktion. 

Konnten Sie sich zu Ihren Fachthemen einbringen?

Johannes Förster: Meine Aufgabe bei Rio+20 war es sowohl für die TEEB-Initiative die zahlreichen Side Events vor Ort zu koordinieren und inhaltlich beizutragen als auch meine Arbeit in GLUES auf der Konferenz der International Society for Ecological Economics (ISEE) in Form eines Posters vorzustellen. Im Riocentro, dem Ort der Verhandlungen zu Rio+20, haben wir zum Beispiel den neuen Bericht „TEEB for Water and Wetlands“ angekündigt und Inhalte vorgestellt. Bei weiteren TEEB-Veranstaltungen haben unter anderem Pavan Sukhdev (Studienleiter von TEEB), Francisco Gaitani (Vize-Umweltmininster Brasiliens), Bráulio Dias (Leiter des Übereinkommes über die biologischen Vielfalt CBD), Jochen Zeitz (PUMA), Yolanda Kakabatse (WWF), Steven Stone (UNEP) teilgenommen. Obwohl die Möglichkeiten für Wissenschaftler sehr begrenzt sind direkten Einfluss auf den Verlauf der Verhandlungen zu nehmen, gibt es jedoch die Möglichkeit durch internationale Initiativen wie TEEB, langfristige und zukunftsweisende Empfehlungen an den Verhandlungsprozess heranzutragen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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[1] PUMA: http://about.puma.com/puma-completes-first-environmental-profit-and-loss-account-which-values-impacts-at-e-145-million

Das Interview führte Franziska Roeder.

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