Aus der Forschung

Dr Irene Ring
Weitere Informationen:
Zur Person:
ISEE-Konferenz 2012:
TEEB-Initiative:
POLICYMix-Projekt:
REDD+:
Rio+20: Interview mit Dr. Irene Ring vom UFZ
Dr. Irene Ring ist stellvertretende Leiterin des Departments Ökonomie und Leiterin der Arbeitsgruppe Naturschutz & Biodiversität am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ und war beim Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro vor Ort.
Welchen Platz hat die Wissenschaft auf so einer großen Konferenz wie Rio+20?
Irene Ring: Die Wissenschaft bringt sich vor allem über die sogenannten „side events“ ein. Das sind in der Regel kürzere Veranstaltungen am Rande der offiziellen Verhandlungen, manchmal sogar mehrtägige Veranstaltungen oder Konferenzen wissenschaftlicher Verbände oder Organisationen. So hatte beispielsweise die EU-Kommission einen eigenen Pavillon vor Ort, wo wir selbst mit einer Präsentation zu unserem aktuellen EU-Projekt POLICYMIX vertreten waren. In diesem Projekt arbeiten wir mit europäischen und lateinamerikanischen Partnern zu umweltpolitischen Instrumenten für den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Biodiversität und Waldökosystemdienstleistungen. Und die diesjährige Tagung der International Society for Ecological Economics (ISEE) mit über 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern fand sogar „im Tandem“ mit Rio+20 statt, also direkt vor dem eigentlichen dreitägigen Umweltgipfel.
Wird die wissenschaftliche Expertise abgefragt und können Sie konkrete Projekte nennen?
Irene Ring: Die größte Resonanz und Nachfrage erfahren angewandte und politiknahe Projekte und Initiativen. Das POLICYMIX-Projekt war zum Beispiel mit drei Sessions und 13 Vorträgen auf der ISEE-Konferenz vertreten.
TEEB-Initiative sehr präsent
Noch prominenter war die vom UFZ wissenschaftlich koordinierte internationale TEEB-Initiative zur Ökonomie der Ökosysteme und der Biodiversität in Rio präsent: auf der ISEE-Konferenz gab es einen ganzen TEEB-Tag mit Plenar- und Vortragsveranstaltungen, der federführend von UNEP organisiert war, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Ich selbst habe an diesem Tag die TEEB-Session mit Vorträgen zur nationalen und regionalen Umsetzung moderiert, mein Kollege Christoph Schröter-Schlaack hat darin unser neues Projekt Naturkapital Deutschland – TEEB DE vorgestellt. Mit diesem von Bundesumweltministerium und Bundesamt für Naturschutz finanzierten Projekt wollen wir in den nächsten 3,5 Jahren die Ansätze und Ergebnisse der internationalen TEEB-Initiative auf Deutschland anwenden. Der Studienleiter der internationalen TEEB-Initiative, Pavan Sukhdev, war in Rio auf mehr als 40 Veranstaltungen als Referent und Podiumsteilnehmer gefragt. Dies liegt natürlich auch an der engen Verbindung zwischen TEEB und dem Thema „green economy“, das neben den globalen institutionellen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Entwicklung eines der Hauptthemen von Rio+20 war.
Kontaktvermittlung zum Thema REDD und ökologischer Finanzausgleich
Mein persönliches Highlight bestand in der erfolgreichen Kontaktvermittlung zwischen brasilianischen und indonesischen Partnern zum Thema REDD und ökologischer Finanzausgleich. Zusammen mit Luca Tacconi von der Australian National University habe ich eine gerade erfolgreich abgeschlossene Doktorarbeit der Indonesierin Silvia Irawan betreut, die sich mit dem indonesischen Finanzausgleich zwischen der nationalen Ebene und den Provinzen als eine Möglichkeit der nationalen Umsetzung von REDD (Reducing Emissions from forest Degradation and Deforestation) beschäftigt.
Brasilien ist Vorreiter beim ökologischen Finanzausgleich
Einige brasilianische Bundesstaaten sind dagegen seit etwa 20 Jahren internationale Vorreiter beim ökologischen Finanzausgleich zwischen der Landes- und der kommunalen Ebene, indem Schutzgebiete als ein zusätzlicher Indikator für die Rückverteilung von Steuermitteln an Gemeinden verwendet werden. Nicht zuletzt um von diesen Erfahrungen zu lernen, haben wir auch brasilianische Partner im POLICYMIX Projekt dabei. In diesem Kontext habe ich die Masterarbeit des Brasilianers Rodrigo Cassola betreut, der Optionen für einen neuen brasilianischen Öko-Finanzausgleich von der nationalen Ebene auf die Ebene der Länder untersucht hat. Am brasilianischen Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung IPEA fängt man nun gerade damit an, sich auch für den Finanzausgleich als ein Instrument für die nationale Umsetzung von REDD in Brasilien zu interessieren. So wurde ich selbst gebeten, als Beraterin in Sachen Ökologischer Finanzausgleich zur Seite zu stehen, darüber hinaus konnten wertvolle Kontakte zwischen Indonesien und Brasilien hergestellt werden, den beiden wichtigsten Ländern für die Umsetzung eines künftigen, globalen REDD Programmes.
Wie bewerten Sie die Ergebnisse des Gipfels? Welches Fazit ziehen Sie?
Irene Ring: Da sich die Politik derzeit global nicht auf anspruchsvolle Ziele einigen kann, ist aller Ortens ein Betonen der Rolle von Unternehmen und der Zivilgesellschaft vorhanden. Noch nie waren so viele Unternehmensvertreter auf einer Konferenz für Umwelt und Entwicklung. 1992 waren sie noch die Bremsklötze umweltpolitischen Fortschritts, jetzt fällt die proaktive Rolle der Anwesenden auf – viele Unternehmen stehen zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung. Dennoch darf darüber die Rolle der Politik nicht vergessen werden, die staatlichen Rahmenbedingungen des Wirtschaftens für alle Unternehmen zu setzen. Denn allein mit freiwilligen Aktivitäten wird das anspruchsvolle Ziel nachhaltiger Produktions- und Konsummuster nicht zu schaffen sein – weder Produzenten noch Konsumenten können sich heute vollständig dem jeweils bestehenden Preisgefüge und damit der Macht des Marktes entziehen. Und globale Märkte brauchen starke und zuverlässige institutionelle Rahmenbedingungen, die letztlich nur durch die Politik geschaffen werden können.


