Aus der Forschung
Helmholtz international - Dez. 12 / Jan. 13
Am 4. Dezember feierte das Brüsseler Büro der Helmholtz-Gemeinschaft sein zehnjähriges Jubiläum. In einem Interview berichtet die Leiterin des Büros darüber, warum es sinnvoll ist, dass die Helmholtz-Gemeinschaft in Brüssel vertreten ist. In Moskau diskutierte Jürgen Mlynek beim Helmholtz Science Talk mit russischen Kollegen über Perspektiven der Zusammenarbeit in der Großgeräteforschung. In der fünften Ausschreibung des bilateralen Programms „Helmholtz-Russia Joint Research Groups“ wurden in Moskau sechs neue Forschungsgruppen ausgewählt.
Nachrichten aus dem Büro Brüssel:
„Es geht um mehr als um Geld“
Interview mit Dr. Susan Kentner, Leiterin und Gründungsmitglied des Brüsseler Büros
Was kennzeichnet die Arbeit des 2002 gegründeten Büros?
Susan Kentner: Uns zeichnet die Nähe sowohl zur Wissenschaft als auch zur Politik aus. Wir müssen die europäische Forschungspolitik für Wissenschaftler verständlich machen, aber auch bei der Politik für unsere wissenschaftlichen Themen werben. Es geht immer auch darum, den gesellschaftlichen Nutzen von Forschung zu vermitteln.
Was waren die anfänglichen Herausforderungen?
SK: Zunächst galt es, das Büro bekannt zu machen, in Brüssel wie innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft. Wir haben als Botschafter des Büros versucht, Vertrauen zu gewinnen.
Warum ist es sinnvoll, vor Ort vertreten zu sein?
SK: Im Zeitalter des Internets ist das eine gute Frage. Man sollte vor Ort sein, um Brücken zu bauen und den Dialog zu suchen. Ein Teil der Arbeit ist es, Helmholtz-Interessen einzubringen und überhaupt verständlich zu machen. Das kann man mit Positionspapieren, besser jedoch geht es in der Diskussion.
Was wäre ein Beispiel für Erfolge des Büros?
SK: Das DESCA-Projekt ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie wir den Arbeitsaufwand für die Zentren verringern konnten. Schon im 6. Forschungsrahmenprogramm haben wir angefangen, in einem gemeinsam mit Fraunhofer koordinierten Projekt, ein faires und leicht verständliches Muster für Verhandlungen von Konsortialverträgen zu entwickeln. Heute ist es in ganz Europa akzeptiert und wird von großen Teilen der scientific community genutzt.
Sie sind von Anfang an dabei – welche Veränderungen bemerken Sie?
SK: Die Europäische Forschungsförderung wird politischer und strategischer. Mit dem kommenden Rahmenprogramm „Horizont 2020“ stehen wir in vieler Hinsicht vor einem Paradigmenwechsel. Die EU wird immer weniger die nationale Förderung „abrunden“, sondern mit der Forschungsförderung die großen europapolitischen Zielsetzungen verfolgen.
Was kommt also auf Helmholtz in der Forschungsförderung zu?
SK: Die Tendenz geht zu größeren Förderinstrumenten und das wiederum erfordert bei den Antragstellern einen sehr bewussten Entscheidungsprozess: An welchen lohnt es sich, sich zu beteiligen? Welche Ressourcen erfordert das? Es ist insgesamt ein neues Spiel, in dem man sich neu aufstellen muss.
Was kann das Büro hier für die Zentren tun?
SK: Das Büro kann ein Lotse sein. Die Frage ist: Warum sollte ein Zentrum „nach Europa gehen“? Letztendlich auch wegen des Geldes, ja - aber Geld ist nur ein Symbol und bedeutet Handlungsfreiheit. Viel entscheidender ist, mit welchem Ziel man es einwirbt: Geht es um Vernetzung? Den Zugang zu Infrastrukturen? Oder etwa darum, für ein Thema eine europaweite Führungsrolle auf- und auszubauen? Dafür braucht man natürlich die Fördermittel, aber das Geld ist dabei eben nicht das wichtigste.
…und in der persönlichen Zusammenarbeit?
SK: Mir geht es darum, einen konkreten Nutzen für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Helmholtz-Zentren zu schaffen. Das ist gleichzeitig auch unsere Qualitätskontrolle. Solange wir das bieten können, hat das Büro eine sehr konkrete Daseinsberechtigung.
Das Interview führte Kristine August.
Jubiläum in Brüssel: Ein runder Geburtstag
Brückenbauer, Berater, Übersetzer – all dies ist das Brüsseler Büro seit mittlerweile 10 Jahren für die Helmholtz-Gemeinschaft, wenn es um das Thema Europa geht. Am 4. Dezember feierte das Büro seinen runden Geburtstag mit einem Jubiläumsempfang im Sachsen-Verbindungsbüro. Gründungsbüroleiter Wilfried Kraus und aktuelle Leiterin Dr. Susan Kentner erinnerten dabei anekdotisch an die Anfänge des Büros – als die Mitarbeiter in den ersten Wochen etwa noch ins Internetcafé gehen mussten, um ihre Emails beantworten zu können.
Das Büro ist mittlerweile (nicht nur im Sinne der Infrastruktur) fest etabliert und gut vernetzt – bestes Indiz dafür waren die rund 100 Gratulanten, die zu dem Empfang kamen, darunter auch der deutsche Botschafter in Belgien, Dr. Eckart Cuntz. Bei den Ansprachen von „Hausherr“ Dr. Torsten Brand und Dr. Anneli Pauli (Generaldirektion Forschung, und Innovation, Europäische Kommission) wurde deutlich: Das Büro ist nicht nur gern gesehener Gast und Gastgeber, sondern hat eine bedeutende Funktion in der Diskussion zum Europäischen Forschungsraum.
Helmholtz-Geschäftsführer Dr. Rolf Zettl griff die Komplexität dieser EU-Themen auf und verwies auf den „Dschungel der europäischen Forschungsförderung“ und dessen unerschöpflichen Akronyme. Dank ging an das Büro daher einerseits für zuverlässige Übersetzerqualitäten – andererseits für das große Engagement, mit dem es die Stimme der Helmholtz-Gemeinschaft in Europa vertritt.
Nachrichten aus dem Büro Moskau
Helmholtz Science Talk in Moskau: Helmholtz-Präsident Jürgen Mlynek diskutiert mit russischen Kollegen über Perspektiven der Zusammenarbeit in der Großgeräteforschung
Am 4. Dezember 2012 fand in Moskau der Helmholtz Science Talk „Russian Megascience Projects: Prospects and Potentials for the German-Russian Research Cooperation“ statt, der von der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren zusammen mit dem Nationalen Forschungszentrum „Kurchatov Institut“ unter dem Dach des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses in Moskau (DWIH) organisiert und durchgeführt wurde. Die Veranstaltung wurde von mehr als 100 hochrangigen russischen und internationalen Experteninnen und Experten aus Wissenschaft und Forschungspolitik besucht.
Zum Auftakt der Veranstaltung hielten der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Ulrich Brandenburg, der frühere Forschungsminister und heutige Berater des Präsidenten, Dr. Andrey Fursenko, sowie der Leiter des DWIH Moskau, Dr. Gregor Berghorn, eine Ansprache. Am Science Talk haben neben Prof. Dr. Helmut Dosch, dem Vorsitzenden des DESY-Direktoriums, und Prof. Dr. Wolfgang Sandner, dem Direktor des Berliner Max-Born-Instituts, auch Prof. Dr. Victor Matveev (Direktor des Joint Institute for Nuclear Research in Dubna), sowie Prof. Dr. Sergey Mazurenko (Rat des Präsidenten für Wissenschaft und Bildung), Dr. Mikhail Rychev (Kurchatov Institut) und Prof. Dr. Vladislav Panchenko (Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rats der Russischen Stiftung für Grundlagenforschung), teilgenommen. Moderiert wurde die Diskussion von Prof. Dr. Jürgen Mlynek, dem Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft.
Ziel der Veranstaltung war ein Meinungsaustausch zu Stand und Perspektiven der bilateralen Zusammenarbeit in der Großgeräteforschung in Deutschland und Russland, insbesondere im Bereich „Struktur der Materie“. Im Verlauf der Diskussion wurden der Fachöffentlichkeit eindringlich die Vorteile der Großgeräte für die Gesellschaft vorgestellt. Neben Fortschritten etwa im Bereich der Materialforschung und den Lebenswissenschaften sind Großprojekte immer auch Orte, an denen Hunderte von Forscherinnen und Forschern Arbeitsplätze finden und sich international austauschen und Karriereperspektiven finden.
Die russische Seite beteiligt sich aktuell signifikant an insbesondere zwei internationalen Großprojekten, die an Helmholtz-Zentren aufgebaut werden: am Freie-Elektronen-Röntgenlaser European XFEL (Hamburg) und am Beschleunigerkomplex FAIR (Darmstadt). Aber auch in Russland werden zunächst drei, perspektivisch sechs internationale Großprojekte besonders gefördert, wie beispielsweise der als Neutronenquelle dienende Forschungsreaktor PIK in Gatchina südlich von Sankt Petersburg, das Tokamak-Fusionsexperiment IGNITOR in Troitsk oder die Nuclotron based Ion Collider Facility NICA in Dubna nahe Moskau. Diese russischen Großprojekte bieten mögliche Anknüpfungspunkte zur Zusammenarbeit sowohl für Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft als auch für deutsche Hochschulpartner sowie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen.
Sechs neue deutsch-russische Forschungsgruppen in Moskau ausgewählt
In der fünften Ausschreibung des bilateralen Programms „Helmholtz-Russia Joint Research Groups“ wurden kürzlich in Moskau sechs neue Forschungsgruppen ausgewählt. Das Programm betreibt die Helmholtz-Gemeinschaft seit 2006 zusammen mit der „Russian Foundation for Basic Research“. Seither wurden in vier Ausschreibungen 26 gemeinsame Projekte gefördert.
Für die fünfte Ausschreibung mit einer thematischen Fokussierung auf „Forschung mit Photonen, Ionen und Neutronen“ wurden insgesamt zwölf hochwertige Anträge eingereicht. Auf der Grundlageder vorliegenden internationalen Begutachtung wurden von der gemeinsamen Auswahlkommission unter Leitung von Effrosyni Chelioti, Leiterin der Stabsstelle Internationale Beziehungen in der Helmholtz-Gemeinschaft, und Prof. Dr. Vladimir Kvardakov, Stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rats der Russischen Stiftung für Grundlagenforschung, sechs neue deutsch-russische Forschungsgruppen zur Förderung ausgewählt.
Die neuen Forschungsgruppen nehmen ihre Arbeit im Januar 2013 auf. Der Förderumfang beträgt bis zu 150.000 Euro pro Jahr und Gruppe, bei einem Förderzeitraum von maximal drei Jahren. Das Förderprogramm bietet insbesondere deutschen und russischen Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforschern eine attraktive Karriereperspektive, es stärkt die bilaterale Zusammenarbeit und greift strategisch relevante Forschungsthemen auf.


