Hermann

Aus der Forschung

 
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Japan nach dem Reaktor-Unglück

Heinz-Jörg Haury hat in den Jahren nach Tschernobyl als Pressesprecher eines Helmholtz-Zentrums Aufklärungsarbeit zu den gesundheitlichen Folgen radioaktiver Strahlung geleistet. Nun reiste der gerade pensionierte Experte im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt zwei Wochen nach Tokio, um Angehörige der deutschen Botschaft und in Japan lebende Deutsche zu beraten.

Ein Anruf aus dem Bundesministerium für Umwelt (BMU) holte mich Ende April zurück in meine frühere berufliche Tätigkeit. 1986 und viele Jahre danach hatte ich mich in dieser Funktion unter anderem mit den Folgen des Unglücks von Tschernobyl beschäftigt. "Könnten Sie der Deutschen Botschaft in Japan als Experte für Fragen zu den Auswirkungen des Unfalls in Fukushima und der damit verbundenen Strahlenbelastung zur Verfügung stehen?", lautete die Frage des Anrufers. "Ihre Hauptaufgabe wäre es, Botschaftsangehörige sowie in Japan lebenden Deutsche und Vertreter deutscher Firmen zu diesen Fragen zu beraten", erläuterte mein Gesprächspartner vom BMU. Nach kurzer Bedenkzeit und einem Gespräch im Auswärtigen Amt entschied ich mich für eine zweiwöchige Reise nach Tokio.

Unterstützt wurde ich aus Deutschland von Mitarbeitern des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) und der Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit (GRS). Die beiden Einrichtungen geben seit dem Unfall täglich Informationen zur Situation in Japan heraus. Dank ihrer Hilfe fühlte ich mich in Japan keinen Augenblick allein gelassen.

Wie sah meine Aufgabe vor Ort konkret aus? Im Rahmen mehrerer Informationsveranstaltungen beantwortete ich Fragen nach der Lebensmittelbelastung, nach der künftigen Entwicklung im Reaktor und nach der Strahlenbelastung bei Besuchen in der Provinz Fukushima. Dank der hervorragenden Daten der japanischen Behörden zur Strahlenbelastung, den Messwerten des TÜV Rheinland und den besagten Informationen von BfS und GRS war das die Beantwortung nicht schwierig.

Der Vergleich mit Tschernobyl zeigte mir: Die Fragen und Ängste sind heute ähnlich wie damals vor 25 Jahren: Was kann ich essen, wo kommen die Lebensmittel her? Werden sie ordentlich kontrolliert? Kann ich unsere Mitarbeiter hier arbeiten lassen, kann meine Familie hier weiterhin unbesorgt leben? Und in Deutschland fragt man sich: Sind Waren aus Japan radioaktiv belastet? Die Reaktionen auf die Antworten der Experten ähneln sich ebenfalls: Unglauben herrscht heute bei den Deutschen in Japan wie damals nach Tschernobyl, wenn man darauf hinweist, die Ernährung würde kaum etwas zur gesamten Lebenszeitdosis beitragen. Auch in Deutschland herrscht wieder Zweifel und Misstrauen: Wenn ich erkläre, in Tokyo sei die Strahlenbelastung geringer als in München, ernte ich manchmal nur Kopfschütteln und ungläubige Gesichter.

Mein Fazit:

Der Flug von München nach Tokio und zurück brachte mir eine zusätzliche Strahlenbelastung von cirka 150 Mikrosievert ein. Die zusätzliche Belastung, die die Bewohner von Tokio seit dem Reaktorunglück erhalten haben, liegt bei etwa 15 Mikrosievert. Ganz anders ist die Situation in unmittelbarer Nähe des Reaktors: Zwar wurden die betroffenen Menschen frühzeitig evakuiert. Aber in einigen kleineren Orten denkt man noch heute darüber nach.

Bei all der Diskussion um die Reaktoren, deren Probleme ja noch nicht gelöst sind, vielleicht noch ein Hinweis: Die Zahl der Toten durch das Erdbeben und den darauf folgenden Tsunami wird mit 15.247 angegeben, die der vermisst gemeldeten Menschen mit 8.593. 102.391 Menschen sind durch das Unglück obdachlos geworden (Stand 27.5.2011).

In dieser Situation können wir Deutschen sicher wenig helfen. Dennoch: Allein der  Vertrauensbeweis, wieder Waren aus Japan zu importieren und wieder in das Land einzureisen, wäre schon eine moralische Hilfe.

Heinz-Jörg Haury

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