Aus der Forschung

Antikörperfärbung eines Haarfollikels: Durch Kopplung der Antikörper an verschiedene Farbstoffe können unterschiedliche Strukturen mikroskopisch sichtbar gemacht werden. Man sieht im Haarfollikel Nervenendigungen (Grün), in denen elektrische Impulse durch mechanische Reize der Haut erzeugt werden. In diesen Endigungen sind KCNQ4 Kaliumkanäle lokalisiert (Rot), welche die Entstehung dieser Nervenimpulse regulieren. Ovale und runde Strukturen in Blau zeigen Zellkerne von Zellen in der Haut. (Grafik: M. Heidenreich/Copyright: FMP, MDC)
Weitere Informationen:
www.helmholtz.de/mdc-tastsinn-schwerhoerige
Die Arbeitsgruppe von Thomas Jentsch ist sowohl am FMP als auch am MDC in Berlin angesiedelt und erforscht Ionentransport und dessen Rolle bei Krankheiten. Die Gruppe von Gary Lewin arbeitet am MDC und ist spezialisiert auf periphere Sinneswahrnehmung.
Schwerhörige fühlen anders
Es ist bekannt, dass der Tastsinn bei blinden Menschen stärker ausgebildet ist, als bei Sehenden. Dass aber auch Menschen, die an einer bestimmten Form der erblichen Schwerhörigkeit leiden, Vibrationen in ihren Fingern viel empfindlicher wahrnehmen als Gesunde, ist weniger bekannt.
Prof. Dr. Thomas Jentsch vom Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie (FMP) / Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und Prof. Dr. Gary Lewin (MDC) haben zusammen mit Klinikern aus Madrid, Spanien und den Niederlanden herausgefunden, dass ein Eiweißmolekül im Ohr namens KCNQ4, das für den Transport der Schallwellen sorgt, bei Schwerhörigen durch eine Mutation zerstört ist.
Die Forscher vermuten, dass sich diese Mutation auch auf den Tastsinn auswirken könnte. Sie entdeckten, dass KCNQ4 nicht nur im Ohr, sondern auch in bestimmten Sinneszellen der Haut vorkommt. Im Mausmodell zeigten sie, dass die Tastrezeptoren in der Haut durch das defekte Eiweißmolekül nicht absterben wie im Ohr, jedoch viel empfindlicher auf langsame Vibrationsreize reagierten. Mit dem Eiweißmolekül KCNQ4 haben die Forscher erstmals ein menschliches Gen identifiziert, das die Eigenschaften des Tastsinns verändert. Die Forschungsarbeit enthüllt Einzelheiten über den bislang wenig verstandenen Tastsinn: Damit wir fühlen können, müssen spezialisierte Zellen in der Haut wie Instrumente in einem Orchester gestimmt werden.


