Aus der Forschung

Der massive Ölteppich im Golf von Mexiko bewegt sich auf das Mississippi Delta zu. Bild: NASA
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Ölunglück hat schwere Folgen
Im Golf von Mexiko strömten seit der Explosion am 20. April auf der BP-Bohrinsel „Deepwater Horizon“ mehrere Wochen lang täglich knapp 800.000 Liter Öl pro Tag ins Meer. Carlo van Bernem, Biologe am Institut für Küstenforschung in Geesthacht, erklärt, welche Folgen dies für die Ökosysteme am Mississippi-Delta haben kann. Für das norddeutsche Wattenmeer haben Küstenforscher des GKSS-Forschungszentrums Geesthacht das „Sensitivitätsraster Deutsche Nordseeküste II“ erstellt, um bei solchen Unfällen gezielte Schutzmaßnahmen zu ermöglichen. Wir drucken das Interview in Auszügen ab, den Text in voller Länge können Sie auf der GKSS-Webseite lesen.
Wie kann jetzt schnell und zielgerichtet gehandelt werden, nachdem der Ölteppich das Mississippi-Delta erreicht hat?
Carlo van Bernem: Das ist problematisch. Die Mangrovenküste ist morphologisch sehr differenziert und der Küstenverlauf hochkomplex, es ist nahezu unmöglich, dort mit großem Reinigungsgerät vorzudringen. Wenn das Öl in die Mangrovenwälder gelangt, kann man eigentlich nichts mehr machen.
Wenn Mangrovenwälder und Korallenriffe geschädigt sind und z.B. ein Hurricane über die Küste fegt, ist die Küstenschutzfunktion stark beeinträchtigt. Zudem hat ein solcher Ölunfall langfristige Folgen, es gibt dort viele dicht siedelnde Organismen, Winkerkrabben, Landkrabben, Austern, Schnecken oder Würmer, die bis zu ein Meter tiefe Wohnröhren bauen. In diese Wohnröhren kann das Öl einsickern, dringt in alle Sedimentbereiche und kann dann mikrobiologisch kaum noch abgebaut werden. Es gibt weltweit immer wieder Ölunfälle, die Korallenriffe und Mangrovenwälder treffen aber hier hat man wirklich den Eindruck, dass es sich zu einem sehr großen Ölunfall entwickeln wird.
Welche kurz- und langfristigen Schäden sind in den Ökosystemen zu erwarten?
CvB: Die Auswirkungen auf den Küstenschutz sind die bedeutsamsten. Langfristig werden Veränderungen in den Populationsgefügen und Siedlungsgemeinschaften sowie Regenerationsprobleme sichtbar. Es kommt zum Absterben der Mangrovenwälder und zu Beeinträchtigungen der vorgelagerten Korallen. Die Regeneration von Mangroven dauert sehr lange. Bis die Wälder sich wieder regeneriert haben, können mehr als 20 Jahre vergehen.
Wie genau käme das Sensitivitätsraster bei einem Ölunfall im Wattenmeer zum Einsatz?
CvB: Das Raster dient vornehmlich der Vorsorgeplanung, das heißt, für besonders empfindliche Bereiche und bestimmte Zeiten kann man lokale spezifische Bekämpfungsmaßnahmen für den Notfall entwerfen. Bei der Reparation bzw. dem finanziellen Ausgleich eines Ölschadens weiß man außerdem genau, was dort angesiedelt war.
Man kann versuchen, im Raster besonders empfindliche Zonen durch mechanische Hilfsmittel mehr zu schützen und die Reinigung bestimmter Zonen zu intensivieren. Außerdem können besondere Brutgebiete mit chemischen Bekämpfungsmitteln gerettet werden, so dass kein Ölteppich auf der Oberfläche des Wassers treibt und die Vögel schädigt.
Gibt es im amerikanischen Küstenschutz vergleichbare Projekte wie das Sensitivitätsraster II?
CvB: Dort gibt es auch ein Sensitivitätsraster, das ist aber nicht so detailliert wie das unsere. Das Raster für das Wattenmeer bezieht sich auf nur einen ähnlich hoch empfindlichen Küstensaum. Am Mississippi-Delta sind die Mangroven insgesamt als empfindlich gekennzeichnet, es werden bis auf Naturschutzgebiete, z.B. die Mississippi-Mündung, Hafenanlagen oder Marinas keine weiteren Unterschiede gemacht. Detaillierter kann man das bei dieser riesigen Küste auch nicht machen. Was dort getan werden kann ist auch getan worden. Die Ölbekämpfung war gut gerüstet aber man hat sehr viel Pech gehabt.


