Hermann

Aus der Forschung

 
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Vom Wissen, das in die Gesellschaft kommt

Fragen an die Wissenschaft

Wie Wissen entsteht und in die Gesellschaft integriert wird, untersuchen Wissenschaftler des DKFZ und des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL). Unter gemeinsamer Leitung von Prof. Frank Rösl (DKFZ) und Dr. Falko Schmieder (ZfL) forschen insgesamt drei Projektgruppen in Heidelberg und Berlin. Das Teilprojekt am DKFZ bearbeitet Rainer Becker. Sein Untersuchungsschwerpunkt ist die Bedeutung aktueller Wissenskonzepte: „Ich erhoffe mir, einen erkenntnistheoretischen Beitrag zur Erhellung gegenwärtig vorherrschender wissenschaftlicher Deutungs- und Problematisierungsweisen leisten zu können, dabei insbesondere zum Themenkomplex Krebs“, so Reiner Becker. Es gibt kaum ein anderes Feld, das derart stark individuelle sowie kollektive Hoffnungen und Ängste und gegenwärtige Zugänge zu Leben und Tod liefert, wie dieses.

Welche Ergebnisse erwarten die Wissenschaftler selbst? 

Im Projekt wird der Versuch unternommen, unter historischem Blickwinkel die aktuelle Lage naturwissenschaftlicher Wissensentstehung in der Abteilung ‚virale Transformationsmechanismen’ am DKFZ verständlicher zu machen. Zum einen für Geistes- und Naturwissenschaftler, zum anderen für die Öffentlichkeit selbst. Es geht in den Projekten um ein Wissen über das Entstehen wissenschaftlicher Erkenntnis und um die Erhellung der sozialen und kulturellen Voraussetzungen der Produktion dieses Wissens. Die Ergebnisse sollen sich an konkreten Fragestellungen orientieren. Dazu planen sie eine Buchreihe. Der erste Band zum Thema „Fremde Wissenschaft“ soll noch in diesem Jahr erscheinen.

"Ich persönlich erhoffe mir, einen epistemologischen Beitrag zur Erhellung gegenwärtig vorherrschender wissenschaftlicher Deutungs- und Problematisierungsweisen leisten zu können. Insbesondere zum Themenkomplex Krebs – einer schwerwiegendsten Krankheit, in deren Umfeld man gar nicht umhin kommt, sich Fragen nach Gesundheit und Krankheit, aber auch nach dem Zugang und seinen Grenzen lebensweltlicher Haltungen zu stellen. Es gibt kaum ein anderes Feld, das derart stark individuelle wie kollektive Hoffnungen und Ängste, gegenwärtige Zugänge zu Leben, Tod, zum eigenen wie fremden Körper artikuliert und verdinglicht."

Wie kommt medizinisches Wissen vom Labor in die Köpfe der Bürger?

"Wir leben in einer Zeit, in der Wissenschaften immer stärker von sich aus versuchen, ganz pragmatisch Antworten auf diese Frage zu geben. Die Eröffnung von ‚Wissenschaftsparks’, Ausstellungen, vielfältige Versuche neuer Formen der Popularisierung insbesondere naturwissenschaftlichen Wissens treten eher traditionelleren Wegen zur Seite – und zugleich verschieben sich die hergebrachten ‚Medien’, bilden neue Verbindungen aus", so Becker.

Ob und wie die Geisteswissenschaften in diesem Prozess helfen können, ist eine strittige Frage – nicht zuletzt in den Geisteswissenschaften selbst. Auch hier steht man vor einer neuen Lage, weil sich unter anderem auch die publizistischen Kanäle verschoben haben.

"Ich plädiere jedenfalls dafür", so Becker, "sich erst einmal jeweils handlungsleitende Vorannahmen und Bilder (von Öffentlichkeit, Wissenschaft etc.) genau anzuschauen und mit anderen zu vergleichen. Genau hinzuschauen, was faktisch passiert und wo Grenzen liegen, die Prozesse der Übersetzung herausfordern."

Denn dass es genau genommen gar kein einfaches ‚Eins-zu-Eins’-Verhältnis einer Übertragung von Wissen in die Öffentlichkeit geben kann, könnte eines der Probleme sein, das die Vielfalt der Versuche motiviert. Dies zeigt sich gerade auch in Heidelberg.

"Die Existenz eines Projekts wie das unsere weist darauf hin, dass eine verlustfreie ‚Übertragung’ wissenschaftlicher Ergebnisse weder vollständig möglich ist (ist sie in ihren Implikationen überhaupt wünschbar?), noch sich in Pressemitteilungen, dem Verfassen allgemeinverständlicher Broschüren für Interessenten oder dem möglichst direkten Kontakt zu Interessierten oder Betroffenen erschöpft", ergänzt Becker.

Das Ziel der Wissenschafler ist es, die Art und Weise der Produktion und Distribution von Wissen sowie die handlungsleitenden Übersetzungs- und Repräsentationskonzepte möglichst konkret zu erhellen. Und sicher werden sie Fragen aufwerfen. Fragen, auf die nicht Einzelne, sondern die Öffentlichkeit Antworten finden muss.

Welche Bedeutung haben medizinische Erkenntnisse in der heutigen Gesellschaft, vor allem, wenn sie noch unsicher sind?

Medizinisches Wissen hat gegenwärtig eine hohe individuelle, aber vor allem auch kollektive Signifikanz. Die Lebenswissenschaften sind, insbesondere durch die Ergebnisse der Molekularbiologie und der Neurowissenschaften, zu einer Art Leitdisziplin geworden, die als solche nicht nur die Wissenschaft im engeren Sinne, sondern auch das kulturelle Selbstverständnis unserer Zeit betrifft. Und wie die Diskussionen um die Impfung zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs zeigen, ist diese Frage häufig nicht mit einem einfachen Ja oder Nein zu beantworten.

"In allen drei Teilprojekten werden wir nach den Entstehungsbedingungen und Folgen eines bestimmten Wissens fragen. Das betrifft dann selbst das Entstehen von Kriterien dazu, was überhaupt als ‚sicher’ und was als ‚unsicher’ gilt und zu gelten hat. Die Heidelberger Forschung am DKFZ bietet dabei den Vorteil, ganz konkret an einem wissenschaftlich ‚heissen’ Gebiet partizipierend forschen zu können."

Bianca Berlin

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