Aus der Forschung

In Deutschland ist der Luchs in manchen geschützten Wäldern wieder heimisch geworden. Foto: A. Künzelmann/UFZ
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Aufruf zu Beiträgen zum TEEB-Report:
TEEB sammelt Informationen wie Artikel, Fallbeispiele, Promotionen zu relevanten Aspekten der biologischen Vielfalt.
Naturverlust kostet mehr als die Finanzkrise
Das Bundesministerium für Umwelt und die EU Kommission haben im März 2007 einen Report in Auftrag gegeben, um den Wert von Ökosystemen und biologischer Vielfalt zu ermitteln. Ein Team vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ koordiniert zusammen mit Kollegen der UNEP dieses Mammutwerk, den TEEB-Report über die „Ökonomie von Ökosystemen und Biodiversität“ (The Economy of Ecosystems and Biodiversity), zu dem weltweit hunderte von Experten beitragen. Dr. Carsten Neßhöver vom UFZ berichtet hier über erste Ergebnisse:
Der Stern-Report zum Klimawandel hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass durch Nichtstun Kosten entstehen, die weitaus höher sein werden als rasche Maßnahmen gegen die globale Erwärmung. Ist dies auch das Ziel der TEEB-Studie?
Neßhöver: Ja, es ist höchste Zeit, ökonomische Ansätze in die Bewertung von Biodiversität einzubeziehen, denn heute werden Ökosystemdienstleistungen als Gemeinschaftsgüter vielfach kostenlos bezogen und verbraucht. Im TEEB-Report stellen wir alle Ansätze zusammen, um diese Leistungen qualitativ und wo möglich quantitativ zu bewerten. Der TEEB-Report wird auch zeigen, dass es neue Richtlinien für Entwicklung und die Bekämpfung der Armut geben muss: Auch heute bedeutet Entwicklung vielfach noch, zum Beispiel Straßen durch Urwaldgebiete zu bauen. Das zerstört jedoch den Wald, auf den gerade die armen Einwohner besonders angewiesen sind. Ökosystemdienstleistungen sichern den Lebensunterhalt für viele Menschen, dies zeigen auch zum Beispiel die Analysen zu einem „grünen“ Bruttoinlandsprodukt durch unseren Studienleiter Pavan Sukhdev.
Was verstehen Sie unter Ökosystemdienstleistungen und wie lässt sich deren Wert ermitteln?
Neßhöver: Ein ganz konkretes Beispiel für eine Ökosystemdienstleistung ist die Bestäubung durch Insekten. Aktuell gibt es beträchtliche Verluste bei den Bienenvölkern durch Krankheiten und Parasiten, dadurch nimmt die Bestäubungsleistung ab und damit auch die Ernte. Dieser Verlust lässt sich beziffern. Eine Studie unter Beteiligung von Kollegen des UFZ schätze neulich ab, dass die Leistungen durch Insektenbestäubung weltweit rund 150 Milliarden Euro pro Jahr betragen. Dafür hat man die 20 wichtigsten Agrarpflanzen genommen, die bestäubt werden müssen und hat ausgerechnet, wie hoch die Verluste wären, wenn die Bestäubung wegfiele.
Wie vereinfachen Sie die Aufgabe, die biologische Vielfalt und die Dienstleistungen der Natur zu erfassen?
Neßhöver: Die biologische Vielfalt eines Ökosystems durch Zählung zu erfassen, ist sehr aufwändig. Daher haben sich Experten im Rahmen der Konvention zur Biologischen Vielfalt auf eine Reihe von Indikatoren für die Artenvielfalt geeinigt. Außerdem fokussieren wir uns in der TEEB-Studie auf nur 24 Ökosystemdienstleistungen wie Wasserreinhaltung, Tourismus, Klimaregulation, Produktion von Nahrung, Holz. Kollegen haben zum Beispiel für die Schutzgebiets-Wälder weltweit versucht, deren Wert für den Menschen zu berechnen Dabei haben sie fest gestellt, dass Verluste von Naturkapital allein in den Wäldern mit 3-5 Billionen $ pro Jahr betragen - die einmaligen Verluste durch die Finanzkrise liegen nach derzeitigen Schätzungen nur bei etwa 1 bis 2 Billionen $.
Welche Rolle hat das UFZ beim TEEB-Report übernommen?
Neßhöver: Das UFZ hat als Helmholtz-Zentrum Erfahrung mit der Koordination großer Projekte, die an langfristigen strategischen Zielen ausgerichtet sind und gesellschaftliche Relevanz besitzen. Das wird europaweit anerkannt, und deshalb sind wir gebeten worden, die Koordination dieser komplexen Arbeit mit zu übernehmen. Gleichzeitig bringen UFZ-Forscher auch ihre wissenschaftliche Expertise mit in den TEEB-Report ein.
Wie werden Sie die Ergebnisse in die Öffentlichkeit bringen?
Neßhöver: Wir erarbeiten parallel fünf unterschiedliche Berichte: Einen Wissenschaftsbericht und daraus abgeleitet vier Endnutzerberichte für unterschiedliche Zielgruppen: Erstens für die Politik, zweitens für regionale Entscheider, drittens für die Wirtschaft und viertens für die Bürger. Diese Berichte werden parallel erarbeitet. Wir versuchen sicherzustellen, dass die Wissenschaftler nicht den Anwendungsbezug vernachlässigen und dass alle Gruppen sich untereinander austauschen. Wir hoffen, dass wir damit der Politik Informationen und Argumente geben können, die sowohl internationaleVereinbarungen voranbringen, als auch lokale und nationale Maßnahmen zum Stopp von Artenschwund und Naturverlust unterstützen. Dabei dürfen wir ökonomische Ansätze zum Schutz der Natur nicht allein auf den rein finanziellen Kosten und Nutzen verengen, denn man könnte dann argumentieren: Ökosysteme die für uns keinen Wert haben, sind überflüssig und dürfen zerstört werden. Ein weiterer Aspekt ist daher: Ist es vertretbar, Naturkapital aufzuzehren? Was hinterlassen wir den nächsten Generationen?


