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Gesundheit

Interview

Rauchen und Übergewicht kosten am meisten Lebenszeit

Rauchen und Übergewicht kosten am meisten Lebenszeit
Rauchen kostet Lebenszeit. Bild: Photocapy - Flickr, CC BY-SA 2.0
Wer nicht raucht, trinkt und sich gesund ernährt, lebt länger. Wie viele Jahre ungesundes Verhalten kosten kann, haben Forscher vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in großen Bevölkerungsuntersuchung gezeigt. Wir haben mit dem Studienleiter gesprochen

Seit über 20 Jahren werden in der EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) die Lebensgewohnheiten von mehr als einer halben Millionen Europäern dokumentiert. Ziel der gesamteuropäischen Studie ist es, die Zusammenhänge von Ernährung, Lebensgewohnheiten und Krebs zu untersuchen. Das DKFZ ist an der Studie beteiligt und betreut rund 25.000 Studienteilnehmer aus dem Raum Heidelberg. Die Daten dieser Heidelberger-Kohorte haben die Wissenschaftler nun ausgewertet. Wir sprachen mit Rudolf Kaaks, Leiter der Abteilung Epidemiologie und Krebserkrankungen am DKFZ. 

Rauchen, Alkohol, Übergewicht und wenig Bewegung verringern die Lebenserwartung. Diese Erkenntnis ist nicht so neu. Was ist das Besondere an Ihren Erkenntnissen?

Wir konnten zeigen, wie deutlich sich diese Faktoren quantitativ auf die Lebenserwartung auswirken. Es hat uns schon erstaunt, wie groß der Effekt ist, wenn man die wichtigsten Risikofaktoren zusammennimmt. Menschen, die stark rauchen, übergewichtig sind und viel Alkohol trinken, sterben im Schnitt bis zu 17 Jahre früher als Vergleichspersonen, die alle diese Risikofaktoren total vermeiden.

Gab es weitere überraschende Ergebnisse?

Die EPIC-Studie hatte eigentlich das Ziel, den Einfluss bestimmter Ernährungsgewohnheiten zu untersuchen. Hier sehen wir weniger Effekte als vermutet. Die Ernährungsgewohnheiten an sich scheinen keinen so starken Effekt auf die Lebenserwartung zu haben; Übergewicht dagegen schon. Auch bei der körperlichen Aktivität konnten wir keinen Einfluss auf die Lebenserwartung feststellen. Hier muss man allerdings vorsichtig sein: Die Fragebögen in der Studie zur körperlichen Aktivität waren nicht besonders umfangreich. Es kann durchaus sein, dass wir hier nicht genügend Daten erhoben haben, um Effekte nachzuweisen. Und auch bei den Ernährungsgewohnheiten muss man berücksichtigen, dass es sehr schwer ist, detaillierte und belastbare Informationen zur Ernährung großer Bevölkerungsgruppen zu bekommen.

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Prof. Dr. Rudolf Kaaks leitet sie Abteilung Epidemiologie von Krebserkrankungen am DKFZ. Bild: DKFZ

Woran sterben die Menschen denn früher?

Aus dieser und anderen Studien wissen wir, dass die Risikofaktoren, um die es hier geht, vor allem das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte erhöhen. Rauchen, Alkoholkonsum und auch Übergewicht beeinflussen eindeutig auch das Risiko für Krebserkrankungen. Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs sind zusammen für zwei Drittel aller Todesfälle in Deutschland verantwortlich. Die Risikofaktoren, die wir untersucht haben, sorgen dafür, dass diese Krankheiten früher auftreten.

Gibt es Kombinationen von Risikofaktoren, die besonders gefährlich sind, die sich also in ihren Effekten nicht nur addieren, sondern verstärken?

Um solche Effekte herauszubekommen, braucht man eine sehr große Anzahl von Studienteilnehmern. Dafür war die Studie zu klein. Ein Beispiel kann das verdeutlichen: Wir wissen, dass sich das Risiko für Krebs im Mund- und Rachen drastisch erhöht, wenn jemand stark raucht und gleichzeitig viel Alkohol trinkt. Doch diese Krebsarten sind relativ selten. In unserer Kohorte mit 25.000 Teilnehmern lässt sich so etwas nicht nachweisen. Die Nationale Kohorte, eine große Studie mit geplant 200.000 Teilnehmern, die ja gerade als ein übergreifendes Projekt in ganz Deutschland gestartet ist, wird solche kombinierten Effekte von Risikofaktoren besser zeigen können. Zusammengefasst kann man sagen, dass Rauchen und Übergewicht die zwei wichtigsten Faktoren sind, die die Gesamtsterblichkeit mehr oder weniger additiv beeinflussen. Den Umfang zeigt die Studie noch einmal deutlich.

Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

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Lebenserwartungskurven im Vergleich. Copyright: Li et al. BMC Medicine 2014

Ja, die Effekte von Rauchen, Alkohol und auch Übergewicht waren bei Frauen alle etwas geringer ausgeprägt als bei Männern. Das mag damit zusammenhängen, dass Frauen sich doch oft moderater verhalten. Wenn Frauen mehr als zehn Zigaretten am Tag rauchen und daher per Definition zu den starken Rauchern gezählt werden, rauchen sie doch im Schnitt weniger als die Männer in der gleichen Gruppe. Auch beim Alkohol sind Frauen wohl etwas zurückhaltender. Trotzdem sind auch bei Frauen Rauchen und Übergewicht die wichtigsten Risikofaktoren.

Die verkürzte Lebensdauer ist ja ein Mittelwert. Wie verteilt sich das über die gesamte Gruppe? Stirbt ein Teil deutlich früher und ein anderer lebt etwa so lang wie die Gruppe, die die Risikofaktoren vermeidet?

Das Risiko zu sterben nimmt natürlich mit dem Lebensalter zu. Wenn man sich die Lebenserwartungskurven anschaut (siehe Grafik), dann sieht man, dass sich schon zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr Unterschiede zeigen. Zwischen 60 und 70 geht es dann noch deutlicher auseinander. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person, die alle Risikofaktoren aufweist, mit 70 noch am Leben ist, beträgt nach dieser Kurve knapp 60 Prozent. Für jemanden, mit dem gesundesten Verhaltensprofil, beträgt sie dagegen mehr als 90 Prozent. Das ist natürlich Statistik, aber ich würde diese Kurve gerne möglichst vielen Menschen zeigen, denn sie zeigt deutlich, welche Auswirkungen der Lebensstil auf die Überlebenswahrscheinlichkeit hat.

14.08.2014, Interview: Martin Trinkaus

Leserkommentare, diskutieren Sie mit

Dr. Heinz Joachim Mensing, 20-08-14 19:11:
Von der Politik und den Medien wird Bewegung sehr stark betont - und hier zeigt sich nun, dass körperliche Aktivität offenbar eine untergeordnete Rolle spielt. In meinen Augen haben wir es in diesem Punkt bisher mit Desinformation der Öffentlichkeit zu tun.

In den Artikeln, die Mitte August 2014 zu dieser hochinteressanten DKFZ-Studie zu lesen sind, taucht durchweg das rote Fleisch als wichtiger Risikofaktor auf: Denkt da eigentlich irgendjemand weiter, so wie Dr. J. Linseisen in der DKFZ-Pressemitteilung Nr.33 / 2006 - nämlich zur Bedeutung von Eisen?

Wenn man das tut, wäre eine der wichtigsten Fragen in solchen Untersuchungen die nach Blutspenden, denn langjährige Blutspender halten ihre Eisenspeicherung niedrig.
Dieser Zusammenhang ist von allergrößter Bedeutung, vgl. etwa die Arbeiten von Eugene D. Weinberg, Jerome L. Sullivan, Jukka T. Salonen, Francesco S. Facchini und vielen anderen.

Ich sage voraus, dass langjähriges Blutspenden nicht nur hocheffektiv vor Herz-Kreislauf-Krankheiten schützt (Salonen... Tuomainen schon in den 90er Jahren!), sondern auch vor - z.B. - schwer / tödlich verlaufenden Lungenentzündungen, vor neurodegenerativen Erkrankungen und nicht wenigen Krebsarten.
Fast hellsichtig hat der einstige Harvard-"Medizin-Chemiker" Randall B. Lauffer die zentrale Bedeutung der Eisenspeicherung im Körper in 3 Büchern 1991, 1992 und 1993 dargelegt - wird aber praktisch vollständig ignoriert.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist, dass die die "gesunden" Werte sehr niedrig liegen, nämlich auf dem Niveau noch wachsender gesunder Kinder (Serum-Ferritin unter ca. 25 ng/ml):
Schon ganz moderate Eisenspeicherung darüber hinaus bewirkt zunehmend Insulin-Resistenz und das damit verbundene Syndrom, hierzulande als metabolisches Syndrom bezeichnet. Das geht klar aus der Aderlassstudie zum konsequenten Entzug des gespeicherten Eisens von Francesco S. Facchini und Kami L. Saylor hervor, 2002 in den Ann NY Acad Sci veröffentlicht (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12079862)

Aderlässe waren übrigens schon in der Antike und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine hochwirksame Therapie des "roten Hochdrucks" (= "essentielle" Hypertonie).
Beispielsweise ist kaum bekannt, daß J.W. Goethe bereits in jungen Jahren von C.W. Hufeland zur Ader gelassen wurde, über mehr als ein halbes Jahrhundert fortgesetzt.

Werden Aderlässe wie das milliardenfach bewährte Blutspenden ausgeführt, also bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr, genügend hohem Hämoglobinwert (mindestens ca. 13 g/dl) und nicht oberhalb von ca. 1 Prozent des Körpergewichts, sind sie - wie das Blutspenden - praktisch risikolos.
Die Blutspendedienste haben Hemmungen, mit den präventiven Effekten des Blutspendens für die Spender zu werben, weil sie negative Folgen für die Sicherheit des Spenderblutes befürchten.
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25.06.2016

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