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aus der Forschung des Deutschen Krebsforschungszentrums

Vermeidbare Risikofaktoren für Brustkrebs quantifiziert

Eine Hormonersatztherapie zur Linderung von Wechseljahresbeschwerden und mangelnde Bewegung verursachen zusammen fast jede dritte Brustkrebserkrankung nach den Wechseljahren. Zu diesem Ergebnis kam eine epidemiologische Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf an über 3000 Patientinnen und über 6000 Kontrollpersonen. Gefördert wurde die Studie im Wesentlichen von der Deutschen Krebshilfe.

Foto Brustkrebszellen
Brustkrebszellen in fluoreszenzmikroskopischer Aufnahme. Foto/Grafik: DKFZ/L. Langbein.
Foto Joggen
Brustkrebspatientinnen können an maßgeschneiderten Sportprogrammen teilnehmen und Bewegung in ihr Leben integrieren. Foto/Grafik: Medizinzentrum Universitätsklinikum Heidelber.
Foto Brustkrebszelle
Fluoreszenzmikroskopische Aufnahme einer Brustkrebszelle in Nahaufnahme. Foto/Grafik: DKFZ/L. Langbein.

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Die bekannten nicht zu beeinflussenden Risikofaktoren sind mit 37 Prozent nur für unwesentlich mehr bösartige Brustkrebserkrankungen verantwortlich. Dazu gehören eine frühe erste Regelblutung, ein spätes Einsetzen der Wechseljahre und auch gehäufte Brustkrebsfälle in der Familie. „Damit verursachen zwei Faktoren, die jede Frau selbst in der Hand hat, fast genau so viele Fälle von bösartigem Brustkrebs wie die nicht zu beeinflussenden Faktoren“, sagt Professor Dr. Karen Steindorf. Die Studie zeigte auch, dass Alkoholkonsum und Übergewicht das Krebsrisiko erhöhen, allerdings in geringerem Maße.

Per Fragebogen auf der Suche nach Krebsauslösern

Jährlich erkranken etwa 58.000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs, zwei Drittel der Fälle treten nach den Wechseljahren auf. Inzwischen ist eine ganze Reihe von Faktoren bekannt, die Brustkrebs begünstigen, auf die wir aber keinen Einfluss haben. In einer Fallkontrollstudie wollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Heidelberg und Hamburg nun Risikofaktoren für Brustkrebs ausmachen, die jede Frau selbst beeinflussen kann.

Dazu entwickelten sie einen Fragebogen mit einer sehr detaillierten Abfrage zu bisherigen Hormontherapien, dem Ernährungs- und Genussverhalten sowie der körperlichen Aktivität. Die untersuchten Lebensstilfaktoren galten bereits im Vorfeld als mögliche Risikofaktoren für Brustkrebs, ihr Einfluss war aber bislang nicht sicher bekannt. „Für die Studie wurden in den Kliniken Brustkrebspatientinnen rekrutiert, die dann sehr genau zu den vermuteten Risikofaktoren befragt wurden“, erklärt Professor Dr. Jenny Chang-Claude, Leiterin der Studie am DKFZ. „Dann wurden zum Vergleich gesunde Frauen in ähnlichem Alter und aus der gleichen Region befragt.“

Fast jeder dritte Fall von Brustkrebs ist vermeidbar

Die Auswertung der Studie ergab, dass jeder fünfte Brustkrebsfall nach den Wechseljahren auf eine Hormontherapie zurückzuführen ist, jeder achte auf mangelnde Bewegung. „Ließen sich also gerade bei der Hormonersatztherapie und der körperlichen Aktivität Verhaltensänderungen herbeiführen, können fast 30 Prozent aller Fälle von Brustkrebs nach den Wechseljahren verhindert werden“, betont Karen Steindorf. Allerdings können die Werte in Ländern mit anderen Lebensweisen von den ermittelten Ergebnissen abweichen, da die Studie speziell die Situation in Deutschland darstellt.

Die Ursache für vermehrte Krebserkrankungen nach den Wechseljahren ist vor allem das fortgeschrittene Alter: Die Reparaturmechanismen des Körpers funktionieren nicht mehr richtig und begünstigen so den Ausbruch von Krebs. Aber auch die Hormone spielen eine wichtige Rolle: Ein hoher Östrogenspiegel regt die Zellteilung und die Differenzierung der Zellen an. Bei einer höheren Teilungsrate unterlaufen gerade dem älteren Körper häufiger Fehler. Es treten vermehrt Mutationen auf, die wiederum Krebs auslösen können. „Nicht nur eine Hormonersatztherapie erhöht den Östrogenspiegel. Nach den Wechseljahren produziert das Fettgewebe die größte Östrogenmenge“, sagt Steindorf. „Viel Körperfett erhöht also auch das Krebsrisiko.“

Kleine Veränderungen im Alltag können vor Krebs schützen

Hormonpräparate erhöhen das Krebsrisiko durch ihre anregende Wirkung auf die Zellteilung. Dabei sind Kombinationstherapien gefährlicher als reine Östrogenpräparate. Und auch körperliche Aktivität beeinflusst über den Umweg des Hormonspiegels das Risiko einer Brustkrebserkrankung: Regelmäßige Bewegung reduziert das Körperfett und senkt so die Östrogenproduktion. Daher sollte eine Hormoneinnahme genau überlegt sein, aber nicht grundsätzlich abgelehnt werden. „Bei schweren Wechseljahresbeschwerden oder hohem Osteoporose-Risiko würde ich weiterhin zu einer auf die Symptome ausgerichteten Hormonbehandlung raten“, sagt Chang-Claude.
„Aber bei ertragbaren Beschwerden oder in einem Alter deutlich nach den Wechseljahren ist keine Einnahme von Hormonen notwendig und sollte vermieden werden.“ Die gesunkene Verschreibungsrate von Hormonpräparaten zeigt, dass die Ärzte bereits umdenken. Anstelle der Hormonzufuhr können auch gesunde Ernährung, ausreichende Bewegung sowie der Verzicht auf Zigaretten und Alkohol klimakterische Beschwerden lindern.

Die Bewegung macht’s

Neben der Hormonersatztherapie zeigte sich mangelnde körperliche Aktivität als wichtigster Risikofaktor für Brustkrebs. „Ausreichende Bewegung liegt mir besonders am Herzen“, sagt Karen Steindorf. „Denn sie verringert nicht nur das Risiko für Brustkrebs, sondern auch für zahlreiche andere Krankheiten wie Darm- und Prostatakrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz.“
Dabei bedeutet körperliche Aktivität nicht gleich Sport: Jede Bewegung im Alltag zählt. Und auch, wenn viele Berufe uns den ganzen Tag lang an den Schreibtisch fesseln, ist immer noch genug Platz für Bewegung: Einfach regelmäßig das Fahrrad anstelle des Autos und die Treppe anstelle des Fahrstuhls nehmen. „Pro Tag wären eine Stunde moderate bis anstrengende Aktivität zu empfehlen“, sagt Steindorf. „Leider ist das nicht immer möglich, aber die Bewegung muss nicht unbedingt am Stück sein.“

Bisher ist nicht genau bekannt, in welchem Ausmaß und welcher Regelmäßigkeit körperliche Aktivität den größten Effekt auf die Gesundheit hat. In der Nationalen Kohorte, einer Kooperation der Helmholtz-Gemeinschaft mit weiteren universitären Einrichtungen, werden Forscher unter anderem dieser Frage auf den Grund gehen; auch Karen Steindorf konzentriert sich mit ihrer Arbeitsgruppe auf den Einfluss von Bewegung auf die Gesundheit. „Viel Bewegung schützt aber nicht automatisch vor einer Erkrankung“, betont Steindorf. „Wie eine ausgewogene Ernährung oder der Verzicht auf Hormonpräparate senkt sie lediglich das Krebsrisiko und reduziert somit die Summe der Krankheitsfälle in der Bevölkerung.“

Andreas Fischer