Helmholtz-Gemeinschaft

WISDOM: Wissen à la Carte

Der Mekong ist einer der größten Flüsse der Erde, und sein Delta erstreckt sich über rund 40.000 Quadratkilometer im Südwesten Vietnams. Touristen erleben das Mekong-Delta als fruchtbares Land, von unzähligen Wasserstraßen durchzogen, auf denen die Menschen in Booten ihren alltäglichen Geschäften nachgehen. Die Märkte quellen über von tropischen Früchten, drei Reisernten pro Jahr und Aquakulturen für Garnelen und Pangasius sichern einen bescheidenen Wohlstand.

Doch das Idyll ist gefährdet, jährlich gibt es starke Überschwemmungen, die Mangrovenwälder verschwinden, die biologische Vielfalt nimmt rapide ab, die Böden versalzen, und Trinkwasser wird knapper. Mit dem Informationssystem WISDOM (Water related Information System for the Sustainable Development of the Mekong Delta Vietnam) sollen vietnamesische Behörden diese Entwicklungen besser überblicken und nachhaltige Lösungen für das Management knapper Ressourcen entwickeln können. Dr. Claudia Künzer vom Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) koordiniert das große Projekt, an dem 60 Wissenschaftler und 15 Doktoranden aus 18 deutschen und vietnamesischen Forschungszentren und Universitäten arbeiten.

Die Gründe für die zunehmenden Probleme sind komplex: Die Bevölkerung wächst, aber auch der Klimawandel und der Staudammbau durch Anrainerstaaten spielen eine Rolle. Extremereignisse wie besonders große Überschwemmungen und starke Dürren folgen häufiger als früher direkt aufeinander, zeigen Zeitreihen der letzten 70 Jahre aus dem Helmholtz-Zentrum GFZ. Und weil das gesamte Delta Geländehöhen von nur wenigen Metern über dem Meeresspiegel aufweist, wirkt sich bereits ein geringer Anstieg des Meeresspiegels deutlich aus: Das eindringende Meerwasser führt zur Versalzung der Böden, die intensivere landwirtschaftliche Nutzung belastet das Wasser mit Pestizidrückständen und Düngemitteln.

„Unser Ziel ist ein nutzerfreundliches Informationssystem in vietnamesischer Sprache, das nicht nur Behörden in der Hauptstadt, sondern auch Entscheidungsträger in den Delta-Provinzen ohne besondere Ausbildung nutzen können“, sagt Künzer. „Wir erklären das am Beispiel eines Restaurants. Im Keller werden die Zutaten angeliefert, also die Daten, die in Datenbanken eingepflegt werden. Im Erdgeschoß wird gekocht, die Daten werden durch versteckte Datenbankabfragen und Algorithmen zu Karten und Statistiken verarbeitet, die einen Mehrwert bieten. Und im ersten Stock bekommt der Gast dann sein Menü à la Carte, nämlich die Informationen, die er bestellt hat.“

Zum Beispiel: Welche Gebiete in einer bestimmten Region sind besonders stark von Überschwemmungen betroffen? Wie dicht sind diese Gebiete besiedelt, und was wird dort angebaut? Dahinter steckt Wissen aus zehn verschiedenen Disziplinen, von Hydrologie über Soziologie bis zur Fernerkundung mit Satelliten, Künzers eigenem Spezialgebiet. Die Wissenschaftler messen Wasserstand und Wasserqualität, erfassen die Landnutzung und erfragen vor Ort Bildungsstand und Lebensweise.

„Alle Doktoranden und viele Wissenschaftler sind im Delta unterwegs, um vor Ort Messkampagnen durchzuführen und die Menschen zu befragen, zum Beispiel danach, ob sie Regenwasser sammeln, oder wie sie das Trinkwasser reinigen“, berichtet Künzer. Diese Befragungen führen die deutschen und vietnamesischen Doktoranden gemeinsam durch. Eine wichtige Datengrundlage liefern Erdbeobachtungssatelliten wie der Radarsatellit TerraSAR-X, der vom DLR betreut wird. TerraSAR-X erfasst das Ausmaß der Überflutung, die Besiedelungsdichte und das Straßennetz. Dazu kommen weitere Daten von Satelliten wie MODIS, LANDSAT, SPOT, Quickbird, ALOS und ENVISAT.

GFZ-Wissenschaftler haben ein Sensornetzwerk aufgebaut, das den lokalen Wasserstand sowie Sediment- und Salzgehalt an eine Feldstation funkt. Dazu kommen die Ergebnisse der Vor-Ort-Recherchen, die ebenfalls in die Datenbanken eingepflegt werden. „Das Projekt verbessert auch die Zusammenarbeit unter den vietnamesischen Akteuren, die bislang nicht immer voneinander wussten. Viele merken erst durch die Workshops mit uns, wie wichtig es ist, Wissen nicht für sich zu behalten, sondern zu teilen“, sagt Künzer.

Die komplexe Dateninfrastruktur hinter dem WISDOM-Projekt integriert ständig neue Informationen in die vorhandenen Karten und Daten. Für den Endnutzer ist die Bedienung ähnlich intuitiv wie bei „Google Earth“: Per Mausklick lassen sich für die ausgewählten Gebiete Karten mit unterschiedlichen Daten übereinanderlegen, dazu können zusätzliche Informationen und Fotos der Testgebiete abgerufen werden – Wissen à la Carte. In einer möglichen Folgephase des Projekts (2010 bis 2013) soll das WISDOM-Informationssystem an die vietnamesischen Partner übergeben und in Vietnam implementiert werden, schon jetzt interessieren sich andere Länder für das System, das leicht übertragen werden kann.

www.wisdom.caf.dlr.de

11.06.2013