Helmholtz-Gemeinschaft

Metastasen auf der Spur

Die meisten Krebspatienten sterben nicht am Ursprungstumor, sondern an den Metastasen. Die bange Frage nach der Diagnose Krebs ist deshalb, wird der Tumor streuen? Möglicherweise gehört diese Ungewissheit, zumindest was den Dickdarmkrebs anbetrifft, bald der Vergangenheit an. Krebsforscher des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben mehrere Gene identifiziert, die in Zukunft eine Vorhersage des Krankheitsverlaufs und eine gezieltere Therapie ermöglichen könnten.

In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 73.000 Menschen an Dickdarmkrebs. Mit Chemo- und Strahlentherapie kann etwa die Hälfte der Patienten geheilt werden. Rund 20 Prozent haben aber bereits bei der Diagnose Tochtergeschwülste, und bei rund einem Drittel der Betroffenen treten später trotz erfolgreicher Ersttherapie Metastasen auf. Über 25.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an Dickdarmkrebs. Er ist nach Lungenkrebs die zweithäufigste Todesursache unter den Krebserkrankungen. Ziel ist es deshalb, Patienten, die ein hohes Risiko haben, lebensbedrohliche Metastasen in Leber, Lunge oder Lymphknoten auszubilden, frühzeitig zu erkennen, damit sie intensiver behandelt und betreut werden können.

Diesem Ziel einen Schritt näher gekommen sind Krebsforscher des MDC und der Charité. Sie entdeckten ein Gen, das erstmals mit hoher Wahrscheinlichkeit eine frühe Vorhersage über die Bildung von Metastasen bei Dickdarmkrebs erlaubt. Kurz darauf fanden sie bereits über hundert Gene, die im Verdacht stehen, die gefährliche Streuung von Dickdarmkrebs zu fördern. Das erste Metastasen-Gen MACC 1, entdeckt von Prof. Dr. Ulrike Stein, Prof. Dr. Peter M. Schlag und Prof. Dr. Walter Birchmeier, fördert nicht nur das Krebswachstum, sondern auch die Metastasenbildung. „Aktiviert MACC 1 einen bestimmten Signalpfad, können Krebszellen stärker wachsen, sich aus ihrem Zellverband lösen und als Metastasen in weit vom Ursprungstumor entfernten Organen siedeln“, erklärt Stein.

Die Forscher konnten zeigen, dass Patienten mit Dickdarmkrebs eine bessere Lebenserwartung haben, wenn die Aktivität von MACC 1 niedrig ist. Hingegen haben Dickdarmkrebspatienten mit hohen MACC 1-Werten ein sehr viel größeres Metastasen-Risiko und damit eine ungünstigere Überlebensprognose. Dem Gen auf die Spur kamen die Forscher, indem sie gesundes Gewebe mit Gewebeproben von 103 Darmkrebspatienten verglichen. Von diesen Patienten waren 60 zur Zeit ihrer Operation frei von Metastasen. 37 von ihnen waren noch fünf Jahre nach Operation und Therapie metastasenfrei. Sie hatten bei der Erstdiagnose niedrige MACC 1-Werte in den Darmtumoren. 23 Patienten jedoch hatten nach fünf Jahren Metastasen entwickelt. Sie hatten hohe MACC 1-Werte im Tumorgewebe gehabt. Ob das neu entdeckte Metastasen-Gen auch bei anderen Tumoren eine genauere Vorhersage über den Verlauf einer Krebserkrankung erlaubt, ist noch eine offene Frage. Um zu sehen, welche genetischen Veränderungen in den Krebszellen die Entstehung von Metastasen begünstigen, untersuchte Dr. Johannes Fritzmann, gemeinsam mit seinen Kollegen von MDC und Charité, 150 Gewebeproben von Darmkrebs-Patienten mit und ohne Metastasen.

Sie identifizierten 115 Gene, die sowohl im Ersttumor als auch in den von ihm stammenden Metastasen verändert sind und entdeckten damit eine genetische Signatur, die Tumore mit Metastasenbildung von den Tumoren unterscheidet, die nicht streuen. Eines der 115 Gene untersuchten die Forscher genauer und stellten fest, dass ein Gen, BAMBI genannt, in metastasierenden Tumoren und Metastasen aktiver ist als in Tumoren, die keine Metastasen bilden. BAMBI verknüpft zwei wichtige Signalwege und fördert dadurch die Metastasenbildung. Die Krebsforscher hoffen, dass ihre Ergebnisse dazu beitragen, frühzeitig zu klären, ob ein Tumor streuen wird oder nicht. Dann könnten die behandelnden Ärzte entscheiden, ob ein Patient eine intensivere Therapie benötigt oder ob sie ihm erspart werden kann.

Barbara Bachtler

11.06.2013