Helmholtz-Gemeinschaft

Die Suche nach dem Unterschied

Gut ein Meter EvA-Akten stehen schon auf einem Tisch im Büro von Professor Dr. Loems Ziegler-Heitbrock von der klinischen Kooperationsgruppe für entzündliche Lungenerkrankungen am Helmholtz-Zentrum München. Dabei hat das von der EU geförderte Projekt – das Kürzel EvA steht für Emphysema versus Airway Disease in COPD – noch nicht einmal richtig angefangen. Im Lauf des Sommers sollen die vierzehn Forschungspartner aus neun europäischen Ländern zum Auftakt- Treffen zusammenkommen.

Innerhalb von drei Jahren wollen die Wissenschaftler molekulare Charakteristika, so genannte Marker, für zwei Verlaufsformen der Chronisch-Obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) finden: das Emphysem und die chronische Bronchitis. „Der Begriff COPD ist zurzeit eine Art Sammeltopf für Patienten, die an verschiedenen Untertypen dieser Erkrankung leiden“, erklärt Ziegler-Heitbrock. „Spezifische Marker würden die Diagnose dieser Subtypen unheimlich erleichtern, und natürlich hoffen wir auch, neue Angriffspunkte für die Behandlung zu finden.“ COPD, umgangssprachlich oft verharmlosend als Raucherhusten bezeichnet, wird aktuellen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge im Jahr 2030 weltweit die vierthäufigste Todesursache sein, zurzeit steht die Lungenkrankheit in der Statistik auf Platz fünf. Allein in Deutschland gibt es rund fünf Millionen COPD-Patienten, weltweit vermutlich 600 Millionen. Die meisten davon sind Raucher, aber auch der Qualm von offenen Feuerstellen, die in Schwellen- und Entwicklungsländern in vielen Regionen genutzt werden, gilt als eine Hauptursache von COPD. Durch die nicht reversible Verengung der Atemwege kommt es zu Husten, Kurzatmigkeit und Erstickungsgefühlen. Die Lungenfunktion wird eingeschränkt und Organe werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die Behandlung zielt heute darauf, den Fortschritt der Krankheit zu verlangsamen. „Eine gezielte Therapie gibt es nicht“, sagt Ziegler-Heitbrock. Umso wichtiger wäre es, die Mechanismen, die hinter der Entstehung der verschiedenen Krankheitstypen stecken, zu verstehen. Beim Emphysem werden Lungenbläschen zerstört, bei chronischer Bronchitis hingegen verdicken sich die Wände der Atemwege. Mit Hilfe einer speziellen Computertomografie und komplexer Software, die die Scans der Lunge auswertet, sollen die beiden Typen unterschieden werden. Die EvA-Partner möchten anhand dieser neuen Methode jeweils 150 Patienten mit Emphysem und 150 mit chronischer Bronchitis rekrutieren. Von diesen Patienten sowie von 300 gesunden Kontrollpersonen untersuchen die Wissenschaftler dann Blut- und Bronchoskopie- Proben. Sie werden Mutationen und Unterschiede bezüglich der aktivierten Gene und der vorhandenen Proteine detailliert aufschlüsseln, um den verschiedenen Verlaufsformen auf die Spur zu kommen. Dabei wollen die Forscher auch einen möglichst einfachen, schnellen und günstigen Diagnose- Test entwickeln.

Seit etwa zwei Jahren bereiten Ziegler-Heitbrock und seine Kollegen die Studie vor. Neben dem eigentlichen Antrag bei der EU mussten in allen beteiligten Ländern Ethikanträge gestellt, für alle Experimente und Probenentnahmen genaue Handlungsanweisungen geschrieben werden. „Momentan drehen wir zum Beispiel noch einen Videofilm, der zeigt, wie die Bronchoskopie ablaufen soll“, erzählt Projektkoordinator Ziegler-Heitbrock. Alle Daten und Proben sollen beim Helmholtz-Zentrum München zusammenlaufen, ein genauer Zeitplan mit den Aufgaben für jeden Projektpartner steht.

Aber werden die sich auch daran halten? „Motivation ist ein wichtiger Punkt“, sagt Ziegler-Heitbrock. „So ein internationales Projekt funktioniert nur über engen Kontakt per Telefon, E-Mail und vor allem persönlich.“ Mindestens alle sechs Monate werden die Wissenschaftler sich deshalb treffen, zum Beispiel am Rande von Kongressen und Konferenzen. Am besten allerdings, meint er, ließen sich Wissenschaftler immer noch durch die Aussicht auf Publikationen motivieren. Und die ist bei EvA gut.   

09.01.2013