Helmholtz-Gemeinschaft

Die selbstheilende Autobahn

Wunden heilen, unterbrochene Nervenstränge aber nicht. Dieses Dogma gilt nicht mehr, seit Neuromediziner molekulare Bremsen für die Nervenregeneration gefunden und gelockert haben.

Eine Autobahn, die das Hirn mit dem Körper verbindet - so umschreibt Dr. Ana Martin-Villalba (35), Neuromedizinerin am Deutschen Krebsforschungszentrum, das Rückenmark. Das Bild passt. Denn so wenig die Unterbrechung einer Autobahn irgendwann von selbst verheilt, so unwahrscheinlich erschien Neurobiologen noch bis vor kurzem die Regeneration einer Rückenmarksverletzung. Doch vor drei Jahren hat Martin-Villalba es geschafft, dass die Autobahnenden wie von Zauberhand wieder aufeinander zuwachsen, wenn auch nur beim Versuchstier Maus: Die durchtrennten Rückenmarksnerven von Versuchsmäusen wuchsen sogar so gut zusammen, dass die querschnittsgelähmten Tiere wieder laufen und sogar schwimmen konnten.

Der Trick der gebürtigen Spanierin war, einen Vorgang zu stoppen, der bei einer Verletzung an sich gute Arbeit leistet. Denn nach einer Rückenmarksverletzung liegen jede Menge "Trümmer" herum: kaputte Zellen, Narbengewebe und viele Hemm- und Signalstoffe, die aufräumen, indem sie die aus der Ordnung gerissenen Zellen in den Selbstmord treiben. CD95-L ist in der Putzkolonne offenbar besonders tüchtig. Das Signalmolekül lässt auch Nervenzellen absterben und verhindert die Regeneration. Sobald sich CD95-L an die Oberfläche der Zelle setzt, löst sich das Erbgut im Inneren auf - die Zelle stirbt, und das gilt leider auch für die Nervenzellen. Der Gedanke lag auf der Hand, dass es einen positiven Effekt auf die Regenerationsfähigkeit der Nervenzellen haben könne, wenn CD95-L abgefangen wird. Und tatsächlich liefen Martin-Villalbas Mäuse nach vier Wochen Behandlung mit einem Antikörper gegen den CD95-Liganden wieder.

Ein Heureka-Erlebnis, wie es nicht jedem Forscher vergönnt ist. "Aber ein solcher Moment ist immer kurz, danach beginnt die richtige Arbeit erst", sagt sie. Inzwischen denkt Martin-Villalba schon weit über CD95-L hinaus. Denn die Hemmung dieses einen Signalstoffs ist nicht genug, um querschnittsgelähmte Menschen zu heilen, soviel steht fest: Chrondroitinase beispielsweise ist nötig, um das Narbengewebe wieder durchlässig zu machen, so dass Nervenzellen hindurch wachsen können. Nogo/Ng-R66 blockiert die Hemmstoffe, die aus zerstörten Nervenfasern freigesetzt werden. Und Nanomaterialien könnten eine Art Fundament schaffen, auf dem der nachwachsende Nervenzell-Highway Halt findet. Und dann sind da noch Wirkstoffe, die die Entzündungsreaktion regulieren, oder die Regenerationsfähigkeit der Nervenzellen ankurbeln, wie cAMP oder ROKHemmstoffe. Am Ende könne das bedeuten, dass dem Patienten eine Art Cocktail dieser Stoffe verabreicht wird, sagt Martin-Villalba. "Allerdings müssen wir zuvor noch viel mehr über die Pathophysiologie von Rückenmarksverletzungen und das Zusammenspiel der diversen Komponenten lernen." Martin-Villalba ist sich bewusst, wie genau ihre Arbeit von Patienten mit Querschnittslähmung, Schlaganfall oder auch Hirntumoren beobachtet wird. Und immer wieder bekommt sie Post, in der nach Hilfe gefragt wird. "Das ist ein sehr schwieriger Aspekt meiner Arbeit, denn diese Anfragen machen einem ständig klar, wie weit man noch immer davon entfernt ist, all diesen Patienten tatsächlich helfen zu können", seufzt Martin-Villalba. "Ich wünschte mir, ich könnte wirkliche Optionen für eine Behandlung eröffnen. Aber im Moment sind wir noch immer auf dem Level der Grundlagenforschung." Dennoch engagiert sich die Medizinerin im Beraterstab der Apogenix GmbH, einer Biotech-Firma, die die CD95-Forschungen bis zur therapeutischen Anwendung weiterentwickeln will. "Ich hoffe, eines Tages wird es soweit sein..."

11.06.2013