Der Datenschatz aus dem Südural

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Manchmal ähnelt die Arbeit von Dr. Peter Jacob der Tätigkeit eines Kriminalkommissars: Welcher Strahlung war ein Arbeiter vor 50 Jahren in der russischen Plutoniumfabrik Majak ausgesetzt? Wie funktionierte das Schleusensystem des Flusses Tetscha, in den damals radioaktiver Abfall eingeleitet wurde?
Jacob ist der Koordinator des Projekts Strahlenrisikoforschung im Südural (SOUL), an dem insgesamt vierzehn Forschungsinstitutionen aus Russland und Europa teilnehmen. Die Wissenschaftler wollen die weltweit einmaligen Daten aus den Krankenakten der Majak-Arbeiter und der Fluss-Anwohner analysieren. Beide Gruppen waren in den späten 40er und frühen 50er Jahren radioaktiver Strahlung ausgesetzt, als in den so genannten geheimen Städten die Plutoniumproduktion für Atomwaffen aufgebaut wurde. „Hinter der Abschätzung, wieviel Strahlung die Menschen genau abbekamen, steht oft ein großes Fragezeichen“, sagt Peter Jacob. In seinem Labor im Helmholtz-Zentrum München werden deshalb zum Beispiel Ziegel von Gebäuden am Ufer der Tetscha und Zähne der Betroffenen untersucht. Die Ergebnisse zeigen eine eher geringe Belastung der Anwohner – vergleichbar mit der von höher exponierten Arbeitern in Deutschland oder von Patienten, die sich mehreren Ganzkörper-CT-Scans unterziehen. Für solche Expositionen wird bisher angenommen, dass das Krebsrisiko je Dosis geringer sei als bei AtombombenÜberlebenden. Erste Analysen bei den Anwohnern der Tetscha bestätigen dies jedoch nicht. Das Krebs-Risiko je Strahlendosis scheint für sie mindestens genau so hoch zu sein. Die Majak-Arbeiter waren dagegen relativ hohen Strahlenexpositionen ausgesetzt. „Die Untersuchung der Majakarbeiter hat es erstmals ermöglicht, das Krebsrisiko durch Plutoniumexposition zu bestimmen“, erklärt Jacob. Plutonium bewirkt bei gleicher Dosis circa zehnmal mehr Lungenkrebsfälle als Gammastrahlung. Mit Spannung erwarten die Forscher nun die Analyse von Herz-Kreislauferkrankungen bei den Majak-Arbeitern. Denn es zeichnet sich ab, dass nicht nur das Krebsrisiko, sondern auch die Gefahr von Herz-Kreislauferkrankungen im Strahlenschutz berücksichtigt werden muss.

