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Saure Sardine statt Kabeljaufilet

aus der Forschung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung
Epifauna

Die mit der Flut auf die Wattflächen kommenden Tiere werden in einem Netzrahmen (pop-net) gefangen und mit einem Kescher aus dem Wasser geschöpft. Foto/Grafik: H. Asmus.mehr lesen

Die Nordsee wird wärmer: In den letzten fünfzig Jahren ist die Wassertemperatur um mehr als 1,5 Grad Celsius gestiegen – zu viel für manche Lebewesen. Einige Fischarten etwa reagieren besonders sensibel. Kaltwasserarten wie der Seelachs oder Kabeljau, die bislang die Nordsee dominiert haben, ziehen fort gen Norden. AWI-Forscher untersuchen das Phänomen, auch um die Folgen dieser Entwicklung für die Nahrungsnetze abzuschätzen.

Das Nahrungsnetz in der Nordsee wandelt sich

Stattdessen wandern wärmeliebende Arten aus dem Süden ein, Sardine und Sardelle zum Beispiel. Letztendlich wird das Nahrungsgefüge in der Nordsee womöglich völlig anders aussehen. Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) verfolgen die schleichende Veränderung in den Nahrungsnetzen der Nordsee – mit täglichen Messungen und vor allem mit langem Atem.

Arten kommen, Arten gehen, das war in der Natur immer so. Was genau ändert sich also? „Der Geschmack der Fische auf dem Teller“, scherzt AWI-Wissenschaftler Dr. Lars Gutow. „Aber das ist in der Tat nur ein kleiner Teilaspekt.“ Denn die Folgen des Wandels in der Nordsee sind groß: Wenn sich hier und da Maschen im Nahrungsnetz lösen, werden sie vielleicht wieder gestopft, aber dadurch kann sich das Strickmuster verändern – die neuen Arten schmecken sicher auch, doch möglicherweise ist der Ertrag geringer als zuvor. „Das ist auch eine Frage der Welternährung“, sagt Lars Gutow, schließlich war und ist die Nordsee eines der ertragreichsten Fanggewässer überhaupt.

Forschung zwischen Wasser, Sand und Schlick

Um für die Zukunft vorhersagen zu können, wie sich die Nahrungskette und damit eine der großen Quellen für die weltweite Nahrungsversorgung entwickeln könnte, schauen er und seine Kollegen zunächst in der Zeit zurück. Was hat sich im Meer vor unserer Haustür bisher getan?

Dafür greifen die Forscher auf einen wissenschaftlichen Schatz zurück: Auf einzigartige, teilweise Jahrzehnte umfassende Datenreihen. „Seit 1962 wird systematisch an jedem einzelnen Werktag untersucht, was sich in der Deutschen Bucht tut.“ Im Labor wird bestimmt, wie salzig das Wasser ist, wie klar oder wie trüb, wie viel pflanzliches und tierisches Plankton es enthält, wie sauer oder basisch es ist und wie warm oder kalt.
Zudem schauen die Wissenschaftler an ausgewählten Stationen mit unterschiedlichem Boden, „Sand, Schlick und alles dazwischen“, welches Leben sich am Grund tummelt.
Das Ganze wird ergänzt durch die Forschung der Wattenmeerstation Sylt. Dort sammeln die Forscher sammeln flächendeckende Daten über die östliche Deutsche Bucht.

Vom Mageninhalt zum Nahrungsnetz

Tauchen neue Arten auf, untersuchen Lars Gutow und seine Kollegen, welche Bedeutung sie für das Ökosystem haben. Welche neuen Konkurrenzen sind zwischen dem Zuwanderer und den Alteingesessenen zu erwarten? Oder ganz grob gefragt: Fressen die Neuen womöglich etwas Anderes als die diejenigen, die sie ersetzt haben, und vertilgen sie mehr oder weniger?

Um herauszufinden, was bei dem Neubürger auf dem Speiseplan steht, „gibt es klassisch nur eins: aufschneiden und schauen, was er im Magen hat“. Eine sehr moderne Methode ist dagegen, die Fettsäuren im Fleisch des Tieres zu bestimmen. Wenn es Fettsäuren enthält, die das Tier nicht selbst bilden kann, muss es woanders davon genascht haben. Mit solchen Informationen lässt sich abschätzen, wo sich die neue Art im Nahrungsnetz ansiedelt.

„Es gibt immer Fresser, die einen ausgewanderten Fresser ersetzen: Wenn Ressourcen frei werden, schnappt sie ein anderer weg. Zudem gibt es Arten, die kommen aus ganz natürlichen Gründen weniger vor. Wenn sie weg sind, ändert sich nicht allzu viel. Was sie gefuttert haben, fällt nicht ins Gewicht. Wenn aber ein großer Allesfresser wie der Kabeljau verschwindet, dann merkt es das System.“

In Kleinarbeit ordnen die Wissenschaftler die Tiere im Ökosystem ein und setzen so das Puzzle des Nahrungsnetzes zusammen – Grundlagenforschung, um Modelle zu füttern, die Aufschluss geben sollen, wie das Nahrungsnetz in der Nordsee morgen aussieht und auf welche Veränderungen sich die Fischereiwirtschaft, die Politik und wir als Gesellschaft einstellen müssen.

Was ist Ursache, was Wirkung?

„Inzwischen haben wir über das Heute einen ganz guten Überblick“, sagt Lars Gutow. „Der Knackpunkt ist, die Folgen der Veränderungen abzuschätzen. Zurzeit können wir grobe Tendenzen vorhersagen. Aber es ist unglaublich schwierig, die Kausalität im Einzelnen festzunageln.“ Bisher gibt es nur Hinweise. Zum Beispiel, dass der Helgoländer Hummer schwächer wird, weil sich sein Konkurrent, der Taschenkrebs, auf dem Helgoländer Felssockel rasant vermehrt – und das möglicherweise, weil der Kabeljau fehlt, um die jungen Krebschen in Schach zu halten. Außerdem profitieren viele kleinere Fischarten davon, dass der große Räuber fortgezogen ist. Das wiederum kommt den Möwen zupass, weil ein kleinerer Fisch doch viel mundgerechter in den Schnabel passt. Aber: Ist das ein Problem?

Von Ansprüchen und Einschränkungen

„Wenn wir in diesem Zusammenhang von Problemen sprechen, ist das eine sehr menschliche Sichtweise. Ökosysteme haben sich über die Zeit immer wieder geändert und sich auf einen neuen Status einreguliert. Aber jetzt kommen unsere kommerziellen Interessen hinzu. Die Fischerei kann sich umstellen, keine Frage. Aber reicht das, um die immer noch steigende Weltbevölkerung auch morgen noch satt zu bekommen? Wichtig ist, dass wir nicht nur feststellen, was alles kaputt gehen kann, sondern dass wir darüber hinaus Lösungsansätze entwickeln, wie wir mit den anstehenden Veränderungen am besten umgehen. Die Gesellschaft muss ihre Ansprüche definieren. Wie viel wollen wir morgen essen, wie viel müssen wir essen? Und die Gesellschaft muss sich bewusster werden, dass mit diesen Ansprüchen auf der anderen Seite auch Einschränkungen einhergehen.“

Cornelia Reichert

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09.01.2013

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