Helmholtz-Gemeinschaft

Zukunftslabor Megastadt

Rund zwei Prozent der Landfläche der Erde sind von Städten bedeckt, dennoch leben darauf heute schon rund 50 Prozent der Menschen, Tendenz steigend. Das muss kein Problem sein: In verdichteten Städten mit kurzen Wegen könnten Menschen sogar effizienter wirtschaften und bei gleichem Lebensstandard weniger Ressourcen verbrauchen als in dünn besiedelten Regionen. Doch Städte wuchern oft ungesteuert: Dann wird Risikoterrain bebaut, sind Verkehrswege verstopft, Luft und Wasser werden verschmutzt, was die Lebensqualität und Chancen für die Einwohner sehr deutlich reduziert.

Hier setzt die Helmholtz-Initiative „Risk Habitat Megacity“ an. 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf Helmholtz-Zentren (UFZ federführend, DLR, FZK, HZI, GFZ) haben sich mit Forschungseinrichtungen aus Chile zusammengetan, um in der Hauptstadt Santiago Dynamik und Komplexität des Wachstums zu untersuchen. Ziel ist es, Hebel zu finden, mit denen die Politik diese Prozesse besser steuern kann. Der wissenschaftliche Koordinator Dr. Dirk Heinrichs vom UFZ skizziert die Fragestellung so: „Was sind die Triebkräfte der rasanten Veränderungen und wie lassen sich diese Prozesse steuern, so dass die Lebensqualität gesichert und die Umwelt weniger belastet wird?“ Anders formuliert: Wie können Chancen der Urbanisierung genutzt und Risiken vermindert werden? In Lateinamerika ist die Verstädterung ähnlich weit fortgeschritten wie in Europa – schon mehr als drei Viertel der Einwohner leben in Städten. Andererseits ist der Übergang in eine Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft noch nicht vollzogen: So tragen zum Beispiel in Chile vor allem Kupferabbau und Fischfarmen zur Wirtschaftskraft des Landes bei. Auch deshalb ist Santiago de Chile ein geradezu ideales Labor für die interdisziplinär angelegte Helmholtz-Inititiative. „Santiago ist vielen Megastädten in Schwellenländern Jahrzehnte voraus, hier können wir einen Blick in die Zukunft werfen“, erklärt Heinrichs. Denn Santiago gilt als reife Megastadt: Die Zuwanderung aus dem ländlichen Raum hat abgenommen, die Geburtenrate ist gesunken, die Lebenserwartung gestiegen. Dennoch wächst die Stadt seit einigen Jahren schneller und zerfasert dabei. Während die Innenstadtbezirke zerfallen, entstehen an den Stadträndern luxuriöse, bewachte Siedlungsgebiete. Diese „barrios cerrados“ werden aufgrund der Kessellage der Hauptstadt oft in problematischen Lagen errichtet: beispielsweise an bislang bewaldeten Berghängen, in Wasserschutzgebieten oder Erdbebenrisikozonen. Die chilenischen und deutschen Forscher modellieren Gefahren wie Starkregenabflüsse und Hangrutschungen, gestützt auf hydrologische und seismische Messungen.

Ebenfalls an den Stadtgrenzen liegen die Wohngebiete armer Zuwanderer, so dass die sozialen Kontraste inzwischen weitaus härter als zuvor aneinanderstoßen. „Die neue Nachbarschaft bringt zwar Chancen auf bessere Infrastruktur und Arbeitsplätze, aber auch das Risiko der Verdrängung“, erklärt Heinrichs. Mit Fragebögen und leitfadengestützten Interviews schätzen die beteiligten Sozialwissenschaftler die sozialen Risiken und Chancen ab.

Die Helmholtz-Initiative untersucht auch die Versorgung mit Wasser und Energie, die Entsorgung von Abwasser und Abfall sowie die Luftqualität und die Mobilitätsbedürfnisse der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. So reicht der öffentliche Nahverkehr bei weitem nicht aus, und die steigende private Fahrzeugflotte sorgt für schlechte Luft und beeinträchtigt die Gesundheit der Einwohner. Ein Ziel der Helmholtz-Initiative sind realistische Szenarien, mit denen sich die verschiedenen Entwicklungswege durchspielen lassen, wobei der Ressourcenverbrauch an Fläche, Energie oder Wasser deutlich wird. Zu jedem Thema der Initiative gibt es Teams aus deutschen und chilenischen Forschern sowie auf jeder Seite mindestens einen Doktoranden. Außerdem bieten die chilenischen Partneruniversitäten Workshops und Seminare an, die nicht nur von Studierenden, sondern auch von Mitarbeitern der kommunalen Verwaltungen und politischen Gremien besucht werden. „Einer der wichtigsten Partner dieses Forschungsprojekts sind die politischen Entscheider auf regionaler Ebene. Die wollen sehen, wo es Hebel gibt, mit denen sie das Wachstum der Metropolregion steuern können“, sagt Heinrichs. Mit den richtigen Anreizen könne es gelingen, die Entwicklung nachhaltiger zu gestalten und Wasserschutz- oder Risikogebiete nicht zuzubauen, ist Heinrichs überzeugt. „Mit unseren Untersuchungen schärfen wir auch das Bewusstsein dafür, welche Bürden Fehlsteuerungen heute für die Lebensqualität und Chancen der nächsten Generation bedeuten“, so Heinrichs.

Bereits Ende 2010 sollen einzelne Elemente einer Strategie für nachhaltige Entwicklung in Santiago vorgelegt werden. Im weiteren Verlauf des „Mega-Projekts“ von 2010 bis 2013 wollen die Projektpartner auch andere Städte Lateinamerikas in die Forschung mit einbeziehen und gewonnene Lösungsansätze auf ihre Übertragbarkeit prüfen.

09.01.2013

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