Bergland im Wandel

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Karge Steppen 2.500 Meter über dem Meeresspiegel, Walnusswälder und gewaltige Gebirgszüge mit Gipfeln über 7.000 Metern kennzeichnen Kirgistan. Landwirtschaft und Bergbau sichern noch immer der Mehrheit der fünf Millionen Einwohner den Unterhalt, das Land modernisiert sich wegen veralteter Infrastruktur und fehlender Industrie langsamer als gewünscht. Doch nicht nur gesellschaftlich, auch geologisch und landschaftlich ist das Land im Umbruch.
Kirgistans Oberfläche und Untergrund werden durch die Auffaltung des Pamir-Tienshan und des Himalaya geprägt. Diese Region Zentralasiens gehört zu den tektonisch dynamischsten Gebieten der Erde. Um die damit verbundenen geologischen, hydrologischen und klimatologischen Prozesse zu beobachten, haben Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums Potsdam – Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ vor vier Jahren unter der Leitung von Professor Dr. Christoph Reigber und Dr. Bolot Moldobekov in der Hauptstadt Bischkek ein modernes Geoforschungsinstitut gegründet. Das Zentralasiatische Institut für Angewandte Geowissenschaften (ZAIAG) entstand als Kooperationsprojekt der Republik Kirgistan und des GFZ und weiteren Partnern wie dem Internationalen Zentrum für Entwicklungsund Umweltforschung der Justus Liebig-Universität Gießen. Die Kosten wurden durch das BMBF und die kirgisische Regierung getragen.
Hier können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den zentralasiatischen Staaten forschen und die nächste Generation von Geoexperten ausbilden. „Wir wollen diesen Kolleginnen und Kollegen den Anschluss an die internationale Forschung ermöglichen“, sagt Dr. Oliver Bens, Leiter des Wissenschaftlichen Vorstandsbereichs am GFZ.
Eine Aufgabe ist der Aufbau eines „Global Change Observatory Central Asia“ am ZAIAG, denn in Kirgistan lassen sich die Kräfte besonders gut erfassen, welche Landschaft und Klima formen und verändern. „Der indische Subkontinent drückt auf die eurasiatische Platte, und die geologischen Kräfte sind enorm, wie schon die Auffaltung des Himalaya zeigt. Diese Kräfte wirken bis weit nach China und Zentralasien hinein“, erklärt Bens.
Diese Forschung ist nicht nur wissenschaftlich hoch spannend, sondern auch von praktischer Relevanz: Denn in Kirgistan lässt sich das aktive „System Erde“ im Alltag erleben: „Ohne gesicherte geowissenschaftliche Daten sind Siedlungen, Straßen, Pipelines und andere Infrastrukturprojekte stets gefährdet, das ist eine der geodynamisch aktivsten Regionen der Erde“ erklärt Bens. Hangrutsche, Bergstürze und Schlammströme, aber auch Erdbeben sind an der Tagesordnung. Am ZAIAG werden Satellitendaten zusammen mit Befunden aus Bodenstationen und Gletschermessungen ausgewertet, um aktuelle Entwicklungen zu erfassen.
„Als Geowissenschaftler sehen wir nicht nur die Landschaft, wie sie heute ist. Wir interessieren uns auch dafür, wie diese Landschaft entstanden ist, was sie formt und bestimmt und wie sie sich in den nächsten Jahrtausenden entwickeln wird.“ Das gilt auch für das Klima: Durch Sedimentbohrungen in Seen rekonstruieren die ZAIAG-Forscher die Entwicklung und Klimageschichte der Region, denn die Ablagerungen von Flora und Fauna erlauben Rückschlüsse auf mehr als 100.000 Jahre wechselvolle Klimageschichte – Themen genug für Doktoranden aus zahlreichen Ländern, die am ZAIAG arbeiten.
Ein weiteres Forschungsgebiet ist die Georessource Wasser. Im Frühsommer, wenn Schneefelder und Berggletscher schmelzen, stauen sich große Wassermassen auf, die dann ins Tal hinunterbrechen und dort Siedlungen und Felder überschwemmen. Zeitgleich herrscht in Zentralasien Wassermangel in der Fläche, so dass Steppen sich ausdehnen, Böden versalzen und erodieren. Ein zusätzliches Problem entsteht durch Altlasten, zum Beispiel aus der Uranförderung: Durch Hangrutsche kann der Abraum aus ehemaligen Bergwerken die Trinkwasserspeicher kontaminieren. „Kirgistan ist ein riesengroßes Landschaftslabor“, führt Bens aus. Und das Kirgisisch-Deutsche Forschungsinstitut ZAIAG kann die wissenschaftlichen Grundlagen für kluge Entscheidungen liefern, damit das Land sich entwickeln und seine Infrastruktur verbessern kann. „Die Gründung eines solchen Instituts, das sich mit der Nutzung und dem Management von Naturressourcen beschäftigt, soll zum einen Hilfe zur Selbsthilfe leisten, zum anderen aber auch das vorhandene geowissenschaftliche Potenzial des Landes aktivieren und sichern“, erklärt Bens. „Hier können die kirgisischen Kollegen Strategien zur Lösung der Probleme entwickeln und mit Partnern aus den anderen zentralasiatischen Staaten und Deutschland umsetzen.“

