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Alarm: Klimawandel reisst Löcher in das Netz des Lebens

„Artenvielfalt ist genauso wichtig wie das Klima, wenn es um die Ernährung der Menschheit geht, aber uns fehlen räumlich und zeitlich gut aufgelöste Daten zu sehr vielen Tier- und Pflanzenarten, um genauer vorhersagen zu können, wie sich die Ökosysteme entwickeln“, erklärt Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ. Das EU-Projekt ALARM hat nun einen ersten Überblick über wichtige Lebensräume Europas und ihre spezifischen Probleme geschaffen.

ALARM steht für „Assessing Large scale environmental Risks for biodiversity with tested Methods“. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 35 Ländern und 68 Partnerorganisationen (darunter sieben Unternehmen) haben zwischen 2004 und 2009 an diesem umfassenden Forschungsprojekt gearbeitet, das Settele zusammen mit sechs Kollegen koordiniert hat. Gemeinsam haben sie erstmals einheitliche Methoden entwickelt, um Umweltrisiken für die Biodiversität für unterschiedliche Landschaftsräume in Europa quantitativ zu erfassen.

Ein treibender Faktor ist der sich regional auswirkende Klimawandel, der Flora und Fauna zwingt, sich extrem rasch an neue Bedingungen anzupassen. Außerdem begünstigt der Klimawandel Invasionen fremder Tier- und Pflanzenarten, die heimische Arten verdrängen können und als Schädlinge in Wäldern und Feldern erhebliche Kosten verursachen. Dazu kommen die zunehmende Flächenversiegelung, die Zerschneidung von Lebensräumen durch ein immer dichteres Straßennetz und die Intensivierung der Landwirtschaft. Umweltchemikalien aus Landwirtschaft und Industrie beeinflussen oft auf subtile Weise die Vermehrungsraten von Insekten und Wirbellosen, die wiederum von Wirbeltieren wie Vögeln gefressen werden. Es ist das Zusammenspiel all dieser Faktoren, das die Musik macht und den Artenschwund einläutet. „Die Frage, ob der Klimawandel gut oder schlecht für die Arten ist, kann man so nicht beantworten, es gibt Gewinner und Verlierer. Aber zum Beispiel werden von rund 300 Tagfalter-Arten, die wir untersuchten, in Europa etwa 70 Arten profitieren, die anderen 230 eher nicht“, sagt Settele. Eine entscheidende Rolle in Ökosystemen spielen die bestäubenden Insekten wie Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge. Dass die Bestäubung in vielen Landschaften Europas deutlich zurückgegangen ist, wird schon länger beobachtet. Bei Nutzpflanzen führt dies zu Ernteeinbußen, bei Wildpflanzen zu weniger Nachwuchs bis hin zur Gefährdung des Bestands. Zwar werden Weizen, Hafer und Roggen durch den Wind bestäubt, aber Obstbäume, Haselnusssträucher und andere Vitaminlieferanten sind auf Insekten angewiesen, um Früchte auszubilden. „Wir können nicht sagen, was die Biene wert ist, aber wir können sagen, was sie leistet“, meint Josef Settele und stellt fest: „Auf dem Weltmarkt hätten alle Früchte, Nüsse und Gewürze im Jahr 2005 rund 153 Milliarden Euro gekostet.“

Durch ALARM ist die Verbreitung von vielen bestäubenden Insekten erstmals genauer erfasst worden. Schon länger bekannt sind die Probleme der Imker mit ihren Bienenvölkern, hinzu kommen aber nun auch Erkenntnisse zu wildlebenden Insekten wie Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlingen. „Das Problem ist: Wir hatten bislang keine guten Daten, vor allem nicht zu häufigen Arten wie Tagpfauenauge und Kleiner Fuchs, die für Spezialisten nicht so interessant sind“, erklärt Settele. Deshalb haben die UFZ-Forscher mit der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz ein Netz von Ehrenamtlichen organisiert, die regelmäßig bestimmte Strecken ablaufen und Falter zählen (www.tagfalter-monitoring.de). Die ersten Auswertungen deuten darauf hin, dass 2009 ein relativ schlechtes Jahr für viele Falter war – selbst häufige Arten wie der Kleine Fuchs wurden seltener beobachtet, während durch den Masseneinflug des Distelfalters für den normalen Bürger eher der Eindruck eines guten Falterjahres entstanden sein mag. Die gesammelten Ergebnisse zu den Risiken für die Biodiversität werden im Winter 2009/2010 in einem Atlas veröffentlicht. In diesem Atlas haben die ALARM-Forscher auch die Verbreitungsgebiete bestimmter Pflanzen mit IPCC -Klimaszenarien und Karten der Landnutzung kombiniert, um zu ermitteln, wo bestimmte Falter auch in Zukunft gute Chancen haben. Denn manche Falterarten wie beispielsweise die Ameisenbläulinge überleben nur in einzigartigen Symbiosegemeinschaften, die eine Beweidung oder bestimmte Mahdvorschriften erfordern. „Mit diesen Karten sieht man, wo es sich lohnen würde, besonders aufmerksam hinzuschauen. Und wir sehen auch, wo sich das Naturschutz-Management von Süden nach Norden übertragen lassen würde, wenn der Klimawandel fortschreitet.“ Eine einleuchtende Idee, die Settele nun im Forschungsprojekt CLIMIT verfolgen wird.

11.06.2013

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