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Erde und Umwelt

Interview

„Bauschutt kann leicht wiederverwertet werden“

„Bauschutt kann leicht wiederverwertet werden“
Wertvoller Rohstoff: Bauschutt könnte in recycelter Form bald den knapper werdenden Sand ersetzen. Bild: picture alliance / Sodapix AG
Baustoff-Experte Dietmar Stephan im Gespräch über Alternativen zum ungehemmten Sandabbau und zu den Grenzen des Recyclings.

Herr Stephan, Wüstensand gibt es in rauen Mengen. Als Baustoff ist er aber wegen seiner glatten Körnung ungeeignet. Aber könnte man ihn künftig vielleicht doch für Bauvorhaben nutzbar machen?

Wüstensand bietet keine Möglichkeiten zur Anhaftung von zum Beispiel Zement. Dies müsste man  ändern, etwa durch Anreicherung mit Flugaschen. Auch bauchemische Zusatzmittel können helfen, ihn besser verarbeitbar zu machen. Eine andere Möglichkeit wäre es, hochwertigen Bausand, der aus  Kiesgruben kommt oder aus dem Meer, mit Wüstensand zu vermischen und so den Verbrauch zu reduzieren.

Und mit dieser Mischung kann man dann in gleicher Qualität bauen?

Das sicherlich nicht. Aber zum Beispiel für den Straßenbau wäre die Methode geeignet. Und zum Teil kommt sie dort auch schon zum Einsatz.

Warum nutzt man sie nicht für den Bau von Wolkenkratzern?

Wüstensand enthält Salze, die dazu führen, dass der Stahl im Stahlbeton schneller korrodiert, brüchig wird. Das würde die Halbwertzeit von Bauwerken erheblich verkürzen. Dem Sand müsste das Salz zunächst durch eine gründliche Reinigung entzogen werden. Dafür müsste man aber große Mengen Süßwasser verbrauchen, was natürlich absurd wäre – denn auch das ist in den Wüstenstaaten eine knappe Ressource. Im Sand aus dem Meer dagegen kommt Salz in gelöster Form vor und lässt sich deshalb mit einem geringeren Wasserverbrauch auswaschen.

Es gibt die Idee, zermahlenes Altglas, das ja zu einem Teil aus Sand besteht, als Beimischung für die Herstellung von Beton zu verwenden. Funktioniert das?

Ich halte das Recycling von Altglas zu Neuglas für sinnvoller, denn für die Herstellung von neuem Glas müssten sonst wieder Sand und viel Energie aufgewendet werden. Glas kann als Ersatz für Sand und Kies nur eine untergeordnete Rolle spielen – das bewegt sich vermutlich nicht einmal im Promillebereich. Es wird derzeit in Hongkong viel dazu geforscht. Dort geht es allerdings eher um die Suche nach Möglichkeiten für die Glasabfall-Entsorgung. Aber auch, wenn es darum geht, die Ressource Sand zu schonen, ist solche Forschung natürlich interessant. Bei der Verwendung von Glas gibt es allerdings ein Problem: die sogenannte Alkali-Kieselsäure-Reaktion, die dazu führt, dass Betonstraßen rissig werden und an der Oberfläche aufbrechen. Der Volksmund spricht von „Betonkrebs“. Die im Zement enthaltenen Alkalien lösen einen Teil des Glases an. Dadurch entsteht zusammen mit Wasser ein Gel, das quillt und einen hohen Druck produziert. Das ist nicht auf Glas beschränkt, das Phänomen tritt auch auf, wenn Bausand und Kies beispielsweise Anteile von Feuerstein enthalten.

Ganz ohne Bausand geht es also nicht?

Er ist leider unverzichtbar für die meisten Bauvorhaben. Deshalb halte ich Bauschutt-Recycling für  vielversprechender. Wenn Bauschutt schadstofffrei ist, kann er, geschreddert und gesiebt,relativ leicht wiederverwertet werden. Recyclingmaterial aus der Bauschuttaufbereitung wird heutzutage vor allem im Tief- und Straßenbau eingesetzt. Künftig sollte man den recycelten Beton auch höherwertig verwenden, also auch für die Herstellung von neuem Beton.

Auch das ist sicher sehr aufwendig.

Nicht unbedingt. Zu wiederverwendbarem Bauschutt werden ja nicht nur Einfamilienhäuser verarbeitet, aus denen die Dämmstoffe für die Wärmedämmung erst noch entfernt werden müssen, sondern auch andere dämmstofffreie Bauwerke wie Brücken oder alte Straßen. Und wenn man bei Gebäuden von  vornherein das Recycling mitdenkt – also vorausplant, wie sich die einzelnen Stoffe später wieder leicht und mit weniger Kostenaufwand trennen lassen –, dann kann man etwa 20 bis 30 Prozent davon dem Baukreislauf wieder zuführen. Das wäre der Idealzustand.

Und welche Bedingungen müssen dafür erfüllt sein?

Man bräuchte mehr Investitionen in die Forschung, um optimale Verfahren, Maschinen und Bauzusatzmittel zu entwickeln. Denn Bauschutt-Sand hat natürlich nicht die gleiche ideale Körnung wie „frischer“ Sand.

Kaum jemand wird sich bei den hohen Kosten die Mühe machen…

Da wäre ich mir nicht so sicher. Denn die Ressource nimmt so dramatisch ab, dass man zu Maßnahmen gezwungen sein wird. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man für Sand so viel Geld bezahlen muss, dass es nicht mehr teurer wäre, den Aufwand des Recyclings zu betreiben.

Bild: FG Baustoffe und Chemie

Dietmar Stephan leitet an der Technischen Universität Berlin das Fachgebiet Baustoffe und Bauchemie am Institut für Bauingenieurwesen. An der universität-Gesamthochschule siegen hat er Bauchemie studiert und dort auch promoviert. Dann arbeitete er bei der Heidelberger zement Group technology Center GmbH sowie als Habilitand am Lehrstuhl für Bauchemie der TU München. Ab 2006 war er Akademischer Oberrat im Fachgebiet Werkstoffe des Bauwesens und Bauchemie der Universität Kassel, wo er 2010 habilitierte.

21.01.2016, Interview: Mareike Knoke

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30.08.2016