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Erde und Umwelt

Tag des Wassers

Aus fremden Brunnen

Aus fremden Brunnen
Bild: picture alliance/ESTADAO CONTEUDO
Deutschland hat Wasser im Überfluss. Andere Länder müssen Wasser sparen - auch weil der Konsum der Industrieländer sie zusätzliches Wasser kostet. Einblicke in die globale Wasserwirtschaft.

In Brasilien bekommen die Menschen zu spüren, was es heißt, wenn das Wasser knapp wird: Nur ein paar Tropfen kommen aus dem Hahn, wenn in Rio de Janeiro oder São Paulo wieder einmal für bis zu 18 Stunden am Tag das Wasser abgestellt wird, damit die Versorgung nicht komplett zusammenbricht. Auch in Kalifornien ist die Wasserversorgung kritisch: Die Felder in dem US-Bundesstaat verdorren, für Golfanlagen und Swimmingpools gibt es kein Wasser mehr. Und in China oder Indien muss immer tiefer in die Erde gebohrt werden, um auf Grundwasser zu stoßen.

In ihrem „World Water Development Report 2015” warnen die Vereinten Nationen davor, dass weltweit das Wasser knapp zu werden droht. „Der Planet war noch nie so durstig“, schreiben die UN-Experten – und diese Entwicklung wird sich verschärfen. Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung voraussichtlich von 7,3 auf 9,1 Milliarden Menschen anwachsen. Der weltweite Bedarf an Wasser wird damit noch einmal um 55 Prozent steigen.

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Quelle: Bundesanstalt für Gewässerkunde 2006, Statistisches Bundesamt 2013

In Deutschland hingegen scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Vielerorts liegen hübsche Seen zwischen bewaldeten Hügeln, Flüsse schlängeln sich durch grüne Täler. Von einem Mangel kann hierzulande tatsächlich keine Rede sein: Es steht so viel Trinkwasser zur Verfügung, dass man damit den Bodensee viermal füllen könnte, lässt sich in Studien des Umweltbundesamtes nachlesen. Pro Jahr könnten die Deutschen demnach rund 188 Milliarden Kubikmeter Wasser nutzen – das ist die Menge, die sich in dieser Zeit an neuem Grund- und Oberflächenwasser bildet. Der tatsächliche Verbrauch im vergangenen Jahr lag allerdings nur bei etwa 33 Milliarden Kubikmetern, also knapp 18 Prozent davon.

Dass dennoch nicht überall in deutschen Landen Wasser im Überfluss vorhanden ist, zeigt Philipp Wagnitz auf einer Karte. Der Experte für Wassermanagement klickt in seinem Berliner Büro bei der Umweltorganisation World Wide Fund (WWF) auf eine grafische Darstellung: Eine Reihe von Städten und Regionen sind orange markiert, Brandenburg ist darunter und Sachsen-Anhalt, Halle/Saale, Braunschweig, Duisburg und München. „Orange steht für einen großen Bedarf“, erklärt er. Gelsenkirchen treffe es mit am ärgsten. Dort bestehe bundesweit das größte Defizit zwischen Verfügbarkeit und Verbrauch. Doch das Problem lässt sich lösen. Dicke Striche über den Orten zeigen auf der Karte die Leitungen, die Wasser aus der Ferne bringen. Hamburg wird aus der Lüneburger Heide versorgt, Stuttgart mit Überleitungen von mehreren hundert Kilometern aus dem Bodenseeraum.

In Deutschland ist diese aufwendige Infrastruktur selbstverständlich. Die Wasserwirtschaft hat sich darauf eingestellt, Regionen, in denen weniger Wasser da ist, als gebraucht wird, mitzuversorgen, sagt Corinna Baumgarten vom Umweltbundesamt: Fehle es hier oder dort an Grund- und Oberflächenwasser oder ist das kostbare Nass im Sommer mal knapp, wird das an anderen Stellen reichlich vorhandene Wasser entsprechend verteilt, erklärt die Ingenieurin für technischen Umweltschutz. Ist Sparen hierzulande also gar nicht nötig?

"Die Natur arbeitet nur scheinbar gratis"

Der Wasser-Experte Erik Gawel im Gespräch über den deutschen Wasserreichtum, einen gerechten Preis für Wasser - und darüber, wie wasserarme Regionen ihren Mangel beheben können.

Zum Interview

Ein Anruf bei dem Systemanalytiker Helmut Lehn vom Institut für Technikfolgenabschätzung des Helmholtz-Zentrums KIT (Karlsruher Institut für Technologie): Der Wissenschaftler mag den Begriff Wassersparen gar nicht. Er ist ihm zu unpräzise. „Im Haushalt Wasser sparen, das kann man eigentlich gar nicht. Denn dort kann man Wasser nicht verbrauchen, man kann es nur ungenutzt lassen“, erklärt der Wissenschaftler, was er auch seinen Studenten immer wieder klarmacht. Wasser lasse sich nicht „wegkonsumieren“ wie Butter. Es bleibe immer da, verändere nur seine Eigenschaften. 

Nehmen wir zum Beispiel Berlin, sagt er. Entnähme man der Spree nun, weil man spare, weniger Wasser, werde weniger Abwasser produziert und nach der Reinigung weniger Wasser in den Fluss zurückgeleitet. Insgesamt bleibe die Menge des regionalen Wasserhaushaltes aber gleich: Es fließe genauso viel Wasser über die Havel und die Elbe in die Nordsee ab, ganz gleich, ob in der Hauptstadt mehr Wasser durch den Hahn geflossen sei und mehr Abwasser in die Spree zurückgeführt oder ob weniger Wasser genutzt und weniger Abwasser in die Spree geleitet wurde.

Steigt der Berliner seltener in die Badewanne oder stellt weniger oft die Waschmaschine an, habe man davon in Stuttgart oder gar in wasserarmen Gegenden in China oder Brasilien nicht viel – auf jeden Fall nicht mehr Wasser. „Allein des Wassers wegen braucht in Deutschland heute also niemand auf Wasser zu verzichten“, bringt er es auf den Punkt. Doch es gibt andere gute Gründe, das klare Nass auch hierzulande nicht einfach zu verschwenden. 

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Quelle: OECD / Statistica 2015

„Das ist eine Frage des nachhaltigen Umgangs mit unseren Ressourcen“, sagt Ekaterina Vasyukova. Sie ist Lehrstuhlvertreterin der Professur Wasserversorgung an der TU Dresden. Wer Wasser spare, also weniger Wasser nutze, schone die Umwelt und trage dazu bei, dass die Wasserqualität nicht schlechter werde. „Denn gebrauchtes Wasser ist verschmutztes Wasser – und muss wieder gereinigt werden“, erklärt sie. Dazu brauche man Energie und Chemikalien. „Trotz Aufbereitung ist Wasser, das einmal durch die Haushalte gelaufen ist und dann wieder in die Flüsse gepumpt wird, nicht dasselbe wie vorher“, gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken. Deshalb ruft Vasyukova, wie viele andere Wasserforscher, dazu auf, Wasser zu sparen – und muss dafür in Deutschland keine große Überzeugungsarbeit mehr leisten.

Während in vielen Ländern der Erde Unternehmen und Verbraucher nach immer mehr Wasser verlangen, wird hier stetig weniger genutzt. Im Jahr 1991 flossen für Industrie und private Haushalte insgesamt 46,3 Milliarden Kubikmeter Wasser durch die Leitungen, 2010 waren es nur noch 32,6 Milliarden. „Zurückzuführen ist das vor allem auf ein wachsendes Umweltbewusstsein der Bevölkerung und den technischen Fortschritt“, sagt KIT-Wissenschaftler Helmut Lehn. Das zeigt sich zum Beispiel in Privathaushalten: Moderne Geschirrspüler, Waschmaschinen, Toilettenspülungen, Armaturen und Duschköpfe tragen erheblich dazu bei, dass heute weniger Wasser aus dem Hahn fließt. Verbrauchte der Durchschnittsdeutsche 1991 noch 147 Liter Trinkwasser am Tag, sind es seit 2013 nur noch 121 Liter, die hauptsächlich für die Körperpflege genutzt werden (40 Prozent), für die Toilettenspülung (30 Prozent), für Wäschewaschen (13 Prozent) und Essen und Trinken (vier Prozent). Im EU-Durchschnitt stehe Deutschland damit recht gut da, sagt Corinna Baumgarten vom Umweltbundesamt. Zwei Drittel der Länder in Europa verbrauchen mehr – Spitzenreiter ist Rumänien mit 294 Litern, am sparsamsten sind die Litauer mit 97 Litern.

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Prall gefüllt. Die Rappbode-Talsperre ist nur eines von vielen Wasserreservoirs im harz, aus dem wasserärmere Regionen versorgt werden. Bild: picture alliance/ZB/euroluftbild

Die deutschen 121 Liter Tagesdurchschnitt sind allerdings nur ein geringer Teil dessen, was die Konsumenten tatsächlich verbrauchen. Experten rechnen auch das Wasser dazu, das benötigt wird, um all die Lebensmittel und Produkte herzustellen, die im Alltag genutzt werden. Und da kommt einiges zusammen: Für ein Kilo Rindfleisch etwa fließen beinahe 15.500 Liter Wasser, bis es auf dem Grill landet. Eine WWF-Studie schaut sich für solche Zahlen die Landwirtschaft detailliert an: In den drei Jahren, bis ein Rind üblicherweise geschlachtet wird, frisst es 1300 Kilogramm Getreide und 7200 Kilogramm Raufutter wie Heu oder Silage. Allein dafür gehen gut drei Millionen Liter Wasser drauf. Dazu kommen 24.000 Liter Wasser, die ein Rind in drei Jahren trinkt, und etwa 7000 Liter für die Stallreinigung. Das sind zusammen knapp 3,1 Millionen Liter Wasser. Ein Rind liefert etwa 200 Kilo Fleisch, für jedes Kilo werden also rund 15.500 Liter Wasser verbraucht. Ähnlich akribisch haben Wissenschaftler auch bei anderen Produkten nachgerechnet: Für ein Kilo Bananen kommen sie auf 859 Liter Wasser, für eine Jeans auf 11.000 und für einen PC auf 20.000 Liter (s. Infografik).

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Unser Wasserfußabdruck: Wie viel Wasser braucht man für 100 Gramm Schokolade?

Virtueller Wasserfußabdruck

Die Infografik zeigt, wie viel Wasser für die Herstellung verschiedener Produkte und Nahrungsmittel benötigt wird. Der virtuelle Wasserfußabdruck ist in Deutschland sehr hoch. Der WWF kommt pro Einwohner auf 5.288 Liter täglich.

Wie viel Wasser braucht man, um 100 Gramm Schokolade herzustellen? Schauen Sie sich  die Zahlen für verschiedene Produkte an.

Das, was nach dieser Rechnung an virtuellem Wasserverbrauch pro Person zusammenkommt, wird als Wasserfußabdruck bezeichnet. Und der ist in Deutschland sehr hoch. Der WWF kommt inklusive des direkt verbrauchten Trinkwassers pro Einwohner auf 5288 Liter täglich. Das Umweltbundesamt geht von 3900 Litern aus. Unabhängig davon, auf welche der beiden Zahlen man sich bezieht: Damit zählt Deutschland zu den Ländern, die überdurchschnittlich viel Wasser verbrauchen, denn im globalen Mittel liegt der Wasserfußabdruck laut Umweltbundesamt bei knapp 3800 Litern am Tag.

Virtuelles Wasser, Wasserfußabdruck – das sind ziemlich abstrakte Begriffe, gibt Corinna Baumgarten vom Umweltbundesamt zu. Doch sie können den versteckten Wasserhandel zu Lasten wasserarmer Länder transparenter machen: So zeige der Wasserfußabdruck, dass Deutschland seinen tatsächlichen, aktuellen Wasserverbrauch nur etwa zur Hälfte aus eigenen Ressourcen deckt – und die andere Hälfte in Form von virtuellem Wasser einführt, erklärt sie. Problematisch sei das, weil ein großer Teil des importierten Wassers aus Regionen stammt, in denen es nicht genug davon gibt.

Zum Beispiel aus Brasilien: Von dort wird die höchste Menge virtuellen Wassers nach Deutschland eingeführt, vor allem in Form von Kaffee und Soja, berichtet WWF-Experte Philipp Wagnitz. Das südamerikanische Land ist Netto-Exporteur für virtuelles Wasser; es exportiert das Dreifache der Menge an virtuellem Wasser, die es importiert. Und das, obwohl die Wasserlage dort in manchen Bundesstaaten inzwischen prekär ist und die Trinkwasserspeicher so gut wie leer sind.

Haben es die deutschen Verbraucher also in der Hand, diese Probleme durch ein anderes Konsumverhalten zu lösen? Dazu gibt es verschiedene Meinungen. In Rio de Janeiro komme jedenfalls nicht wieder regelmäßig Wasser aus dem Hahn, wenn deutsche Verbraucher jetzt keinen Kaffee aus Brasilien mehr trinken würden. „Wasserprobleme lassen sich nicht im Supermarkt lösen, sondern nur vor Ort“, sagt Erik Gawel. Er ist Leiter des Departments Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und befasst sich seit Jahrzehnten mit nachhaltigem Wasserressourcenmanagement. Der Umweltökonom kritisiert solche Rechnungen: Ein Wasserfußabdruck von 5.288 Litern am Tag, das sei eine Zahl, die Alarm auslöse und den Konsumenten in die Irre führe. „Sie suggeriert, dass man den Menschen in wasserarmen Regionen etwas vorenthält.“ 

Tatsächlich besitze es für den deutschen Verbraucher keinerlei Aussagekraft, dass für eine Tasse Kaffee, für die sieben Gramm Bohnen aufgebrüht werden, ganz allgemein 140 Liter virtuelles Wasser genutzt werden, sagt Gawel. Die Zahl allein sage nichts darüber aus, ob es in einer bestimmten Region ein Wasserproblem gebe, ob eine Kaffeepflanze im Regenfeldbau angebaut oder künstlich bewässert worden sei. Sie sage nur aus, dass sie für ihr Wachstum einen bestimmten Bedarf an Wasser hat. Wichtiger sei es, dass Konsumenten auf Produkte achten, die für ihre Nachhaltigkeit zertifiziert seien. Dadurch entstehe für Unternehmen ein Anreiz, die Ressourcen vor Ort zu schützen.

„Tatsächlich ist durch den Wasserfußabdruck nicht ersichtlich, ob für den Anbau von Kaffeebohnen die Umwelt geschädigt wurde“, sagt Philipp Wagnitz vom WWF. Dennoch hält er die Berechnungen für ein sinnvolles Instrument, um Konsumenten zu sensibilisieren. „Der Wasserfußabdruck soll keinen Druck auf den Verbraucher ausüben. Er kann ihm aber deutlich machen, dass für die Herstellung internationaler Güter vor Ort viel Wasser verbraucht wird – und dass das Thema wichtig ist“, sagt er. Produkte zu zertifizieren, die unter nachhaltigen Bedingungen hergestellt werden, hält er für einen richtigen Ansatz. „Schon heute ist Süßwasser ein wichtiger Bestandteil bestehender Zertifizierungssysteme“, sagt der Wasserexperte. Doch die Kriterien für eine nachhaltige Wassernutzung müssten aussagekräftiger werden und vor allem den unterschiedlichen lokalen Bedingungen Rechnung tragen.

Auch Ekaterina Vasyukova von der TU Dresden hält den Wasserfußabdruck für eine gute Möglichkeit, Bewusstsein zu schaffen. „Wer die Zeit investieren und sich die Mühe machen kann, nachzuvollziehen, woher die Produkte kommen, die er nutzt, hat es in der Hand, auch Waren zu kaufen, die unter nachhaltigeren Bedingungen entstanden sind“, sagt sie. Würden sich dann mit der Zeit immer mehr Konsumenten für die entsprechenden Güter entscheiden, wirke sich das auch auf die Produktionsbedingungen aus, ist sie sicher.

Corinna Baumgarten vom Umweltbundesamt sieht noch mehr Möglichkeiten für Verbraucher, den Aufwand an virtuellem Wasser zu reduzieren: „Besser, man greift zu regionalen Produkten und bevorzugt saisonale Lebensmittel.“ Erdbeeren aus Spanien, rät sie, sollte man im Winter besser nicht in den Einkaufskorb legen.

22.03.2016, Marion Koch

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29.07.2016

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