Helmholtz Association

Interview mit Prof. Donna Dickenson

Donna Dickenson ist Professorin für medizinische Ethik an der University of London.

Welche Rolle wird die personalisierte Medizin zukünftig spielen?

Für die Zukunft der personalisierten Medizin wird Großes vorhergesagt, was die vorhandenen wissenschaftlichen Studien jedoch nur teilweise rechtfertigen. Außerdem ist nicht geklärt, ob die Versicherungssysteme und das öffentliche Gesundheitswesen in der Lage sein werden, die entstehenden hohen Kosten zu tragen. Im westlichen Kulturkreis haben die Werte Individualismus und Wahlfreiheit einen hohen Stellenwert, daher ist der Begriff "personalisiert" erst einmal positiv belegt. Doch Vorsicht! Möglicherweise will da jemand über diese Begriffswahl dafür sorgen, dass mehr Geld in individualisierte Therapien und andere Gesundheitsmaßnahmen fließt.

Was zunächst einmal nichts Schlechtes wäre. Schließlich haben mehr Vorsorgemaßnahmen und neue Therapien in den vergangenen Jahrzehnten die Lebenserwartung drastisch verringert.

Das stimmt. Zumal gerade jetzt viele Gesundheitssysteme von Sparmaßnahmen bedroht sind.

Warum ist personalisierte Medizin gerade in der Krebsforschung von großer Bedeutung?

Die große Hoffnung besteht darin, dass die unerwünschten Nebenwirkungen bei der so genannten One-Size-fits-All-Chemotherapie minimiert werden. Viele Patienten sterben durch sie, noch mehr leiden an schweren gesundheitlichen Folgen. Ziel ist auch, die Behandlung auf das Krebsgenom abzustimmen. Dieser doppelte Ansatz ist wichtig, weil Krebs so unterschiedliche Eigenschaften aufweist; selbst bei Patienten mit derselben Diagnose. Wahr ist aber auch: Einige der vielversprechendsten jüngeren Ergebnisse der Krebsforschung rühren gerade nicht von den komplexen und teuren, individuell zugeschnittenen Arzneien her, sondern von den einfachen, kostengünstigen und relativ verlässlichen One-Size-fits-All-Medikamenten. Im Oktober 2011 fand eine Forschergruppe heraus, dass die tägliche Verabreichung von 600 mg Aspirin die Anzahl der Fälle von Darmkrebspatienten mit einer Erbkrankheit namens Lynch-Syndrom um 60 Prozent verringerte. Diese Erbkrankheit erhöht bei rund zwei bis sieben Prozent der Bevölkerung das Risiko für Darm- und Gebärmutterhalskrebs. Alle 861 an diesem Syndrom leidenden Studienteilnehmer erhielten dieselbe Dosis Aspirin. Und es funktionierte.

In welcher Form wird die personalisierte Medizin Wirtschaft und Politik beeinflussen oder sogar verändern?

Die Interessen der Industrie spielen eine bedeutende Rolle: Angesichts geringerer Gewinnspannen nach dem jeweiligen Ende des Patentschutzes für ihre wichtigsten Arzneimittel verfolgen die Konzerne nun ein neues, individualisiertes Geschäftsmodell. Der Staat soll dann das Wachstum des Privatsektors zu finanzieren und die Risiken zu übernehmen. Gleichzeitig soll er großzügig gentechnische Erfindungen patentierte, Regulierungsmaßnahmen abbauen - unter dem Druck einer optimistisch gefärbte Wissenschaft, die sich dann in gewinnbringende Dienstleistungen wie individualisierte Genetik umsetzen lässt.

Kritiker bemängeln, dass sich durch die personalisierte Medizin die sozioökonomischen Gräben vertiefen würden. Wird die personalisierte Medizin jedem zur Verfügung stehen?

Die Berichterstattung über den Nutzen der personalisierten Medizin konzentrierte sich bisher vor allem darauf, wer die neuen Pharmakogenetika überhaupt erhalten wird. Das Prinzip der individualsierten Medizin ist ja, dass mit einem neuen Medikament unter Umständen drei Viertel der Patienten nicht geholfen werden. Es wird also unweigerlich eine klinische Einteilung der Patienten stattfinden, auch wenn die "Profitierenden" nicht unbedingt die Wohlhabenden und die "nicht Profitierenden" nicht unbedingt die Armen sein werden. Dennoch wird es dazu kommen, dass das staatliche System einigen Patienten die Behandlung verwehrt, vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Sparzwänge. Natürlich sind dann jene im Vorteil, die es sich leisten können, sich privat zu versorgen, was eine Kettenreaktion von immer mehr gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ungleichheit auslösen wird. Eine Entwicklung, die schon länger läuft.

Inwiefern?

Im 20. Jahrhundert fielen Reiche und Arme gleichermaßen Seuchen wie Cholera, Pocken und Typhus zum Opfer. Die Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitswesens wie Impfprogramme, durch welche die Lebenserwartung aller Bürger erhöht wurde, dienten sowohl der sozialen Gerechtigkeit als auch dem Wohlergehen des Einzelnen. Als die Infektionskrankheiten als Haupttodesursache jedoch durch Krebs sowie Herz- und Gefäßerkrankungen abgelöst wurden, wurde die Medizin individueller. Pharmakogenetika sind ein weiterer Schritt auf diesem Weg der Individualisierung. Die Frage ist nur, ob dies ein Schritt zu weit ist.

12.06.2013